70 Jahre nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN-Generalversammlung ist die staatliche Anwendung der Todesstrafe weiterhin globale Realität. In den USA finden wieder Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl statt. Helmut Ortner blickt auf die Entstehung und Entwicklung dieser Tötungsart.

Todesstrafe in den USA

Tod durch Strom

Erst war er 36 Jahren im Todestrakt inhaftiert, dann hat die Justiz im US-Bundesstaat Tennessee einen verurteilten Mörder mit dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Das Todesurteil gegen den 61-jährigen David Earl Miller wurde am 6. Dezember in einem Hochsicherheitsgefängnis in Nashville vollstreckt. Miller wurde wegen der Ermordung einer geistig behinderten Frau im Jahr 1981 zum Tode verurteilt. Er soll die 23-Jährige bei einem Date mit Messerstichen getötet haben.

Es war die zweite Hinrichtung eines Häftlings auf dem elektrischen Stuhl in Tennessee innerhalb weniger Wochen. Schon Anfang November wurde der wegen Doppelmordes verurteilte Edmund Zagorski auf diese Weise hingerichtet. Er war schuldig gesprochen worden, 1983 zwei Männer ermordet zu haben. Er hatte sie mit dem Versprechen in ein Waldgebiet gelockt, ihnen Marihuana zu verkaufen – und dann umgebracht. Eigentlich hätte er bereits im Oktober mit einer Giftspritze exekutiert werden sollen. Doch dann war der Termin kurzfristig ausgesetzt worden, nachdem Zagorski gefordert hatte, stattdessen mit elektrischen Strom getötet zu werden. Seine Anwälte argumentierten, bei der Giftspritze würden ihm bis zu 18 Minuten Leid drohen – beim einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl lediglich 15 bis 30 Sekunden. Die für Hinrichtungen in den USA genutzten Giftcocktails stehen in der Kritik, weil das enthaltene Betäubungsmittel Midazolam bei zahlreichen anderen Hinrichtungen versagt hatte und auftretende Schmerzen bei den sterbenden Todeskandidaten nicht lindern konnte. Minutenlange Todeskrämpfe waren bei einigen Delinquenten die Folge.

In Tennessee hatte man sich deshalb entschlossen, dass der elektrische Stuhl als Hinrichtungsmethode 2014 wiedereingeführt worden war. Häftlinge, die vor 1999 zum Tode verurteilt wurden, haben seither das Recht, zwischen dem elektrischen Stuhl und einer Giftspritze zu wählen.

Die Hinrichtungsart galt eigentlich als „Auslaufmodell“, nicht mehr zeitgemäß, ja als „inhuman“. Doch nun, angesichts der Liefer-Engpässe der notwendigen Medikamenten für den todbringenden Gift-Mix, hatte man sich für die Reaktivierung des Elektrischen Stuhls in einigen US-Bundesstaaten entschieden. Seit dem Jahr 2000 nur bei 14 von rund 900 Hinrichtungen der elektrische Stuhl verwendet worden. Eine Hinrichtungsart, die von ihren Erfindern und Pionieren einst als die „menschenfreundlichste Form“ der Hinrichtung bezeichnet wurde.

»Sterbehilfe durch Elektrizität« – Eine Chronologie

Alles begann mit einem tragischen Ereignis: Als der Zahnarzt Alfred Southwick aus Buffalo zufällig Zeuge eines Unfalls wurde, bei dem ein betrunkener alter Mann einen Stromgenerator berührte und dabei sofort starb, erzählte er einem Freund davon, der in New York als Richter tätig war. Der wiederum berichtete dem dortigen Gouverneur David B. Hillvon von dem Stromunfall mit dem Hinweis, auf diese Weise könnte doch das Erhängen als grausame Hinrichtungsmethode ersetzt werden. Der Gouverneur schien nicht abgeneigt, schließlich hatte er bereits ähnliche Überlegungen angestellt. 1886 berief er eine Kommission ein, deren Aufgabe es war, zu untersuchen, ob sich die neue Technologie tatsächlich für Hinrichtungen eignen könnte. Nach über zweijährigen Beratungen und zahllosen Konsultationen mit Experten verschiedener Disziplinen legte das Gremium einen umfassenden Bericht vor. Sein Fazit: Die Hinrichtungen per Elektrizität seien durchaus zu empfehlen, da dies „die humanste und praktischste Methode ist, die Todesstrafe zu vollstrecken“.

