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Am 24. November 2018 war der 10. Todestag von Renate Chotjewitz-Häfner. An diesem Tag wurde in der Denkbar Frankfurt der Förderpreis verliehen, der ihren Namen trägt. Diesjährige Preisträgerin ist die 1962 in Pottum im Westerwald geborene Schriftstellerin Annegret Held. Faust-Kultur dokumentiert Martin Lüdkes Laudatio.

Eine Lobrede auf Annegret Held

»Dieses Land aus Wind, Nebel und Schnee«

„Apollonia, Charlotte, Bettchen, Fine, Anna, Margarete, ihre Namen sind aufgeschrieben im Kirchenbuch, sonst nirgends. Ihre Geschichten hat keiner erzählt, und keiner kann sich recht an sie erinnern, man hat sie auf dem Kirchhof vergraben und sich nichts, aber auch gar nichts von ihnen behalten.“ (Armut ist ein brennend Hemd, 2015)

Außer ihrer Geschichte und ihren Geschichten, die Annegret Held gefunden, erfunden und erzählt hat. Geschichten aus dem Westerwald. Dort, wo sprichwörtlich der Wind so kalt pfeift. So kalt, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Toten aufrecht in ihren Betten sitzen, dass der Boden des Kirchhofs sich weigert, sie aufzunehmen. Dort, wo Hunger herrschte und Elend.

Der Westerwald zählt bis heute zu den, freundlich gesagt, strukturschwachen Gegenden Deutschlands. Aus Pottum im Westerwald kommt Annegret Held. Und sie kommt, zu unserem Glück, immer wieder dorthin zurück: in ihren Büchern.

Eins

Erich Krehahn. Sie kennen ihn nicht. Schade. Sie können ihn auch nicht mehr kennenlernen. Er ist im Frühjahr dieses Jahres gestorben. Krehahn war mein Klassenkamerad in der Grundschule, Flüchtlingskind. Seine Familie, arme Leute, sie wohnten, direkt unterhalb der „Bergschule“ in Apolda, in einer notdürftig ausgebauten Garage. Irgendwann erzählte mir Erich, dass er sich zum Geburtstag eine Schirmmütze wünschen werde. Und dann kam er eines Tages strahlend in die Schule. Ich hab sie bekommen, flüsterte er mir zu, die Schirmmütze. Und? Fragte ich ihn? Die Schirmmütze, die ich mir gewünscht habe. Ich wagte nicht, deutlicher zu fragen, was noch? Leicht beschämt murmelte ich nur: toll. Er strahlte. Ich habe diese Szene nicht vergessen. Kinderwünsche, die in Erfüllung gehen.

Dieser Krehahn hat bis heute viele Verwandte, etwa Woyzeck, Georg Büchners Woyzeck, der von sich meinte, dass Leute wie er, sollten sie dereinst in den Himmel kommen, dann allein deshalb, um beim Donnern zu helfen. Man muss hier nicht von den „Verdammten dieser Erde“ sprechen. Nein, es ist nur traurig. Dass Kinder wie Erich Krehahn über nützliche, ja notwendige Dinge sich derartig freuen können, das könnte nachdenklich machen.

Auch im Westerwald hat Krehahn Verwandte. Leute mit bescheidenen Erwartungen an ihr Leben und, passend dazu, bescheidenen Aussichten. Das Leben bietet ihnen viel harte Arbeit, geringen Lohn und, wenn überhaupt, einige kleine Freuden. Tagsüber schuften sie, abends hocken sie vorm Fernseher oder vorm Bier, in der Kneipe, und stieren vor sich hin. Ich kenne solche Menschen – auch aus den Büchern von Annegret Held.

Wenn sie dort, vor allem die Frauen, überhaupt mal rauskommen, dann in die nahegelegene Kreisstadt, zum Einkaufen, zum Arzt, zu einer Behörde.

Und dann, aufgemerkt, dann „gönnen“ sie sich, ein „Täßchen Kaffee“. Gönnen! Das sind die Freuden, die ihr oft erbärmliches, immer ärmliches Leben bereichern. Sie künden fatalerweise auch vom Einverständnis mit diesem Schicksal, indem sie den Verzicht auch noch zur Tugend erklären. Deswegen spielt der Karneval, wie sich in Annegret Helds kleinem Roman „Am Aschermittwoche ist alles vorbei“ (1997) nachlesen lässt, fast bis unsere Tage hinein, eine so große Rolle.

