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Die Liebe in Zeiten der politischen Parteilichkeit wird schnell zum Skandal, wenn der oder die Falsche geliebt wird. Es sei denn, die Liebesbeziehung wird wieder zur Handelsbeziehung. Was hat das bürgerliche Trauerspiel, das sich in Schillers „Kabale und Liebe“ darstellt, dem Publikum des Jahres 2018 zu sagen? Walter H. Krämer hat Jo Fabians Inszenierung in Cottbus gesehen.

»Kabale und Liebe« am Staatstheater Cottbus

Was Theater alles kann

Jo Fabian, seit der Spielzeit 2017/2018 Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus, ist in vielerlei Hinsicht ein Glücksfall für das Theater und die Stadt. Gleich in der ersten Spielzeit mit seiner Inszenierung von „Onkel Wanja“ – Drama in vier Akten von Anton Tschechow – für den Faust Theaterpreis 2018 nominiert, verschafft er dem Theater auch überregionale Aufmerksamkeit. Fabian hat ehrgeizige Pläne: mehr Kommunikation in die Stadt hinein, mehr Kommunikation in andere Erfahrungswelten. „Ich mache auch Theater für alle, die nicht gekommen sind“, sagt er.

An der Arbeit am Stadttheater interessiere ihn – nach 30 Jahren freier Arbeit an unterschiedlichen Orten – ein Aspekt ganz besonders: „Die Befriedigung einer Sehnsucht, die heute für mich heißt: Kommunikation. Und das finde ich auch künstlerisch interessant: Weil auch ein Text oder ein Stück eigentlich nur Teil eines Netzwerks ist, einer Expansion, die aus vielen Theatertexten besteht. Und das immer mit zu spiegeln, also, dass es nicht darum geht, das Einzelne an den Mann zu bringen, sondern einzubetten in andere Kontexte, in Zeitgefühl, in Wirklichkeitserfahrungen.“

Jetzt also Friedrich Schiller und sein bürgerliches Trauerspiel „Kabale und Liebe“. Die Inszenierung von Jo Fabian – eine überarbeitete Version seiner bereits in Mühlheim an der Ruhr uraufgeführten Fassung – wurde jetzt (am 13.10.) als erste Premiere der neuen Spielzeit in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus viel bejubelt.

Der Applaus galt besonders dem hervorragend aufgestellten und spielfreudigen Ensemble mit Sophie Bock als Luise Millerin, Boris Schwiebert als Ferdinand von Walter, Matthias Horn als Hofmusikant Miller, Michaela Winterstein als sein Frau, Thomas Schweiberer als Präsident von Walter, Amadeus Gollner als Sekretär Wurm und Annegret Thiemann als Lady Milfort.

Spielfreudiges Ensemble: „Kabale und Liebe“, Staatstheater Cottbus, Foto: Marlies Kross

Die Uraufführung von „Kabale und Liebe“ fand am 13. April 1784 in Frankfurt am Main statt. Zwei Tage später dann die Aufführung in Mannheim – vom Publikum begeistert aufgenommen. Der ursprünglich von Schiller gewählte Titel „Luise Millerin“ wurde auf Vorschlag Ifflands – August Wilhelm Iffland (1759 – 1814) war ein deutscher Schauspieler, Intendant und Dramatiker – durch „Kabale und Liebe“ ersetzt.

Eine Kabale ist eine Intrige, beziehungsweise ein Ränkespiel. Gemeint sind also im Verborgenen betriebene Machenschaften zur Erreichung niederträchtiger Ziele. Und das trifft den Kern des Trauerspiels sehr genau, und wir werden noch sehen, wie der Regisseur Jo Fabian dies in seiner Inszenierung unterläuft und für die Zuschauer*innen sichtbar macht.

Luise Millerin, Tochter des Stadtmusikanten Miller, liebt Ferdinand, den Sohn des Präsidenten von Walter. Eine Liebe, die von Beginn an viel Zündstoff bietet, – gehören doch beide unterschiedlichen Ständen an. So will denn auch noch Ferdinands Vater seinen Sohn mit der Maitresse des Herzogs, Lady Milford, verheiraten, was dieser jedoch brüsk zurückweist. Um dennoch dieses Ziel zu erreichen, fädelt Sekretär Wurm mit Billigung des Vaters eine Intrige ein. Unter Druck gesetzt – der Vater von Luise wurde in den Turm geworfen – diktiert Wurm Luise einen Brief, in dem sie sich über Ferdinand lustig macht und vorgibt, den Hofmarschall von Kalb zu lieben. Dieser Brief wird Ferdinand in die Hände gespielt. Rasant vor Eifersucht beschließt er, Luise zu vergiften.