Und tatsächlich: im Vergleich dazu erschienen alle bisherigen Tötungsarten grausam und barbarisch, weil sie meist langsam und qualvoll töteten und den Körper des Delinquenten verstümmelten. Dagegen verwies der Kommissionsbericht auf den schnellen und schmerzlosen Tod und sah in der „elektrischen Hinrichtung“ ein deutliches Zeichen moderner Zivilisation. Die New York Times schwärmte gar von einer humanen „Sterbehilfe durch Elektrizität – sicher, sanft und schmerzlos“.

Die neuartige Hinrichtungsmethode schien die Verantwortlichen zu überzeugen. Im Jahre 1888 beschloss die gesetzgebende Versammlung des Staates New York mit 87 zu acht Stimmen, die elektrische Hinrichtung einzuführen. Zuvor hatte man im Labor des Erfinders Thomas A. Edison zahlreiche Versuche mit Gleich- und Wechselstrom an Hunden sowie einem Pferd durchgeführt und aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse praktische Empfehlungen gegeben:

„Der Verurteilte soll in horizontale oder in sitzende Stellung gebracht werden und in der Einwirkung eines Wechselstroms von 1500 Volt Spannung mit einer Frequenz von 15 bis 30 ausgesetzt werden, indem ihm zwei metallene Elektroden am Kopf und am Kreuzbein angelegt werden, die mit in Salzlösung getauchten Schwämmen versehen sind. Die für den Kopf bestimmte Elektrode hat die Form eines Helmes, die andere die Gestalt eines Pfropfens.“

Am 1. Januar 1889 trat das Gesetz in Kraft. Der Gesetzgeber des Staates New York sah sich als Wegbereiter einer neuen Zivilisation, die einerseits dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt Rechnung trug, andererseits neue Standards für ein humanes Strafrecht definierte. Ein Artikel der North American Review klärte ihre Leser schon vorab über die neue „menschenfreundliche Form“ des Hinrichtens auf und schilderte in eindringlichen Bildern das Todesszenario:

„Mess-Scheiben elektronischer Instrumente zeigen an, dass sich der gesamte Apparat in vollkommener Ordnung befindet. Der stellvertretene Sheriff drückt den Knopf, Atmung und Herztätigkeit hören sofort auf und mit Lichtgeschwindigkeit zerstört die Elektrizität das Leben, bevor der Nervenreiz das Gehirn erreichen kann. Die Muskulatur versteift sich, um sich nach fünf Sekunden langsam wieder zu entspannen, aber es gibt weder Kampf noch Geräusche. Die Hoheit des Gesetzes ist gewahrt worden, aber kein körperlicher Schmerz wurde verursacht – so ist eine elektronische Hinrichtung.“

Der erste elektrische Stuhl, auf dem 1890 William Kemmler starb, Foto: Wikimedia Commons
Der erste elektrische Stuhl, auf dem 1890 William Kemmler starb, Foto: Wikimedia Commons

Bevor ein knappes Jahr später mit dem 28-jährigen William Kemmler der erste Todeskandidat bereitstand, kam es noch einmal zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Experten Thomas A. Edison und George Westinghouse. Sie stritten darüber, welche Stromart sicherer in der Anwendung sei: Gleich- oder Wechselstrom, was sogar einen gerichtlich geführten Streit nach sich zog. Der elektrische Stuhl war für Wechselstrom entworfen worden, und so schlug Edison den Begriff „electrocution“ vor. Westinghouse wehrte sich dagegen. Der Staat New York ließ die ersten elektrischen Stühle für seine drei Gefängnisse Auburn, Sing Sing und Clinton von dem Techniker Harold Brown bauen, der Wechselstrom bevorzugte. Als er versuchte, die Generatoren bei einer von Westinghouses Firmen zu kaufen, verweigerte dieser die Lieferung. George Westinghouse fürchtete um seinen Ruf. Letztlich aber ging es allein um wirtschaftliche Interessen, denn Strom galt als Markt der Zukunft. Es lohnte sich, zu investieren in die neuen strombetriebenen Errungenschaften wie Beleuchtungen, Nähmaschinen und Eisenbahnen. Eine elektrische Hinrichtungsmaschine stand symbolisch für den neuen Aufbruch, da konnte Westinghouse keine Negativ-Schlagzeilen gebrauchen, zumal die Presse fast täglich über die bevorstehende Hinrichtung Kemmlers berichtete und den Todeskandidaten euphorisch zum „Pionier der Wissenschaft“ erkor.