Annegret Held hat gut und gerne ein Dutzend Bücher geschrieben. Über ihre Zeit bei der Polizei, unter anderem im Streifendienst, und an der Startbahn West. Über Wohngemeinschaften und ihre Arbeit in einem Altersheim, oder, ganz früh schon, als Zimmermädchen in einem Hotel. Worüber sie auch immer schrieb, diesen Erfahrungen hat sie sich immer selbst ausgesetzt, ob bei der Personenkontrolle am Flughafen, bei der Pflege im Altersheim. Manchmal sind daraus eindrucksvolle Geschichten entstanden, in einigen Fällen aber auch mehr – große Literatur.

Im Zentrum ihres Werkes steht immer: der Westerwald.

Zwei

Drei Beispiele müssen als Beleg genügen. Es geht also um
1) „Die Baumfresserin“, 1999 erschienen. Der Roman spielt in der jüngsten Vergangenheit.
2) „Apollonia. Der Zimmerplatz“, 2012 erschienen, die Geschichte ihrer Großmutter.
3) „Armut ist ein brennend Hemd“, der große Roman aus dem Jahr 2015.

„Meine Urgroßmutter Charlotte lebte in Scholmerbach, so wie meine Mutter und meine Ururgroßmutter Bettchen und deren Mutter Finchen und meine Oma Apollonia“, eines Tages erschien „mir“ ein Trugbild. „Aber ich sah sie ganz deutlich und sie waren alle gleich alt, (…) standen sie nun beieinander wie in einem schwesterlichen Reigen.“

Es ist eine enge Welt, da im Westerwald. Deshalb gehört viel Kunstfertigkeit dazu, den Reichtum dieser engen Welt sichtbar zu machen. Es sind sprachlose Menschen, und es ist nicht einfach, sie in ihrer Stummheit zur Sprache zu bringen.

Es sind Menschen, die trotz allem Wünsche haben und Träume, oft in Illusionen leben, um die Wirklichkeit zu ertragen. Die Sehnsucht hat sie noch nicht verlassen, nach ein bisschen Glück, nach ein paar Strahlen Sonnenschein. Oft haben sie sogar noch Humor genug, um über sich, ihre Situation zu lachen.

Mir tut es heut noch weh, wenn ich an Erich Krehahn denke. Ähnliche Gefühle empfinde ich für die Kistenweiber aus der Holzfabrik vom Kistenfranz. Es geht da ja nicht um die großen Illusionen, sondern um die kleinen Träume von einem bisschen Glück in der Wohnküche, einem Lottogewinn.

Es sind ja auch nicht nur die Verhältnisse, unter denen diese Menschen leiden. Es ist ebenso das Leiden, das sie sich gegenseitig zufügen.

Drei

Es ist etwas über zwanzig Jahre her, als mich Robert Gernhardt, als Nachbar zum Freund geworden, einmal ansprach. Er glaube, er habe eine Entdeckung gemacht. Bei Anne Bärenz, der Lebensgefährtin von Frank Wolf, wird demnächst eine junge Autorin aus einem Manuskript lesen. (Dass er schon den Umschlag für dieses Buch entworfen hatte, verschwieg er allerdings.) Einige Tage später marschierten wir gemeinsam um die Ecke, in die Melemstraße zu Anne Bärenz. Dort wartete bereits, ein bisschen aufgeregt, wäre mächtig untertrieben, die junge Autorin: Annegret Held. Sie las vor einem guten Dutzend Zuhörern aus dem Roman „Die Baumfresserin“.

Einem Roman, aus und über den Westerwald und seine Menschen, die Kistenweiber vom Kistenfranz.

Die Gegend ist rau. Wer dort lebt, wer dort arbeitet, entwickelt meist wenig Sinn für die Landschaft, die dennoch alle seine Sinne ausfüllt. Ihm fehlt auch der Vergleich. Am frühen Morgen, wenn beim „Kistenfranz“ die Tore aufgehen, die großen, die größer sind als Kirchenportale, für die Bäume, die später den Berg heruntergerollt kommen bis direkt vor die „Gatter, eine Sägemaschine, seine Senkrechtsäge, die Große, grüne Baumfresserin“, wenn daneben die kleinen Türchen für die Arbeiter in ihren ausgeleierten Angeln schwingen, für diese Kistenweiber und Kerle, in solcher Herrgottsfrühe, wenn die Felder noch dampfen und der in weißen Schwaden strömende Duft der Erde die Menschen belebt, dann bricht immer wieder bei jedem „noch so krummen alten Kerl“ etwas von der Lebenslust durch, die ihn, wenn auch oft nur kurz, mit seinem Weg versöhnt, und Tag um Tag aufs neue auch ein bisschen fröhlich macht.

