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Der 1967 geborene, in Berlin lebende Autor und Übersetzer Lothar Quinkenstein arbeitet gerade an einer Sammlung von kurzen Prosatexten. Faust-Kultur veröffentlicht daraus vier Geschichten. Die junge Kunstszene einer polnischen Stadt ist Schauplatz der dritten Erzählung: „Ein Abend im Mai“.

»Vier Geschichten vom Rand der Tage«

Ein Abend im Mai

Der kräftigste der vier jungen Männer, um dessen rechten Bizeps ein tätowierter Kranz aus türkisfarbenem Stacheldraht sich wand, kam auf ihn zu, verstellte ihm den Weg, streckte die Hand aus, als kenne man sich.
      Servus. Sag mal, ne Frage unter uns … du weißt, warum wir hier sind?
      Mit einer Kopfbewegung zeigte er auf die drei anderen, die auf dem Hofmäuerchen hockten, Zigaretten rauchten und die leeren Dziadunia-Flaschen und zerdrückten Tatra-Dosen betrachteten, die zu ihren Füßen in der Kamille lagen.
      Da er es durchaus nicht wusste, hielt er es, solange er bezüglich der Absichten der Herren im Dunkeln tappte, für sinnvoller, dies auch zuzugeben, anstatt durch Mutmaßungen womöglich Missverständnisse zu produzieren und am Ende noch für unnötige Verstimmung zu sorgen an diesem nicht anders als schön zu nennenden Abend im Mai.
      Wer kämpft denn heute? fragte der Tätowierte und drückte, als solle das die Denktätigkeit stimulieren, mehrmals die Hand, die er ohnehin schon fest genug hielt, um Herzschlag und Blutdruck auf die Sprünge zu helfen. Seine Miene jedoch, mit den hellblauen Augen und dem ausgesprochen sanften Zug um den Mund, verriet keinen Unmut, vielmehr war es der Ausdruck eines wohlwollenden Lehrers, der seinen Sorgenschüler gut genug kennt, um zu wissen, dass die richtige Antwort nur eine Frage der Geduld ist.
      Nichts anderes blieb übrig, als abermals seine Unkenntnis einzugestehen.
      Jetzt komm aber, schmunzelte der Hüne, schnalzte mit der Zunge, verstärkte noch einmal den Händedruck und zog ihn näher. An der Nasenwurzel ein winziger Pickel, in der linken Braue ein Narbenstrich. Und als der geduldige Lehrer sich nun anschickte, das Rätsel selbst zu lösen, wobei er den Unwissenden so nah an seine Lippen zog, als wolle er ihm zusammen mit der nötigen Unterweisung auch noch eine Zärtlichkeit zuteil werden lassen, nahm der Sorgenschüler den Alkoholdunst wahr, der die Worte weich umhüllte.
      Dann will ich dirs mal sagen: Andrzej Gołota kämpft heut Abend. Deshalb sind wir hier. Um ihn zu unterstützen. Verstehst schon, was ich meine.
      Das immerhin warf ein wenig Licht auf die Angelegenheit, und die Frage, die nun folgen musste – wen er denn als Sieger sich wünschen wolle in diesem Kampf –, konnte beantwortet werden, auch ohne dass er wusste, wer der Gegner war.
      Na siehst du, das hört sich ja schon besser an, lobte der Tätowierte. Und Gołota gewinnt auch, da gibts überhaupt nix. Nur müssen wir natürlich was tun, um ihn zu unterstützten. Verstehst schon, was ich meine …
      Abermals wies er mit einer Kopfbewegung auf die Freunde auf dem Mäuerchen.
      Und da die Solidaritätsbekundung nun einmal ausgesprochen war, wäre es eine Unhöflichkeit sondergleichen gewesen, so zu tun, als verstünde er nicht. Also zog er seinen Geldbeutel hervor – der Hüne löste, ihm das Hantieren zu erleichtern, seinen Griff – und händigte einige Münzen aus, die es ermöglichen würden, den moralischen Beistand zu entfalten.
      Bist`n Kumpel, klopfte ihm der Hüne zum Abschied auf die Schulter.
      Die drei rutschten von dem Mäuerchen, der Tätowierte boxte einem von ihnen väterlich in den Nacken, nahm einen zweiten behutsam in den Schwitzkasten, und sie entfernten sich Richtung Straße.
      Er steckte seinen Geldbeutel wieder ein, ging zum Hintereingang des Hauses, schob die ewig klemmende Tür auf, die sich nicht mehr schließen ließ, und stieg die Treppen empor.

