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Zur Eröffnung der neuen Saison zeigt das Stuttgarter Ballett Choreographien von John Cranko, George Balanchine und Natalia Makarova nach Marius Petipa. Der mit „Shades of White“ überschriebene Ballettabend steht im Zeichen von Tradition und Eleganz, berichtet Thomas Rothschild.

Ballett

Geordnete Welt

Wenn der neue Intendant des Stuttgarter Balletts Tamas Detrich mit seinem Eröffnungsabend ein Zeichen setzen wollte, dann war es ein Bekenntnis zur Tradition. Unter dem programmatischen Titel „Shades of White“ beherrschen das kurze, abstehende Tutu und der Spitzentanz fast drei Stunden lang die Bühne, erst in einer Choreographie des Hausheiligen John Cranko, dann in einer rekonstruierten Choreographie von Marius Petipa, am Ende schließlich mit George Balanchine.

Schlüsselbegriff dieses Abends könnte „Eleganz“ sein. Und damit ist auch schon benannt, was ihn auf geradezu provozierende Weise unzeitgemäß erscheinen lässt. Während im Sprechtheater und ansatzweise auch in der Oper Trash und Groteske mehr und mehr zum Dogma gerinnen, ist hier die bürgerliche Weltordnung noch nicht angenagt. Die Grundstruktur liefert die eindeutige Geschlechterverteilung, in der Frauen durch Anmut betören und Männer um sie werben. Ein Dazwischen gibt es nicht. Von „queer“, das zurzeit jede zweite Performance im konjunkturell begünstigten Theaterbereich zur Norm erhebt, findet sich hier keine Spur. Wenn im Ballett Geltung hätte, was die Transgender-Gemeinde der Schauspielerin Scarlett Johansson auf drastische Weise klar zu machen versucht hat, dass man auf der Bühne nur darstellen dürfe, was man ist – der Weiße einen Weißen, der Indogene einen Indogenen, der Homosexuelle einen Homosexuellen –, wären die Tänzerensembles bald radikal verkleinert.

Und weil es hier mehr um klassisches Ballett für Kenner als um Erfindung und Erneuerung geht, bekamen die Stuttgarter Stars, aber, zu Recht, auch das Corps de ballet viel Szenenapplaus für Sprünge und technische Perfektion. Ballett ist eben auch ein wenig Zirkus, plus Schönheit, versteht sich.

Szenenapplaus für Sprünge: Ballettabend „Shades of White“, Foto: Stuttgarter Ballett

Nach Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ – nämlich von Mozart, und vom Staatsorchester unter der Leitung des auf Ballettabende abonnierten James Tuggle hingebungsvoll aus dem Graben nach oben transportiert – hätte das Motto „Alles Walzer“ lauten können. Natalia Makarova hat „Das Königreich der Schatten“ aus „La Bayadère“ von Marius Petipa, dem legendären Choreographen des 19. Jahrhunderts, aus dem Jahr 1877 (!) zur ziemlich klischeehaften, aber funktionalen Musik von Ludwig Minkus mitsamt historisierendem Bühnenbild-Kitsch zu neuem Leben erweckt. Durfte sich bei Cranko der männliche Teil der Compagnie präsentieren, so waren nun die Damen an der Reihe, die anfangs schier endlos, wie die Menschen aus der Schiffskabine in „A Night at the Opera“ der Marx Brothers, aus der Kulisse sprudelten. In Balanchines „Sinfonie in C“ – diesmal nicht von Mozart, sondern von Bizet, den das Orchester freilich, zumal im vierten Satz, mit Mozartscher Leichtigkeit interpretiert – herrscht das Prinzip der Symmetrie, das definitiv bestätigt: wir leben in einer geordneten Welt. Ein Bekenntnis zum Beginn der neuen Intendanz?

Angela Reinhardt erklärt in einem kenntnisreichen Aufsatz im Programmheft die geschichtliche Bedeutung der drei Ballette. Vielleicht sollte man sich den „Shades of White“ in adäquater Weise nähern: wie einem Museumsbesuch. In Wuppertal werden andere Debatten geführt. Immerhin, vergessen wir nicht: unter Tamas Detrichs Vorgänger John Cranko galt das Stuttgarter Ballett als Avantgarde, als Speerspitze der Erneuerung des Tanztheaters. Etwas davon wäre, durchaus neben der Traditionsbewahrung, schon erfrischend. Die Saison hat gerade erst begonnen. Warten wir‘s ab.

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erstellt am 15.10.2018

Ballettabend „Shades of White“, Foto: Stuttgarter Ballett

Ballettabend in Stuttgart

Shades of White

Musikalische Leitung James Tuggle

„Konzert für Flöte und Harfe“, Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Choreographie: John Cranko

„Das Königreich der Schatten“, Musik: Ludwig Minkus, Choreographie: Natalia Makarova nach Marius Petipa

„Sinfonie in C“, Musik: Georges Bizet, Choreographie: George Balanchine

Stuttgarter Ballett