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Anne Reineckes Debüt „Leinsee“ erzählt vom Kunstbetrieb und von noch viel mehr. Die 1978 geborene Autorin führt ihre Leser durch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sich unbemerkt anbahnt und zusehends spektakulärer wird. „Leinsee“ ist ein unterhaltsamer, fast märchenhaft anmutender Roman, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Eine Beziehung mit Folgen

Kunst und Künstlern, gerne auch Literaten und Literaturkritikern, trauen wir, die wir uns für Normalsterbliche, ohne Anspruch auf Nachruhm, halten müssen, noch immer nicht so recht über den Weg. Das liegt wohl vor allem am Betrieb, in dem die Künste, die nicht immer schöne Künste sind, zelebriert werden; etwas Bemühtes, Wichtigtuerisches scheint dort zu herrschen, was aber wiederum nur an unserer beschränkten Auffassungsgabe liegen mag, zu der auch gehört, dass wir uns, zugegeben, dann und wann schon mal über eine bewährte, wenngleich leicht dämliche Frage wie „Ist das Kunst oder kann das weg?“ gefreut haben.

Anne Reinecke (Screenshot)
Anne Reinecke

Vom Kunstbetrieb und von noch viel mehr erzählt Anne Reineckes Roman „Leinsee“, der zugleich ein bemerkenswertes und erfreuliches Debüt ist. Die Autorin (Jg. 1978), laut Verlagsauskunft in einem früheren Leben auch als „Stadtführerin“ unterwegs, offenbart beträchtliche Qualitäten: Ihre Leser führt sie, unangestrengt und mit feiner Ironie, durch eine Geschichte, die, was nicht auf Anhieb erfahrbar wird, vor allem eines ist: eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sich nahezu unbemerkt anbahnt, dann zusehends spektakulärer wird, um schließlich in eine Wehmutsbahn einzubiegen, auf der fast alle Liebenden, irgendwann mal, unterwegs sind, während sie sich, bedrängt von Alltag und Vergänglichkeit, um einen stabilen Behauptungswillen bemühen. Karl, Anfang 30, der eigentliche Held des Buches, dem man anfangs, dank eines eher merkwürdigen Gebarens, noch nicht so ganz viel abzugewinnen vermag, ist Künstler, was einiges, aber eben nicht alles erklärt oder gar entschuldigt. Eher zählt da der Umstand, dass er sich, in vergleichsweise jungen Jahren, schon einen außerordentlichen Bekanntheitsgrad erworben hat, wofür allerdings auch sein Name verantwortlich zeichnet: Karl nämlich ist der einzige Sohn des berühmten Künstlerpaars Ada und August Stiegenhauer, einem glamourumkränzten Duo, dem in der Kunstszene vieles, wenn nicht gar alles gelang, auf jeden Fall genug, um beträchtliche Reichtümer anzusammeln. Auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Ruhmes, den sie zuvor in bewusster Nichtsesshaftigkeit zelebrierten, erfolgt ihre endgültige Ankunft; die Stiegenhauers lassen sich am Leinsee nieder: Sie fuhren „das Waldsträßchen entlang. Ada saß am Steuer, August summte eine Melodie … Der Wind wehte warm. Sie waren glücklich. Als sich der Wald auftat und das Panorama auf den See freigab, hielt Ada den Wagen an. Ada sah August an, August sah Ada an, sie nickten beide, alles war klar, alles war gut, sie waren zu Hause.“

