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Wenn es eine Goldene Himbeere für schlechten Meinungsjournalismus gäbe, ginge sie in diesem Jahr an Ulf Poschardt, Autor des Artikels „Gebt uns mehr Verbote!“. Um der Aufmerksamkeit willen nimmt er den Vergleich von Verkehrs- und sozialer Umverteilungspolitik in Kauf. Alexandru Bulucz unterzieht Poschardts Text einer kritischen Analyse.

Meinungsjournalismus

»Umverteilen und Ausbremsen«

Lesedauer: je nachdem

Ein Anfang 2018 erschienener Artikel des Über Sportwagen (2002) schreibenden Autors und 2016 zum Chefredakteur der Welt avancierten Journalisten Ulf Poschardt trägt den Titel „Gebt uns mehr Verbote!“, dieser Titel, dessen Uneigentlichkeit, – und konkreter – dessen Ironie schon Beweis genug wäre für Poschardts Kompetenz, Aufmerksamkeitsökonomien leichtfüßig zu lenken. Dass Poschardt im Artikel in puncto Aufmerksamkeitsökonomie schließlich noch eine Schippe drauflegt, überrascht nicht. Was allerdings überrascht, ist die Art und Weise, in der er das tut.

Aber zunächst fallen in der Onlineversion einige über dem Titel befindlichen „Verkehrsschilder“ in der Kommunikation zwischen Marketing-Team eines Zeitungsverlags und Lesern auf: „Kommentar“ beschreibt die journalistische Darstellungsform, „Tempolimit“ in nuce den Inhalt des Meinungsartikels. Unter dem Titel folgen Veröffentlichungsdatum und Lesedauer, die in diesem Fall „2 Minuten“ betragen soll.

Weil es sich bei der für das digitale Zeitalter inzwischen fast typische Angabe der Lesedauer um eine mehr oder weniger systematisch und nicht nur sporadisch und vereinzelt eingesetzte Funktion handelt – um einen allmählich konstant werdenden Parameter im Bewerten von digitaler Leser- und Benutzerfreundlichkeit –, amalgamieren sich bei unserem Meinungsartikel Inhaltsangabe („Tempolimit“) und Lesedauer („2 Minuten“) unabsichtlich zu einer ja fast performativen Seltsamkeit: Der Befürworter des Gasgebendürfenmüssens Poschardt gibt derart Gas, um seine Meinung darzulegen, dass Leser durchschnittlich nur zwei Minuten benötigen, um sie vollends zu erfassen, es sei denn, die Lesegeschwindigkeit einiger dieser Leser liegt über oder unter dem Durchschnitt.

Es ist diese fast performative Seltsamkeit, die die Frage nach dem Wesen des Meinungsartikels legitimiert, nach den Grenzen spitzer Thesenhaftigkeit, wo die Rolle des Arguments auf ein Minimum reduziert ist. An ihnen wird der Einsatz aufmerksamkeitsökonomischer Strategien sichtbar, die, sind sie erfolgreich, in die Argumente und Gegenargumente nachtragende Debatte führen können, aber auch in die Aneignung scheinbarer, weil nur in Thesen aufstellbarer und gerechtfertigter Zusammenhänge, deren Existenz nur die Andichtung erzwungener bzw. politisch motivierter Argumente sichert. Das ist die Gefahr solcher in Meinungsartikeln verpflanzter Strategien, nämlich die (an sich nachträgliche) Verwirklichung ursprünglich nicht gegebener Zusammenhänge, also die unerzwungene Schaffung neuer langfristiger Realübel zugunsten einer größeren Teilhabe an der stark umkämpften, aber schnelllebigen journalistischen Aufmerksamkeitsökonomie.

Ist es fair, Poschardts Artikel an diesen Überlegungen zu messen? Der vermutlich nicht von ihm stammende Vortext verletzt noch keinen Standard, möchte man meinen, auch wenn darin schroff behauptet wird, die sinkende Zahl der Verkehrstoten spräche nicht gerade für eine „Entschleunigung“, d.h., für schärfere Tempolimits. Schroff deshalb, weil selbstredend jeder einer zu viel ist. Doch schon im ersten Satz des Artikels kündigt sich in einer Art Stichelei dessen Pointe an: An die Stelle des „Freiheitsdrang[s]“ träte ein für ein „überreguliertes Land“ wie Deutschland typischer Verbotsdrang, der auch Autobahnen, „Freiheitspfade“ ins Visier nehme. Darauf folgt der Absatz, den der Vortext zusammenfasst, mit der Erweiterung, die „Tempolimit-Freunde“ seien nicht selten dieselben, „die Steuererhöhungen für Bestverdiener wollen, obwohl der Staat in Geld schwimmt“. Der Artikel ist schon fast bei seiner Pointe, macht aber zunächst doch noch einen kleinen psychologisch-spekulativen Schlenker zum Gefühlshaushalt von „Tempolimit-Rufern“: Ihnen gehe es „oft weniger um sachdienliche Lösungen als um eine Aggression“ gegenüber der „zügigere[n] Fortbewegung“ und der „beschleunigte[n] Existenzform“ und um „Zorn“ darauf. Dann die durchaus reizvolle Pointe: „Umverteilen und Ausbremsen meint dasselbe“.

Für meine Begriffe ist der Schaden schon angerichtet. Es folgen schließlich drei weitere kurze Absätze, in denen erstens der eingeführte soziale, aber doppeldeutig gehaltene und deshalb Langsamkeit/Armut bodenlos relativierende Klassismus, der zudem den Unterschied zwischen Adressant und Adressat der Politik verwischt, verschärft wird – „Den Langsamen fehlt ja auch nichts: Sie müssten weder bremsen noch mehr Steuern zahlen. Sie plädieren dafür, weil es sie nicht betrifft. Sie erleben Ödnis als Entspannung.“ –; in denen zweitens das Argument der Mündigkeit angeführt wird, um es sogleich erneut mit der psychologischen Spekulation zu umgarnen, auf der Straße begegneten sich „soziale und mentale Unterschiede“, und in denen an „bürgerliche Tugenden wie Rücksicht und Stilempfinden“ appelliert wird, wo sie doch von besagter Pointe in der Aufstellung des scheinbaren Zusammenhangs von Verkehrspolitik und sozialer Umverteilungspolitik soeben auf pietätsloseste Weise missachtet wurden, so, als wüsste Poschardt nicht, dass ein Minister in der Regel nicht zwei oder mehr Ministerien gleichzeitig leiten darf; in denen drittens der in den letzten paar Jahren Hochkonjunktur habende Topos des Onbothsides vom scheinbar Neutralität wahrenden Poschardt dazugestellt wird – „Dieser Appell geht in beide Richtungen: Schwache und Langsame verdienen Solidarität, aber auch diejenigen, die es zügiger wollen und die so gerne von ehrenamtlichen Verkehrserziehern zwangsentschleunigt werden.“ –, um wiederholt an Common Sense zu appellieren.

Ein flüchtiger Blick in die über 400 Kommentare zeigt schließlich das unerzwungen verwirklichte, gegen Standardverletzungen und für Aufmerksamkeit eingetauschte Übel: Neidvorwürfe, also weiterer sozialer Klassismus und Ausschluss, Verdammung politischer Parteien mit umweltpolitischen Profilen und Weiteres mehr.

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erstellt am 04.12.2018