Sein Leben lang hat er das musikalische Geschehen beobachtet, über Musik und Musiktheater nachgedacht, suchte sowohl die großen Festivals auf, deren Programme Auskunft über den Stand der Dinge gaben, aber auch die kleinen, in denen mit Engagement und Hingabe musiziert wurde. Er war der prägende Musikredakteur der Frankfurter Rundschau und schrieb bis zuletzt für Faust-Kultur. Bernd Leukert erinnert an Hans-Klaus Jungheinrich.

Zum Tod von Hans-Klaus Jungheinrich

Eleganz und Haltung

Eben noch hat er die Dezemberausgabe seiner Kolumne mit CD-Neuveröffentlichungen geschickt, diesmal mit Klaviermusik. Und jetzt kommt die Nachricht, er sei gestorben. Das ist nicht zu akzeptieren. Und dennoch müssen wir uns damit vertraut machen, dass Hans-Klaus Jungheinrich nicht mehr schreiben wird, weil er nicht mehr leben kann.

Die Sprachmacht, mit der er das Gehörte auf den Punkt brachte, seine Metaphernkunst, seine Wortschöpfungen und seine anspielungsreiche, nahezu klassische Diktion waren die Kennzeichen seiner Artikel. Das Vergnügen, seine Texte zu lesen, gründete zuerst auf seiner enormen Kompetenz. Er hatte Komposition und Dirigieren studiert; er kannte die künstlerische Arbeit, er wusste, worüber er schrieb. Sechzig Jahre lang hat er als Musikjournalist gearbeitet, davon 35 Jahre als Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau. Er hat sein Amt durchaus eigenwillig ausgeübt. Er schrieb im Morgengrauen und mochte keine Redaktionssitzungen. Von 2003 an war er als freier Autor und Publizist tätig. Er hat ein Dutzend Komponisten-Monographien verfasst – etwa über Henze, Rihm, Lachenmann, Saariaho, Kagel, Boulez, Benjamin oder Widmann – und Sachbücher, zum Beispiel über den Musikroman, über Opern und über „Unser Musikjahrhundert – von Richard Strauss zu Wolfgang Rihm”, veröffentlicht. Und er war Mitherausgeber der Zeitschrift ‚Musica’ und leitete elf Jahre lang die jährlichen Komponisten-Symposien der Alten Oper Frankfurt. Daneben versorgte er Fachzeitschriften wie die „Positionen“ oder die „MusikTexte“ mit Berichten und Reflexionen. – Er führte ein aktives Arbeitsleben bis zuletzt und nutzte die Autorität, die ihm mit seiner Arbeit zugewachsen war, um die übernommenen Aufgaben sehr eigensinnig zu interpretieren. Zuweilen rutschten die musikalischen Ereignisse bei repräsentativen Festivals in seinen Berichten auffällig an den Rand, verdrängt von der Schönheit der Landschaft und ihren gastronomischen Genüssen. Er hatte einen starken Hang zum Unorthodoxen, hinter dem eine Haltung hervorschien. Das machte ihn sehr attraktiv für Faust-Kultur, und Faust-Kultur für ihn. Er war ein brillanter Autor, sprachbewusst wie kaum jemand, der gerne auch mal regelwidrig formulierte, wenn es dem präzisen Ausdruck diente. Die Eleganz und Noblesse seiner Beiträge empfanden wir als Auszeichnung.

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erstellt am 18.12.2018

Hans-Klaus Jungheinrich
Hans-Klaus Jungheinrich (1938-2018)