Als einer der literarisch renommiertesten und politisch exponiertesten Schriftsteller seiner Generation hatte Amos Oz in der israelischen Öffentlichkeit eine ständige Präsenz. Am 28. Dezember 2018 ist er nun im Alter von 79 Jahren in Jerusalem gestorben. Stefana Sabin erinnert an den Autor und Aktivisten.

Zum Tod von Amos Oz

Sich mit dem Unglück arrangieren

Amos Oz war israelischer Schriftsteller, seine Sprache Hebräisch: jene modernisierte heilige Sprache, die die konnotativen Spuren der Vergangenheit stets mitträgt und deren Ausformung zum literarischen Mittel die Ausformung der nationalen israelischen Identität entscheidend mitprägte. Denn tatsächlich galt Amos Oz als Vertreter der „dor ha’medina“, der „Generation des Staates”, jener Schriftstellergeneration, die die Entstehung des israelischen Staates als Jugendliche erlebt hatte und mit ihm erwachsen wurde – einer Schriftstellergeneration, die sich von dem zionistischen Realismus der Vorgänger inhaltlich und formell emanzipierte und mit einem sozial ebenso wie psychologisch geschärften Blick das Verhältnis des Individuums zu sich selbst und zur Welt zu beschreiben versuchte.

Zwar ist das Individuum in Oz’ Romanen immer durch die Besonderheit israelischer Geschichte gezeichnet, aber er ist zugleich ein moderner Jedermann, der seine Verortung in einer undurchschaubar gewordenen Welt sucht. Denn die geordnete Gesellschaft der Gründerväter, die das Kibbuz beispielhaft repräsentierten sollte, ist schon in den frühen Erzählungen von Amos Oz von innen durch individuelle Sehsüchte und von außen durch feindliche Nachbarn gefährdet. Und in seinem ersten großen Roman, „Ein anderer Ort“ (1966), ist das Kibbuz ein Mikrokosmos, der von emotionalen Verstrickungen ebenso bestimmt wird wie der Makrokosmos jenseits seiner geographischen Abgeschirmtheit. Die sozialpsychologische Genauigkeit, mit der Oz seine Figuren zeichnete, und die empathische Vorsicht, mit der er ihre Befindlichkeit beschrieb, charakterisierten seitdem ein erzählerisches Schaffen, das inzwischen aus zehn Romanen und mehreren Erzählsammlungen besteht.

Immer wieder ist der Kibbuz der fiktionale Ort, an dem Oz seine Figuren sich selbst und ihre soziale Rolle definieren lässt. Der Versuchung, in der Gemeinschaft aufzugehen und allgemeine ideologische Haltungen anzunehmen, stellt Oz den Versuch entgegen, die eigene Identität zu bewahren und private Sehnsüchte auszuleben – auch deshalb sind seine Figuren unangepasste, einsame, melancholische Antihelden, die nach Glück streben und sich schließlich, wie in Tschechows Stücken, mit dem Unglück arrangieren, wie Jonatan in „Der perfekte Frieden“ (1982), der aus dem Kibbuz flieht und dann doch abgeklärt zurückkommt, oder wie Joel in „Eine Frau erkennen“ (1989), der die Agentenkarriere zugunsten eines zurückgezogenen Lebens aufgibt, oder wie Fima in „Der dritte Zustand“ (1991), der seine Fantasien auf den Alltag projiziert.

Zum Alltag in der fiktionalen Welt von Oz gehören nicht nur sentimentale und erotische Bedrohungen, sondern auch die existentielle Bedrohung durch den politischen Feind: Der Krieg ist in den Romanen von Oz immer als Nebenschauplatz da, sei es, weil die Figuren den Krieg überlebt haben, sei es, weil der städtische Alltag durch ständige Angst vor Attentaten geprägt ist.

Tatsächlich beschreibt Oz immer auch eine prekäre Realität. Hinter jeder Handlung, ob Liebesgeschichte, Gesellschafts- oder Seelenroman, steckt eine ideologische Abrechnung mit den israelischen Gründervätern: Jenseits der „großen Angst vor dem Scheitern der zionistischen Idee,“ die der Literaturhistoriker Gershon Shaked in seinem Werk ausmachte, führt Oz eine unlebbare politische Realität vor und verankert das Innenleben seiner Figuren zwischen existentieller Gefahr und emotionaler Gefährdung. So gelingt es ihm, intime Facetten menschlichem Leiden und Leidenschaft wie in eine israelische Echobox einzufangen und dennoch seine Figuren als getriebene, instabile, heimatlose Gestalten darzustellen. Deshalb entsprechen Oz’ Figuren nicht den neuen Hebräer des zionistischen Realismus, sondern erinnern an die Luftmenschen jiddischer Literatur.

