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Zur Eröffnung der „Langen Nacht der Demokratie“ in der Evangelischen Stadtakademie München hielt die Schriftstellern Lena Gorelik ein engagiertes Plädoyer, jeden Tag aufs Neue für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie zu kämpfen. Faust-Kultur dokumentiert Goreliks Rede.

Rede zur Demokratie

Wir alle können etwas tun

Demokratie ist einer dieser riesengroßen Begriffe. Sie klingen groß, aber erzählen Vages. Man nimmt sie – wenn man denn das Privileg hat, in einer demokratischen Gesellschaft aufzuwachsen – hin, wie man auch die Liebe der Eltern hin nimmt, als hätte man ein Anrecht darauf, als wäre sie eine geborgenheitspendende Selbstverständlichkeit ohne spürbaren Wert. Der Glaube an die Demokratie (wie an die elterliche Liebe) muss nicht einmal ein Glaube sein, er ist ein gefühltes Wissen: Dass sie währt. Wir leben in einer Demokratie, ist kein Satz, den man lernt, in Frage zu stellen; das ist das Schöne an ihr, und vielleicht ein systemimmanentes Problem.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, dass Sie diesen Moment suchen, diesen Wendepunkt, an dem die kleinen Risse zu einer Spalte wurden, zu diesem nicht mehr zu übersehenden Loch in der Geborgenheit unserer demokratischen Gesellschaft? War es, als ein instinktgetriebener, narzisstischer, nicht gerade von Intelligenz gesegneter Populist, der am Liebsten Autokrat wäre, demokratisch zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde? War es, als eine Partei, bei der man darüber streiten könnte, ob sie noch als rechtspopulistisch zu bezeichnen wäre, oder bereits als rechtsradikal, als drittstärkste Kraft in den deutschen Bundestag einzog? War es, als unsere Sprache nach rechts zu driften, und damit zu verrohen begann, als Wortzusammenstellungen wie „kulturelle Schließung“, „Asyltourismus“, „Überfremdung“ Teil unserer Debattenkultur wurden? War es vor zwei Wochen erst, als Demonstranten in Chemnitz, die den Hitlergruß zeigten und „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ skandierten, von Politikern weiterhin als „besorgte Bürger“ bezeichnet wurden; als der Mann, der den Posten des obersten Verfassungsschützers inne hat, die Echtheit eines Gewalt-Videos in einer Boulevard-Zeitung anzweifelte, ohne auch nur einen einzigen Beweis für seine Zweifel zu erbringen? War es, als andere Parteien nachzogen, oder als der Bundesinnenminister die Migration zur Mutter aller Probleme auserkor? Und damit ein Fünftel der Bürger dieses Landes zu Problembürgern machte, ihnen mit einem einzigen Satz das Gefühl der Zugehörigkeit entzog?

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie das Gefühl haben, dass sich all diese Ereignisse und Zeichen und Unstimmigkeiten und Schrecken verdichten, dass die Abstände zwischen den einzelnen Grenzüberschreitungen, dieser dünnen, und so bedeutsamen Grenze dessen, was noch demokratisch ist, immer kleiner werden? Haben Sie auch manchmal Angst, Nachrichten zu lesen? Ich würde gerne sagen, ich bin auch eine besorgte Bürgerin, eine, die um unsere Demokratie und unser Miteinander besorgt ist, um die Gesellschaft, in der ihre Kinder aufwachsen, aber ich bin nicht mehr besorgt und ich bin nicht mehr schockiert. Ich weiß noch nicht mal mehr, ob ich noch wütend bin. Ich bin eigentlich panisch, wenn ich mir vor Augen führe, mit was für einer Geschwindigkeit sich in unserem Land Grenzen des Sagbaren und Definitionen verschieben. Diese unbestimmte, blinde Angst, die in parlamentarischen, öffentlichen und immer mehr auch alltäglichen Debatten die Richtung bestimmt, dieser instrumentalisierte Hass, der Gewalt provoziert und konstruktive Gespräche erstickt, diese Möglichkeit des Vergessens; was war, und was geschehen kann, des Vergessens einer gemeinsamen Zukunft. Einer Einigkeit auf Demokratie.