Zu Beginn der Inszenierung erklingen volkstümliche Weisen der Gruppe „Kofelgschroa“ aus Oberammergau. Dazu schreiten die sieben Schauspieler*innen im Gegenlicht auf das feuerrote Podest. Das leicht reduzierte Ensemble – der Hofmarschall von Kalb ist gestrichen – setzt sich sodann auf die aufgereihten Stühle – ungefähr zwei Meter über dem Boden auf einer Art überdimensionaler Schublade. Die Personen sitzen nach sozialem Status getrennt. Rechts Präsident von Walter mit Lady Milford und seinem Sekretär Wurm, in der Mitte die Musikantenfamilie Miller mit Geigenkasten und verliebter Luise. Linksaußen Ferdinand – weit weg von Vater und Stand und ganz nah bei Luise.

Alle tragen historische Kostüme (Katharina Lautsch und Jo Fabian) und sind teils grell geschminkt. Besonders auffällig hierbei Ferdinand, der mit seinen wirren Haaren schon äußerlich bezeugt, dass er nichts von überlieferten Konventionen hält. Schillers Sprache wird systematisch mit Alltagssprache und Alltagsphrasen durchmischt – nicht nur deshalb heißt es ja auch konsequenterweise nach Schiller.

Jo Fabian erfindet das Theater zwar nicht neu, aber durch seine besondere Herangehens- und Umgangsweise mit dem Text und den Schauspieler*innen eröffnet er diverse Assoziationsräume und verabschiedet sich von einer konventionellen Erzählweise des Trauerspiels.

Besonderer Umgang mit dem Text: „Kabale und Liebe“, Staatstheater Cottbus, Foto: Marlies Kross

Im württembergischen Arrest entworfen hat es der erst dreiundzwanzigjährige Schiller. Und es ist eindeutig gegen den selbstherrlichen Despotismus des Fürsten gerichtet. In einer Szene klagt der Kammerdiener vor Lady Milford den Verkauf von siebentausend Landeskindern als Soldaten nach Amerika an – darunter auch zwei seiner Söhne: „Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch‘ vor die Front heraus und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? – aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster spritzen, und die ganz Armee schrie: Juchhe nach Amerika!“.

Wie das Ensemble mit dieser Szene umgeht, ist großartig und thematisiert neben der inhaltlichen Seite auch gleich – ganz im postdramatischen Duktus – das Umgehen des Theaters mit Texten. Lady Milford tritt aus ihrer Rolle heraus, und Annegret Thiemann beklagt jetzt als Ensemblemitglied vor dem erstaunten Publikum die Streichung dieser Szene. Einer Szene, die wahrhaft politischen Sprengstoff biete und die ganze Grausamkeit und Willkür des Fürsten gegenüber seinen Untertanen bezeuge. Ihrer Meinung nach müsse diese Szene unbedingt gespielt werden. Da das jedoch nicht der Fall sei, müsse das Publikum davon wenigstens in Kenntnis gesetzt werden. Nach und nach steigen auch die anderen Schauspieler*innen in die Diskussion ein, und im Nu öffnet sich der Blick auf vergleichbare Vorgänge heute. Da kommt uns Schiller und die Inszenierung ganz nah.

Eifersucht, Besitzansprüche an die Liebste – Ferdinand zeigt, wie zerstörerisch das sein kann und wie empfänglich man dadurch wird für ein Ränkespiel mit Fake News. Selbst als ihm die Lügengeschichten offenbart werden – Ferdinand hört nicht mehr zu. Er ist in seinem Wahn und seiner Eifersucht gefangen. Wie der Schauspieler Boris Schwiebert das deutlich macht, ist beeindruckend. Mitten auf der Bühne sitzt er auf einem Stuhl und schreit mehrmals laut und herzzerreißend den Namen des vermeintlichen Nebenbuhlers von Kalb. Man empfindet den Schmerz fast körperlich mit als Zuschauer. Dann ändert sich der Gesichtsausdruck und sein Entschluss scheint gefasst: Luise muss sterben.

