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In der vierten Veranstaltung der Reihe „Jüdisch-Politisches Lehrhaus“ sprach Rabbinerin Elisa Klapheck mit der Kulturpolitikerin Ina Hartwig über die Bedeutung des Feuilletonisten, Soziologen und Filmtheoretikers Siegfried Kracauer für Frankfurts jüdisch-politische Tradition. Eugen El hat zugehört.

Siegfried Kracauer

Wahrheit im Profanen

„Über das Thema Siegfried Kracauer sind wir uns begegnet“, sagte Rabbinerin Elisa Klapheck zum Auftakt der jüngsten Veranstaltung der Reihe „Jüdisch-Politisches Lehrhaus“. „Kracauer ist recht spät in mein Leben gekommen“, gab ihr Gegenüber, Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), zu. Klapheck und Hartwig waren ins Frankfurter Weltkulturen Museum gekommen, um über die Bedeutung des Architekten, Feuilletonisten, Soziologen und Filmtheoretikers Siegfried Kracauer für Frankfurts jüdisch-politische Tradition zu sprechen.

Ina Hartwig, Autorin und Literaturkritikerin, seit 2016 als Kulturdezernentin im Amt, erinnerte sich zunächst an ihre Schulzeit in Lüneburg. Sie schilderte frühe, noch unbewusste Leseerfahrungen mit jüdischen Autoren wie Adorno, Freud, Celan, Benjamin und Proust. Frankfurt musste sie sich als Zugezogene erschließen. „Mein Frankfurt-Bild ist geprägt durch die Frankfurter Schule“, offenbarte Hartwig, auf das Wirken von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verweisend. Durch Jörg Späters 2016 erschienene Kracauer-Biografie habe sie Frankfurt noch einmal ganz anders kennenlernen können. Siegfried Kracauer wurde 1889 in Frankfurt geboren und lebte bis 1930 dort.

Elisa Klapheck, seit 2009 Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft „Egalitärer Minjan“ in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, korrigierte Hartwig: „Es gibt mehrere Frankfurter Schulen.“ Klapheck nannte die religiöse Erneuerung der Zwanzigerjahre mit ihren damaligen Frankfurter Protagonisten, den Philosophen Franz Rosenzweig und Margarete Susman, als Beispiel. Die liberale „Frankfurter Zeitung“, deren Feuilletonredaktion Kracauer bis 1933 angehörte, könnte eine dritte Frankfurter Schule sein, so Klapheck.

 Ina Hartwig und Elisa Klapheck im Gespräch, Foto: Rafael Herlich

Ina Hartwig und Elisa Klapheck im Gespräch, Foto: Rafael Herlich

Sie skizzierte Siegfried Kracauers intellektuelle Entwicklung in den Zwanzigern. Er habe sowohl das 1923 gegründete Institut für Sozialforschung gekannt, als auch das von Franz Rosenzweig geleitete Freie Jüdische Lehrhaus. Kracauer habe sich dann von der großen Theorie abgewandt und seinen Fokus auf die Realität der Straße, die Massenkultur verlegt, die er als „Oberflächenphänomene“ bezeichnete. „Er hatte dieses große Talent zur Wahrnehmung“, pflichtete Ina Hartwig bei. Kracauer habe ganz anders geschrieben als Adorno, er sei als Gegenmodell zum „Glückskind“ TWA zu verstehen, so die Kulturdezernentin.

Hartwigs säkulare Rezeption jüdischer Autoren ergänzte Elisa Klapheck um eine religiöse Perspektive. Unbewusst knüpfe Kracauer an die eine große jüdisch-talmudische Tradition an, sagte die Rabbinerin. Kracauers Alltagsbeobachtungen, die etwa in seinen Feuilletons nachzulesen sind, sieht Klapheck als Gleichzeitigkeit des Profanen und des Heiligen: Kracauers flüchte sich nicht ins Messianische, er bleibe vielmehr bei den kleinen Dingen, um sie zum Guten zu nutzen. „Kracauer ist antielitär“, schlussfolgert Klapheck. Ebendiese Haltung ist für Ina Hartwig ein Erfolgsrezept für Kracauers US-Exil seit 1941: „Weil er die Oberflächenphänomene nicht verachtet hat.“ Hier war ein Gegensatz zu Adorno herauszuhören, der beispielsweise dem Jazz skeptisch gegenüberstand. Klapheck und Hartwig zeigten sich fasziniert davon, dass Kracauer erfolgreich aus dem Deutschen ins Englische wechseln konnte.

Dass Siegfried Kracauer auch über Freunde Verrisse schrieb, belegte Elisa Klapheck anhand ausgewählter, bisweilen vergnüglicher Zitate. Fast hämisch äußerte sich Kracauer über Ernst Blochs 1918 erschienenes Buch „Geist der Utopie“. Skeptisch schrieb er über Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung“. Über Bubers und Rosenzweigs deutsche Übersetzung der hebräischen Bibel spottete Kracauer. „Denn der Zugang zur Wahrheit ist jetzt im Profanen“, schloss er seine Rezension der „Schrift“.

Nach allerlei Tiefbohrungen wagten Ina Hartwig und Elisa Klapheck einen Sprung in die Gegenwart. „Was sind die Oberflächenphänomene heute?“, fragte die Rabbinerin. Hartwig zeigte daraufhin ihr Smartphone. „Ich glaube, wir haben es sowieso noch nicht ganz begriffen“, sagte die Kulturdezernentin. Was hätte Kracauer dazu geschrieben? Er würde die Lust an Smartphone und Internet betonen und nicht das Gefährliche, mutmaßte Hartwig. Die Gesprächspartnerinnen kamen darin überein, dass Siegfried Kracauer die Massenkultur nicht abwertete, sondern bereit war, ihre Chancen zu sehen. Über die Auswirkungen des Smartphones und die neue Frankfurter Altstadt diskutierten sie anschließend mit den Publikum. Siegfried Kracauers Gegenwartsdiagnostik wurde spürbar vermisst. Auf sein Urteil zum neu-alten Fachwerk in Frankfurts Mitte wären alle gespannt gewesen.

Veranstaltungshinweis

Die Reihe „Jüdisch-Politisches Lehrhaus“ wird fortgesetzt: Das Vermächtnis der Bertha Pappenheim – mit Dr. Mirjam Wenzel, Viola Roggenkamp und Rabbinerin Dr. Elisa Klapheck (Dienstag, 30. Oktober 2018, 19 Uhr, Museum Judengasse, Battonnstr. 47, 60311 Frankfurt am Main)

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erstellt am 04.10.2018

Siegfried Kracauer, via Wikimedia Commons
Siegfried Kracauer