Überhaupt schrieb sich Oz vom Realismus frei. Er kombinierte alttestamentarische Motiven mit solchen der klassischen jiddischen Tradition, schöpfte aus dem Expressionismus eines Micha Berdyczewskis ebenso wie aus den psychologischen Charakterstudien von Samuel Josef Agnon, probierte postmoderne Erzählstrategien aus und wechselte die Register und die Gattungen – und fand stets, ob im Briefroman wie in „Black Box“ (1987), im psychologischen Roman wie in „Der dritte Zustand“, im Märchen wie in „Plötzlich tief im Wald“ (2005) oder in der Liebesgeschichte wie in „Allein das Meer“ (1999), den angemessenen narrativen Weg zwischen den formalen Anforderungen und den inhaltlichen Notwendigkeiten.

Dabei drehte Amos Oz immer an der Realitätsschraube, wenn er den Erzähler zur Figur machte, wenn er eine Figur die eigenen politischen Meinungen vortragen ließ oder wenn er die Verwechslung zwischen Leben und Literatur durch Anspielungen geradezu förderte. Aber er achtete immer darauf, dass zwischen der Fiktion, die er entwarf, und der Realität, aus der er schöpfte, ein labyrinthischer Weg führte. In „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2002) trieb Oz das Verhältnis zwischen der Realität der Fiktion und der Fiktion der Realität auf einen besonderen Höhepunkt, indem er die Lebensläufe seiner Eltern und Großeltern als ein breit angelegtes Panorama des jüdischen Lebens in Osteuropa, in Palästina und in Israel rekonstruierte; ein Selbstporträt des Schriftstellers als jungen Mannes zeichnete; Werk und Leben aufeinander bezog und das so entstandene narrative Konstrukt „Roman“ nannte.

Autobiographisch war dieser Roman insofern, als darin der Icherzähler das langsame Erwachen seines schriftstellerischen Bewusstseins zum impliziten Thema machte und sowohl sein sprachliches Reiben an die hebräischen Klassiker beschrieb als auch die heranreifende Erkenntnis, dass die Banalität des (Kibbuz)Alltags ein literarischer Vorwurf sein kann. Aber Oz verstand die Banalität zu transzendieren und in scheinbar einfachen Geschichten die Komplexität allgemeiner seelischer Erfahrung darzustellen – und erntete zugleich das Lob der Kritiker und die Gunst des Publikums.

In einem Land, dessen literarische Bedeutung ungleich größer als seine wirtschaftliche Kraft ist, wurde Amos Oz schon zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere zu einer öffentlichen Figur. Als Gründungsmitglied der israelischen Friedensbewegung bezog er Stellung gegen die Besatzungspolitik und gegen nationalistische Gruppen und trat für einen politischen Kompromiss mit den Palästinensern ein. Nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als politischer Aktivist ist Oz ein Anhänger Tschechows und zieht die Resignation und also das Weiterleben mit gebrochenem Herzen einer utopischen Zuversicht und also dem wahrscheinlichen Untergang vor. Über die Jahre hat er eine Formulierung gefunden, die er refrainartig wiederholt: die Lage im Nahen Osten sei ein „Zusammenprallen von Recht mit Recht“ und könne nur durch „einen unvollkommenen Kompromiss“ gelöst werden – einen Kompromiss, den keine der beiden Seiten als gerecht ansehen, der aber beiden Seiten die Koexistenz ermöglichen würde. In seinem politischen Engagement hat sich Amos Oz von denselben Grundsätzen leiten lassen wie in seinem schriftstellerischen Werk: Wahrnehmung und Empathie als Voraussetzung für Verständnis. Gegen (selbst)gerechte Konsequenz, die vernichtet, setzt Oz eine gelassene Inkonsequenz, die das Überleben sichert.

Diese Haltung wird je nach politischem Standpunkt geschätzt oder getadelt, aber als kritischer Intellektueller wird Oz respektiert. Auch in Israel, wo ihm die höchste Auszeichnung des Landes, der Israel-Preis, zuerkannt wurde, wurde Amos Oz als Dichter gefeiert, und die zahlreichen Preise, die er in Europa erhielt, waren ebenso die Anerkennung für ein vielschichtiges literarisches Schaffen als auch die Würdigung eines konsequenten liberalen Engagements. „Manchmal“, heißt es am Ende seines Romans „Verse auf Leben und Tod“ (2007), „lohnt es sich wirklich, das Licht anzumachen, um herauszufinden, was passiert.“

Am 28. Dezember 2018 ist Amos Oz in Jerusalem gestorben.

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erstellt am 28.12.2018

Amos Oz (Screenshot)
Amos Oz, 2015 in Berlin

Bücher von Amos Oz aus Deutsch erschienen:
Suhrkamp Verlag