Tobiasz! Was für eine Überraschung!
      Martyna gab ihm zwei duftende Wangenküsse.
      Andrzej arbeitet, aber du störst nicht. Komm … Magst du ein Bier? Was essen? Spiegelei? Butterbrot? Gurkensalat? Ein bisschen Żurek ist auch noch da …
      Aus dem Zimmer hörten sie Andrzejs Stimme:
      Für mich bitte auch ein Bier.
      Sie strich ihm übers Schulterblatt.
      Schön, dich mal wiederzusehen.
      Andrzej saß an der Staffelei, neben sich einen Hocker mit einem Arrangement, bestehend aus einem Topf, einer blau marmorierten Keramikschale, einem Glaskrug und zwei Zwiebeln, dessen Formen und Farben er im Begriff war, auf die Leinwand zu übertragen. In der offenen Balkontür bauschte sich die Gardine, auf dem zerschabten Parkett flimmerten die Schatten der Birkenzweige, eine Straßenbahn rumpelte Richtung Altstadt, und aus den Lautsprechern neben den Büchertürmen klang Richard Shindell, der in dieser Wohnung so manches Mal schon bis zum Morgengrauen gesungen hatte: „And the wind in the sycamores will carry me home …“
      Auftragsarbeit, erklärte Andrzej und klemmte, da die Linke die Palette hielt, den Pinsel zwischen die Zähne, um ihm die Hand zu reichen.
      Für den Herrn Direktor, nehme ich an.
      Andrzej nickte.
      Diesmal nach Makowski. Stillleben mit Zwiebeln. Und im Grunde darf ich dankbar sein. Nach so einem Bild kann ich mich wieder ein paar Tage lang meinen eigenen Sachen widmen. Der gute Mensch weiß ja gar nicht, welcher Verdienste um die Kunst er sich rühmen darf …
      Martyna reichte jedem eine Flasche schwarzes Fortuna-Bier.
      Soll für den bukolischen Palazzo in der Puszcza Notecka sein. Da hat er auch schon einen Nach-Mondszajn von mir hängen und einen Nach-Eleszkiewicz. Jetzt brauchte er noch was Kleineres für die rustikale Küche. Was so thematisch … na, Sie verstehen schon, Sie sind ja der Künstler von uns beiden … Da hab ich ihm Makowskis Zwiebeln vorgeschlagen. Und er war begeistert.
      Sie ließen die Flaschen klicken.
      Wohlsein. Weißt du …, Andrzej tupfte den Pinsel ins Blau, ich hab so oft darüber nachgedacht … wir sind im selben Alter, geboren in derselben Stadt, sind in dieselbe Grundschule gegangen, und heute ist er der Einbauküchenkönig, und ich befriedige seine ästhetischen Ambitionen. Wenn auch das ein Beweis dafür sein soll, dass die göttliche Vorsehung den freien menschlichen Willen nicht ausschließt, ist alles noch hundert Mal komplizierter, als wir es uns überhaupt vorstellen können.
      Das ist nicht sein erstes Bier heute, sagte Martyna.
      Und sicher auch nicht mein letztes. Und so klar im Kopf wie heute bin ich auch schon lange nicht mehr gewesen. Weißt du … wenn du es mal genau bedenkst … es hat seine eigene, höchst subtile Logik: Ein Original würde er sich nie kaufen, weil er zu geizig ist. Und eines meiner eigenen Bilder würde er nicht geschenkt haben wollen, weil ich kein berühmter Maler bin. Aber so, wenn er jedes Mal sagen kann, dass das eigens für ihn gemalt wurde, persönlich bestellt und maßgeschneidert, nach Kramsztyk, nach Żak, nach Mela Muter, nach Menkes … Seit ihm jemand gesteckt hat, dass das die Top-Namen in der polnischen Malerei der Moderne sind … jetzt kann er in seiner Direktorenclique mächtig Eindruck schinden. Ich bin sozusagen sein Hofmaler, und wenn er mich auch nie auf irgendeiner seiner Gemäldeenthüllpartys den erlauchten Herrschaften vorstellen würde, umgibt er mich trotzdem auf seine Weise mit der diskreten Aura anonymen Ruhms. So kehrt in unserer alt-jungen Demokratie im Zeitalter des späteren Früh-Kapitalismus ein Hauch von Feudalzeit zurück. Angesichts der eigenwilligen Liebe, die unser Land zu Thron und Altar hegt, ein geradezu betörender Gedanke. Und ganz zu schweigen erst vom unentwirrbar verwickelten Zusammenhang zwischen vermeintlich wenig origineller Auftragsarbeit und vermeintlich origineller Schöpfung unter dem Gesichtspunkt wachsenden Kunstverdrusses in der vermeintlich beseelten Seele des Künstlers. Das wäre wirklich wert, einmal in einem Essay beleuchtet zu werden. Vielleicht nicht unbedingt angeprangert, denn, wie gesagt, dankbar bin ich ja trotz allem, aber wenigstens beleuchtet, so ein bisschen von hier, ein bisschen von da, und ein bisschen von schräg unten …
