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Die schlichte Fabel vom Biedermann und den Brandstiftern wird bei Max Frisch dramatisch, weil sie mit der Warnung vor den Menschenverächtern die Gastfreundschaft aufs Spiel setzt. Die Landungsbrücken Frankfurt, das offste Theater der Stadt, setzt damit die gegenwärtige Naivität aufs Spiel. Walter H. Krämer war dabei.

»Biedermann und die Brandstifter« in den Landungsbrücken

Zündhölzer und viele Wahrheiten

Frankfurt hat neben den städtischen Häusern – Schauspiel, Oper und Mousonturm – auch etliche Spielstätten freier Gruppen und darüber hinaus eine sehr lebendige und vielfältige freie Szene. Mit „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, der bislang größten Eigenproduktion mit vierzehn beteiligten Künstler*innen (sieben auf der Bühne und sieben hinter den Kulissen) eröffneten jetzt die Landungsbrücken Frankfurt – einer der innovativsten Orte der Szene – ihre Spielzeit 2018/2019 unter dem Motto „Mit beschränkter Haltung“.

Linus König, der sowohl die Landungsbrücken leitet als auch bei diesem Projekt Regie führte, hat zusammen mit Johannes May, Katja Quinkler und Lucia Primavera ein Konzept erarbeitet, das auf schlüssige Weise zeigt, dass uns der Autor und dieses Stück auch heute noch etwas zu sagen hat.

Verfolgt man die Entstehungsgeschichte des Dramas und die damit verbundenen Bearbeitungen und Klarstellungen seitens des Autors, so wird deutlich, dass das Stück den jeweiligen gesellschaftlichen Situationen angepasst oder anders gewichtet wurde. Stücke altern und sind manchmal so stark in ihrer Entstehungszeit verhaftet, dass die historische Distanz eine Annäherung erschwert. Dies gilt es beim Umgang mit der dramatischen Vorlage zu berücksichtigen.

Bezogen auf eine aktuelle Inszenierung ist daher die Regie in der Verantwortung, das Stück auf heutige Verhältnisse zu übertragen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass das Stück „Biedermann und die Brandstifter – Ein Lehrstück ohne Lehre“ – über alle Zeiten hinweg gültige Wahrheiten und Einsichten in menschliches Verhalten bereithält.

In seinem Prosatext „Burleske“ – entstanden zwischen Januar und April 1948 unter dem Eindruck des „kommunistischen Umsturzes in der Tschechoslowakei“ – skizzierte Max Frisch bereits die Grundidee des späteren Stückes: den Zusammenprall eines Bürgers mit zwei fremden Eindringlingen, die er in sein Haus aufnimmt und auf dem Dachboden wohnen lässt. Dort lagern sie Benzinfässer ein und zünden später sein Haus an.

Lehrstück mit Nachspiel

Im Jahre 1952 entstand dann ein Hörspiel für den Bayerischen Rundfunk, das bereits den Titel „Herr Biedermann und die Brandstifter“ trägt, 1953 gesendet wurde und die wesentlichen Elemente der „Burleske“ übernimmt. Das nun vorhandene Material (Prosatext und Hörspiel) entwickelte der Autor 1958 weiter zu seinem Lehrstück ohne Lehre. Als wesentliche Veränderung und neues Element kam nun der Chor hinzu.

Gut fünf Jahre nach der Ursendung des Hörspiels fand dann am 29. März 1958 die Uraufführung im Züricher Schauspielhaus statt. Für die Uraufführung in Deutschland – im Frankfurter Schauspielhaus 1959 – verfasste Frisch dann zusätzlich noch ein Nachspiel. Diese Ergänzung hielt Frisch insofern für notwendig, als das Stück allzu oft im Kontext des politischen Umsturzes in der Tschechoslowakei und damit einseitig als eine Warnung vor dem Kommunismus gedeutet wurde. Um diesen Einengungen und Fehldeutungen entgegenzuwirken, rückte Max Frisch in dem Nachspiel die Bezüge zum Nationalsozialismus in den Vordergrund: Aus Biedermann wird hier ein deutscher Bourgeois, der sich aus Angst um das eigene Wohlergehen mit den Nationalsozialisten verbrüdert hat.

Es gibt kein gemeinsames Sprechen mehr: „Biedermann und die Brandstifter“ © Landungsbrücken Frankfurt

Dieses Nachspiel bekommen wir in den Landungsbrücken nicht zu sehen – der Regisseur macht aber mit seiner Inszenierung deutlich, dass es bei Frisch um die Machtergreifung der Nazis geht: „Die haben nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht und trotzdem hat das Bürgertum nur allzu gerne die Steigbügel zur Katastrophe gehalten. Aus Höflichkeit, aus Ahnungslosigkeit, aus Borniertheit. Und heute ist das auch wieder so. Überall Brandstifter und wir reichen ihnen die Zündhölzer. Im übertragenen und tatsächlichen Sinne“.