Am 6. August 1890 war es endlich so weit: Neben dem Gefängnispersonal, den Staatsanwälten sowie 25 Zeugen und zwei Pressevertretern versammelte sich eine Vielzahl medizinischer und technischer Experten im Gefängnis von Auburn, um die Hinrichtung von William Kemmler zu verfolgen – zum Tode verurteilt, weil er im Rausch seine Lebensgefährtin erschlagen hatte.

Die Exekution fand in einem eigens dazu hergerichteten Saal statt, an dessen Wänden Bänke für die Zeugen und das Personal angebracht waren. Der aus Eichenholz gebaute Stuhl stand in der Mitte des fensterlosen Raums und hatte eine leicht erhöhte, nach hinten geneigte Lehne. Er war am Boden befestigt und gut isoliert. Wie von den Experten der gerichtlich-medizinischen Gesellschaft vorgeschlagen, war eine Elektrode am Kopf und die andere am Kreuzbein angelegt worden. Beide Metallelektroden waren mit nassen Schwämmen versehen.
Den offiziellen Bericht über den Ablauf der Hinrichtung an den New Yorker Gouverneur und die zuständigen Justizbehörden erstattete der Gefängnisarzt Carlos F. Mac Donald. Auszüge:

„… Die Vernichtung der Bewegung und anscheinend des Lebens währte eine halbe Minute. Dann folgte eine Reihe krampfhafter Brustbewegungen, was mit dem Auswurf von etwas Schleim aus dem Mund begleitet war. Allein angesichts der Möglichkeit einer unvollkommenen Lebensvernichtung und eines Wiederwachens befahl man, den Strom noch einmal durchzuleiten, was beiläufig zwei Minuten nach der Unterbrechung des ersten Stroms geschah. Die Muskelstarre trat wie das erste Mal ein.
Der zweite Stromschluss wurde aus Versehen auf 70 Sekunden verlängert, bis sich eine Rauchsäule an der Applikationsstelle der Rückgrat-Elektrode zeigte, welche von der Verbrennung des Schwammes und der darunter liegenden Haut herrührte.“

Mac Donald zog am Ende seines Berichts ein positives Fazit:

„Der Zweck und Geist des Gesetzes, welcher darin bestand, dem Verurteilten einen sofortigen und schmerzlosen Tod zu geben, war vollkommen erreicht.“

Dem widersprachen Kritiker heftig. Ein als offizieller Zeuge beiwohnender Reporter der New York Times bezeichnete die neue Hinrichtungsmethode als grausame und qualvolle Art, jemanden zu töten. Andere Zeugen monierten, es seien trotz Berechnungen zwei Stromstöße notwendig gewesen, um den Tod herbeizuführen. Auch habe der Todesvorgang allzu lange gedauert, beinahe acht Minuten. Die Hinrichtung trug ihrer Meinung nach mehr den Charakter eines Experiments als den einer sicheren Vollstreckung. Die Presse kommentierte, William Kemmler sei buchstäblich zu Tode geröstet worden. Was als Demonstration des technologischen und humanen Fortschritts, als „Eintritt in ein höheres Stadium der Zivilisation“ gedacht war, schien desaströs geendet zu haben.

Neben all den technischen Mängeln und der möglichen Störanfälligkeit des elektrischen Stuhls wurde vor allem auf die fehlerhafte Dosierung hingewiesen, die der Verschiedenartigkeit der menschlichen Konstitution nicht gerecht würde. Mediziner verwiesen darauf, dass Menschen unterschiedlich auf die Wirkung des Stroms reagierten, bisweilen ganz erstaunliche Spannungen ertrügen. Dass sie nicht ganz unrecht hatten, sollte sich in den folgenden Jahren bei zahlreichen Exekutionen zeigen.

So sollten einige Fälle bekannt werden, bei denen die Exekution mitnichten reibungslos und ordnungsgemäß vonstatten gegangen war. Experten gaben zu Bedenken, dass dabei keineswegs nur die körperliche Konstitution des Verurteilten eine Rolle gespielt haben könnte, sondern auch Faktoren wie Raumtemperatur und Feuchtigkeit. So könne starkes Transpirieren des Todeskandidaten, das in dieser extremen Situation fast immer eintritt, dazu führen, dass der Strom nicht den Körper durchdringt, sondern auf dessen Oberfläche entlangläuft.

