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Die Berliner Rechtsanwältin Seyran Ateş kam nach Frankfurt, um ihre Thesen zur feministischen Auslegung des Islam vorzutragen. Im Gespräch mit Susanne Schröter wollte sie zudem zeigen, warum sie ein emanzipiertes Frauenbild für vereinbar mit der islamischen Lehre hält. Riccarda Gleichauf hat die Veranstaltung besucht.

Religion

Den Koran neu lesen (dürfen)

Der große Saal im zweiten Stock der Evangelischen Akademie Frankfurt ist brechend voll. Zufrieden, aber auch etwas verwundert bemerkt die vortragende Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ateş, dass es sogar auch einige Männer gebe, die hergekommen seien. Das würde sie sonst selten erleben, auf Veranstaltungen, in denen es um Feminismus ginge. Ja, aber es ginge eben nicht nur um Feminismus, assoziiert sie weiter, sondern auch um den Islam, und für den interessiere sich spätestens seit 2015 ein Großteil der Bevölkerung.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat zusammen mit der Karl-Hermann-Flach Stiftung und der Evangelischen Akademie Frankfurt zu diesem Abend geladen, den Ateş in ihrem Vortrag mit einem Paradoxon eröffnet. Mit fünfzehn Jahren ist sie Feministin geworden, an Gott glaubt sie, seit die Frauenrechtlerin denken kann, aber: Wie sind diese beiden Überzeugungen miteinander vereinbar? Wie kann eine Feministin an eine Religion glauben, die vom Patriarchat durchdrungen ist, wie übrigens fast jede Religion?

Es liegt dann nahe, dass Ateş eine Begründung liefert, die sie aus ihrer historisch-kritischen Analyse des Korans herleitet. Ihre These lautet, dass am Anfang der Entstehungsgeschichte des Islam eine starke Frau gestanden habe (Hadidja), die Frau des Propheten Mohammed. Weiter betont sie, dass Mohammed damals selbst emanzipatorische Grundzüge erkennen ließ, etwa dadurch, dass er den Männern in seiner Umgebung riet, ihre Frauen nicht zu schlagen. Er soll sich seinen Frauen gegenüber immer gut verhalten haben. Zu Zeiten Mohammeds habe es für Frauen viele unterschiedliche Möglichkeiten „Frau“ zu sein gegeben, mehr als das heute, im Jahr 2018, der Fall sei.

Doch welche Rolle spielten Frauen in der Entstehungsgeschichte des Islam konkret? Gerne hätte ich noch etwas mehr über Ateş geschlechtergerechten Auslegungen des Koran erfahren, allzu schnell ging es um herrschaftsbezogene, patriarchale Lesarten, deren Verfechter dafür sorgen, dass Ateş in ständiger Angst vor Mordanschlägen leben muss. Nicht erst seit ihrer Gründung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, in der Frauen und Männer zusammen beten, ist sie auf Personenschutz angewiesen. Auch bei dieser Veranstaltung wird sie bewacht. So ist es verständlich, dass sie auch im anschließenden Gespräch mit der Frankfurter Ethnologieprofessorin und Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter, vor allem über grundsätzlich feministische Kontroversen und ihre persönliche Haltung dazu spricht, als tiefer in die feministische Koranexegese einzusteigen. An diesem Abend zeigt sich Ateş dem Publikum als Aktivistin, weniger als Texte interpretierende Intellektuelle. Lust, sich intensiv mit dem Koran auseinanderzusetzen, bekommt man aber auch schon durch die Impulse, in denen Frau Ateş immer wieder freudestrahlend betont, dass der Islam eine viel individualisiertere, in seiner praktischen Auslegung also auch eine irgendwie freiere Religion sei, als das Christentum.

Es gibt demnach Hoffnung, dass liberalere Lesarten des Korans irgendwann überwiegen. Allerdings bräuchte es dazu mehr mutige IslamkennerInnen, die die historisch-kritische Auslegung verbreiten, damit aus einer marginalisierten und bedrohten Minderheit eine machtvolle Mehrheit wird. Das Potential liegt verborgen, aber gut sichtbar in der Schrift, wir müssen sie nur endlich richtig auslegen (dürfen).

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erstellt am 16.11.2018

Seyran Ateş
Seyran Ates

Die Veranstaltung „Ein feministischer Islam?“ mit Seyran Ateş und Prof. Dr. Susanne Schröter fand am 8. November 2018 in der Evangelischen Akademie Frankfurt statt.