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Die Oper Frankfurt zeigt „I puritani“, die im englischen Bürgerkrieg zwischen Puritanern und Katholiken spielende, letzte Oper von Vincenzo Bellini. Während Sänger, Orchester und Chor vom Premierenpublikum mit viel Applaus bedacht wurden, erntete das Regie-Team laute Buhrufe – zu Recht, wie Stefana Sabin meint.

Oper

Im Dunkel

Um es gleich klarzustellen: der Bellini-Cocktail aus trockenem Prosecco und püriertem weißen Pfirsich – ein signature drink der ehrwürdigen Harry’s Bar in Venedig – wurde nach dem venezianischen Maler Giovanni Bellini (1430-1516) benannt und nicht nach dem sizilianischen Komponisten Vincenzo Bellini (1801-1835). Tatsächlich passt der spritzig leichte Cocktail kaum zu der dunklen Stimmung jener Opern, die den Ruhm des Komponisten Bellini ausmachen: Von seiner ersten opera semiseria (1825) über mehrere melodrammi und tragedie liriche (1826-1833) bis zu seinem letzten melodramma serio (1835) sind Libretti und Musik melancholisch. Bellinis langjähriger Librettist Felice Romani pflegte eine hochkultivierte, an Pietro Metastasio geschulte Sprache, um die leidenschaftlich gesteigerten Empfindungen der Figuren wiederzugeben – Bellini entwarf dazu eine fast syllabische Melodik, lange lyrische Kantilenen und eine eher reduzierte Orchestrierung, die die Dominanz des Gesangs deutlich machen. Bellinis Opern gelten als Höhepunkt der als Belcanto bezeichneten italienischen Gesangstradition.

Nachdem er große Erfolge auf den renommiertesten italienischen Bühnen gefeiert hatte, bekam Bellini einen Auftrag vom Théâtre-Italien in Paris. Dort wurde seine Oper I puritani, für die Carlo Pepoli das Libretto geliefert hatte, am 24. Januar 1835 uraufgeführt. Es war ein Triumph! Bellini wurde in die Ehrenlegion aufgenommen, wurde von der Königin Maria Amalia empfangen, und als er im Herbst desselben Jahres starb, wurde er mit einer Zeremonie wie bei Staatsbegräbnissen geehrt.

Iurii Samoilov (Sir Riccardo Forth) und Brenda Rae (Elvira): „I puritani“, Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Jetzt wurde diese Oper, Bellinis letzte, in Frankfurt inszeniert. Dem Libretto gemäß spielt die Handlung Mitte des 17. Jahrhunderts im englischen Bürgerkrieg zwischen den Puritanern um Oliver Cromwell und den Katholiken um den Stuart-König, Ort der Handlung – so die Bühnenanweisung – ist eine Festung der Puritaner. Es ist eine Liebesgeschichte: Elvira, die Tochter des Festungsgouverneurs, soll den Königstreuen Arturo heiraten, aber als die Königin zum Tode verurteilt wird, fühlt sich Arturo verpflichtet, sie zu retten, und flieht mit ihr aus der Festung unter Mithilfe von Riccardo, der seinerseits in Elvira verliebt ist und hofft, so den Nebenbuhler auszuschalten. Aus Unglück verliert Elvira den Verstand, doch als Arturo wieder auftaucht und ihr seine Liebe und Treue versichert, bessert sich ihr Zustand. Nach einigem Hin und Her kommt schließlich die Nachricht von Cromwells Sieg und einer allgemeinen Amnestie, so dass Arturos Todesurteil aufgehoben wird und er und Elvira heiraten können.

Ungeachtet des bei Opern seltenen Happy Ends bleibt die Frankfurter Opernbühne vom ersten bis zum letzten Bild finster und bedrückend. Auch die Kostüme sind dunkel gehalten, nur Elvira trägt ein weißes Kleid. Sie liegt auf einem Flügel, der mitten auf der sonst leeren Bühne steht, manchmal hockt sie sich darunter. Die Festung wird durch eine Ruine suggeriert, halb abgebrannte Oper und halb verfallener Palazzo. Der Festungsgouverneur ist nach dem 19., die Puritaner eher nach dem 17. Jahrhundert gekleidet. Warum der Deckel des Flügels hochgezogen wird und über dem Geschehen wie eine Art Damokles-Deckel hängt, bleibt merkwürdig – ebenso wie der Riesenschmetterling, der einmal als Videoprojektion über die Bühne flattert. Merkwürdig erscheint auch, dass Elvira – anders als im Libretto! – ihren wiedergefundenen Geliebten nach der großen Liebesszene erschießt, was der Handlung konträr wirkt. Merkwürdig auch, dass sich dann alles als Spiel im Spiel entpuppt und die Figuren sich vor einem fiktiven Publikum verbeugen, während sie dem realen Publikum ihre Rücken zeigen. Dieses Publikum jedenfalls bezeugte sein Unverständnis mit lauten Buhrufen für die Regie-Mannschaft.

Finsteres und bedrückendes Bühnenbild: „I puritani“, Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Dagegen wurden die Sänger und das Orchester – ganz zurecht – regelrecht gefeiert. Brenda Rae als Elvira, John Osborn als Arturo und Iurii Samoilov als Riccardo verleihen der Aufführung musikalische Größe. Rae gab eine Elvira, die alle Facetten der Belcanto-Partie beherrschte und schauspielerisch in ihrer anfänglichen Liebesfreude ebenso glaubhaft wirkte wie in ihrem Liebeswahn. Osborn bewältigte bravourös die tenoralen Spitzentöne – das dreigestrichene F in der Schlussarie! – und Samoilov seinerseits sang und spielte den Riccardo mit kraftvoll trauriger Leidenschaft. So war diese Frankfurter Premiere ein Höhepunkt des Belcanto und ein Tiefpunkt des sogenannten Regietheaters.

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erstellt am 05.12.2018

„I puritani“, Oper Frankfurt, Szenenfoto: Barbara Aumüller

Opera seria in drei Teilen

I puritani (Die Puritaner)

Von Vincenzo Bellini
Text von Carlo Pepoli
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Tito Ceccherini
Inszenierung: Vincent Boussard
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Christian Lacroix

Besetzung: Elvira: Brenda Rae, Lord Arturo Talbo: John Osborn, Sir Riccardo Forth: Iurii Samoilov, Lord Gualtiero Valton: Thomas Faulkner et al.

Oper Frankfurt