      Dann nimm das doch mal in Angriff, schlug Martyna vor, und ihr Tonfall verriet, dass sowohl verwickelter Zusammenhang als auch Essay nicht zum ersten Mal erwähnt wurden.
      Liebend gern. Und ein Journälchen, das den kompromisslos ehrlichen Sermon abdruckt, denn anders als kompromisslos ehrlich würde ich es natürlich nicht machen, fände sich sicher im Handumdrehen, nur fehlt mir halt auch da wieder die Zeit. Wenn ich jetzt noch einen zweiten Mäzen hätte, dem ich zum Beispiel Reden schreiben könnte, um damit mein kompromisslos ehrliches Schreiben zu finanzieren. Aber das wäre dann schon fast des Glückes zu viel. Wird dem Menschen zu wohl, sticht ihn ja bekanntlich der Hafer, und er verlangt die Sterne vom Himmel. Aber reden wir nicht nur von mir. Erzähl, was du so treibst in der letzten Zeit. Alles beim Alten?
      Alles beim Alten. Das Kopierkabuff hält sich, jetzt kommt wieder die große Prüfungszeit, das sind die besten Wochen im Jahr, und wenn mir die Uni-Bibliothek nicht doch noch unerwartet kündigt oder irgendeine Unverschämtheit mit der Miete anstellt, wird’s schon irgendwie weitergehen.
      Andrzej ließ den Pinsel sinken, sann einem Gedanken nach, der in Richtung der gebauschten Gardine sich entfernte oder vielleicht von dort gekommen war.
      Martysiu … sag mal … warum haben wir eigentlich nie so was gemacht?
Was denn? wollte Martysia wissen.
      So ein Kopierkabuff oder so was Ähnliches. Was Lukratives halt.
      Andrzejku, ich bitte dich, du hast so viele lukrative Sachen gemacht.
Jetzt mach dich noch lustig …
      Von wegen lustig, ich mein das ernst. Wer hat denn den größten Teil von meinem Studium finanziert? Das warst doch du, mit deinen drei Dutzend Jobs. Bei meiner ewig verlängerten Magisterarbeit und dem ganzen Ärger. Und glaub bloß nicht, dass ich das vergessen habe.
      Er setzte den Pinsel an, tüpfelte am Rand des Hockers, ließ ihn wieder sinken.
      Nur kommen wir trotzdem auf keinen grünen Zweig. Ich kleckse Kopien, du jobbst für einen Hungerlohn in Kneipen. Ist das ein Leben? Wir sollten wirklich umziehen. Weg von hier. Nach Wrocław zum Beispiel. Agnieszka und Wojtek sind dort glücklich geworden. Haben die Kunst aus dem Findelheim geholt und sie dahin gedrückt, wo sie hingehört: ans unerschrockene Herz.
      Er setzte einen Hauch von Schatten auf die eine Zwiebelschale.
      Und wenn ich diesen Sommer wieder Vertretung in dem Künstlerbedarf-Laden machen könnte in der Urlaubszeit. Wären ja auch ein paar Kröten. Nicht viel, aber immerhin etwas. Und für den Umzug würde es reichen. Da könnten wir dann so Ende September, Anfang Oktober den Abflug machen. Und wenn wir uns erst ein bisschen eingelebt haben, kommt der Rest schon von alleine. Ist doch ein ganz anderes Leben dort, richtige Kunst-Szene, nicht dieses dämliche Provinzgetue hier, wo du keine Ausstellung bekommst, bevor du nicht dem Galeristen und mindestens drei Professoren von der Kunstakademie in den Arsch gekrochen bist. Diese ganzen Vernissagen, auf denen nur noch die alten Saufkumpel aus Studienzeiten aufkreuzen, weil`s was umsonst zu trinken gibt, und die verflossenen Geliebten des großen Genies, die sich noch mal erinnern wollen, wie romantisch das war in den ungeheizten Dachbodenateliers, bevor sie ihre Unternehmer geheiratet und ihre Steuerabschreibungsboutiquen eröffnet haben … Ist doch zum Davonlaufen.
      Hast ja Recht, Andrzejku, aber in Wrocław wird es ab und zu auch zum Davonlaufen sein. Und ob du den Job in dem Laden bekommst, ist ja noch gar nicht sicher.