Diese idyllischen Züge in diesem Roman sind wahrlich nicht zu übersehen.

Doch, diese Pointe sollte man beachten, sie sind gewollt. Denn die Idylle gehört zu der Lebenswelt, die sie beschreiben will.

Normalerweise meidet die Literatur dieses Terrain. Hier gibt es wenig zu gewinnen. Es ist eine enge Welt und es gehört einige poetische Kraft dazu, ihren Reichtum sichtbar zu machen. Intime Kenntnis reicht dazu nicht aus. Es gehört auch eine Sprache dazu, die solche Verhältnisse nicht von oben herab, sondern von innen heraus beschreibt. Voraussetzung dafür ist eine Sympathie für diese Figuren, die nicht immer leicht aufzubringen ist. Und die Kunst der Beschränkung – auf den vorgegebenen mentalen Raum. Martin Walsers mobiler Held Xaver Zürn, erst Gabelstapler- dann Cheffahrer, sprach auf seinen langen Fahrten in seinen langen (inneren) Monologen (er musste ja die Schnauze halten) ebenso klug und ebenso eloquent wie sein Autor. Wenn er uns seine Leidensgeschichte erzählt, Hartleibigkeit ist ein Teil seines Problems, die Fahrt am „Darmstädter Kreuz“ vorbei ihm eine Qual, dann bewegt sich Zürn im Horizont seines Herrn. Anders die Figuren von Annegret Held. Ihre Hoffnungen und Wünsche entwickeln sich aus deren Horizont heraus. Es sind Gedanken der Kistenweiber, keine aufgesetzten Reflexionen. In solchen Beschränkungen liegt die Größe dieser Bücher. Und auch darin, dass es keinen eigentlichen Helden gibt. Der Held ist das Kollektiv.

Durch solche Kunstgriffe unterscheidet sich die Baumfresserin auch deutlich von der gut gemeinten „Literatur der Arbeitswelt“. Annegret Held liefert nämlich kein Abbild der Arbeitsverhältnisse, das dumpfe Brüten über stumpfe Abläufe, sondern sie beschreibt, was in den Köpfen ihrer Leute vorgeht.

Komisch, schrecklich traurig, aber immer eindrucksvoll, in kräftigen, bleibenden Bildern. Sie zeigt, wie weit diese enge Welt werden kann. Ihre Sprache ist derb, rau, aber nie hölzern. Sie ist deftig, und sinnlich dazu. Wir riechen die Späne, hören das Stanzen und das Holpern des Hobels, und, durchdringend, das kreischende Singen der Säge. Wir sehen eine fremde Welt, bevölkert von den Kistenweibern. Wir sehen aber zugleich das Bild einer Idylle. Ein Wunschbild. Genauer gesagt: die Vorstellung einer Idylle. Von Menschen, die sich eine Idylle nicht mehr anders vorstellen können.

Vier

Gute zehn Jahre hat Annegret Held gebraucht, um wieder zurückzukehren: in den Westerwald.

Die kleine Marie, nicht nur bestürzt, sondern auch wirklich empört, kann es einfach nicht fassen. Es muss doch auch schöne Momente in diesem Leben gegeben haben, denkt sie. Doch die Oma behauptet immer wieder, „dass ihr ganzes Leben ein einziger Scheißdreck gewesen sei.“ Und immer wiederholt sie es und fügt noch hinzu: „es wäre gut, man läge schon auf dem Kirchhof. –
- Aber Oma! Habe ich gerufen.
- Ein Scheißdreck.
- Aber Oma!“

Es ist die Lebensgeschichte ihrer Großmutter Apollonia, die hier von ihrer Enkelin Marie erzählt wird. Sie deckt fast das ganze vergangene Jahrhundert ab.

Leben auf dem Land. Im Westerwald, der hier, in diesem Buch, zur Welt wird. Eng und weit zugleich. Es kommt kaum einer heraus aus dieser Welt, und wenn, dann kommt er selten zurück. Von den jungen Männern, die in den Ersten Weltkrieg ziehen, sterben nicht wenige den „Heldentod“. Auch im Zweiten Weltkrieg hat jede Familie ihre Opfer zu beklagen. Die Mütter schreien ihren Schmerz durchs ganze Dorf, wenn sie diese Nachricht erhalten.

