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Mit sechs Premieren an zwei Wochenenden beginnt am Stuttgarter Schauspiel die Intendanz von Burkhard C. Kosminski. Thomas Rothschild sah die deutsche Erstaufführung des Stücks „Vögel“ von Wajdi Mouawad, eine Bearbeitung der „Orestie“ durch Robert Icke und die Uraufführung eines neuen Stücks des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz.

Theater

Paradigmenwechsel in Stuttgart

Bei den Salzburger Festspielen im kommenden Jahr wird Burkhard C. Kosminski „Die Empörten“ von Theresia Walser uraufführen. Kosminski, der für Theresia Walser ist, was Claus Peymann für Thomas Bernhard war, hat in Mannheim bereits sieben Stücke der Dramatikerin uraufgeführt. Eins davon, „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“, nimmt er zu Beginn seiner Intendanz in Stuttgart wieder auf. Die Salzburger Festspiele werden eine Bühnenfassung von Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ zeigen. In Stuttgart steht eine Adaption dieses Romans zu Beginn der Saison auf dem Spielplan. Bei den Salzburger Festspielen wird die bejubelte Regisseurin der Stunde Mateja Koležnik, die zurzeit von Theater zu Theater reist – gerade hat sie mit Schnitzler im Theater in der Josefstadt Station gemacht –, Gorkis „Sommergäste“ einstudieren. In Stuttgart inszeniert sie im Dezember Grillparzers „Medea“. Ein Übermaß an dramaturgischer Fantasie kann man der Salzburger Schauspielleiterin Bettina Hering nicht zusprechen. Eher muss man mutmaßen, dass sie, wie viele ahnungslose Kuratoren im gegenwärtigen Kulturbetrieb, ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Hörensagen und nicht von Kenntnis und (Wieder)Entdeckungsfreude trifft. Sie programmiert wie der Filialleiter eines Supermarkts, der eilig ins Regal stellt, was im Feinkostladen nebenan erfolgreich verkauft wurde.

Kein Anreiz also, nach Salzburg zu fahren und sich unter die Schickeria zu mischen, der es ohnedies gleich ist, ob sie ihre Ausstaffierung bei „Liliom“ oder bei „Jedermann“, bei „Salome“ oder bei „Simon Boccanegra“ präsentiert. Preiswerter, sympathischer und weniger aufwendig ist ein Besuch beim Eröffnungsprogramm der Spielzeit in Stuttgart. allemal. Gleich sechs Premieren an zwei Wochenenden bringt der neue Intendant auf die Bühnen des Schauspiels und des Kammertheaters. Die erste Ladung besteht aus der deutschen Erstaufführung von „Vögel“ von Wajdi Mouawad, einer Bearbeitung der „Orestie“ durch Robert Icke und der Uraufführung eines neuen Stücks des österreichischen Shooting Stars der vergangenen Jahre Clemens J. Setz mit dem Titel „Die Abweichungen“. Zusammen mit den Premieren des folgenden Wochenendes, der Wiederaufnahme des Stücks von Theresia Walser, der erwähnten Dramatisierung von Horváth und einem Shakespeare, ergibt das eine überzeugende Halbe-Halbe-Mischung aus Zeitgenossenschaft und Tradition. Allerdings wird Kosminski schon gegenüber seiner bisherigen Wirkungsstätte, dem Nationaltheater Mannheim, wo er immerhin seit 12 Jahren zunächst Schauspieldirektor und dann Intendant war, ein paar deutliche Unterscheidungsmerkmale im Ensemble und im Spielplan setzen müssen, wenn man sich nicht die Frage stellen soll, was Stuttgarts Exzellenz ausmacht und gegenüber Mannheim auszeichnet und ob man die proletarische Rhein-Neckar-Metropole bislang nicht einfach unterschätzt und vernachlässigt hat.