Den Chor erleben und hören wir in den Landungsbrücken. Allerdings hat ihn der Regisseur stark verändert und reagiert damit auf veränderte Zeitläufe und Situationen. Bei Max Frisch übernimmt der Chor die Vermittlung zwischen dem Spielgeschehen und dem Publikum. Ganz in der Tradition des antiken Dramas spricht hier der Chor mit einer Stimme und kommentiert, mahnt und begleitet die einzelnen Szenen.

In der Inszenierung von Linus König gibt es kein gemeinsames Sprechen mehr. Der Chor ist in seine einzelnen Glieder zerlegt und jeder äußert zu verschiedenen Themen seine Meinung.. So entsteht eine Kakophonie von Tönen, Geräuschen, Worten, Ansichten, die für die Zuschauer teils unverständlich bleiben, teils zum Widersprechen reizen oder auch nur betroffen machen. Dies ist absichtsvoll so gewollt, denn es gibt diese einheitliche Stimme einer bürgerlichen Öffentlichkeit nicht mehr. Alles Reden zerfällt, man weiß nicht mehr, was wahr ist oder falsch. Fühlt sich überfordert und orientierungslos.

Die Brandstifter in Max Frischs Erfolgsstück „Biedermann und die Brandstifter“ nehmen gegenüber dem wohlhabenden Haarwasserfabrikant Gottfried Biedermann wahrlich kein Blatt vor den Mund, und doch reicht er ihnen zum Schluss als Zeichen seines Vertrauens die Zündhölzer. Und das Geheimnis ihres Erfolges: immer die Wahrheit sagen und mit seinen Absichten nicht hinter dem Berg halten: „Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste ist Sentimentalität. Die beste aber ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“

Menschen mit Ansichten

Betritt man den Zuschauerraum sind die Sitzreihen zu beiden Seiten eines durch ein Zäunchen klar abgegrenztes, mit Teppichboden ausgelegtes Spielfeld aufgebaut (Katja Quinkler). Eintritt – so der Text auf einer Fußmatte – nur für freundliche Menschen! Das ganze Personal sitzt oder steht schon startbereit. Das Spiel könnte beginnen. Doch da läuft der Regisseur durch das Bühnenbild und schreit: Der Dimmer ist im Arsch!“ Ein technischer Defekt also, der die Spieler zurück in die Garderobe bringt und die Zuschauer hören live – aus der Umkleidekabine per Mikrofon übertragen – gefühlte zehn Minuten lang die aufgeregte Diskussion der einzelnen Schauspieler*innen über Theater, Inhalt und Aussage des Stückes, über Gentrifizierung und Sexismus, Fake News und Klimaerwärmung. Kurzum über all die Themen, die so in der Luft liegen und gerade angesagt sind. Vielleicht eine Reminiszenz an das frühe Hörspiel des Autors oder doch eher eine heute oft eingebaute Reflexion über die Möglichketen des Theaters und dem Aufklären darüber, dass die Schauspieler*innen Menschen mit unterschiedlichen An- und Absichten sind und hier nur eine Rolle spielen.

„Man kann keine Zeitung aufschlagen – schon wieder so ne Brandstifterei. Und immer die alte Geschichte, sage und schreibe. Wieder so ein Hausierer, der um Obdach bittet – und am andern Morgen steht das ganze Haus in Flammen.“ Mit diesen Worten des Herrn Biedermann – furios und auf den Punkt genau gespielt und gesprochen von Johannes May – beginnt das Spiel. Und hier vertraut man ganz auf den Text von Max Frisch und spielt es so, wie es der Autor geschrieben hat. Sieben starke Schauspieler*innen spielen sieben starke Figuren. Dabei sind sie ganz bei sich und dem Text. Bringen die Haltung der Figuren und die Aussage des Stückes punkt- und werkgetreu auf die Bühne. Da gibt es neben Biedermann den gerade aus der Haft entlassenen Ringer Schmitz (Sven Marko Schmidt), den pomadigen Kellner Eisenring (Christoph Maasch), die im Haushalt aufgehende und unterwürfige Anna (Janine Maschinsky), die Witwe Knechtling (Melina Hepp), einen Polizisten (Ole Bechthold) und die herzkranke, immer nörgelnde und doch herzensgute Frau Biedermann (Fee Binger).

Das Ensemble gut eingespielt und mit einer Besonderheit versehen: jeder Person / jeder Figur ist noch ein Bewegungsvokabular beigefügt. Dies sind teils zufällig entstandene Muster, teils leiten diese sich ab aus der beruflichen Zuschreibung oder einer privaten Befindlichkeit. Nicht immer nachvollziehbar zielen sie doch auch auf die Verunsicherung, die Ablenkung des Zuschauers. Durch das Einfügen dieser zweiten Erzählebene fällt es nicht leicht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Letztlich sollen und wollen wir unserem Untergang ahnungslos und teilnahmslos entgegensehen und –gehen.

