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Die Liste seiner Buchveröffentlichungen ist lang. Michael Buselmeier, der zwar in Berlin geboren, in Heidelberg aber naturalisiert wurde, hat Romane, Erzählungen, Gesprächs- und Sachbücher geschrieben und etwa zehn Bände mit Gedichten. Er hat die Heidelberger Stadtzeitung mitbegründet und macht literarische Stadtführungen durch Heidelberg. Zu seinem 80. Geburtstag ist nun eine Festschrift mit dem Titel „Nichts soll sich ändern“ erschienen. Wir gratulieren mit einer Laudatio von Michael Braun und einem Gedicht von Harry Oberländer, die darin enthalten sind.

80. Geburtstag von Michael Buselmeier

Ein Indianerleben im Verborgenen

Von Michael Braun

„Jetzt bloß nichts Politisches bitte!“ Mit dieser strengen Selbstermahnung hat sich das lyrische Ich Michael Buselmeiers im Gedicht „Erzählte Geschichte“ eine Politik-Abstinenz verordnet – aber zu unserem Glück hat sich der Dichter an die eigene Maxime nicht gehalten. Im Gegenteil.

Das Politische war bei diesem Autor immer schon da – auch wenn er es zunächst vertreiben wollte, um überhaupt Gedichte schreiben zu können.

„Ich schreibe…Poesie nicht primär aus politischen Gründen. ..Als ich nach Jahren ausschließlich politischer und theoretischer Anstrengung 1974/75 wieder anfing, Gedichte zu schreiben, so tat ich dies, weil sich meine Wahrnehmungen, Erinnerungen und Wünsche, das, was man den >subjektiven Faktor< nennt, nicht länger ausblenden ließen. ..Poesie geht in …politischen Kategorien nicht auf, sie hat eine sinnliche, vor-begriffliche Qualität…ihre politische Wirkung kann somit auch nur eine sehr vermittelte, unterirdische sein.“

Dieses Bekenntnis ist fast vierzig Jahre alt. Michael Buselmeier, unser Preisträger, hatte damals, im Sommer 1977, dieses Statement an die Herausgeber des sogenannten „Lyrik-Katalogs Bundesrepublik“ geschickt, die kurz zuvor das „Erste bundesdeutsche Lyrik-Festival“ in Hamburg inszeniert hatten. Ich bin mir fast sicher, dass Michael Buselmeier heute von einem mittelschweren Unbehagen befallen wird, wenn er mit dieser Poetik seiner frühen Gedichte konfrontiert wird. Denn nicht nur seine politischen Positionen, auch seine ästhetischen Perspektiven haben sich mittlerweile grundlegend geändert. Allein schon der Hinweis auf den „subjektiven Faktor“ ist ja bezeichnend für die dogmatische Terminologie, in die sich seine linken Genossen von einst verbunkert hatten. Was von der linken Intelligenz zum „subjektiven Faktor“ verkleinert wurde, ist das Fundament jeder Literatur: die poetische Imagination des Dichters, das Phantasma der Tagträume, Visionen und Wünsche, die Offenbarungskraft der sinnlichen Wahrnehmungen. Im Jahr 1977 klang es noch so, als würde sich der Dichter fast entschuldigen für seine lyrische Einbildungskraft.

Heute, fünf Romane, zehn Gedichtbände und viele Essays später, haben sich viele ästhetische Paradigmen des Schriftstellers Michael Buselmeier geändert, aber eines ist geblieben: der störrische Eigensinn des Autors, sein Einzelgängertum, die Entschlossenheit, auf politische Korrektheit keine Rücksichten zu nehmen und das sanfte Einvernehmen des linksliberalen Konsensus so häufig wie möglich zu durchbrechen.

Wie der Namensgeber dieses Preises, Gustav Regler, hat sich Michael Buselmeier im Zweifelsfall für die Häresie entschieden – und gegen die Orthodoxie.

