Der Schriftsteller Franz Grillparzer hatte das Pech, die Klassik zu pflegen, als sie aus der Mode gekommen war. Die Regisseurin Mateja Koležnik hat nun am Schauspiel Stuttgart Grillparzers Trägodie „Medea“ inszeniert. Thomas Rothschild hat gutes Theater gesehen.

Theater

Die Bestechlichkeit der Kinder

Demnächst wird sich der unisono am meisten überbewertete Regisseur unserer Tage, Simon Stone, über die „Medea“ des Euripides hermachen. Pierre Corneille, Franz Grillparzer, Hans Henny Jahnn, Jean Anouilh, Christa Wolf, auch mehrere Opernlibrettisten haben aus dem Stoff eigene Werke geschaffen. Sie hatten den Vorzug, dass sie das intellektuelle und literarische Vermögen besaßen, ihm eine eigenständige Interpretation zu verleihen, die weit mehr zu leisten vermochte als eine platte Aktualisierung. Sie hätten auch zu unterscheiden gewusst zwischen den Gesetzen des Schreibens und Arnulf Rainers Technik der Übermalung. Dass sich Regisseure überschätzen, gehört zu den menschlichen Verirrungen. Dass ihnen eine maßstablose Kritik ihre prätentiösen Selbsterklärungen nachplappert, statt den Kaiser nackt zu nennen, ist allerdings ärgerlich. Es erinnert an die Anekdote, in der jemand äußert: „Der Mann da drüben ist der bedeutendste General Griechenlands. Ich weiß es ganz sicher. Er hat es mir selbst gesagt.“

So überbewertet Simon Stone ist, so unterbewertet ist, jedenfalls außerhalb Österreichs, Franz Grillparzer. Er hatte das Pech, zu spät geboren zu sein und die von Goethe und Schiller geprägte Klassik zu pflegen, als diese aus der Mode gekommen war. Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik, fast so ubiquitär wie Simon Stone, aber nicht so schamlos angepriesen, hat nun in Stuttgart Grillparzers „Medea“ inszeniert. Sie dauert bei ihr fünf Viertelstunden. Bei Grillparzer, der die Tragödie als Abschluss der Trilogie „Das goldene Vlies“ konzipiert hat, ist sie rund drei Mal so lang.

Medea ist neben Antigone und Elektra die faszinierendste Frauenfigur der antiken griechischen Mythologie. Während Antigone jedoch gemeinhin als frühes Beispiel einer universalen Humanität interpretiert wird, die der brutalen Staatsvernunft Kreons gegenübergestellt scheint, verbindet Medea mit Elektra, dass sie eine Mörderin ist, jedenfalls in den bekannten überlieferten Versionen des mit ihr verbundenen Mythos. Ihre Tat erscheint noch abscheulicher, weil sie ihre Kinder tötet, wo Elektra, entlastet durch das nachvollziehbare Motiv der Blutrache für die Ermordung des Vaters, „nur“ ihre Mutter, eine erwachsene Person und selbst eine Mörderin, tötet.

Der Kindsmord bildet in den meisten Bearbeitungen des Medea-Stoffes den Höhepunkt, dem sich die anderen Motive unterordnen. Je nachdem, wie diese anderen Motive gewichtet und interpretiert werden, erhält der Kindsmord eine spezifische Bedeutung.

Treppenhaus auf der Bühne: „Medea“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Thomas Aurin

Es ist mittlerweile bekannt, dass Medea in frühen Fassungen des Stoffes keine Mörderin war. Man kann nun der Geschichte des Mythos und seinen Veränderungen nachspüren, um herauszufinden, wie und möglicherweise warum Medea mit einem, noch dazu so entsetzlichen, Mord versehen wurde. Solche Nachforschungen mögen einem historischen Interesse entspringen, haben aber gemeinhin einen aktuellen ideologischen Hintergrund. Man möchte die prominente Frauenfigur moralisch entlasten. Dabei nutzt man die Norm, die Mord grundsätzlich als verwerflich verurteilt. Eine Alternative wäre immerhin, den Mord, wenn nicht gerechtfertigt, so doch zumindest verständlich erscheinen zu lassen.

