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Jan Kjærstads Roman „Das Norman-Areal“ handelt von John Richard Norman, der als leidenschaftlicher Leser in Oslo aufwächst. Der Protagonist wird Lektor bei einem renommierten Verlag, bis seine Lesefähigkeit unerwartet schwindet. Alban Nikolai Herbst hat sich mit dem Roman auseinandergesetzt und ordnet ihn der phantastischen Literatur zu.

Buchkritik

Nach dem Holozän

Jan Kjærstad, Foto: Bjørn Erik Pedersen [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Jan Kjærstad, Foto: Bjørn Erik Pedersen

John Richard Norman, wohl behütet aus gutem Hause stammend, entwickelt bereits als Kind eine Leidenschaft für Bücher, genauer: für Romane, in die er zum großen Unbehagen seiner Mutter so sehr versinkt, daß er auf beinah jede Wirklichkeit vergißt. Davor eben warnt sie ihn. Sie kann ja nicht wissen, nicht einmal ahnen, daß seine Lesewut ein völlig neues Areal des Gehirns nicht nur affizieren, bzw. zugänglich machen, sondern auch entwickeln wird. Und zwar in entwicklungsgeschichtlich extrem kurzer Zeit. Die Evolution – ohnedies selten stetig, sondern sich in Sprüngen bewegend – nennt so etwas eine Mutation.

Sie bezeichnet in Jan Kjærstads 2017 bei Septime erschienenem Roman „Das Norman-Areal“ sie den Sprung vom homo sapiens zum homo contendens, dem Vorläufer des heutigen Menschen, wie eine Schlußbemerkung zum „File 12/Norwegen“ der Internationalen Universität Guangzhou bemerkt, Fakultät für Kognitive Paläontologie. Als Entstehungszeit dieses Files 12 ist als Übergangsphase zum Post-Holozän das 21. Jahrhundert angegeben.

Haben wir es also mit einem Science-Fiction-Roman zu tun?

Falls ja, indessen, wär es nur der Rahmen und auch wirklich nur aus Vor- und Nachbemerkung zu erschließen, vielleicht noch aus dem je darüberstehenden kryptischen Akbarville QXIQCX. Wer der letzten Ziffern- oder Zahlenfolge im Internet folgt, landet interessanterweise bei den „Decretales“ Papst Gregors IX. (1167 – 1241), dem lebenslang schärfsten Gegner Friedrichs II, der innerhalb des mittelalterlich-christlichen Bezugs zum ersten Mal für rationales, wissenschaftliches Denken steht. – Ein Zufall?

Bei einem derart sorgsam konstruierenden Romancier wie Kjærstad wohl kaum: Ich registrierte alles in meiner Umgebung (…) mit dieser spröden, limboartigen Aufmerksamkeit, die den Rekonvaleszenten kennzeichnet (S. 45) – ein Satz, den der Erzähler notiert, nachdem er sich infolge einer umfassenden „mystischen Übelkeit“ auf eine kleine Schäreninsel an Norwegens Küste zurückgezogen hat. Denn hinter dieser Übelkeit verbarg sich ein grundlegendes Gefühl der Unzufriedenheit. (…) In meinem Körper hauste ein Hunger, doch nichts von dem, was ich las, vermochte diesen Hunger zu stillen. Wobei das Wort „Hunger“ zweifelsfrei auf Knut Hamsun verweist. Ich erkannte, daß ich Bücher von einer Sorte vermißte, wie ich sie viele Jahre nicht mehr gelesen hatte.“ Prägende Bücher, solche nämlich, die einen (und eine) wachsen lassen: die das Norman-Areal aktivieren. Norman nennt sie, nach der 1963 aus einer unterseeischen Eruption spontan entstandenen Insel, „Surtsey-Bücher“ oder, mit Melville, Weiße Wale: Ich wuchs, während ich Women in Love las, wurde immer mehr ausgerollt. Es war, als ob der Roman, die Sätze, die Buchstaben, wundersame Codes enthielten, die neue Elemente entstehen ließen, auf dieselbe Weise, wie die DNA über die RNA den Proteinaufbau koordiniert.

Im Laufe des Romans werden einige dieser Bücher bei Namen genannt, woran der „Clou“ ist, daß beinah alle tatsächlich existieren, abgesehen von einem einzigen, der nach Vishnu benannt ist und den Erzähler von seiner großen Übelkeit wieder erlöst: allerdings verliert er dadurch seine wahrscheinlich letzte große Liebe – deren Geschichte das ganze Buch gewissermaßen verklammert.