Geht es Ihnen auch so, dass Sie manchmal nicht mehr wissen, was Sie tun können um zu verhindern, was gerade geschieht? Waren Sie auch alle auf der „Ausgehetzt“-Demonstration, standen Sie da auch, wie ich, im Regen und haben sich so wahnsinnig gefreut, dass wir so viele sind, dass wir mehr sind? Und hatten Sie dann nicht ein paar Tage, ein paar Wochen später, als Sie die Nachrichten lasen, auch das Gefühl, dass es vielleicht nichts bringt, wenn wir im Regen nebeneinander stehen und uns gut fühlen, weil wir so viele und vielleicht mehr sind, aber die Grenzen sich weiterhin verschieben? Ich bin nach Chemnitz gefahren, zu diesem „wirsindmehr“-Konzert, das die AfD sofort als „linksradikal“ abstempeln wollte, weil sie herausgefunden hat, dass sich mit Stempeln gut arbeiten lässt, ich bin dorthin gefahren, weil ich nicht glauben konnte und wollte, was ich in den Tagen zuvor gelesen und gesehen habe, wie eine Wahnsinnige, jedes Video, jeden Artikel, immer und immer wieder, weil ich selbst sehen wollte, was Chemnitz ist. Irgendwann auf dem Konzert, das so gar nicht linksradikal war, brüllten alle „Nazis raus“, da brüllte ich mit, und da war er wieder, dieser Moment, sich nicht alleine fühlen, denken, sprechen, und da dachte ich, dass die anderen wahrscheinlich genau dieses Gefühl suchen, das Nicht-Alleine-Sein. Und dann dachte ich, Spaltung, da ist sie, diese Spaltung der Gesellschaft, und dann wollte ich aufhören zu denken, zu analysieren, und der letzte Gedanke, bevor ich nur noch schrie und hüpfte, war der, dass sie das vielleicht auch wollen: Aufhören zu denken. Es fühlte sich gut an, auf diesem Konzert in Chemnitz zu sein, und mehr zu sein, oder sich mehr zu fühlen, aber später an jenem Abend sprach ich mit Menschen, mit Kulturschaffenden, die, wie sie sagten, dort bleiben würden, „auch wenn die Kameras weg seien“, und sie sagten, dass ich nicht wisse, wenn ich morgen wieder nach München fahre, wie es sei, wenn der Zahnarzt und der Eisverkäufer, bei dem man seinem Kind eine Kugel Vanilleeis kaufe, die AfD wähle und auf die Flüchtlinge schimpfe, bei jeder dieser gekauften Kugel Eis. Da kroch wieder dieser lähmende Stillstand, dieses Nicht-Wissen, was tun, meinen heiser geschrienen Hals hoch.

Was tun Sie, und was tue ich? Eine Weile dachte ich, es sei gut, mit denen, die so anders denken und fühlen als ich, zu sprechen, dass die Demokratie auch das aushalten muss: Entgegen gesetzte Ansichten, dass zur Demokratie gehört, Gräben zu überwinden zu versuchen, Brückenbauen und all diese schönen Bilder. Aber diese entgegen gesetzten Ansichten sind zu einem Hass geworden, zu einem Hass gegen Menschen wie ich, die aus anderen Ländern und Kulturen stammen, anders leben und fühlen und lieben als sie selbst. Dieser Hass hat angefangen, laut, in Parolen und Gewalttaten, das mit den Füßen zu treten, worauf unsere Demokratie basiert: Das Grundgesetz, die unantastbare Würde des Menschen. Dann dachte ich eine Weile, dass es vielleicht wichtig sei, klein zu beginnen, naiv und verträumt dachte ich, wir könnten alle in unserem Alltag etwas tun, also achtete ich besonders darauf, jedem Menschen, den ich im Alltag begegne, in der U-Bahn, beim Bäcker, auf der Straße mit besonders viel Achtung, mit Komplimenten und zur Schau gestellten Offenheit zu begegnen, und das andere dachte ich sowieso: Dass es so wichtig sei, wie wir unsere Kinder erziehen, dass es nicht nur um die Frage geht, welche Welt wir ihnen hinterlassen, sondern auch darum, welche Menschen wir der Welt hinterlassen, all das. All das dachte ich, aber jedes Mal, wenn ich die Nachrichten las, kam dieses Gefühl wieder hoch, dieser lähmende Stillstand. Heute ist ein besserer Tag ist, weil es heute diese Veranstaltung gibt, die Lange Nacht der Demokratie, und weil Sie alle hier sind. An den besseren Tagen schwöre ich mir, einfach weiter zu kämpfen, jeden Tag etwas neues zu suchen und zu probieren. Zu zeigen, dass das Land unseres ist, nicht das der besseren Menschen, die den Slogan Wirsindmehr über ihre Facebook- und Twitter Profilbilder legen, sondern das Land der Demokraten.