Sein Lieblingsplatz war seit je die Position am Rand, unversöhnt mit den Verhältnissen und stets auf Konfrontation abonniert. Tatsächlich ist er im Literaturbetrieb viele Jahre ein Fremdling geblieben, vom Feuilleton nur mäßig beachtet, ein „Abseitssteher voller Verachtung“, wie es sein Alter Ego, der Romanheld Moritz Schoppe, formuliert. Jahrelang teilte der Autor das Schicksal seiner Lieblingsfiguren, all der Waldgänger, Außenseiter und zornigen Anarchen, die sich den Konventionen ihrer Gesellschaft entzogen haben. Dann holte ihn nach 35 Jahren plötzlich der große Erfolg ein, in Gestalt seines Theaterromans „Wunsiedel“, der 2011 überraschend auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangte.

Aber all die Motive, die in „Wunsiedel“ zu einem kleinen Bildungsroman verflochten werden, sind bereits in Buselmeiers früheren Büchern entwickelt: die naturromantische Verknüpfung von Literatur und Landschaft; die innige Verbindung von Gehen und Wahrnehmen; die Vereinzelung des Außenseiters und seine rebellische Auflehnung gegen die korrupte Welt.

Mit der Geschichte der „theatralischen Sendung“ des jungen Moritz Schoppe schließt sich im Roman „Wunsiedel“ auch ein Kreis. Denn 1968 hat der literarische Lebensweg Buselmeiers mit einem polemisch ambitionierten Theater-Text begonnen, der im legendären „Kursbuch 15“ veröffentlicht wurde, in dem damals der „Tod der Literatur“ debattiert wurde.

Danach durchlief Buselmeier die Schule der Studentenrevolte. Als 1978 seine ersten Gedichte im Wunderhorn Verlag erschienen, wollte man in diesem Autor nur einen linksradikal motivierten Alltagslyriker erkennen, einen ungebärdigen Heidelberger Aktivisten der 68er-Bewegung. Aber bereits der Titel seines ersten Gedichtbuchs verwies in seinem Beharrungstrotz auf ein konservatives Weltgefühl: „Nichts soll sich ändern“, hatte Buselmeier sein Debütbuch genannt – und tatsächlich findet man darin Gedichte, in denen sich das Ich den leuchtenden Formen der Natur weit inniger verpflichtet fühlt als dem Spektakel der Revolution. Und auch in seinem 1981 veröffentlichten Bekenntnisroman „Der Untergang von Heidelberg“ verbirgt sich hinter der Maske des schrillen Anarchisten ein romantischer Landschaftsmaler und Archäologe des Heimatgefühls. Seinen autobiografischen Helden Schoppe hat Buselmeier dann 1989 erfunden, in seinem gleichnamigen Roman. Ein einsamer Wanderer zieht hier traumverloren durch das Haardtgebirge im deutschen Südwesten, er sucht an „geweihten Orten“ nach den Spuren der Vorfahren, er verirrt sich im Wald, wo er die wispernden Stimmen der Toten hört.

Ich will mich heute mit einigen Gedichten beschäftigen, die verdeutlichen, wie weit sich Michael von den linksradikalen Urszenen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre entfernt hat. Die Gedichte stehen in seinem Band „Lichtaxt“ von 2006 und in seinem großen, leuchtkräftigen Gedichtbuch „Dante deutsch“ von 2012.

„Dante deutsch“ versammelt Visionen von Höllenwanderungen und Paradies-Phantasmagorien, abgeleitet aus realgeschichtlichen Szenarien des Schreckens. Der Titel des Bandes knüpft ganz bewusst an die große Dante-Übersetzung an, die der Kulturphilosoph und Dichter Rudolf Borchardt nach jahrzehntelanger Arbeit 1930 vorgelegt hatte. Mit lyrischen Schlaglichtern auf die faschistischen und stalinistischen Massaker im 20. Jahrhundert hebt dieses Buch an. Wie bei Dante wendet sich dann aber der Blick und nach dem Gang durchs „Fegefeuer“ betritt Buselmeiers lyrisches Ich das „Paradies“ – mit Versen, die in ihrer zarten Anrufung Gottes und in ihrer völlig unironischen Feierlichkeit bei diesem Autor überraschen. Eine überschwängliche Naturromantik verschmilzt hier mit dem Religiösen, „Vogelsprache“ mit „Weihrauchduft“.