Zu den Surtsey-Romanen, jedenfalls, gehört, neben D.H.Lawrences „Women in Love“ und Melvilles „Moby Dick“, selbstverständlich auch Max Frischs „Der Mensch erschien im Holozän“, weil dieser ja eben im Pleistozän erschien und das Holozän für den Menschen als Menschen gleichsam Utopie blieb. Daß Kjærstad eben hierauf anspielt, stellen die Vor- und Nachbemerkungen unmißverständlich klar.

Im Holozän, unserer Gegenwart also, sind die menschlichen Möglichkeiten – die des menschlichen Gehirns – noch längst nicht ausentwickelt: Anfangs waren es nur eine Handvoll Leser, die den Ort entdeckt hatten (…), inzwischen sind es schon erheblich mehr, aus vielen Ländern, auch wenn wir noch eine verhältnismäßig kleine Gruppe bilden. (…) Aber die Gerüchte machen die Runde. Die R/S Plus Terrae wird von denen, die hunderte Stunden dort verbringen, immer mehr ausgeweitet. Wenn Sie dies lesen, hat der Ort, das Schiff, die Welt, sich bereits verändert, ist größer geworden.

Wobei alles eigentlich mit einem Unfall „los“ging – „alles“ meint sowohl Kjærstads Roman wie die Entdeckung des neuen Hirnareals. Da ist Norman im Auto auf den Straßenbahnschienen stehen geblieben, weil seine Gedanken von dem Buch gänzlich vereinnahmt sind, das er zur Zeit liest. So bemerkt er nicht die, um noch rechtzeitig abbremsen zu können, sich allzu schnell nähernde Tram. Schon hat sie den Wagen erfaßt und schleift ihn und Norman mit sich, der wie durch ein Wunder überlebt.

Es ist aber kein Wunder. Sondern er war im Wortsinn in einer anderen, war in der, um mit Giwi Margwelschweli zu sprechen, Buchwelt. Weshalb ihn der Unfall zwar beschädigen konnte, aber nur zu einem Teil seines Selbst. Der andere Teil war ja nicht vor Ort, sondern im Norman-Areal, offensichtlich eben auch physisch.

Weil sich die Mediziner diesen Umstand nicht erklären können, wird mit Dr. Lumholtz ein neurologischer Experte hinzugezogen. Der dann feststellt, es habe den Anschein, als wären Sie gar nicht da gewesen, in Ihrem eigenen Körper. Woraufhin er das neue Hirnareal proklamiert. Damit erregt er einige Zeit lang fachliches, auch internationales Aufsehen, zieht dann aber schon schnell den Spott auf sich. Schließlich werden seine bis zu einer „Nea-Ge“-Realität zunehmend mystischeren Thesen genauso wie Normans Aufzeichnungen – Kjærstad hier besprochener Roman – als Hirngespinste abgeheftet, eben in der Form des eingangs genannten „File 12/Norwegen“.

Nun lesen wir also weniger eine Erzählung der Science Fiction als vielmehr Phantastische Literatur, die aber, wenn wir uns auf den Romantext-selbst, ich meine Normans Erzählung, konzentrieren, im Gewand eines höchst sensiblen Gegenwartsrealismus daherkommt, der zudem voller Naturschilderungen sowie berührender Beschreibungen eines unmittelbaren sinnlichen Erlebens ist: Ich weiß nicht, woran es lag, aber alles wurde deutlicher, spürbarer. Das Messer, sein Gewicht, die Art und Weise, wie es in der Hand lag. Der blanke Stahl auf der Leberpastete. Der Duft. Dick aufgestrichen, doppelt so dick wie sonst, und ohne sie glattzustreichen (…). Selbst der Filterkaffee wirkte speziell, erlesen. Ich aß, ohne etwas andere zu tun oder an etwas anderes zu denken als an das Essen. (S. 15)