Die Entscheidung für die Freisprechung Medeas von Mord läuft nämlich Gefahr, auf Kosten der literarischen Qualität des Stoffes zu gehen. Es ist gerade die Ungeheuerlichkeit der Tat, die Umsetzung der vorausgegangenen Kränkung und des daraus entstandenen Furors in Aktion, was den Medea-Stoff – wiederum dem Elektra-Stoff vergleichbar – trotz seiner vergleichsweise einfachen Struktur bis heute erregend wirken lässt, ganz im Sinne der an die Tragödie gerichteten aristotelischen Forderung von Schrecken und Rührung. Die Tat überschreitet in ihrer Monstrosität moralische Kategorien. Das unterscheidet Literatur von der Wirklichkeit.

Wollen wir wirklich einen „Kaufmann von Venedig“ sehen, in dem Shylock statt eines Pfundes Fleisch aus der Brust seines ihn demütigenden Feindes allenfalls eine größere Summe Geldes verlangt? Das mag dann Shakespeares Stück endgültig vom Verdacht der Judenfeindschaft befreien, aber es wird kaum noch einen Zuschauer ins Theater locken. Ist Othello durch die überraschende Wendung zu retten, dass nicht er in seiner ihm durch Intrige produzierten Eifersucht Desdemona erdrosselt, sondern vielleicht ein von Jago gedungener Mörder? Interessieren uns Shylock, Othello, Medea nicht gerade deshalb, weil wir das Menschliche ahnen, das hinter ihren schrecklichen Taten verborgen ist, weil sie allesamt selbst auch Opfer sind und deshalb gerade keine Bösewichter, wie wir sie etwa aus Märchen kennen, aus schematischen Abenteuerromanen oder vielleicht noch aus einigen Königsdramen Shakespeares?

Wenn Christa Wolf sich dennoch entschieden hat, Medea um den Kindsmord zu betrügen, so verlangt sie, dass wir bei der Lektüre ihres Textes „Medea. Stimmen“ die Stoffgeschichte mitdenken. Medeas Tat ist nicht aus dem Mythos verschwunden, sondern nur aus dessen Korrektur, die Christa Wolf uns vor-denkt. In elf Monologen entwirft sie multiperspektivisch die Tragödie der zunächst aus ihrer Heimat verführten und dann schmählich verlassenen Königstochter. Medea ist nur Opfer, Opfer Jasons zunächst und dann Opfer der Verleumdungen, die über sie verbreitet werden: noch der Kindsmord ist eine Unterstellung seitens der Korinther. Aber weil Christa Wolf eben nicht einfach aus der Überlieferung aussteigen kann, muss ihre Medea, die sie uns doch verständlich machen will, am Ende fast mehr über die Tatsache klagen, dass auch die Späteren sie Kindsmörderin nennen sollen, als über den Tod der Kinder.

Geschickte Lichtführung: „Medea“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Thomas Aurin

„Gut“ und „schlecht“, „positiv“ und „negativ“ seien für sie keine literarischen Kategorien, sagt Christa Wolf in einem Gespräch mit Petra Kammann. Es gehe um eine Frau, „die in einen schnellen Prozess der Veränderung bisher gültiger Werte hineingerissen wird“. Gerade dies aber ist der Schlüssel zum Kindsmord. Medea dürfe bei ihr keine Kindsmörderin sein, führt Christa Wolf aus, denn „nie hätte eine noch von matriarchalen Werten beeinflusste Frau ihre Kinder umgebracht“. Sie muss – und das könnte der Sinn der Änderung sein, die Euripides dem Stoff so nachhaltig aufgeprägt hat – ihre Werte verleugnen, um nach der immanenten Logik der patriarchalischen Werte in der korinthischen Gesellschaft Jason mit der Ermordung seiner Erben zu bestrafen. Das macht den Kindsmord doppelt tragisch. Er geschieht nach den Normen der feindseligen fremden Umgebung.

Aber er geschieht ja bei Christa Wolf eben nicht. Sie hat sich dagegen entschieden, diese Chance zu nutzen. Stattdessen erzählt sie die Geschichte einer Frau, die sich den nunmehr gültigen Werten, bewusst oder aus mangelnder Anpassungsfähigkeit, also doch als „Gute“ oder als „Dumme“, verweigert. Damit nimmt sie der Tragödie Medeas die Fallhöhe. Den Mord an ihren Kindern erledigen andere. Wie sie später erfährt.