Bei einem gewissen Henry White, der in Ohio hingerichtet werden sollte, schlug das Herz nach dem ersten Stromstoß noch regelmäßig. Als man daraufhin die Stromspannung verdreifachte, schlugen helle Flammen aus dem zuckenden Körper des Verurteilten und der Gestank von verbranntem Fleisch erfüllte den Hinrichtungsraum. Der Tod war am Ende nicht durch Stromschlag, sondern durch Verbrennung eingetreten. Aufgrund solcher Pannen hatten der New Yorker Gesetzgeber deshalb verfügt, dass jede Hinrichtung durch eine Autopsie abzuschließen sei, um „jede Möglichkeit auszuschließen, dass der Verurteilte ins Leben zurückkehrt“.

Bei aller Empörung über die unübersehbaren technischen Mängel gab es auch Stimmen wie die von Dr. Louis Bach, Leiter der New Yorker Gesundheitsbehörde, der allen, die es hören wollten, versicherte: „Vom ersten Stromschlag an ist der Delinquent praktisch tot. Er hat keinen Schmerz und ist nie mehr bei Bewusstsein.“

Eine Hinrichtung: störungsfrei, effizient und »zivilisiert«

Diese Einschätzung teilten viele Experten. Sie argumentierten unter anderem, dass bei der Hinrichtung durch Strom eine Temperatur erreicht werde, die selbst Kupfer zum Schmelzen bringe und im Gehirn zumindest den Siedepunkt erreiche. Da der Strom eine Geschwindigkeit erziele, die 70-mal schneller ist, als das Gehirn Empfindungen registrieren kann, sei die Schmerzlosigkeit dieser Hinrichtungsart sicher. Ihrer Meinung nach ging es allenfalls darum, die technischen Defizite zu beheben. Gerade einmal ein Jahr später konnte im Staatsgefängnis Sing Sing gleich an vier Männern gezeigt werden, wie verlässlich das elektrische Hinrichten funktionierte. Der Moment des staatlich angeordneten Tötens war nun gewissermaßen in der praktischen Anwendung rehabilitiert und damit als zukunftsweisend legitimiert worden.
Der elektrische Stuhl verkörperte fortan einen Teil des rechtlichen und „humanen“ Selbstverständnisses der Amerikaner, auch wenn nicht allerorten die gleichen Methoden beim Exekutieren zur Anwendung kamen. So gab es erhebliche Unterschiede bei der Auswahl und Dosierung der verwendeten Stromstöße, auch die Anwendung der Elektroden wurden unterschiedlich gehandhabt – dennoch: In der Folgezeit wurde die Exekution durch Strom zum bevorzugten Hinrichtungsinstrument. Nach New York führten die Bundesstaaten Ohio (1897) und Massachusetts (1907) die Hinrichtung durch Elektrizität ein, es folgten New Jersey (1907) sowie Virginia (1908).

Eine Hinrichtung: störungsfrei, effizient und „zivilisiert“ – nicht nur die zuständigen Justizbehörden waren begeistert. Beginnend mit den 1920er Jahren setzte sich die Edinsonʼsche „electrocution“ im ganzen Land durch. Am Ende stand in 26 Bundesstaaten ein elektrischer Stuhl. Nur Texas übernahm die elektrische Hinrichtung anstelle des Galgens erst ab 1924, also vergleichsweise spät. Hier, im Süden des Landes, wo es in der in der Vergangenheit immer wieder – vorwiegend an afroamerikanischen Männer – zur Lynchjustiz kam, wollte man nun ebenfalls ein Signal im Sinne einer „zivilisierten“ Strafjustiz setzen. Dazu gehörte, dass man die öffentlich inszenierten Exekutionen aus den Gemeinden und Städten heraus in das zentrale Staatsgefängnis nach Huntsville verlegte, wo erstmals auch gesonderte Todestrakte entstanden, in denen die Todeskandidaten unter besonderen Bedingungen inhaftiert waren und auf ihre Hinrichtung warteten.

Ein Grund für ein neues zentrales Hinrichtungssystem war freilich auch die Tatsache, dass die für eine elektrische Hinrichtung erforderliche Ausstattung nicht allerorten vorhanden war. Ein Galgen war rasch aufgeschlagen, ein elektrischer Stuhl aber benötigte zahllose technische Instrumentarien, die nicht nur erheblichen Platz brauchten, sondern auch von einer Vielzahl besonders geschultem Personal bedient werden mussten.

Nicht nur in den Anfangsjahren, auch später gab es immer wieder dramatische Vorfälle und nicht einkalkulierte Verläufe. So saß am 22. April 1983 – bald einhundert Jahre nachdem William Kemmler erstmals elektronisch exekutiert worden war, in Alabama John Evans in der Gewissheit auf dem elektrischen Stuhl, dass sein Leben gleich ein Ende haben würde. Doch die Prozedur sollte 14 lange Minuten dauern.

