Seit 2002 untersuchen Leipziger Wissenschaftler die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen und die Zufriedenheit mit demokratischen Institutionen in Deutschland. Nun ist die neunte Studie erschienen. Anhand ihrer Ergebnisse denkt Peter Kern über autoritäre Tendenzen in der Mitte der Gesellschaft nach.

Autoritarismus-Studie

Deutscher Eintopf

„Im Fortgang unserer Geschichte erscheint hinter dem Juden der Fremde, changiert der Antisemitismus zur Xenophobie.“ Helmut Dahmer

Der bürgerlich-demokratische Staat ist in seiner Stabilität gefährdet. Wer dies für den periodisch auftretenden linken Alarmismus hält, sollte die hier anzuzeigende empirische Untersuchung aufmerksam lesen. Sie wird seit 2002 zum neunten Mal vorgelegt. Ihr aktueller Titel: „Flucht ins Autoritäre“. Es flieht die sogenannte Mitte, nicht bloß der untere gesellschaftliche Rand. 40 Prozent der Deutschen äußern Sehnsucht nach einer starken politischen Führung. Nur 30 Prozent können ethnische Differenz aushalten, ohne wie die Mehrheitsgesellschaft darauf mit Punkteabzug bei den bürgerlichen und sozialen Rechten reagieren zu wollen. Der Rest weiß nicht recht, ob ihm das demokratische Procedere oder die autoritäre Ausgrenzung besser gefällt; er hält sich beide Optionen warm. Welche Entwicklung wird sich durchsetzen? Bei der samstäglichen Sportschau kann man dem eigenen Verein nur die Daumen drücken; diese Erhebung ist eine starke Aufforderung, nicht als Couch-Potato zu reagieren.

Die von der Böll- und der Brenner-Stiftung finanzierte Untersuchung ist repräsentativ und methodologisch mit allen Wassern empirischer Sozialforschung gewaschen. Das macht es den Kritikern der Studie so schwer, deren Schockergebnisse vom Tisch zu wischen. 55 Prozent fühlen sich „wegen der Muslime“ fremd im eigenen Land. Wieder Mut zu einem „starken Nationalgefühl“ haben 36 Prozent der Befragten gefasst. 30 Prozent neigen Verschwörungstheorien zu. Ausländer „nutzen den Sozialstaat aus“, glauben 35 Prozent. Ein geschlossen xenophobes Weltbild haben im Westen 20 und in Ostdeutschland 30 Prozent.

Was die Reaktion auf die Untersuchung so gereizt macht: Es ist die von allen Parteien umworbene gesellschaftliche Mitte, die sich als autoritär kontaminiert erweist, nicht bloß der ‚Arbeiterpöbel‘. Wo doch die Mitte per definitionem als gemäßigt zu gelten hat. Die üblichen bürgerlichen Reflexe stützt die Untersuchung nicht. Die Wohlsituierten, die Beamten, kleinen Selbstständigen, die keineswegs von Arbeitslosigkeit bedrohten Facharbeiter und Angestellten notieren hoch auf der Skala der für rechte Welterklärung Anfälligen.

Die Macher der Studie würden in ihrer Interpretation der Zahlen übertreiben, so das Argument ihrer Kritiker. Wer auf die Frage „Glauben Sie, dass Juden zu viel Einfluss haben?“ nicht eindeutig antworte, den dürfe man nicht umstandslos den manifesten Antisemiten zurechnen. Darf man nicht? Offener Antisemitismus (nur vier Prozent bekennen sich zu ihm) ist tabuisiert. Wer sich konventionell äußern will und schon mit dem Tabubruch liebäugelt, für den ist ‚teils/teils‘ die passende Antwort. Gegenwärtiger Antisemitismus kleidet sich gerne in Chiffren. („Die Holocaust-Industrie nützt findigen Anwälten“). Diese mit klugen Fragen zu dechiffrieren sehen die Leipziger Sozialforscher als ihre Aufgabe an. Antisemitische Stereotypen, so ihr Befund, finden über die Zeitreihe der letzten 16 Jahre nie unter 30 Prozent Zustimmung. Wenig überraschend: 42 Prozent der AfD-Anhänger sind Antisemiten.