Der Bruch zwischen der vorausgegangenen Intendanz von Armin Petras und dem Neuanfang wird eher durch die Regienamen als durch die Stücke signalisiert. Anhänger von Petras werden ihn als Schritt zurück charakterisieren, wer die Entwicklung des Theaters nicht so teleologisch sieht, wird eher von einem Schritt in eine andere Spur sprechen. Fest steht: bei Kosminski baut man eher auf die Durchdringung als auf die Dekonstruktion eines Stoffs oder einer Handlung. Die – berechtigte – Skepsis gegenüber dem Offen-Sichtlichen wird bei ihm nicht, wie bei vielen Regisseuren der Ära Petras, permanent mitinszeniert. Mag sein, dass die amerikanische Erfahrung in seiner beruflichen Sozialisation dabei eine Rolle spielt. Wie auch immer: das mimetische Theater kommt bei ihm wieder stärker zu seinem Recht. Altmodisch muss es deshalb noch lange nicht sein.

Diskussionen auf Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch: „Vögel“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Matthias Horn

Der 1968 als Sohn von maronitischen – also christlichen – Arabern im Libanon geborene, in Frankreich lebende Kanadier Wajdi Mouawad, der bereits ein umfangreiches Werk vorgelegt und im deutschsprachigen Raum mit seinem Stück „Verbrennungen“ und mit dessen Verfilmung Furore gemacht hat, begibt sich diesmal mit „Vögel“ auf vermintes Gebiet. Das Stück handelt von Arabern und Juden. Dabei tut Mouawad, was einst als Tugend von Dichtern geschätzt wurde und heute dadurch erschwert wird, dass engstirnige Angehörige eines Kollektivs den Alleinanspruch auf dessen Repräsentation erheben: Er denkt sich in Probleme und Konflikte hinein, die nicht die seinen sind. (Wo kulturelle Ausbeutung, die „cultural appropriation“ tatsächlich von immenser moralischer und materieller Bedeutung war, im Rock‘n‘Roll – siehe Klaus Kuhnke, Manfred Miller, Peter Schulze: „Geschichte der Pop-Musik, Band 1“ –, juckte das kaum jemanden.)

Der Berliner Jude Eitan (Martin Bruchmann) und die New Yorker Araberin Wahida (Amina Merai) haben sich in einander verliebt. Bei einem Besuch in Jerusalem geraten sie in ein Attentat. Während Eitan bewusstlos im Krankenhaus liegt, erfahren wir in Rückwendungen von den Konflikten, die seine Beziehung mit einer Araberin in seiner Familie ausgelöst hat. Dabei verschwindet die arabische Protagonistin über weite Strecken des Debattenstücks von der Bühne mit Florian Ettis minimalistischem Bühnenbild. Dafür wurde, aufgehängt an deren Dissertationsthema, etwas orientalisch-märchenhafte Exotik und eine eher unoriginelle Verwechslungspointe eingebaut, die „Vögel“ mit „Nathan dem Weisen“, „La Juive“ von Scribe und Halévy und mit „Andorra“ verbindet und verdächtig an den französischen Film „Der Sohn der Anderen“ erinnert. Die Diskussionen finden in englischer, deutscher, hebräischer und arabischer Sprache statt. Wohl deshalb hat Burkhard C. Kosminski ausgerechnet die Eröffnungspremiere zu mehr als der Hälfte mit Gästen besetzt, die mit ihrem Fernsehrealismus den Verdacht eines altmodischen Schauspielstils eher bestätigen als dementieren. Die Zuschauer müssen, wenn sie nicht polyglott sind, die Texte mitlesen, zumal selbst das Englisch der Schauspieler – nun ja: – dürftig ist. Wenn man in diesem Zusammenhang nicht einmal „Palestine“ richtig auszusprechen vermag, ist etwas schief gelaufen.

