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Bodo Kirchhoffs autobiographischer Roman „Dämmer und Aufruhr“ ist ein Versuch, vor sich selbst Rechenschaft abzulegen und den Motiven der Rebellion eines heranwachsenden Achtundsechzigers auf den Grund zu gehen. Gudrun Braunsperger hat den „Roman der frühen Jahre“ gelesen.

Buchkritik

Wunden und Wunder

Die Welt des Vaters ist eine Prothesenwelt. Der Kriegsinvalide mit dem Holzbein nimmt den Sohn einmal mit in eine Werkstatt, in der künstliche Arme und Beine von der Decke baumeln. Die Wirklichkeit der Erwachsenenwelt, die den Erzähler des autobiographischen Romans „Dämmer und Aufruhr“ umgibt, ist eine, mit der die Kriegsgeneration pragmatisch umzugehen versucht. Die Ehe der Eltern des 1948 geborenen Bodo Kirchhoff sei eine solche von „Davongekommenen“, heißt es in diesem Roman der frühen Jahre, so der Untertitel, „zwei Gestrige wider Willen, jeder auf seine Art nicht erholt vom Krieg und von der Anstrengung, ihn in sich und um sich herum ungeschehen zu machen“. Wunden, die nicht zu stillen sind, werden mit dem Verband von Glücksverheißungen umhüllt, mit einem Eheglück, das die Qualität einer Prothese hat und zum Scheitern verurteilt ist, weil die Protagonisten unwissend durch ein „Nachkriegsdunkel taumeln“, wie Kirchhoff schreibt, „weil sie in Wahrheit dem tiefen Schmerz über all die Verluste zu entfliehen versuchen, die der Krieg hinterlassen hat“. Bodo Kirchhoffs Diagnose rückt die vordergründig zukunftsorientierten Fünfzigerjahre in ein schmerzliches Zwielicht: Die Zeit des Wirtschaftswunders lässt sich als hilfloser Versuch begreifen, Wunden mit dem Beschwören von Wundern zu begegnen.

Der Pragmatiker ist der Vater, ein scheiternder Unternehmer, der die Ansprüche seiner Frau aus besseren Wiener Kreisen nach einem guten, ja mondänen Leben nicht erfüllen kann. Die Beschwörerin ist die Mutter, sie hat die Schauspielkarriere für das Familienglück aufgegeben und beschwört das „Schöne“, auf Ausflügen in die Natur ebenso wie in ihren populären Romanen, bis zum Abwinken, so empfindet es der Sohn bereits in frühen Jahren, denn er ahnt, dass die Mutter nicht nur auf der Bühne anderen etwas vorspielt.

Um die Gründe dafür zu erforschen, bricht Bodo Kirchhoff zum geheimen Glücksort der Eltern auf. Er bucht ein Zimmer mit Meerblick im Hotel „Beau Séjour“ in Alassio an der italienischen Riviera, wo die Eltern schöne Stunden hatten, so steht es in einer persönlichen Widmung eines Exemplars des mütterlichen Romans „Des Lebens Freude“, das der Sohn Jahrzehnte später in der Hotelbibliothek findet. Die Tage an der Riviera, die die Ehe nicht zu retten vermochten, malt sich der Sohn schreibend als Autofiktion aus und entfaltet die eigene Kindheit und Jugend in der Erinnerung. In Zeitsprüngen reflektiert er die ambivalente Beziehung zur 2014 verstorbenen Mutter, der Schauspielerin und Autorin Evelyn Peters. Er spürt die gescheiterten Lebensträume auf, nach denen sie sich an die Niederschrift des Romans gemacht hat: nach dem Bühnentraum, dem Unternehmertraum des Ehemanns und dem Traum vom Eheglück. Die Trennung der Eltern wird zunächst vor den beiden Kindern verborgen, während der Erzähler im Internat in Schloss Gaienhofen am Bodensee seine Adoleszenz erlebt.

Geheimnisse der Lust

Dort wiederholt sich eine frühkindliche Erfahrung: der Knabe erfährt Liebe und dabei zugleich emotionalen und körperlichen Missbrauch, dessen Grenzen fließend sind, so mag man dieses Buch lesen. Hatte die Mutter ihren kleinen „Augenstern“ in frühen Jahren zu ihrem Kavalier gemacht, der auch zu intimen Massagetechniken angeleitet wurde, so ist es im Internat der bewunderte Lehrer für Musik, Sport und Religion, der den 11-Jährigen nicht nur durch ein Solo in der Carmina Burana auszeichnet, sondern ihn auch zum Geliebten emporhebt und vorzeitig in die Geheimnisse der körperlichen Lust einführt. Vom Beifahrersitz des VW mit Verdeck aus bestaunt das Kind sein großes Vorbild, den Mittdreißiger, der aussieht wie Winnetou und einfach cool ist. Zitat: „Genau so will er selbst einmal Auto fahren, rauchend in den Abend, in die Nacht“. Der Geschmack von Zigaretten beim Küssen und die Angewohnheit, mit flacher Hand zu schalten, bleiben dem Erzähler in wohlwollender Erinnerung: Kirchhoff setzt hier einem Lebensgefühl ein Denkmal, das in der erzählten Zeit bereits im Schwinden begriffen ist. Zigaretten spielen in dieser Erwachsenenwelt, der man gern angehören möchte, die Rolle ständiger Präsenz bei Eltern, Lehrern und Erziehern – Feuer zu geben, schafft Beziehung, das Rauchen beruhigt die Mutter zusammen mit einem Glas Whiskey beim Schreiben. Alkohol ist Kindern gegenüber kein Sakrileg: die Großmutter teilt ihr Bier mit dem Enkel, der erste Schluck wird ihm bereits in frühen Jahren eingeflößt.