      Klar. Überall ist es zum Davonlaufen. Die Frage ist nur, wie viele Stunden am Tag. Hier ist es rund um die Uhr zum Davonlaufen, dort gibt dir die Stadt Ateliers für`n Appel und `n Ei oder die ersten paar Monate auch gratis. Damit sie sagen können: Hier, schaut mal, bei uns gibt`s Leute, die machen was, die stellen was auf die Beine, und wir wollen, dass die bleiben. Wo sie hier alles tun, um dich wegzuekeln. Damit sie sagen können: Kuckt mal hier, alles proper bei uns, kein Künstler weit und breit, der sich bei der Denkmalenthüllung danebenbenimmt. Auf dein Wohl … Und wenn die Sache in Wrocław ein wenig in Schwung gekommen ist und die Bildchen sich nett verkaufen, schauen wir uns in den niederschlesischen Dörfchen nach einem Häuschen um, richten das hübsch her, und dann machst du deine Kopierbude dicht und kommst zu uns, und wir leben endlich so, wie sich das gehört … Und apropos Essay, er hob seine Flasche, um sie abermals klicken zu lassen, wenn sich dann erst mal rumgesprochen hat, wer da auf diesem Dörfchen lebt, und die Journalisten höflich bei uns anklopfen und fragen, ob sie uns eventuell bei der Arbeit zuschauen und vielleicht ein kleines Filmchen drehen dürfen, wiederholen wir unsere Aktion von neunundachtzig, in irgendeinem Wald da unten im Hirschberger Tal oder in irgendeiner Höhle oder sonst wo, damit die werte Nachwelt weiß, wem sie die wegweisenden Impulse zu verdanken hat.
      Neunundachtzig … meine Güte, ja … damals haben wir wirklich gedacht, wir heben die Welt aus den Angeln, was?
      Wenn du mich fragst, das haben wir exakt so gedacht. Wenigstens eine halbe Nacht lang. Aber du musst das alles aus dem richtigen Blickwinkel betrachten. Wir waren eine Avantgarde, die nicht nur den traditionellen Kunstbegriff abserviert hat, sondern das gesamte Publikum gleich mit. Nicht zu vergessen selbstverständlich die Anknüpfung an konspirative Traditionen, nota bene den Untergrund, ohne den bekanntlich keine geistige Erneuerung möglich ist. Aber das wäre schon ein Thema für mindestens zwei weitere Essays.
      Weißt du eigentlich, ob da noch irgendwas erhalten ist? Was aus den Fotos geworden ist oder aus dem Film?
      Den Film hat damals Przemek mitgenommen. Aber ob er den aufgehoben hat? Glaub ich eher nicht. Der rührt sich ja auch seit Jahren nicht mehr. Angeblich geht`s ihm blendend. Häuschen gekauft in Toronto, zwei Kinder, das waren so die letzten Gerüchte. Hat sich eingerichtet in der Neuen Welt. Und will wahrscheinlich nicht mehr erinnert werden an diesen prächtigen Sommer, als er völlig zugedröhnt durch den Bunker am Wisielcza-Hügel gestolpert ist und unser epochales Manifest verlesen hat, dass den letzten Fritzen-Gespenstern der Spaß am Spuken verging. Aber egal, sollen die Emporkömmlinge an fremden Ufern ihre Herkunft verleugnen, vergessen, verraten – uns kann das nicht davon abhalten, unsere Mission zu erfüllen. Wie unsere Kunstwerke heute, so unser Vaterland morgen, nicht wahr?
      Und interessieren würde mich ja auch, was aus dieser Asia geworden ist …
      Martysia seufzte.
      Jetzt geht das wieder los …
      Was geht wieder los?
      Die alten Herren erinnern sich an ihre wilden Zeiten. Soll ich so lang in die Küche gehen und was einkochen?
Martysiu, ich bitte dich, das ist doch was ganz anderes …
      Aber natürlich. Etwas ganz, ganz Anderes. Alle waren in diese Asia verknallt, die um ein Haar noch besäuselt mit der Kamera in einen Schacht gefallen wäre, und sich in diesem Bunker vollzudröhnen und ein kunstrevolutionäres Manifest zu verlesen, von dem außer den Verfassern niemand auch nur einen Schimmer hatte – das war so wahnsinnig gut und richtig, wie nie mehr später irgendetwas gut und richtig war …
      Andrzejek steckte den Pinsel in das Gurkenglas zu seinen Füßen.
      Kochanie, jetzt verstehst du uns wirklich falsch.
      Warst du etwa nicht in sie verknallt?
      War ich, klar. Waren wir alle. Völlig richtig. Und jeder hat gedacht, der andere hat was am Laufen mit ihr, und gelaufen ist gar nix. Aber Du bist doch jetzt nicht im Ernst eifersüchtig wegen dieser Geschichte von Anno Tobak? Asia hat vermutlich Karriere gemacht, als Multimedia-Künstlerin oder beim Fernsehen oder beides, und keinen einzigen von der Bunker-Manifest-Aktion hat sie damals auf ihre Warschauer Hochzeit eingeladen. So sieht die Wahrheit aus.
