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Es ist keine ontologische Konstante aus dem Stamm der ‚ewigen Wahrheiten’. Calderóns Fragestellung: Das Leben ein Traum. Es ist eine Einsicht, die sich jeder Epoche neu stellt. Und: der sich jede Epoche neu zu stellen hat.
Die Wirklichkeit der Fiktion. Oder: die Fiktion der Wirklichkeit. Oder eben: das Leben ein Traum. Der Mainzer Regisseur K. D. Schmidt hat sich in seiner Calderón-Inszenierung dieser Einsicht gestellt. Er hat der Versuchung einer (platten) Aktualisierung ebenso widerstanden wie einer histori(sti)schen Darstellung. Die Kostüme sind hübsch barockisierend. Die Sprache gegenwärtig. Die Figuren werden glaubhaft.

Calderóns Stück aus dem 17. Jahrhundert in Mainz

Ein Traum, im Theater gespielt

I

Eine Weissagung vor seiner Geburt hatte prophezeit, dass Sigismund seine Mutter töten und später ein tyrannischer Herrscher werden wird. „Die Sterne lügen nicht.“ Die Mutter stirbt tatsächlich bei seiner Geburt. Den Rest der Weissagung will sein Vater, der polnische König Basilius, sich und seinem Volk ersparen. Er lässt das Kind wegsperren. Ein Stück vorgenommener Kaspar Hauser. Das Volk weiß nichts von der Existenz des Prinzen. Und der nichts von – seinem – Volk.

Kein Turm, wie im Original und den späteren deutschen Bearbeitung von Grillparzer und Hofmannsthal („Der Turm“), sondern nur ein kahler Baum auf leerer Bühne. Ein langes Seil, am Baum und an einen Fuß des Prinzen befestigt. Der Bewegungsspielraum des polnischen Thronfolgers ist sichtbar begrenzt. Ein Gefangener, der wie ein Affe auf dem Baum hockt. Was er von der Welt weiß, das hat er von seinem Lehrmeister Clotaldo erfahren, der ihn erzieht und züchtigt und zugleich gefangen hält.

Bis Rosaura, als Mann verkleidet, und Clarin vom Baum, wie vom Himmel fallen, und das Spiel beginnen kann. Wer das Geheimnis des Ortes entdeckt, das Versteck des Kronprinzen, ist des Todes. War des Todes. Denn Basilius, dem König, waren Zweifel gekommen. Und hier kommt der russische Anteil an der polnischen Geschichte ins Spiel.

Pathetischer Ernst und philosophische Komik: „Das Leben ein Traum“, Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

II

Es wird Goethe nachgesagt, er habe Calderón das Genie genannt, das zugleich den größten Verstand habe. Vermutlich bezog sich Goethe dabei auf das Kant’sche Verständnis von Genie, wobei die Natur der Kunst die Regel gibt. Verstand gehört da tatsächlich nicht dazu. Man kennt ja, bis heute, diese schlichten Gemüter, die kaum bis drei zählen können, aber als große Künstler bedeutende Werke schaffen. Calderón aber wäre, Goethe zufolge, beides gewesen, Genie und zugleich das Gegenteil von einem Tropf.

Die Probe aufs Exempel lässt sich machen mit seinem Stück „Das Leben ein Traum“ („La vida es sueno“). 1635 wurde es an der Königlichen Palastbühne in Madrid uraufgeführt. Keine zwanzig Jahre, 1654, folgt bereits die erste deutsche Aufführung in Hamburg. Interpreten sprechen zurecht von pathetischem Ernst und philosophischer Komik. Aus dieser Spannung resultiert übrigens auch die fortwährende, sich stets erneuernde Aktualität.