Große Literatur, das führt Bodo Kirchhoff in diesem „Lebensroman“ exemplarisch vor, schafft Räume zur Reflexion, zur Erschütterung, zur Empathie, zur Katharsis. Sie urteilt nicht, hält sich nicht damit auf, Meinungen nahezulegen, sondern bildet das Leben ab, und das Leben ist uneindeutig, selbst in den heikelsten Zonen, etwa beim körperlichen Missbrauch. Ein Lebensroman, den man, so wörtlich: „für sich annehmen kann oder ablehnen; am Inhalt ändert sich damit nichts“.

Indem Kirchhoff diesen Lebensroman verfasst, schreibt er sich auf die Mutter zu, zögerlich das richtige Maß an Nähe und Distanz abtastend, festgehalten im wiederholten Wechsel zwischen der dritten Person und der Ich-Form, zwischen der jungen, lebenshungrige Mutter seiner Kinderjahre und der alten, fordernden und die Erinnerung an Schattenseiten verweigernde Dame, die ihre Würde bis zuletzt zu wahren sucht.

Schwäche durch Dünnhäutigkeit

Versöhnung und Vergebung beginnen mit dem Anerkennen der Gegensätzlichkeit, in der letztlich Ganzheit begründet liegt: Der Sohn, der der mütterlichen Glücksstrategie zutiefst misstraut, erkennt doch den verborgenen Mechanismus, dass sie nämlich demselben Beweggrund entspringt wie die eigene Methode für unversorgte Wunden: „ihr Lächeln gegen Tränen – meine Ironie“: Während die Mutter überschwänglich das Schöne beschwört, in den Büchern, die sie umgeben, an allem vorbeilesend, was dem Ideal widerspricht, unternimmt es der Sohn, die Schwachstellen der Mutter, Zitat: „dingfest zu machen mit Mitteln, die einem Nagel glichen, den man probeweise in bestimmte Bereiche der Wand schlägt, um ihre Festigkeit zu prüfen“. Später, zu spät, wie er schreibt, begreift er den Grund, Schwäche nämlich, Wehrlosigkeit durch Dünnhäutigkeit, eine ungeschützte Empfänglichkeit für jeglichen schlechten Einfluss von außen, Zitat: „Sie wollte von der Welt, die sie umgab, im Grunde nichts wissen, sie lebte nicht in ihr, sie lebte neben ihr, und das nicht aus Ignoranz, sondern aus Angst.“

Uneindeutigkeit bildet die große Klammer der gesamten künstlerischen Reflexion und umfasst alle Gebiete. So sind die Jahre der Kindheit im dörflichen Kirchzarten bei Freiburg „ein still in den Adern zirkulierendes, erst Jahre danach bemerktes Glück“, zugleich aber auch die frühe Erfahrung, Außenseiter zu sein: Im Versuch, die väterliche Firma vor dem Konkurs zu retten, war die Familie samt Wiener Großmutter von Hamburg aufs Land übersiedelt. Dort wird der Erzähler mit dem norddeutschen Namen erst einmal zu Bruno und er überspielt, so gut es geht, seine Nichtzugehörigkeit. Die Liebe der Großmutter, einer ehemalige Primadonna, ist dabei ein fester Halt und die unendliche Erfindungsgabe der Geschichtenerzählerin inspiriert die Phantasie des Kindes. Die altösterreichischen Ausdrücke hat der sprachsensible Enkel im Gedächtnis bewahrt, und so wird die linguistische Ausgrabungsstätte zum Fest für österreichische Leser.

Die Erschütterungen durch die Außenwelt werden schon früh in der Welt der Imagination ausgefüllt. Die Gabe, Zitat: „durch Erfinden und Übertreiben bekannt zu werden“, „Verführen oder Rache-Üben mit Worten, ohne dass dabei jemand zu Schaden kommt“, diese Gabe taugt später als Erfolgsrezept.

In geradezu lyrischer Dichte erzeugt Kirchhoffs Sprache Kompaktheit, er versprachlicht Episode zu Bildern, er übersetzt Befinden, Gefühle, Atmosphäre in eine Sprachmelodie. Sein „Roman der frühen Jahre“ ist ein bestechendes Dokument, das unter Beweis stellt, was autobiographische Literatur im besten Fall zu leisten vermag: Selbsterkenntnis als Herleitung aus dem, was vor einem selbst gewesen ist und Beziehung dazu zu stiften, sich als Teil davon zu begreifen. Dieses Buch ist der Versuch, vor sich selbst Rechenschaft abzulegen, den Motiven der Rebellion eines Heranwachsenden der Achtundsechziger-Generation auf den Grund zu gehen, der stellenweise zum Abgrund wird. Er erzählt davon ebenso virtuos wie nüchtern, er leuchtet die eigenen Untiefen aus und die der anderen, er verschont nicht, er urteilt aber auch nicht. Es ist eine gesellschaftlich wertvolle Chronik, dazu angetan, den Diskurs über jüngst Vergangenes differenziert zu führen.

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erstellt am 08.10.2018

Bodo Kirchhoff
Dämmer und Aufruhr
Roman der frühen Jahre
Gebunden, 480 Seiten
ISBN: 9783627002534
Frankfurter Verlagsanstalt, 2018

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