      Und wir sind drei Monate mit der Miete im Rückstand, und du träumst von einem Umzug. So sieht auch die Wahrheit aus.
      Ja, eben deshalb, verdammt. Eben deshalb müssen wir umziehen. Damit wir endlich mal auf die Beine kommen.
      Martysia nahm Andrzejek die Flasche Fortuna aus der Hand, klickte sie an seine Palette.
      Dann lass uns auf die Wahrheit trinken. Und hoffen, dass sie uns nicht den Hals bricht …
      Wenn es schon dramatisch werden soll, und um bei der Wahrheit zu bleiben … ich bräche mir ja lieber den Hals an der Illusion.
      Oder, begann Martysia, die die Flasche an den Gast weiter reichte, anstatt uns den Hals zu brechen, könnten wir auch etwas sozusagen ganz Anderes machen. Was würdest du davon halten?
      Käme darauf an, was das wäre.
      Wir organisieren zum Beispiel Kunst-Events zum Mitmachen, so eine Art Zrób-to-sam-Revival-Avantgarde…
      Bitte?
      Kunst zum Mitmachen.
      Andrzejek sah sie entgeistert an.
      Kunst zum was?
      Und das verbinden wir mit Touristik.
      Touristik? Das wird ja immer besser!
      Jetzt warte doch mal, ich finde, das klingt gar nicht so übel …
      Und du fall mir noch in den Rücken, Prost Mahlzeit, das sind mir die richtigen Freunde!
      Lässt du mich jetzt mal ausreden? … Wir inszenieren Happenings, und jeder darf dabei der Künstler sein. So wie du dich von einem Profi auf den Mount Everest schleppen lassen kannst, kannst du bei uns einen Nachmittag lang Duchamp oder Pollock sein. Das wird als Filmchen aufgenommen, das kriegen die Leute hinterher mit und können es dann bei der nächsten Party zeigen. Und das Ganze im Rahmen einer Erlebnistouristik bei Mutter Natur.
      Ich glaub`s ja nicht … Und ich soll da den Kunst-Animateur machen oder was? Action-Painting als Aerobic-Stunde oder wie? Das ist jetzt aber nicht dein Ernst?
      Mein voller Ernst. Kuck mal: Du malst Kopien für ein, sagen wir es vorsichtig, bescheidenes Honorar. Mit der Idee könntest du dich locker dumm und dämlich verdienen, und es würde genügen, ein oder zwei Mal die Woche ein paar Stunden dafür zu opfern. Den Rest mach ich dann schon. Das ganze Management, die Zimmervermietung und so weiter.
      Welche Zimmervermietung?
      Ich sagte doch, wir machen das als Erlebnistouristik, im Hirschberger Tal.
      Nee, Martysiu, nee, also wirklich, das geht jetzt entschieden zu weit. Ich zieh doch nicht ins Hirschberger Tal, um dort so einen Affenzirkus zu veranstalten.
      Andrzejku, ausgerechnet in dem Tal ist schon ein ganz anderer Affenzirkus veranstaltet worden. Ich sag nur Hermann Hendrich …
      Okej, von mir aus, aber nur weil dieser Kitschkopf dort seinen Nibelungen-Schrott gebaut hat, muss ich mich nicht zur Kunsthure machen lassen.
      Jetzt werd doch nicht gleich so melodramatisch.
      Andrzej sank in sich zusammen, seufzte.
      Du bist mein ältester Freund. Sag du was. Sprich ein Machtwort.
      Ich kann nur noch mal sagen, dass ich die Idee gar nicht so übel finde. Es geht doch nur darum, dass du dir Zeit und Mittel verschaffst, um dich endlich deinen eigenen Arbeiten widmen zu können, und dieser Weg scheint mir gar nicht so übel …
      Das hast du jetzt aber sehr schön gesagt. Und so verteufelt diplomatisch, wie es sich für einen alten Freund gehört. Weißt du was? Für diese wunderbare Antwort gehst du runter in den Laden, holst für jeden noch ein schwarzes Fortuna, und dann besprechen wir das in Ruhe. Vor allem würde mich ja brennend interessieren, Martysiu, najukochańsza, ob dir das gerade eben eingefallen ist oder ob du schon länger solche Ideen hast … Aber gut, vielleicht ist mit der Idee ja wahrhaftig was anzufangen, aber das muss vernünftig angepackt werden, mit Köpfchen und so, sonst geht das furchtbar in die Hose. Und glaubt bloß nicht, dass ihr mich schon breitgeschlagen habt, ihr Saboteure der fünften Kolonne des Kommerz.
Dann sei doch so lieb und bring noch ein Päckchen Butter mit. Fürs Frühstück …
      Ob er hier übernachten darf, muss erst noch entschieden werden … Komm her, Alter, lass dich drücken …