Das Dorf – das ist die Welt der Menschen, Arbeit, Liebe, alles. Ein Mikrokosmos, in dem sich nicht das Ganze spiegelt, sondern der das Ganze „ist“. Wirtschaftskrise in der Weimarer Republik, Aufkommen der Nazis, das Dritte Reich, die auftrumpfenden Parteigenossen, die Mitläufer und auch einige, die sich dem offen verweigern. Dann den Einmarsch der Amerikaner. Die Welt, die ins Dorf kommt. Dazu die Kirmes, die Kirche, kurz das ganze Leben.

Apollonia, Maries Oma, hatte in den zwanziger Jahren gegen den erbitterten Widerstand ihres Vaters, den Dapprechter Gustav, ihren Klemens geheiratet, der sich tatsächlich als das erweisen sollte, was der Vater in ihm gesehen hatte: einen „Drückeberger“ „Träumer“ und „Faulenzer“. Er, der Vater, „gebe seinen Segen – nicht“. Tatsächlich hatte dieser Klemens „die Arbeit nicht erfunden.“

Scholmerbach heißt der fiktive Ort, an dem diese Geschichte spielt. Die reale Entsprechung, ein Kaff namens Pottum, aus dem die Autorin stammt, wird allerdings nie an die Schönheit seiner literarischen Gestalt heranreichen. So wenig wie Oxford, Mississippi, an Faulkners Jefferson. Annegret Held schafft es nämlich, durch ihre eigen-artige Poesie ihre eigene Welt zu erzeugen. In den Sommernächten, in denen damals die Liebe erwachte, in der „rabenschwarzen Allmacht“ einer „Dorfnacht“ werden dann auch Lieder von der „Sommernooscht“ und dem „Blöiteduft“ als Echo von den umliegenden Bergen zurückgeworfen. Es stimmt gewiss: „Niemand, der hochdeutsch spricht, kann mitreden. Nur wer meine Sprache spricht und mit der Zunge donnern kann, als würde ein holpriger Zug um die Kurve fahren auf einem rostigen Gleis durch Gebüsch und Gestrüpp“, der kann diese Lieder auch „richtig“ singen.

Mit einer traumwandlerischen Sicherheit vermeidet Annegret Held (fast) alle die Klippen, an denen eine solche Geschichte leicht zerschellen kann. Die Naivität, mit der sie erzählt, ist eben nicht gespielt. Das wäre peinlich. Sie ist echt, aber so wie in Kleists „Marionettentheater“, sie ist durch die Reflexion hindurch gegangen. Es gibt kaum ein Klischee, das sie nicht benutzen würde, bis hin zum „frohen Mut“ der Westerwälder. Aber jedes Klischee hat, um es korrekt, wenn auch etwas hochtrabend zu sagen, seine ästhetische Berechtigung. Es hat seinen Ort und es funktioniert, weil es das Bewusstsein der Protagonisten, ihre Bewusstseinsinhalte spiegelt. Annegret Held beschreibt, wie sich das junge Mädchen verliebt, wie sie denkt, fühlt und wie sie spricht. Wie sie aus ihrer Großmutter, die nicht sprechen will, doch die scheinbar ereignislose und zugleich spektakuläre Geschichte ihres langen Lebens herauslockt. Hier liegt die wirklich bemerkenswerte Kunstleistung dieses deftig, kräftig, saftigen Romans. Die Dorf-Geschichte wird in einer dafür entwickelten, deshalb angemessenen Sprache erzählt. Keiner Kunstsprache. Diese Sprache entsteht aus einer kalkulierten Mischung von Dialekt(-Zitaten), gesprochener Sprache mit bewusst eingesetzten Kunstmitteln, etwa Verstärkung durch Wiederholung (so wird der Ort Langendehrenderbach wie ein Leitmotiv verwendet, ebenso wie der Scheißdreck, der das Leben ist). Dabei werden auch, dank einer Art von Überblendungstechnik, die Zeitgrenzen aufgehoben. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen im Bewusstsein der Ich-Erzählerin Marie. Eben hatte sie noch die Episode von den zwangsweise einquartierten Ruhrpottwitwen erzählt, denen Klemens, der Opa, aus nachvollziehbaren Gründen, eine ganze Pfanne mit gebratenen Eiern an den Kopf geschleudert hatte, schon beobachtet sie in der Kneipe, wie eine Freundin hinter ihrem Jim her stiefelt.