Natürlich ist es ein standesgemäßes Anwesen, das die Stiegenhauers am Leinsee, zu dem auch ein gleichnamiger Ort gehört, beziehen; es fehlt an nichts, und der Erfolg, der sie bislang schon so unerbittlich verwöhnt hat, spielt weiter mit. So verwundert es nicht, dass ihnen zur Vervollständigung ihres Wohlbefindens noch ein Kind geboren wird: Karl, den es indes, wie sich herausstellt, gar nicht gebraucht hat, um die Stiegenhauers, die sich absolut selbst genügen, auf andere, womöglich noch glücklichere Gedanken zu bringen. Karl stört nicht, aber größere Freude löst er auch nicht aus; so wird er, nachdem er zunächst nahezu unbemerkt vor sich hin wächst, in einem Internat geparkt. Dort gefällt es ihm besser als zu Hause; Leinsee, eine Heimat, die nie recht Heimat war, verblasst, was auch für seine Eltern gilt. In der Folge avanciert Karl zum angesagten Künstler, wofür die einschlägige Presse, die keine unnötigen Kompliziertheiten mag, vor allem die geballten Stiegenhauer-Gene verantwortlich macht. Karl ist es recht, er mag selbst keine Kompliziertheiten und sieht sich mit einer vage ausgleichenden Gerechtigkeit bedacht, die ihm Komfort beschert und auf nervöse Weise ruhiggestellt. Die inzwischen fast schon langweilige Erfolgsgeschichte der Stiegenhauers könnte ewig fortgeschrieben werden, aber dann meint das Schicksal, das die Stiegenhauers zuvor in ihrem Übermaß an Begünstigung links liegengelassen hat, auf einmal, eingreifen zu müssen: August stirbt, Ada liegt im Koma, und es gilt, anstehende Erbschaftsfragen zu regeln. Karl, mittlerweile in Berlin ansässig, muss nach Leinsee zurück.

Von nun an nimmt der Roman Fahrt auf, was vor allem daran liegt, dass eine zweite Hauptperson ins Spiel kommt: Tanja heißt sie, ist acht Jahre jung und hockt in einem Baum auf dem Stiegenhauer-Gelände, von wo sich alles Mögliche beobachten lässt, nicht zuletzt auch, was Karl da so treibt. Der ist zunächst nicht sonderlich amüsiert, aber dann beschäftigt ihn das geheimnisvolle Kind immer mehr. Eine Beziehung entsteht, rätselhaft und mit Folgen. Nebenbei muss sich Stiegenhauer jr. noch um den Nachlass des Vaters kümmern; zudem erwacht seine Mutter, völlig überraschend, aus dem Koma, ist ansprechbar und sehr liebevoll zu ihrem Sohn, was aber daran liegt, dass sie ihn nicht erkennt und für August hält. Gerade die zweite Hälfte von „Leinsee“ ist pfiffig und wendungsreich: Dass Karl noch eine große Liebe vergönnt sein wird, ahnt der Leser, bleibt jedoch vorläufig auf Mutmaßungen angewiesen. Die Zeit vergeht, was anders soll sie tun. Auch als Karl wieder in Berlin lebt, denkt er oft, sehr oft an Tanja, die inzwischen wohl schon zur jungen Frau herangewachsen ist; für ihn gilt eine Einsicht, die einst den Dichter Robert Walser befiel: „Was nicht anwesend ist, ist es manchmal dadurch gerade sehr.“ Zu guter Letzt ergeht es Karl mit seiner Liebe in etwa so, wie es damals, in ihrem legendären Sommer, auch den Eltern erging, als sie Leinsee entdeckten: „Sie hatten das Verdeck geöffnet, auf den Feldern waren Vogelscheuchen verteilt, die ihnen zuwinkten, und Karl winkte zurück. Ein Dorf sah aus wie das andere, Fachwerk, getünchte Fassaden, Sandstein, Gardinen, Porzellanfiguren und Blumen in den Fenstern, rechts stapelten sich die Weinberge, hier und da saß eine Burg dazwischen wie eine brütende Henne, und links dehnte sich eine Ebene aus aneinandergenähten Feldern, darüber Strommasten und der Himmel.“

„Leinsee“ ist ein überaus unterhaltsamer, fast märchenhaft anmutender Roman, der es gut mit dem Leser meint. Anne Reinecke verfügt über lakonischen Witz und versteht sich aufs Erzählen; wir sind – keine Floskel – gespannt, was von dieser Autorin noch zu erwarten ist und bitten, zu gegebener Zeit, um vorauseilende Informationen.

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erstellt am 05.10.2018

Anne Reinecke
Leinsee
Roman
Leinen, 368 Seiten
ISBN: 9783257070149
Diogenes Verlag, Zürich 2018

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