Das Licht im Treppenhaus war defekt. Am Geländer sich haltend, tastete er sich über die Stufen. Schob die klemmende Hintertür auf. Trat hinaus in die milde Nachtluft. Über den Dächern ein verschleierter Wonnemond.
      Gaukelte ihm das Bier etwas vor, oder roch es wahrhaftig nach Flieder?
      Wie aus dem Nichts stand der Tätowierte vor ihm.
      Gołota hat gewonnen, sagte er mit zärtlich verschwommener Stimme.
      Das muss gefeiert werden. Verstehst schon, was ich meine.

»Vier Geschichten vom Rand der Tage«

1. Geschichte: Das Geheimversteck
2. Geschichte: 1574

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erstellt am 05.11.2018

Lothar Quinkenstein, Foto: Adam Czerneńko

Lothar Quinkenstein, Foto: Adam Czerneńko

Vita

Lothar Quinkenstein

Geboren 1967 in Bayreuth, Studium der Germanistik und Ethnologie in Freiburg/Breisgau. Lebte 1994-2011 in Polen, seit 2011 in Berlin. Unterrichtet im Rahmen des Studienganges „Interkulturelle Germanistik“ am Collegium Polonicum in Słubice. Zahlreiche Beiträge – Lyrik, Prosa, Essay, Kritik – in deutschen und polnischen Zeitschriften: Sinn und Form, Ostragehege, Palmbaum, Signum, Krautgarten, Miasteczko Poznań, Borussia, Prowincja, Gazeta Malarzy i Poetów, kultura enter. Zuletzt in Buchform erschienen: mitteleuropäische zeit (Gedichte, Lyrikedition 2000, 2016). Übersetzer aus dem Polnischen.