Guter alter autoritärer Charakter

Die Kategorie des autoritären Charakters, mit der die Autoren der Leipziger Studie arbeiten, sei, so eine weitere Kritik, völlig veraltet. Und sind die ‚Studien zum autoritären Charakter‘, 1949 in New York erstmals erschienen, nicht wirklich out of time? Hat nicht ein Verfasser dieser Studien schon in den 1960er Jahren leicht ironisierend vom „guten alten autoritären Charakter“ gesprochen (Adorno )? Die Kritiker machen es sich allzu leicht. Ihr Verständnis sozialwissenschaftlichen Fortschritts hat sein Vorbild im industriellen Produktionszyklus. Das Beste ist demnach das Neuste; es weist die meisten Gadgets auf. Der pompöse Populismusbegriff hat gegenwärtig die meisten zu bieten. Modernisierungsskeptiker, Rechtspopulisten, Sozialpopulisten – die sozialwissenschaftliche Begriffsbildung läuft auf Hochtouren, aber sie überzeugt nicht wirklich.

Die antiquiert erscheinende Autoritarismus-Diagnose hat dagegen Erkenntnisgewinn zu bieten. Sie zieht sich den Zorn ihres psychoanalytischen Vokabulars wegen zu. Auch dieses gilt doch als völlig veraltet. Das Stärkste an der Studie und ihrer Fragetechnik ist aber, dass sie auf analytische Sozialpsychologie nicht verzichtet. Wie will man sonst rechter Gesinnung empirisch auf die Schliche kommen? „Ohne Sozialpsychologie geht es nicht“, schreiben die Autoren. Und so fragen sie beispielsweise nach Erziehungsmustern. Eine strenge, auf Leistungsnachweis pochende Erziehung korreliert mit autoritärer Unterwerfungsbereitschaft; das war zu Zeiten von Heinrich Manns „Der Untertan“ so, das ist heute nicht anders.

Wer wollte aber leugnen, dass der klassische ödipale Konflikt: Identifikation mit dem mächtigen Vater, Bejahung der eigenen Unterwerfung, Verdrängung der Wut auf den Vater, Ausagieren der Wut gegen Schwächere, dass dieses Syndrom weitgehend der Vergangenheit angehört. Das Verschwinden der väterlichen Autorität, die die Unterwerfung nicht mehr ökonomisch prämieren kann, hat keinen Autonomiegewinn des Einzelnen zur Folge. An die Stelle der alten tritt früh die neue Autorität, die peer group beispielsweise. Und deren Zwänge sind nicht weniger unerbittlich als die der einmal verinnerlichten Autoritäten.

Liest man solche Sätze im Einleitungsessay der Studie, liest man auch eine Verlustanzeige. Das Verschwinden väterlicher Autorität hat außengeleitete Sozialcharaktere zur Folge, die in der Familie die Kraft nicht mehr entwickeln können, sich gegen gesellschaftliche Instanzen abzugrenzen. „Die ständigen medialen Aufmerksamkeitsimperative lassen die Fähigkeit zur Abgrenzung schwinden“, so die Autoren. Wer mit Heranwachsenden lebt, weiß, welch ein Windmühlengefecht heutzutage Erziehung ist. Die primäre Sozialisation in der Familie hat in der Regel einen auf Konsumlust gepolten Charakter zur Folge, die sekundäre Sozialisation im Beruf verlangt aber weiterhin Leistung, Triebverzicht, Selbstdisziplin. Darin liegt ein Konflikt, an dem nicht wenige scheitern. Die neue Rechte kennt das Rezept, um das Scheitern zu vermeiden. Der Staat muss nur richtig funktionieren. Alle mit dem „Wir Deutsche“ nicht Identischen, der Islam vor allem, sollen raus. Die aktuelle Mitte-Studie bilanziert nüchtern, wie erfolgreich die vor Jahren gestartete Kampagne die deutsche Mentalität modelliert.