Gleich am Anfang sagt eine Figur: „Die Gruppenidentität ist das Übel.“ Damit ist die Lehre des Stücks eigentlich schon ausgesprochen. Dem Zuschauer fällt es nicht schwer, der richtigen Erkenntnis zuzustimmen und die Verbohrtheit von Eitans Vater David (Itay Tiran) ebenso abzulehnen wie die des Muslims Afzal in Ayad Akhtars „The Who and the What“. Wer wäre nicht dafür, dass sich alle mit einander verstehen. Zumindest hinten im Nahen Osten. Aber das Identitätsverlangen scheint unüberwindbar, Eitans naturwissenschaftliches Weltbild hat dagegen keine Chance. Dabei ist die Vorstellung, dass die Gene für die jüdisch-arabische Fehde verantwortlich seien, ohnedies obsolet. Selbst dem fanatischsten Juden dürfte klar sein, dass sie auf vererbten und selbst gemachten Erfahrungen beruht, und die werden auch nicht aus der Welt geschafft, wenn die Identität in Frage gestellt ist. Mit anderen Worten: Mouawads Konstruktion ist argumentativ naiv und geht am Sechstagekrieg und am Libanonkrieg von 1982 ebenso vorbei wie an Auschwitz. Gegen Ende läuft das Stück aus dem Ruder. Es ist alles gesagt, aber die Bühnenfiguren reden weiter und weiter. Das Publikum schien das nicht zu stören. Es spendete begeisterten Premierenapplaus. Kosminski ist in Stuttgart angekommen. Die von Armin Petras Frustrierten atmeten erst einmal durch. Aber dass sich dieses Theater von dem eines Petras radikal unterscheidet, ist noch kein Qualitätsnachweis, und dass das Stück ein wichtiges Thema anspricht, verhindert nicht seine Schwächen.

Kino und Fernsehen haben uns abgehärtet: „Orestie“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Matthias Horn

Mochte man nach „Vögel“ befürchten, dass die Distanzierung vom vorausgegangenen Intendanten eine Annäherung an das ästhetisch extrem konservative Alte Schauspielhaus bedeuten könnte, so durfte man bei der „Orestie“, die der Engländer Robert Icke bearbeitet und inszeniert hat, Vertrauen schöpfen, nicht zuletzt wegen der durchweg schlüssigen Besetzung. Icke unterzieht die Trilogie von Aischylos mitsamt der auch von anderen Regisseuren vorangestellten Vorgeschichte von Iphigenie jener Prozedur, die man seit Simon Stone mit einem Begriff von Arnulf Rainer, mit der für Literatur schiefen Metapher „Übermalung“ nennt. Versinnbildlicht wird dies im Bühnenbild von Hildegard Bechtler, einem antiken Atrium, das durchquert wird von einer verschiebbaren modernen Glaswand, die transparent und dann wieder milchig matt den Blick öffnet oder verweigert.

Bleibt die Frage, ob solche Umschreibungen gegenüber dem Original einen Gewinn ergeben. Eugene O‘Neill hat mit „Trauer muss Elektra tragen“ gezeigt, wie wirkungsvoll ein Transport der „Orestie“ in eine andere Epoche sein kann, wenn man sein literarisches Talent besitzt. Icke besitzt es nicht. Die Angst vor dem Pathos, die Verkleinerung, Verbürgerlichung, Trivialisierung rauben dem Stück seine Kunsthaftigkeit. Nichts da mit Mitleid und Furcht oder gar Schrecken. Die elementare Wucht der Ereignisse wird zerredet, obwohl die Morde auf offener Bühne stattfinden. Kino und Fernsehen haben uns abgehärtet. Die Analogien können nur teilweise eingelöst werden. Als am stärksten erweist sich jene Szene, die nahe am Original bleibt, die Rückkehr des unerkannten Orest (Peer Oscar Musinowski) zu seiner Mutter Klytämnestra (Sylvana Krappatsch) und zur verzweifelten Amme (Elke Twiesselmann).