Im Vorfeld sagte der großartige Alex Rühle, der uns vorhin so viel über Pressefreiheit und die Gefahren, die ihr drohen, erzählt hat, ihm liege das Predigen nicht, da wollte ich automatisch antworten, so gehe es mir auch. Ich weiß nicht, ob das, was ich Ihnen heute erzähle, nicht dennoch eine Predigt ist, und wenn dem so ist, so mögen Sie mir bitte verzeihen; ich möchte heute auf die Frage pfeifen, was pathetisch ist, und was nicht. Vor ein paar Tagen ist Martin Schulz im Bundestag der Kragen geplatzt, und er hat diesen Satz gesagt, „Herr Gauland, die Menge von Vogelschiss ist ein Misthaufen, und auf den gehören Sie“, und sogleich wurde ihm vorgeworfen, dass er sich auf das Niveau und die Diskussionskultur der „anderen“, der AfD einlasse. Monate-, vielleicht sogar schon jahrelang diskutieren wir darüber, wann es angebracht ist, auf Provokationen einzugehen, ob man dieser Demokratie- und menschenrechtsfeindlichen Bewegung zu viel Raum gibt, indem man auf sie reagiert, oder zu viel Raum überlässt, wenn man es nicht tut; wie viele von ihnen in die Polit-Talkshows gehören. Das sind sicherlich wichtige Debatten, aber heute will ich nicht darüber nachdenken, heute will ich ein Gefühl wiedergeben, nicht als Reaktion, und auch nicht, weil die anderen das machen, dieses Predigen. Sondern weil Sie alle hier sind, und es wichtig ist, dass wir uns gemeinsam daran erinnern, wie wichtig, wie liebenswert, wie verteidigungswert sie ist, unsere Demokratie.

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, Demokratie ist aber mehr als das: Es ist der Glaube daran, dass Menschlichkeit funktioniert. Dass wir – denk- und empathiefähige – Wesen sind, die mehr sehen und fühlen können als nur sich selbst. Dass wir den- und die anderen mitdenken und stehen lassen können, dass es ein Nebeneinander anstatt eines Ausschlusses geben kann. Dass wir mit- und aneinander wachsen können und dürfen, Demokratie ist kein Stillstand, es ist ein Prozess, vielleicht ist es auch dieses Pathos, das in diesen Sätzen steckt; vielleicht braucht Demokratie – wie jeder Glaube – auch ein Gefühl. Vielleicht haben wir dieses Gefühl vergessen, genau das: Uns an unserer Denk- und Meinungs- und Ausdrucks- und Glaubens- und Lebenseinstellungsfreiheit zu freuen, an dem Geschenk, beitragen zu dürfen. Für all das lohnt sich zu kämpfen, jeden Tag aufs Neue, jeden Tag, vielleicht sogar mit einem Text, der knapp an einer Predigt kratzt. Wir können dieser Tage nicht genug tun für diese riesengroßen Begriffe wie Freiheit, Menschenwürde, Demokratie.

Lena Gorelik hielt die vorliegende Rede zur Eröffnung der „Langen Nacht der Demokratie“ in der Evangelischen Stadtakademie München am 15. September 2018. Zudem sprachen der Journalist Alex Rühle (Süddeutsche Zeitung), die Dramaturgin Rania Mleihi und die Poerty-Slammerin Felicia „Fee“ Brembeck.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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erstellt am 09.10.2018

Lena Gorelik, Foto: Evangelische Stadtakademie München
Lena Gorelik, Foto: Evangelische Stadtakademie München
Zur Autorin

Lena Gorelik, geboren 1981 in Sankt Petersburg, kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland und lebt heute in München. Zuletzt erschien ihr Roman „Mehr Schwarz als Lila“.