Ein unglückliches Land

Tief liegende Charakterstrukturen haben ein zähes Beharrungsvermögen; die Leipziger Studie klärt darüber wieder auf. Beim Lesen fühlt man sich ständig an Norbert Elias und seine „Studien über die Deutschen“ erinnert. Das historisch Nahe und das Fernere schlagen sich beide nieder, die verbindenden Generationsketten richten die Orientierungen der Jungen und Alten gleich aus, so Elias. Seine zivilisationstheoretische Analyse: Moderne Industriegesellschaften verlangen dem Einzelnen ein hohes Maß an Triebversagung ab und entschädigen ihn mit dem narzisstischen Gewinn des Nationalstolzes, der quasi die Prämie für die Selbstkontrolle darstellt. In der Bundesrepublik, so Elias, fällt diese Prämie aus den bekannten historischen Gründen weg. „Deutschland“, schreibt Elias, „ist in dieser Hinsicht ein unglückliches Land“. Die Neue Rechte will dem unglücklichen Bewusstsein hierzulande mit dem kernigen Stoff ‚Wir Deutsche‘ abhelfen und sie ist, wie sich den Zahlen entnehmen lässt, ziemlich erfolgreich damit. CDU und SPD mit ihrem harmlosen Heimat-Angebot kommen dagegen nicht an.

Das labile Nationalgefühl, das nach den Wellen des deutschen Nationalismus und dessen Niederlagen zurückgeblieben ist, ist mit dem Zusammenbruch der sehr preußischen DDR nicht stabiler geworden. Mit der Aufnahme von etwa 800 Tausend Geflüchteten während der sogenannten Flüchtlingskrise nahm diese Labilität noch mal zu. So labil wie der deutsche Nationalstolz, schreibt Elias, ist die innere Instanz, die die Menschen vom Gebrauch physischer Gewalt im Konfliktfall abhält. Auch zur Bereitschaft das staatliche Gewaltmonopol zu brechen, kann man in der Erhebung erschreckende Zahlen lesen. 14 Prozent der Befragten sind gewaltbereit, fast 22 Prozent finden Gewalttätigkeit anderer akzeptabel. AfD und Pegida haben das zivilisatorische Tabu gelockert, zunächst verbal und symbolisch. Die Anderen werden rhetorisch zusammengehauen, die Kanzlerin wird symbolisch aufgehängt.

Noch einmal im Anschluss an die Leipziger Studie, ein Zitat von Norbert Elias: Er schreibt, „dass ein parlamentarisches Regime, um funktionsfähig zu sein, ganz spezifische Persönlichkeitsstrukturen voraussetzt, die sich nur langsam, im Zusammenhang mit der parlamentarischen Praxis selbst, herausbilden.“ In Ostdeutschland fehlen 40 Jahren Erfahrung mit dieser Praxis; in den Zahlen schlägt sich dies nieder. Nicht einmal die Hälfte der Ostdeutschen steht hinter der real existierenden bundesdeutschen Demokratie. Die Feindseligkeit gegen Muslime, Sinti, Roma und Asylbewerber ist in den neuen Bundesländern durchgehend höher als in den alten.

Norbert Elias veranschlagt vier, fünf Generationen und „möglichst krisenarme Umstände“, damit das Mehrparteiensystem akzeptiert wird, denn „als die erheblich komplexere und schwierigere Regierungsform“ ist es auf „eine entsprechend komplexere und differenziertere Persönlichkeitsstruktur“ angewiesen. Und ihn beunruhigt „die Neigung, bei jeder ernsteren Krise wieder in eine autokratische Phase zurückzufallen“. Eine ernsthafte ökonomische Krise ist seit zehn Jahren ausgeblieben. Ob dieses goldene Jahrzehnt weitergeht, ist für die aus der Studie zu ziehenden Schlüsse von großer Bedeutung. Die Sozialwissenschaftler sehen die Mehrheit der Deutschen mit ihrer erfolgreichen Ökonomie identifiziert. Das wirft die Frage auf, was passiert, wenn der Exportweltmeister (wie der alte Fußballweltmeister) krisenbedingt in die B-Gruppe absteigen sollte. Werden die Hassverkäufer und die Ausländer raus-Hetzer dann noch mehr Resonanz finden?

