Oft sprach er so, wie er schrieb – Wilhelm Genazino verlieh seinen Einsichten und Entdeckungen Dringlichkeit und Gewicht. Schalkhaft und melancholisch zeichnete er die vergebliche Existenz. Dass dieser besondere Genazino-Ton in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen das Publikum auch ratlos ließ, ist nachvollziehbar. Volker Breidecker erinnert sich.

Wilhelm Genazinos Frankfurter Poetikvorlesungen

Unplugged

Der Titel von Wilhelm Genazinos schönstem Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“ (2001) war unbedingt wörtlich zu nehmen: An diesem Vormittag bedurfte es heroischer Anstrengungen, um in einen entlegenen Winkel des ehemaligen IG-Farben-Geländes zu gelangen, über das sich der geisteswissenschaftliche Campus der Frankfurter Universität erstreckt. Von den rund siebenhundert Zuhörern, die seit Jahresbeginn von Woche zu Woche den Vorlesungen des Büchnerpreisträgers und Poetikgastdozenten folgten, fand sich am Ende lediglich ein harter Kern von fünf Studenten und zwei, drei literarisch-wissenschaftlichen Freigängern zu einem Kolloquium mit dem Autor ein. Dieser hatte sein Lehramt mit einer im berühmten „Adorno-Hörsaal“ VI schon lange nicht mehr vernommenen Ernsthaftigkeit ausgeübt.

Genazino war gewappnet, nicht nur mit Regenschirm und Mütze, sondern auch mit einer guten Portion Humor und der Bereitschaft, sich notfalls auch dem Schweigen auszusetzen – wie noch am Abend zuvor, als es bis zum ehrfürchtigen Schlussapplaus die ganze Vorlesung über mucksmäuschenstill im Saale war. „Nichts rührt sich, nur dieser fatale Applaus“, klagte vor beinahe einem halben Jahrhundert Ingeborg Bachmann, die den traditionsreichen Frankfurter Poetiklehrstuhl erstmals inne hatte und die zwiespältigen Wirkungen des seine Kunst öffentlich explizierenden Dichters thematisierte: „Bloß um den Kunstgenuss einiger schwieriger Gebilde zu ermöglichen, um Kunstgenuss zu erwecken – dieses Vorbeugungsmittel gegen die Kunst, um sie unschädlich zu machen –, kann dieses Amts nicht sein.“

Bei Genazinos Kolloquium, das im kleinsten Kreis zum unerwartet lebendigen Gespräch gedieh, rührte sich dann aber doch etwas, das den programmatischen Titel der Vorlesungen „Die Belebung der toten Winkel“ am Ende einlöste – im allseitigen Eingeständnis der Schwierigkeiten, darüber auch zu reden. Genazinos Vorlesungen, die es schon jetzt verdienen, legendär genannt zu werden – sie sind nachlesbar (Hanser Verlag, München 2006) –, hatten unter den Zuhörern eine gewisse Ratlosigkeit ausgelöst. Das hatte, wie sich im Gespräch herausstellte, nichts mit Verständnisschwierigkeiten, sondern mit der ganz eigensinnigen Anlage, der individuellen Handschrift und der durchgängigen Melodie der Vorlesungen zu tun: Auf kunstvolle Weise, mit stets gleichmäßiger, beinahe gleichmütiger Stimme vorgetragen und mit nahtlosen, manchmal kaum vernehmbaren Übergängen versehen, hatte Genazino die Alltagswahrnehmungen eines notorischen Spaziergängers und bekennenden Peripatetikers, der stets der Schatten und Doppelgänger des Autors und Erzählers bleibt – eines Erforschers unbelebter Dinge und unscheinbarer Objekte –, sowohl mit persönlichen, manchmal entlegenen Erinnerungen als auch mit den „Gedächtnissen“ der merkwürdigen Erzählerfiguren und Protagonisten seiner Romane verwoben. Doch damit nicht genug, stöpselte Genazino seinen individuellen Klangkörper an die poetischen Verstärker der literarischen Moderne, vor allem der Bauarten von Proust, Joyce und Virginia Woolf.

Was davon in den Köpfen der Zuhörer anderntags zurückblieb, waren keine starren Thesen und keine apodiktischen Aussagen, sondern diffuse Bilder – gleichsam fotografische Aufnahmen, wie eine aufmerksame Teilnehmerin bemerkte. Wie in einem Bildersaal schritt man sie im Gespräch jetzt noch einmal gemeinsam ab, während der Kontext ihrer Bedeutungen sich bereits zerstreut und verflüchtigt hatte, oder wie es Genazino selbst in der Vorlesung angemerkt hatte: „Wenn man noch mehr verstehen will, tritt man wieder neu ins Nichtverstehen ein“ – oder in den nächsten Roman. Danach gefragt, ob es ihm bei der Lektüre seiner eigenen Sätze nicht manchmal ähnlich wie dem irritierten Publikum ginge, zog Genazino einen Satz aus dem Roman über den Regenschirm hervor: „Alles, was andauert, muß seltsam werden.“ Dieser Satz erschiene ihm zwar als gelungen, aber so recht leben könne und wolle er damit eigentlich nicht, als würde da noch eine Wunde klaffen und Schmerz nachwachsen – als Brutstätte der Literatur

Vielleicht verhält es sich mit den Glutkernen aller Poetik und den Taschenlampen und „Batterien des Poetischen“, über die Genazino in den Vorlesungen sprach, nicht viel anders: „Scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht“ müsse die Dichtung sein, wenn sie aufrütteln wolle, sagte Ingeborg Bachmann in der ersten Frankfurter Poetikvorlesung des Jahres 1959. Und so wie Genazinos Vorlesungen in den Köpfen der Zuhörer anderntags andauerten und fortgeschrieben wurden, hatte sich offenbar etwas entzündet, von dem niemand so genau sagen konnte, was da eigentlich brannte, loderte oder auch nur glimmte. Also hatte man eine ästhetische Erfahrung gemacht, einer Poetikvorlesung nicht nur passiv beigewohnt, sondern war aktiver Teilnehmer einer Übung in angewandter Poetik gewesen. Genazino zufolge werde poetische Anschauung ohnehin nur durch „ungeplantes Verweilen“ ermöglicht, und „es sind immer verstreute einzelne, die plötzlich anfangen, tote Winkel zu beleben.“ Der Beweis war erbracht.

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erstellt am 17.12.2018

Wilhelm Genazino, Foto: Robert Schuler

Wilhelm Genazino, Foto: Robert Schuler
Das Foto entstand für „Lesen aus dem Koffer“, ein Projekt von Maria Gazzetti / Literaturhaus Frankfurt und dem Fotografen Robert Schuler.

Wilhelm Genazino
Die Belebung der toten Winkel
Frankfurter Poetikvorlesungen
Paperback, 110 Seiten
ISBN 978-3-446-25923-2
Hanser Verlag, München 2006

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