Es gehört zu den so pfiffigen wie hinterhältigen Tricks dieses Romans, dass Normans gleichsam Zurück-zur-Natur-Eskapismus, der ihn sein Norman-Areal verlassen läßt, bis fast zum Ende des Buches als eine Befreiung erlebt wird, die dem Erzähler eine der intensivsten Liebesbeziehungen seines Lebens ermöglicht. Doch indem diese fast über Nacht ihren Reiz wieder verliert, gewinnt das Norman-Areal erneute Strahlkraft; möglicherweise hat aber, daß es sich schleichend reaktivierte, den ausgesprochen brutalen Schlußstrich unter die Liebe gezogen. Ihr Ende wiederholt dann quasi noch einmal die Zweiwelten-Teilung des Anfangs: Indem Norman wieder in einem Buch befangen ist, überlebt er den tätlichen Totschlagversuch der Geliebten: … wenn ich lese, und besonders etwas so Fesselndes wie Vishnu, braucht es schon viel, um mich zu stören (…), aber ich wusste gleich, dass sie es war, dass etwas Schreckliches geschehen würde und dass ich es nicht rechtzeitig schaffen würde, mich auf die Seite zu rollen. Ich meine auch, mich an ihre Augen zu erinnern, wild, triumphierend (…), und erst da sah ich, dass etwas über ihrem Gesicht, den Armen, erhoben war, und danach wiederum in der Verlängerung der Arme, ein riesiger Stein, ein Stein, der jetzt auf mich heruntergerast kam (…) (S. 433). Abermals ist Norman in diesen Momenten nicht am „realen“ Ort des Geschehens, sondern befindet sich zeitgleich in der Buchwelt, die zwar auf andere, aber genauso „wahre“ Weise real ist wie unser euklidisch/newtonscher Raum. Gute Literatur bestätigte die Wirklichkeit nicht, sie erzeugte selbst Wirklichkeit. (S. 308) Und abermals dieses, das Norman-Areal, rettet ihm das Leben. Was für andere eine künstliche Wirklichkeit bedeutet, ist für mich tatsächlich Wirklichkeit. (S. 399)

Nur ist dies nicht ohne Skandalon.

Die Buchwelt ist antisozial. Normans späte Geliebte – die in der Tat absolut hinreißende Ingrid Kyrklund – erfaßt es instinktiv: Ich konnte es förmlich in ihrer Halsschlagader hämmern sehen. „Wenn du dich also für die Bücher entscheidest … für diesen Phantasiequatsch … wenn du jetzt heimgehst und liest, dann ist Schluss.“ Ihm aber ist, als „würde sie mit Fossilien nach mir werfen. So daß er denn nur noch aufseufzen kann: „Scheiße auf dieses Leben, das einen Roman, oder schlimmer: die Trivialliteratur nachäffte.“ (S. 424)

Damit entscheidet sich Norman gegen dieses Leben, auch gegen diese Frau. Gott bewahre, ich steckte mitten in den ureigensten Motiven der Literatur: Liebe, Tod und Meer. Nur daß genau dieses „Ureigenste“ nicht zu denjenigen literarischen Ereignissen gehörte, die den wichtigsten aller Muskeln trainierten, die Imagination (S. 132), sondern zu dem, was ihn, den Lektor, hatte unter den Übelkeitsanfällen leiden lassen: Alles tadellos erzählt, aber auf genau die gleiche Weise, wie es von andren schon hunderte Male davor erzählt worden war, wobei zu Normans Unseligkeit gehört, daß, genau so zu erzählen, unterdessen den Erfolg eines Buches begründet – also die weitest denkbare Distanz zum Norman-Areal.

Dies nun gibt zu denken. Wenn denn, was Nach- und Vorbemerkung nahelegen, das Norman-Areal schließlich doch allgemeinen Raum bekam und zu einer Entwicklungsstufe wurde, aufgrund derer die Menschheit ins Post-Holozän eintreten konnte, kann dies am Buch wohl kaum gelegen haben. Norman gesteht am Ende auch unumwunden ein, daß seinen Literaturempfehlungen kein Ohr mehr geneigt war; seit seiner von niemandem sonst geteilten Begeisterung für Vishnu wird er vielmehr zu einer durchaus komischen Figur. Womit er sich allerdings abzufinden weiß, ich kann damit umgehen, ich stelle mir die ganze Zeit vor, dass ich mich nicht in den Räumlichkeiten des Verlags befinde, sondern an Bord der R/S Plus Terrae. Vielmehr wird den Menschen „der wichtigste Muskel, die Imagination“, von einem anderen Reizsystem trainiert worden sein. Daß Kjærstad dennoch auf dem Buch beharrt, sei ihm als eine zu Glaube geronnene Prägung seiner (und meiner) Generation nachgesehen. Der Idee selber nimmt dies doch nichts: Das Norman-Areal – ein „Fund, der Grenzpfosten verrückt“ – braucht ein spezielles Medium so wenig wie ein Wort. Dies wird Kjærstad auch wissen. Nicht grundlos nennt sich sein Held oder Antiheld kurz einmal selbst einen „User“: Du mußt dich aufraffen und lernen, für das Web zu schreiben, ist ihm kurz zuvor von seinem „Magister Ludi“ (!) geraten worden.

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erstellt am 09.10.2018

Jan Kjærstad
Das Norman-Areal
Roman
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
Gebunden mit Schutzumschlag, 456 Seiten
ISBN: 978-3-902711-65-6
Septime, Wien 2017

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