Auch wenn es bei den elektrischen Hinrichtungen immer wieder zu Zwischenfällen kam, so galt die Tötungsmethode von New York bis Texas doch als die „humanste und schmerzloseste“ und erfüllte insgesamt verlässlich den Anspruch des Gesetzes, „einen Menschen mit Anstand zu töten“. Beispielsweise war Old Sparky, der „alte Funkensprüher“, wie der elektrische Stuhl im Staatsgefängnis von Florida unter den Todeskandidaten genannt wurde, bis Anfang 1993 im Einsatz. 224 Menschen fanden darauf den Tod.

In den US-Bundesstaaten Alabama, Florida, Georgia, South Carolina und Virginia gibt es noch heute das elektrische Töten. In Arkansas, Kentucky und Tennessee werden die Todeskandidaten mittlerweile nur noch mit der Giftspritze exekutiert, allerdings können die Verurteilten, sofern das entsprechende Verbrechen noch vor dem Abschaffungsdatum stattfand, auf eigenen Wunsch auch auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden. David Earl Miller und Edmund Zagorski sind auf diese Weise in Nashville getötet worden. Die Mehrzahl der Bürger von Tennessee waren damit wohl einverstanden. Auge und Auge, Zahn um Zahn – die alte Racheformel, ihr wird noch immer zugestimmt.

Die USA sind laut Amnesty International derzeit das einzige Land auf dem amerikanischen Doppelkontinent, das Hinrichtungen durchführt. 2017 waren es 23 Exekutionen, die sich auf acht Bundesstaaten verteilten. Die meisten Todesurteile vollstreckten Texas (7) und Arkansas (4). Die Gesamtzahl seit der Wiederzulassung der Zulassung der Todesstrafe im Jahr 1976: bis Ende 2017 wurden 1465 (darunter 16 Frauen) hingerichtet. Und in den US-Todesstrakten warten weitere zum Tode Verurteilte auf ihre Exekution. Die meisten Häftlinge von ihnen in den Todeszellen von Kalifornien, Florida, Texas, Alabama. Zum 1. Juli 2017 (die letzten veröffentlichten Zahlen): 2817 Häftlinge.

Immerhin: mehrere Bundesstaaten haben in den letzten Jahren die Todesstrafe aus ihren Strafgesetzen gestrichen oder ihren Vollzug ausgesetzt: New Jersey (2007), New Mexiko (2009), Illinois (2011), Connecticut (2012) und Pennsylvania (2015). Das Parlament des Bundesstaats Nebraska schaffte im Mai des gleichen Jahres ebenfalls die Todesstrafe per Gesetz ab, aber eine im November von Befürwortern der Todesstrafe erzwungene Volksabstimmung brachte diesen Beschluss wieder zu Fall Tatsache ist: auch im Jahr 2018 wurden in den USA die Todesstrafe vollzogen: bis zum 8. starben 24 Menschen, allein in Texas waren es 12 Exekutionen. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Wenn dennoch ein wachsender Teil der Amerikaner über Sinn und Legitimation der Todesstrafe nachdenkt, mag das mit der Tatsache zu tun haben, dass sie sich als Mittel der Prävention nirgendwo nachhaltig bewährt hat; ebenso mit der Einsicht, dass das gesamte Hinrichtungssystem zukünftig kaum mehr finanzierbar ist.

Die USA auf dem Weg von einer Kultur der Vergeltung hin zu einer humanen Zivilgesellschaft? Das könnte neue Impulse im globalen Kampf für die Abschaffung der Todesstrafe setzen – aber es ist noch ein weiter Weg.

„Das entscheidende Argument für die Ablehnung der Todesstrafe muss sein, dass es den Staat und damit uns alle, seine Bürger, herabsetzt und entwürdigt, wenn er seine Macht dazu gebraucht, das Leben eines Menschen zu beenden“ schreibt Richard J. Evans.

Nicht nur Amerikaner sollten dem zustimmen.

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erstellt am 11.12.2018

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Helmut Ortner
Wenn der Staat tötet
Eine Geschichte der Todesstrafe
Mit einem Nachwort von Bundesrichter a.D. Thomas Fischer
Gebunden, 236 Seiten, 17 Abb.
ISBN: 9783806235975
Theiss, Darmstadt 2017

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