Das ist geschickt und gut gemacht.

Fünf

Martin Walser beschrieb Literatur einmal als die Geschichtsschreibung des Alltags. Was wüssten wir Nachgeborenen vom ’wirklichen’ Leben unserer Vorfahren,, wenn nicht aus ihren Erzählungen. Dass der Grind auf dem Kopf des kleinen Heinrich mit einem „Krötepulver“ behandelt wird, einer Paste aus getrocknet zerriebenen Fröschen und Schweineschmalz. Für den Arzt hat die Familie nicht das Geld. Die Schwester Fine half, auf Rat eines fliegenden Händlers. Von solchen Geschichten findet sich nichts in den Statistiken, die dafür den Bevölkerungsschwund einer bestimmten Gegend zu einer bestimmten Zeit wiedergeben. Sie bieten uns Zahlen. Mehr nicht. Selbst die Benennung der Ursachen, Irland im 19. Jahrhundert – die Kartoffelfäule, besagt noch nicht allzu viel. Eine Million Iren sind zwischen 1845 und 1852 verhungert, zwei Millionen sind ausgewandert, vor allem nach Amerika und nach England.

Scholmerbach liegt auch heute noch ein kleines Stückchen hinter dem Ende der Welt. Bis mitten ins zwanzigste Jahrhundert hinein gab es dort kaum etwas, außer Kartoffeln und Rüben, die man essen, aus denen man aber auch Schnaps brennen konnte. Und wenn die Kartoffelernte ausblieb, dann gab es halt nur noch den Hunger, und in der Folge Platznot auf den Friedhöfen. Die Lebenserwartung war über Jahrhunderte hinweg äußerst gering gewesen. Tante Hermine, eine faulig riechende Alte mit nur noch einem Zahn im Mund, starb mit siebenundvierzig Jahren, in einem, wie man damals sagte, „stattlichen Alter.“ Viele sind so alt gar nicht erst nicht geworden.

„Gott, hier war doch nichts, sagten die alten Leute, wir waren nichts, wir hatten nichts, da gab es nichts, gar nichts.“

Das galt, für lange Zeit, auch für den Hunsrück, bis Edgar Reitz sein „Schabbach“ zu einem Inbegriff von Heimat überhaupt werden ließ. Und jetzt ist dieses Scholmerbach im Westerwald auf dem Weg zu den großen Literaturlandschaften, die wir kennen.

„Die Armut ist ein brennend Hemd“ – das ist die rückwärts voranschreitende Fortsetzung ihres letzten Romans „Apollonia“, der Geschichte ihrer Großmutter und der Beziehung zu dieser bemerkenswerten und starken Frau aus einer bemerkenswerten und uns doch völlig unbekannten Gegend.

„Heimat“ stand über Jahrzehnte hinweg in keinem guten Ruf. Auf der heimatlichen Scholle war der Boden noch mit Blut gedüngt. Der Westerwald aber, „_dieses Land aus Wind, Nebel und Schnee“,_ bietet keinen Nährboden für Ideologien. Steinige Äcker, karges Land, auf dem kaum etwas wuchs, außer Kartoffeln und Rüben. Erst nach der großen Hungersnot um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden endlich Apfel- und Birnbäume gepflanzt. Der Herzog setzte neue Methoden der Bewirtschaftung durch. Die Menschen waren allem Neuen gegenüber wenig aufgeschlossen. Schon Limburg, der Bischofssitz, war weit weg. Stur waren die Westerwälder ebenfalls, und versoffen ohnehin. Der Seelsorger von Scholmerbach, Pfarrer Vinzenz, der uns durch ein halbes Jahrhundert begleitet, hat es bald aufgegeben, gegen den Alkohol anzukämpfen. Er prangerte sein Leben lang die Sünden an, zeigte sich aber im Laufe der Jahre den Sündern gegenüber immer gnädiger, auch wenn es ihm die reine Lehre nach wie vor verbot. Die Not war groß, die Verhältnisse besserten sich kaum, und Gottes Wort, schon gar wenn es von seinem Diener, aus dem Munde des Pfarrers kam: es galt. Man möchte heutzutage geradezu aus der Haut fahren, wenn man mit ansehen muss, wie diese armen Bauern darum kämpfen mussten, ihre angeblich „sündhaft“ gestorbenen Töchter in „geweihter Erde“ begraben zu dürfen. „In aller Stille … ohne Glockengeläute .. dann macht meinetwegen ein Kreuz drauf.“ Fine, die Mutter sank auf die Knie, und Vinzenz, der Pfarrer, fragte sich, „was er da angerichtet hatte. Eine Sünderin vor dem Herrn in die geweihte Erde aufzunehmen“. Die üble Rolle der Kirche, über Jahrhunderte hinweg, wird hier, unausgesprochen, überdeutlich.