Die Spielweise und Figurenzeichnung von Boris Schwiebert als Ferdinand ist ein Ereignis. Seine Verformung durch die Verhältnisse am Hof hat sich in seinen Körper eingeschrieben. Er windet sich, verrenkt sich und brüllt beim vermuteten Liebesbetrug wie ein wild gewordener Stier. Auch seine Sprache verändert sich. Anfangs noch stotternd, gewinnt er in den Auseinandersetzungen mit seinem Vater zunehmend an Größe, Selbstbewusstsein und sprachlichem Ausdruck. Der Schauspieler selbst beschreibt seine Figur so: „Dieser Ferdinand ist ein Filou, naiv, ausgeflippt und frech genug, die pure Liebe zu leben. Und er ist auch Punk genug, um auf alle Konventionen zu pfeifen.“

Ferdinand lehnt sich auf gegen allzu starre Konventionen des Adels und fordert doch gleichzeitig bedingungslose Liebe von Luise. In der Inszenierung ist diese Stelle sinnigerweise unterlegt mit einem Song (Stein um Stein) der Gruppe Rammstein „Stein um Stein mauer ich dich ein. Stein um Stein. Ich werde immer bei dir sein“ und weist auf die Widersprüchlichkeit der Figur hin.

Konflikte bleiben nicht außen vor: „Kabale und Liebe“, Staatstheater Cottbus, Foto: Marlies Kross

„Mein Herz brennt“ ist ein weiterer Song der Gruppe, der Bestandteil der Inszenierung ist. Auch damit schlägt die Inszenierung einen Bogen in die Jetztzeit. Öffnet sich und thematisiert ein jugendliches Lebensgefühl: Wie wollen wir leben, lieben. Wie können wir uns von vermeintlichen Fesseln befreien und einen eigenen Weg finden für unser Leben.

Die gesellschaftlichen Konflikte und Themen bleiben nicht außen vor. So auch bei der flammenden Rede von Luise an das Publikum als Antwort auf eine Bemerkung von Lady Milford, in der sie ihrer Hoffnung auf eine freie und gleiche Gesellschaft Ausdruck verleiht. Hier spürt man die (anfängliche) Begeisterung Schillers für die Französische Revolution. Wenn dann im Hintergrund die rote Fahne geschwenkt wird, ist dies ein weiteres Zeichen für den immerwährenden Kämpf um Gleichheit, Freiheit Brüderlichkeit und die noch vorhandene Utopie einer gerechten Gesellschaft.

So gibt es immer wieder Verweise auf die Geschichte und Entstehungszeit des Trauerspiels. Gleichzeitig gelingt es dem Regisseur mit dem hervorragend aufgestellten Ensemble, das Stück in die Gegenwart zu holen. Den Klassiker interessant zu halten und ihn nicht als museales Schaustück zu bieten.

Die Inszenierung wirbelt die Sichtweisen durcheinander. Und sie bietet in einer Art Traumspiel mehrere Schlussvarianten an. All das, was man sich erträumen kann, wird wahr. Die Ständeordnung ist aufgehoben. Die Liebe zwischen Ferdinand und Luise mit einem langen Kuss besiegelt. Im Hintergrund steigt ein weißer Heißluftballon auf.

In der Inszenierung kommt alles vor: die Anliegen des Sturm und Drang, klassenkämpferische Momente, Hinweise auf einen Überwachungsstaat, Auflehnung gegen die Eltern, Aufruf zum Sturz des Fürsten und vor allem Theater in vielfältiger Form.

Man kann erleben, was Theater alles kann mittels Musik, Tanz, Schauspiel, Choreographie, Beleuchtung und Kostümen. Dabei entwickelt die Inszenierung einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Und Theater kann – so der Regisseure und Schauspieldirektor Jo Fabian zum „Trainingsplatz von Wahrnehmungsmöglichkeiten der Wirklichkeit“ werden. Zeit und Platz also für eine andere Art des Verstehens mit allen Sinnen und Empfindungen mittels lustvoller Bilder, schauspielerisch durchdachter Situationen und dem Einsatz von nonverbalen theatralen Mitteln.

Wenn alle Schauspieler*innen sich am Ende wieder oben auf der Rampe befinden – diesmal nicht nach Ständen geordnet – und noch einmal tanzend die Geschichte durchbuchstabieren, dann geht ein ereignisreicher und inspirierender Theaterabend zu Ende.

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erstellt am 30.10.2018

„Kabale und Liebe“, Staatstheater Cottbus, Foto: Marlies Kross

Schauspiel nach Friedrich Schiller

Kabale und Liebe

Regie, Bühne und Kostüme Jo Fabian
Kostüme Katharina Lautsch
Dramaturgie Wiebke Rüter

Besetzung: Luise Sophie Bock, Millerin Michaela Winterstein, Miller Matthias Horn, Ferdinand Boris Schwiebert et al.

Staatstheater Cottbus