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Albert Drach, 1902 in Wien geboren, 1995 in Mödling gestorben, hatte wegen seiner jüdischen Herkunft – Vater aus sephardischem, Mutter aus askenasischem Haus – vor allem im französischen Exil während der deutschen Besetzung ein riskantes Leben, schrieb Romane, Erzählungen, Dramen, Essays und Gedichte. Jetzt hat das Wiener Theater Nestroyhof/Hamakom einen Drach-Schwerpunkt aufs Programm gesetzt. Elvira M. Gross hat sein „Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ gesehen.

Neuinszenierung in Wien

Den Wurschtl kann keiner erschlagen

Dass dem Werk Albert Drachs (1902–1995), im besten Sinne ein Nachfolger Nestroys, der Herbst 2018 im Nestroyhof gewidmet wird, hat einen besonderen Reiz. Den Auftakt bildet die Inszenierung von Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot in der Regie von Ingrid Lang. Drach hatte die erste Fassung des Stücks 1935 – in der Schuschnigg’schen Ära der Zwischen(kriegs)zeit – geschrieben, es handelt von dem wahnwitzigen Aufstieg eines seelenlosen Populisten, Kasperl, später nennt er sich Siebentot, der seine Macht direkt aus der Macht der Dummheit bezieht. Auslösendes Moment für die Beschäftigung mit der „Banalität des Bösen“ war die Lektüre von Hitlers Mein Kampf in der von Rudolf Hess noch nicht redigierten Urversion. Drach war schockiert von der Dümmlichkeit des Textes, bezeichnet Hitler fortan als „Wurstel“, österreichisch für Hanswurst, der, wie es in seiner autobiographischen Schrift „Z.Z.“ Das ist die Zwischenzeit heißt, „aus den Plattheiten des Pöbels seinen Geist zur Macht bezog“. Das ließ den jüdischen Autor und Juristen, bekannt für seinen ausschweifend sarkastischen Protokollstil, nicht mehr los. Viele Male hat er sein „Wurstelstück“, wie er selbst es bezeichnete, überarbeitet, doch wurde es bislang nur zwei Mal aufgeführt: Nach der Uraufführung 1967 in Darmstadt gab es 1993 eine wenig beachtete Inszenierung im Wiener Volkstheater, das sich derzeit wieder neu zu erfinden sucht. Das Volk. Aber zurück zu Drach.

Dieses Stück spielt immer und überall, besonders heute und hier.

Drachs Kasperl ist eine zunächst leblose Schaubudenfigur aus Watte und Sägespänen mit einem eingebauten Mechanismus, der ihm das Sprechen, zumindest Nachplappern, ermöglicht. Allerdings braucht er dafür das Blut des Volks. Die schaulustigen Leute geben es ihm ohne viel nachzudenken, kost‘ ja nix. So ist ein Pakt mit dem Teufel geschlossen, und niemand kann diese Marionette des Dummbösen mehr aufhalten. Zum Leben erweckt ihn die naiv fabelhafte Liebe seiner Gefährtin Amanda, ihm in blindem Gehorsam zugetan. Ein weiteres Märchenmotiv kommt ins Spiel, wenn Kasperl alias Meister Siebentot sich nunmehr als Schneiderlein verdingt, um den Leuten ihre Narrenkleider anzumessen: „Kann sie es nicht tragen, dann trägt es sie“. Siebene auf einen Streich erschlägt er, bekommt dafür Königstochter und -reich, da er, ganz Spiegel der Ängste des Volks, diese Riesen, von denen nur die Schatten zu sehen sind, erschlagen hat. Dafür braucht es keine Strategie, man muss die Dinge nur geschickt einfädeln: „Wenn eine neue Mode aufkommt oder bloß eine neue Moral, kann aus einer Schande noch eine Ehre werden.“ Sätze wie diese. Hier wie da. Erschreckend zeitlos.

„Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“, Theater Nestroyhof Hamakom, Foto: © Marcel Köhler

Ingrid Lang inszeniert das trotz seiner Einfachheit durchaus fordernde Stück als groteske Revuenummer mit klassischen Bühnenelementen (Bühne: Vincent Mesnaritsch) – dankenswerterweise ohne ausgewiesene Konkretismen auf die derzeitige politische Lage. Dadurch wirken die Zitate zeitlos beklemmend. Die drastischen Drach-Sätze werden von ihren Trägern (Kostüm: Aleksandra Kica) inkorporiert, sie marschieren auf als Lehrer, Schuster, Prostituierte, Soldaten und sind nichts als was sie sagen, was wiederum nichts ist als systemgewordenes Klischee. Grandios eindringlich sind die beiden Hauptdarsteller, der als Weißclown geschminkte Matthias Mamedof als Kasperl sowie Eva Mayer in ihren wechselnden Rollen der Amanda als Sängerin, Tänzerin, Krankenschwester, Kellnerin und Königstochter.

Albert Drach, der erst im Alter von 86 Jahren für sein literarisches Schaffen unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis gewürdigt wurde, wusste pointiert zu illustrieren, wie sehr Sprache eine soziale Praxis ist, die alles andere überformt. Moral à la mode, sie kommt, sie geht, kehrt wieder.

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erstellt am 25.10.2018

Albert Drach, Foto: © Privat
Albert Drach, Foto: © Privat
16. Oktober – 21. November 2018

Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

von Albert Drach

Regie: Ingrid Lang
Bühne: Vincent Mesnaritsch
Kostüm: Aleksandra Kica
Musik: Karl Stirner

Mit: Rainer Doppler, Aladin Gamian, Thomas Kamper, Sören Kneidl, Thomas Kolle, Matthias Mamedof, Eva Mayer, René Rebeiz, Markus Schramm und Roswitha Soukup

Theater Nestroyhof Hamakom, Wien

Drach-Schwerpunkt in Wien

Weitere Termine

29. Oktober 2018, 20:00 Uhr:
Szenische Einrichtung von drei Erzählungen von Albert Drach: IA, UND, NEIN
mit: Thomas Kamper, Inge Maux, René Rebeiz

5. November, 20:00 Uhr:
Buchpräsentation von Werk 9 der Gesamtausgabe von Albert Drach
Gespräch mit Herausgeber Gerhard Fuchs und Alexandra Millner(Leiterin des Projekts ALBERT DRACH WERKE)

12. November, 20:00 Uhr:
Szenische Einrichtung von drei Erzählungen von Albert Drach IA, UND, NEIN

17. November, 20:00 Uhr:
Ein Abend zu Albert Drach mit Drach-Biografin Eva Schobel

Weitere Informationen