In einem weiteren Kapitel folgt dann die aktuelle Erfahrung einer gesellschaftlichen „Hölle“. In einer ganzen Reihe von Gedichten über Nigeria, das von Terror zerrissene afrikanische Land, zeichnet der Dichter Landschaften des Verfalls, in denen die Regeln zivilen Zusammenlebens außer Kraft gesetzt sind. Aber es finden sich auch Sehnsuchtsbilder der Einsamkeit, emphatische Anrufungen eines exzentrischen Daseins. Der rhapsodische Hymnus im langen Gedicht „An Nigeria“ mündet am Ende in ein Bild vom Ausgesetztsein in der Savanne und artikuliert ein ekstatisches „Hochgefühl“ in der Verbundenheit mit archaischen Riten. Das lyrische Ich vergegenwärtigt fasziniert die „Fetisch-Schreine im Wald“, rätselhafte Kultstätten, die „mit Federn und Zauberzeichen versiegelt“ sind. Hier manifestiert sich eine Begeisterung an der geheimnisvollen Macht des Archaischen, die unserer kühlen Zweckrationalität verschlossen bleibt. In der letzten Strophe dann imaginiert sich das Subjekt als Einzelgänger in der Wildnis, der seinen Urahnen entgegengeht: „Sah eure Spuren im Lehm, den Anfang des aufrechten Gangs, ein Hochgefühl. Folgte dem Schlangengezisch roter Wege, schief sich verlierend im Schilf weggeduckter Hütten.“ Der Einsame, der hier durch die Hochsavanne geht, ist weit weg von allen Kollektiven, ganz auf sich bezogen, ohne jede Aussicht auf Unterstützung von höherer Warte.

Es sind solche Randpositionen der Verlorenen, der Ausgestoßenen und von der politischen Macht Marginalisierten, die sich Buselmeier in seinen Gedichten anverwandelt. Es geht schon lange nicht mehr um kulturrevolutionäre Positionierungen, wie sie der Autor etwa 1976 in dem von ihm angestoßenen „Arbeitskreis Linker Germanisten“ bezog. Es sind Positionen der Ohnmacht, porträtiert werden Randfiguren, denen jede gesellschaftliche Anerkennung entzogen wurde. Als Beispiel mag hier das Gedicht „Bei weißen Farmern“ dienen, in dem der Autor eine im heutigen Afrika verfemte Gruppe, die frühere Herrschaftsklasse der weißen Farmer, ins Zentrum stellt und ihr eine Geste der Fraternisierung widmet. Das Gruppenbild der aus Zimbabwe vertriebenen Farmer, die im nigerianischen Hinterland auf die ihnen zugesagte Unterstützung warten, wird mit großer Empathie gezeichnet. Die letzten Zeilen des Gedichts lassen sich durchaus als Verbrüderungsgeste deuten: „Gemeinsam lutschen wir die süßen Kerne / des Affenbrotbaums, grüßen in der Ferne / die schwarze Vogelscheuche überm Graben.“

Auch hier gilt also die Devise des Autors: Die Häresie ist allemal der Orthodoxie vorzuziehen – auch um den Preis, dass man den Beifall von der falschen Seite erhält.

Dieses Schreibprinzip gilt um so mehr für ein Gedicht, in dem sich Buselmeier 2004 gegen die wohlfeile antifaschistische Rhetorik seiner Generation wandte.
In seinem Gedicht „Nibelungen“, nachzulesen im Band „Lichtaxt“, setzte er sich mit einem eklatanten Fall von selbstgerechter Geschichtsdeutung auseinander. Aus der sicheren Distanz des Nachgeborenen hatte der Schriftsteller Uwe Timm in seinem Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“ das Leben seines Bruders rekonstruiert, der sich einst freiwillig und voller Begeisterung zur „SS-Totenkopfdivision“ gemeldet hatte. Timm bekam heftigen Beifall für sein Erfolgsbuch, weil er das Verhalten seines Bruders als Verblendung der „Tätergeneration“ zensierte.