Wie erzählt man die Geschichte dieser Landschaft? Von 1806 bis 1856. Von der napoleonischen Besatzung über die Freiheitskriege, den Vormärz und die Revolution von 1848, die in schwachen Ausschlägen auch die Täler des Westerwalds erreichte, der Wiederherstellung von „Recht und Ordnung“ bis zur Überwindung der großen Hungersnöte.

Wie beschreibt man eine Zeitenfolge, die durch ihren Stillstand, das immer Gleiche, Hunger, Elend, harte Arbeit, Not und Leiden geprägt ist?

Zwei junge Frauen haben am Waldrand ein Schwein vergraben, das an einer Art Schweinepest gestorben ist. Sie haben es nicht tief genug vergraben, sodass die Schweine, die der Schweinehirt an dieser Stelle vorbeitreiben wollte, wieder ein offenes Grab vorfanden und an ihrem Artgenossen so herumschnüffelten, dass sie sich ansteckten und bald ebenfalls verreckten. „In diesem Winter starben die Leute von Scholmerbach aufrecht sitzend in ihren Häusern und der Kirchhof hinter seinen Buchsbaumhecken verwahrte sich mit seiner eiskalten Erde dagegen, ihre Leiber aufzunehmen.“

Im Frühjahr darauf: Bettchen traf den Pfarrer, der sie bat, ihm beim Aufräumen des Kirchhofs zu helfen. Unglücklicherweise begann es auch noch stark zu regnen. Plötzlich ein Schrei, ein „gellender Schrei“. Pfarrer Vinzenz sah, wie Bettchen „vor einem Knochen aus Müllerkarls Grab zurückwich, der vom Regen blankgescheuert aus der Erde ragte.“ Überall wurden Zipfel der Totenhemden, Knochenteile herausgeschwemmt. „Die Toten“ rächten sich „in ihren zerfallenen Hochzeitsgewändern für die halbherzigen und kraftlosen Begräbnisse des Winters“. Und Pfarrer Vinzenz sah hier den Satan selbst am Werk.

Es gibt viele solcher Anekdoten. Elemente einer Chronik. Familiengeschichten. Individuelle Porträts. Reiseabenteuer. Annegret Held erzählt von jungen Mädchen, die verkauft worden sind – nach Frankreich, in die Hafenkneipen von London. Einige dieser Mädchen kamen unbeschadet zurück, andere tief verletzt und dauerhaft gebrochen, viele verschwanden spurlos und manche machten in der Fremde sogar ihr Glück. Eine lange Reihe von oft imponierenden Frauengestalten zieht an uns vorüber.

Es gibt keine fortlaufende, schon gar keine durchgehende Handlung. Leitmotive schon. Zusammengehalten wird das Ganze allerdings durch eine eigentümliche Sprache, die sehr viele Dialektelemente (in die man sich schnell einliest) enthält, angelehnt an jenes Deutsch, das vor hundertfünfzig Jahren in dieser Gegend vermutlich gesprochen und zum Teil auch geschrieben worden ist. Annegret Held hat viele Dokumente ausgegraben und umfangreiche Recherchen betrieben (Quellen aus England und sogar Australien angezapft. Es sind Unmengen von Material. Daraus entstand eine beeindruckende ‚Geschichte’.

Sechs

Annegret Held hat Gestalten geschaffen, die mit ihrer bloßen Existenz Protest anmelden gegen eine ungerechte – eigentlich – unerträgliche Welt. Dabei hat sie ihren Humor nie verloren. Einiges ist witzig. Vieles ist komisch.

Ich habe Renate Chotjewitz-Häfner eher nur flüchtig, aber immerhin so gut gekannt, dass ich Ihnen versichern kann, über diese Preisträgerin hätte sie sich richtig gefreut. Aber auch Erich Krehahn würde sich freuen, wenn er hören könnte, dass auch sein Leben wert ist, erzählt zu werden.

Laudatio zur Verleihung des Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreises an Annegret Held, Frankfurt am Main, 24. November 2018

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erstellt am 26.11.2018

Annegret Held, Foto: privat
Annegret Held, Foto: privat

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