Bei Grillparzer, dem Meister dramaturgischer Konstruktionen, bleibt die Erfindung des Euripides noch erhalten. Medea tötet ihre Kinder, und Mateja Koležnik hat daran nichts geändert. Höhepunkt der Tragödie aber ist bei ihr nicht der hinter der Bühne stattfindende Kindsmord, sondern jene Szene, in der Jason der verstoßenen Medea erlaubt, eines ihrer Kinder mitzunehmen. „Wer nun von beiden mich am meisten liebt,/ Der komm zu mir, denn beide dürft ihr nicht./ Der andre muss zurück beim Vater bleiben/ Und bei des falschen Mannes falscher Tochter! –/ Hört ihr? – Was zögert ihr?“ Medea muss zusehen, wie beide Söhne nicht ihr, sondern Kreusa folgen. So sehr wurden sie, geschniegelt und umworben, der eigenen Mutter, der Immigrantin entfremdet, dass sie sich vom Glanz des Königshauses, in das der Vater einzuheiraten im Begriff ist, bestechen lassen. Was könnte aktueller sein als eben dies? Eine gefühlte Ewigkeit sitzt Medea da, unbeweglich, unfähig, einen Ton von sich zu geben.

Raimund Orfeo Voigt hat ein Treppenhaus mit gekachelten Wänden wie in einem Schwimmbad auf die verkleinerte Bühne gebaut, das einen Lichtschacht aus Drahtglas mit flatternden Scheiben umschließt. Die Schauspieler werden in der geschickten Lichtführung von Felix Dreyer vorwiegend von unten beleuchtet. Der Rahmen jenseits der Treppe ist in völlige Finsternis getaucht. Die ganz im Sinne Grillparzers realistische Konzeption wird durchbrochen, wenn Medeas Vater und Bruder aus der Vorgeschichte und schließlich ihre ermordeten Kinder nackt und verschwommen, als Gespenster, innerhalb des Lichtschachts, eines mal helleren, dann wieder dunkleren Erinnerungsraums, empor und herab steigen.

Sylvana Krappatsch spielt die aparte, aber keineswegs exotische Medea, Katharina Hauter die wenig verführerische, etwas bedröppelte Kindfrau Kreusa im taillierten Kleid. Zwischen ihnen haben Benjamin Pauquet als Jason, Klaus Rodewald als Kreon, Marietta Meguid als Gora, Medeas Amme, und Jannik Mühlenweg als Herold ihre Auftritte. Das Bühnenbild begünstigt überraschende Auftritte, Arrangements des Belauschens und des Verschwindens. Mateja Koležnik lässt größtenteils mit erhöhtem Tempo sprechen. Stephan von Sala aus Arthur Schnitzlers Drama „Der einsame Weg“ wäre wohl nicht ganz zufrieden. Der mahnte die Schauspielerin Irene Herms, sehr zu ihrem Verdruss: „Mein Fräulein, es sind Verse – Verse, mein Fräulein …“

Vor 21 Jahren, in der Intendanz Friedrich Schirmer, hat Hans-Ulrich Becker mit der fabelhaften Irene Kugler die euripideische „Medea“ inszeniert. Jetzt setzt der neue Intendant Burkhard C. Kosminski den Stoff auf den Spielplan. Keine Übermalung, keine Bearbeitung „nach“ XY. Man sieht: gutes Theater, gescheite Regie, wahre Schauspielkunst veralten nicht so schnell wie die Denkfähigkeit von Kritikern, die jeder Mode nachjapsen.

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erstellt am 17.12.2018

„Medea“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Thomas Aurin

Theater

Medea

Von Franz Grillparzer (1791-1872)

Inszenierung: Mateja Koležnik
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Alan Hranitelj

Musik: Nikolaj Efendi, Choreographie: Matija Ferlin, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Carolin Losch

Besetzung: Sylvana Krappatsch (Medea), Benjamin Pauquet (Jason), Klaus Rodewald (Kreon, König von Korinth), Katharina Hauter (Kreusa, seine Tochter) et al.

Schauspiel Stuttgart