Auf Timms moralische Entrüstung antwortet Buselmeiers Gedicht, das eine strenge musikalische Form wählt. Ich zitiere die erste und die letzte Strophe: „Und wieder in Reihen angetreten die toten Soldaten / getrocknete Uniformhosen über dem blutigen Brei / ein Junge knapp achtzehn vom eigenen Bruder verraten / vor Kursk ohne Beine ruckend auf Krücken vorbei…..Im Rücken faucht ständig das Feuer das uns beschwingt / – Bäume als Fackeln Flugzeuge trudeln vom Himmel – / das die Runen unterm Arm mit der Zunge verschlingt / den Knäuel aus Blei und Dreck die Augen voll Schimmel“.

Buselmeier zeigt den Schrecken in verstörenden Bildern, aber er moralisiert nicht. Er zitiert das Schicksal von Uwe Timms Bruder, dem nach seiner schweren Verwundung beide Beine amputiert wurden, als Exempel für ein elendes Sterben, ohne den Zeigefinger zu heben. Auch in den übrigen Texten des Buches präsentiert sich der Autor als lyrischer Geschichtsarchäologe, der die Alpträume der Zerstörung so nah an den Leser heranrückt, dass einem der Atem stockt.

Häresie also, nicht Orthodoxie.

„Vielleicht war es doch günstig“, heißt es im Gedicht „Erzählte Geschichte“, „mein Indianerleben im Verborgenen / zu verbringen, kaum belästigt / und mit endlosen Sommerabenden.“ Zumindest heute dürfen wir ihn noch einmal belästigen, hier in Merzig, an diesem Vormittag im Mai, mit der Verleihung des Gustav-Regler-Preises, zu dem ich Dir sehr herzlich gratuliere, lieber Michael. Ganz am Ende soll das kleine Selbstporträt stehen, das sich Michael in seinem Band „Dante deutsch“ gewidmet hat. Es ist ein Porträt des Dichters als einsamer „Schattenhund“:

„Vor vielen Jahren schrieb ich einen Brief
so kurz die Sommer die am Teich ich schlief
so tief die Sumpfgerüche die ich rief
ein Schattenhund der durch die Wüste lief“

Laudatio auf Michael Buselmeier, anlässlich der Verleihung des Gustav Regler-Preises 2014

Gedicht

Harry Oberländer

Heidelberg, fast ein Lied

      für Michael Buselmeier

Das ist nicht etwa ein Haus im Park,
sondern tatsächlich ein Parkhaus. Hier
wohnte Hegel in Heidelberg, der feinen.
Scheffel ist nicht wirklich tot, so wenig
wie Jaspers, der ein paar Schritte weiter
die Zeit überstand, als die Kapsel stets
griffbereit war, Existenz mit Zyankali.

Auch Toller lebt noch, sein Tod ein Gerücht.
Er kommt zu Besuch, lädt man ihn nur ein.
Das wusste Hilde Domin und wohnt im Nichtwort
Zwischen Torbogen und alter Brücke, wo
Touristen das Schloss ablichten mit Selbstportrait,
also dagewesen sein werden, forever and ever.

Vor dem Collegium Academicum interpretiert
Gadamer Celan. Es sind noch Lieder zu singen …
Wann? Beachtet die zierlichen Flügel am Schuh!
Schau westwärts, Engel, woher prachtvolle Wolken
heraufziehn, leichtlebig, immer bereit zu vergehen.

Der kundige Cicerone macht sich im Schlaf schon
auf Niemandes Neckar den eigenen Reim. Er kennt
den Karzer, den Knast, er kennt seine Kundschaft.
Gibt gelassen seinem heraldischen Affen Zucker.

Die Texte stammen aus: Michael Braun, Ralph Schock (Hg.), Nichts soll sich ändern. Michael Buselmeier zum 80. Geburtstag.
Mit freundlicher Genehmigung © Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

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erstellt am 06.11.2018

Michael Braun, Ralph Schock (Hg.)
Nichts soll sich ändern
Michael Buselmeier zum 80. Geburtstag
168 Seiten
ISBN: 978-3-88423-595-9
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

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