K.D. Schmidt, der Calderóns Stück bearbeitet und in jetzt am Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters Mainz inszeniert hat, sucht die Balance zwischen den Extremen zu halten. Er arbeitet mit aktuellen Kalauern und lässt zugleich den Reifeprozess des Prinzen einleuchtend erscheinen, er betont die existentielle Härte und den barocken Spaß. Und seine Truppe, allen voran Martin Herrmann, Sigismunds Aufpasser, und Sigismund selbst, Daniel Mutu, bringt es überzeugend auf die Bühne.

III

Das Leben ein Traum. Neben der Geschichte, die uns Calderón, über Jahrhunderte hinweg, erzählt, stellt er uns seitdem zugleich vor ein Rätsel. Man darf auch von Paradox sprechen: denn wenn das Leben ein Traum ist, dann ist konsequenterweise der Traum Wirklichkeit. Was wirklich wirklich ist, ist kaum noch ausmachen. (Man könnte, muss aber keineswegs, hier an den amerikanischen Suppenkasper denken, der sich eine Welt zurechtträumt und damit Realitäten schafft, die allerdings eher Alpträumen gleichen.)

Barocke Kostüme und gegenwärtige Sprache: „Das Leben ein Traum“, Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

IV

Basilius hatte das Dilemma seiner Nachfolge dadurch lösen wollen, dass er – statt seines Sohnes – die Kinder seiner Schwester, den Herzog von Moskau, Astolf, und Estrella auf den polnischen Thron setzen wollte. Doch kommen ihm Zweifel.

Um seinen Sohn auf die Probe zu stellen, lässt Basilius ihn für einen Tag als Herrscher agieren. Verhält er sich wie vorhergesagt, wird man erklären, dass alles ein Traum gewesen sei. Verhält er sich anständig, so soll er König werden. Sigismund erfüllt jedoch die Prophezeiungen und gibt sich als Tyrann. Und muss dann erkennen: alles war ein Traum. Doch hat er aus diesem Traum, der keiner war, dennoch gelernt.

Nur Basilius hatte seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das polnische Volk weiß jetzt um den Thronfolger und will (wohlgemerkt schon 1635) keine russischen Herrscher.

Das Volk ruft zum Aufstand auf und Sigismund zum Anführer aus.
„Ihr wollt, dass ich noch einmal eine Größe träume, die dann die Zeit ins Nichts auflöst?“

Doch dann erkennt er: „Nein, ich weiß, das alles hier ist nur Traum.“ Ja, er meint sogar: „Ich weiß, dass das Leben nur Traum ist.“ Auch die weiteren, aus Moskau importierten Verwicklungen werden von dem polnischen Thronfolger zur allgemeinen Zufriedenheit aufgelöst.

Schmidt, der die Vorlage ordentlich bearbeitet, stark gekürzt und geringfügig modernisiert hat, vertraute zurecht dem Gehalt Calderóns: der Realität von Fiktion. Der durchwegs überzeugende Daniel Mutlu, als Sigismund, lebt in zwei Welten, von denen die eine so unwahrscheinlich ist wie die andere. Er erkennt, „alle träumen ihr Leben nur, auch wenn sie es nicht begreifen.“

Und Clarin, ein Diener, fragt noch weiter: „Und wenn der Traum selbst nur ein Traum ist? Was dann?“ Mit Descartes (Ich denke, also bin ich.) ist man noch nicht aus dem Schneider.

V

Keine grandiose, doch eine gelungene Inszenierung. Kein stürmischer, doch ein kräftiger Beifall.

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erstellt am 23.10.2018

„Das Leben ein Traum“, Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

Theater

Das Leben ein Traum

nach Pedro Calderón de la Barca (1635)

Inszenierung K.D. Schmidt
Bühne Valentin Köhler
Kostüme Lucia Vonrhein

Besetzung: Basilius, König von Polen Armin Dillenberger; Sigismund, sein Sohn Daniel Mutlu; Clotald, Sigismund Aufseher Martin Herrmann; Estrella, Nichte des Königs Gesa Geue; Rosaura, eine junge Adlige Kruna Savić u.a.

Staatstheater Mainz