Hausmädchen mit Besen

Gleichzeitig charakterisieren diese Bewegungsmuster (Choreographie von Katharina Wiedenhofer) noch einmal die einzelnen Figuren. Wenn der Schauspieler Sven Marko Schmidt immer wieder mit großen Sprüngen sich zurück auf das Sofa wirft oder katzengleich und lüstern die Frauen umschleicht, spürt man dessen Gefährlichkeit und die Bedrohung, die von ihm ausgeht. Ein Hauch von Sadomasochismus weht durch den Raum, wenn Janine Maschinsky als Hausmädchen Anna mit Besen im Mund und andauernden hektischen Bewegungen immer auf dem Sprung ist, um ihrem Herrn zu dienen. Und bei Fee Binger spürt man die genervte Ehefrau, die es eigentlich besser weiß, sich aber dann doch den Bedürfnissen ihres Mannes anpasst. Großartig ein gemeinsamer – ich nenne es Pas de Deux – Tanz dieses Paares, in dem aufblitzt, wie tief diese Verbindung der beiden ist und was möglich sein könnte.

„Biedermann und die Brandstifter“, Videotrailer © Landungsbrücken Frankfurt

Gerade hat der Hausherr noch dem entlassenen Knechtling nahelegt, sich unter den Gashahn zu legen oder doch lieber einen Anwalt zu nehmen, da sitzt auch schon dessen Witwe (Melina Hepp) bei ihm vor der Tür. Da spürt man eine leichte Nervosität und Verunsicherung bei dem Haarwasserfabrikanten Biedermann. Ist er schuldig am Tod seines ehemaligen Angestellten? Die Witwe, zunächst verhuscht und zurückgenommen, lässt im Verlauf der Inszenierung ihrer unterdrückten Wut freien Lauf. Wie eine Tigerin springt sie den Biedermann an, der sich ihrer nur schwer erwehren kann. Da ist sie wieder, die zweite Deutungsebene, die die Inszenierung so reichhaltig und besonders macht.

In „Biedermann und die Brandstifter“ sind all die gutbürgerlichen Verhaltensweisen zusammengefasst, die zum Nichtstun und falsch verstandener Toleranz verleiten. Unsere Betriebsblindheit befördern und deutlich machen, dass wir zwar unter dem Zustand der Welt leiden doch uns vermeintlich außerstande sehen, etwas dagegen zu tun.

Das Stück will unseren Blick schärfen und unsere Widerstandsfähigkeit auf eine Art steigern, die Max Frisch auf den Solothurner Literaturtagen 1986 so beschrieben hat: “Ich meine Widerstand auf allen Etagen dieser profitmanischen Gesellschaft. Widerstand mit dem Ziel, dass der Geist der Aufklärung sich durchsetzen soll, zeitig genug. Nicht als historische Reprise, sondern durch historische Erfahrungen erweckt zu neuen und anderen Versuchen eines Zusammenlebens von mündigen Menschen.”

Der Inszenierung in den Landungsbrücken gelingt es, das Stück in die Gegenwart zu holen: „Denn nicht die Brandstifter, denen das aufgeklärte Bürgertum das Zündholz reicht, haben sich geändert. Sondern der Kontext, in dem sie stattfinden. Die komplette Beliebigkeit der vielen Wahrheiten, die kakophonisch durch die Gegend postuliert werden.“

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Kommentare


Irina Fröhlich - ( 10-12-2018 01:58:32 )
Ich habe mir das Stück "Biedermann und die Brandstifter" gestern angesehen und war fasziniert von der Besetzung des Biedermann und des Brandstifters, Herrn Schmitz. Beide haben ihre Rollen glaubwürdig veranschaulicht.
Leider empfand ich den jungen Mann auf dem Trampolin als sehr störend. Offenbar sollte er die Rolle des "weißen Rabens" spielen - eine Mensch, der seine eigene Meinung hat und vertritt.
Das kam leider gar nicht "rüber" und hat einfach nur nervös gemacht.

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erstellt am 11.11.2018

Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1958. Foto: H.-P.Haack [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1958. Foto: H.-P.Haack [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Theater

Biedermann und die Brandstifter

Buch Max Frisch
Regie Linus Koenig
Bühne und Kostüme Katja Quinkler

Mit Ole Bechtold, Felicia Binger, Melina Hepp, Janine Maschinsky, Maasch, Johannes May, Sven Marko Schmidt

Aufführungen am 22. November und 9. Dezember 2018 und in 2019

Landungsbrücken Frankfurt