Mit dem Chor schlägt sich Robert Icke herum wie viele Regisseure der antiken „Orestie“. Seine Ersatzlösung – ein Gespräch Orests mit einer Ärztin (Marietta Meguid), das an die psychoanalytischen Sitzungen von Tony Soprano erinnert –, ist weder vom Text her, noch dramaturgisch überzeugend. Kurios: es ist noch nicht so lange her, dass Einar Schleef die Möglichkeiten des Chors neu entdeckt hat und landauf, landab kopiert wurde, und nun muss der Chor verschwinden, wo er für die Struktur unentbehrlich schien.

Das aus heutiger Sicht frauenfeindliche Ende, mit dem Aischylos die kurz zuvor durchgeführten demokratischen Reformen der athenischen Gerichtsbarkeit durch Solon würdigen wollte, muss Icke abändern. Orest wird nach der Stimmengleichheit des Gerichts von einer unsichtbaren Richterin, die im Programmheft immer noch als Athene auftaucht, zwar von Schuld freigesprochen, die Furie aber (wieder Elke Twiesselmann) verkündet: „Der Beklagte stirbt von seiner eigenen Hand.“ Das Geschlecht der Atriden ist endgültig ausgelöscht. Anhaltender Premierenapplaus auch diesmal. Ein einsames Buh für den Regisseur. Oder galt es der Bearbeitung?

Abstraktes weißes Bühnenbild: „Die Abweichungen“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Björn Klein

Viel Applaus auch für „Die Abweichungen“ von Clemens J. Setz im Kammertheater. Die Uraufführung war zugleich ein Fest der Wiederbegegnungen: mit Peter Rühring, dessen Eichmann in Heinar Kipphardts „Joel Brand“ nach fast 30 Jahren nicht vergessen ist; mit Verena Buss, die als Olga in Thomas Langhoffs Frankfurter „Drei Schwestern“ in die deutsche Theatergeschichte eingegangen ist und nach 1993 zum Stuttgarter Ensemble gehörte; mit Elmar Goerden, der zu jener Riege junger Regisseure zählte, die Friedrich Schirmer nach Stuttgart geholt und gefördert hat.

„Die Abweichungen“ handeln von mehreren, von der Kostümbildnerin Lydia Kirchleitner im Partnerlook eingekleideten Paaren, die nur eins gemeinsam haben: die „Putzfrau“. Diese hat sich aufgehängt und Modelle der Wohnungen hinterlassen, die sie regelmäßig besucht hat. Nun werden diese Miniwohnungen in einer Ausstellung als Kunst präsentiert. Was die Betroffenen am meisten irritiert: die Modelle enthalten kleine Abweichungen von der Realität. An diese Ausgangssituation knüpfen sich kurze Szenen, die ineinander verschachtelt sind wie das abstrakte weiße Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl. Zum Vorschein kommen Spießigkeit, Kaltherzigkeit und soziales Vorurteil.

Elmar Goerden lässt das Stück und die Schauspieler zwischen Karikatur und Realismus changieren. Die Dialoge, die Setz seinen Figuren in den Mund legt und die recht nah an die angloamerikanische Dramatik kommen, legen diese Unentschiedenheit nahe. Am stärksten beeindrucken dann aber doch jene Szenen, die auf Komik und gestisch-mimische Feixerei verzichten, die Eheszenen von Hans und Ulrike Schab (Peter Rühring und Anke Schubert).

Das Programmheft nennt „Die Abweichungen“ das zweite Stück von Clemens J. Setz nach „Vereinte Nationen“. Drei Tage vor der Stuttgarter Premiere wurde in Graz „Erinnya“ uraufgeführt. Die Philologen der Zukunft werden nachzählen müssen.

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erstellt am 19.11.2018

„Vögel“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Matthias Horn

Premieren in Stuttgart

Vögel

Von Wajdi Mouawad
Inszenierung: Burkhard C. Kosminski

Orestie

Nach Aischylos in einer Neubearbeitung von Robert Icke

Die Abweichungen

Von Clemens J. Setz
Inszenierung: Elmar Goerden

Schauspiel Stuttgart