Von großem Interesse die soziodemografischen Daten und die vorgenommene Typenbildung. Bildung, Abitur bauen Rechtsextremismus vor. Wer jung ist, erscheint weniger anfällig. Arbeitslose und Rentner verhalten sich dagegen klischeegerecht. Ob einer evangelisch oder katholisch glaubt, macht keinen Unterschied; ein Viertel der Gläubigen bringt seine rechte Gesinnung und sein Seelenheil locker in Übereinstimmung. Ein Viertel des CDU- und SPD-Stammpublikums geht der eigenen Partei rechtsideologisch fremd. Wer seine berufliche Lage als gut einschätzt, nimmt besonders gern die radikale Haltung ein.

Hedonistisch und antipluralistisch zugleich

Wo sind die Haupttruppen der Autoritären zu finden? Bei Typen vom Schlag des paranoiden Konformisten oder des verschlossenen Konventionellen. Mittleres Alter, klassisches proletarisches Milieu, häufige Wahlabstinenz und Erfahrung mit Jobverlust charakterisieren sie. Eine Untergruppe dieser Autoritären ist besonders besorgniserregend. Die Studie nennt sie die neu-rechte Funktionselite. Auch hier viele Selbstständige, höhere Angestellte und Beamte. Hedonistisch und antipluralistisch zugleich, wollen sie ihr Leben aufregend führen. Es sind die Weidels, Berufsangabe Unternehmensberater, mit eingetragener Lebenspartnerschaft. Sie verbreiten in den Social Media ihre Propaganda, pflegen dabei einen eher aufgeklärten Stil: Xenophobie aus Vernunft. Jede Ethnie soll unter sich und in ihrem Staatsverband bleiben.

Diese Funktionselite bringt 13 Prozent auf die Waage, das Häufchen der Identitären wird darunter sein. Sie wollen den deutschen Sozialstaat exklusiv für die Biodeutschen haben. Die Waage der parlamentarischen Demokratie soll sich in Richtung einer autoritären Staatlichkeit neigen, das ist ihr Ziel. Gelingt es dieser rechten Elite, die Gruppe der Ambivalenten, die sich aus kleinen Angestellten, Arbeitern und früh entwurzelten Jungen zusammensetzt, auf ihre Seite zu ziehen, kommt sie ihrem Ziel nahe.

Wo ist die Resilienz gegen die Rechte zu verorten? Die Studie macht zwei demokratische Typen aus: die Konservativen und die Performer genannten. In beiden Gruppen sind leitende, qualifizierte Angestellte, Beamte, Selbstständige überrepräsentiert. Was die Gesellschaft angeblich in Atmen hält, die Leier von Globalisierung, Digitalisierung, demografischer Wende, macht ihnen keine schlaflosen Nächte. Sie gehören der Bildungsoberschicht an, sind vermutlich (danach fragt die Studie nicht) verlässlich pro-europäisch eingestellt. Nationalismus, ethnische Abschottung, Antisemitismus, rassistische Hetzkampagnen erscheinen ihnen als Atavismus. Was die neue Rechte mit ihrem ewig identischen Trick der Lonely Crowd anbietet, eine Hatz und zugleich ein wärmendes Kollektiv – bei diesen beiden gesellschaftlichen Gruppen stößt sie auf keine Nachfrage.

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erstellt am 17.12.2018

Das Buch zur Leipziger Autoritarismus-Studie:

Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.)
Flucht ins Autoritäre
Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft
ISBN-13: 978-3-8379-2820-4
Broschur, 328 Seiten
Psychosozial-Verlag, Gießen 2018

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