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Ulrich Rasche hat am Schauspiel Frankfurt „Die Perser“ inszeniert. Die Tragödie des griechischen Dichters Aischylos gilt als das älteste Drama der Welt. Die Begeisterung über die knapp vierstündige Aufführung war mächtig, die Erschöpfung trotz hoher Lautstärke deutlich, berichtet Martin Lüdke.

Theater

Vier Stunden zu Fuß unterwegs

„Das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, ist die Bedingung aller Wahrheit. Denn Leiden ist Objektivität, die auf dem Subjekt lastet; was es als sein Subjektivstes erfährt, sein Ausdruck, ist objektiv vermittelt.“ (Adorno)

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Das kann laut werden, dachte ich. Und es wurde laut. Hier, bei den „Persern“, in Frankfurt, dem ältesten Drama, das die Kulturgeschichte kennt. Das Geschehen liegt zweieinhalbtausend Jahre zurück. Auch damals neigten die Menschen dazu, ihren Schmerz, ihre Trauer, ihr Leiden aus sich herauszuschreien.

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Trommeln geben den Rhythmus vor. Gleichbleibende, laute, krachende Schläge, zuweilen elektronisch oder von Bass, Bratsche, Vibraphon und Sängern unterstützt. Monoton, doch dynamisch, vorwärts treibend. Alles immer in Bewegung. Zwei unterschiedlich große Scheiben, die sich drehen. Die vordere, kleinere, leicht schräg angekippt. Die hintere, große, kann sich bis zu einer Steilwand aufstellen, aber auch ganz flach drehen. Mal verschwindet sie im Nebel, mal in der Dunkelheit, meist dreht sie sich im Dämmerlicht. Auf beiden Scheiben gehen Menschen, die Perser, drei Frauen auf der vorderen, kleineren Scheibe. Auf der hinteren, größeren, die Kämpfer, der Chor, aus dem sich am Ende, Xerxes, der übermütige, dann geschlagene König der Perser herauslöst. Alle immer in Bewegung. An einem Wendepunkt der (europäischen) Geschichte.

Schmerz, Trauer und Leiden herauszuschreien: „Die Perser“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Birgit Hupfeld

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Bei Herodot, einst „Vater der Geschichte“ genannt, der erste Geschichtsschreiber der Antike, 485 bis 425 v. Chr., ist die Schlacht von Salamis in dem Jahr 480 v. Chr., sehr ausführlich, und, naturgemäß, mit dem gleichen Ergebnis wie von Aischylos beschrieben. Herodot, der Grieche, beschreibt allerdings die vernichtende Niederlage der Perser unter ihrem jungen, übermütigen König Xerxes aus der Sicht der griechischen Sieger.

Er beschreibt, ausführlich sogar, die langen und quälenden Querelen der Hellenen, die sich nur schwer auf gemeinsames Handeln verständigen konnten. Athen war bereits verloren und von der Persern zerstört worden. Was bei Aischylos als historische Notwendigkeit erscheint, wirkt bei Herodot eher als eine Kette von Zufällen. Auch bei Aischylos ließ Xerxes die Meldung von seinem vermeintlichen Triumpf bereits per Boten nach Hause senden. Voreilig. Die Griechen stritten zwar immer noch über Rückzug oder Kampf, über Seeschlacht oder Auseinandersetzung auf dem Land, also über die Strategie, mit der sie der erdrückenden Übermacht der Perser, auf dem Land wie auf dem Wasser, entgegen treten sollten. Am Ende aber entschieden sie, taktisch klug, alles richtig.

Herodot geht es, wie anders, nur um den Triumph der Hellenen.

Aischylos (525/4 bis 456 v. Chr.), ebenfalls Grieche, geht es auch um den Triumph der Hellenen. Aber mit einer überaus raffinierten Wendung beschreibt er nicht den Jubel und die Freude der Sieger, sondern, gerade umgekehrt, die Angst und Ungewissheit, dann die Trauer und das Leiden der Verlierer. Er beschreibt die Opfer aus der Sicht der Opfer.

Aischylos hatte selbst an der Schlacht von Salamis teilgenommen. Ein Augenzeuge also. Seine Tragödie „Die Perser“ wurde 472 v. Chr. aufgeführt.

Die Quintessenz, mit einem Wort gesagt: „Völlig zugrundeging der Perser Großmacht!“

Viele Opfer werden namentlich benannt. (Wer weiß, wie im umgekehrten Fall, dem Sieg der Perser, nach dem anfangs ja aussah, die weitere europäische Geschichte verlaufen wäre.)

Rasche erspart uns jede vordergründige Aktualisierung. Er hält sich an den von Durs Grünbein neu übersetzten Text. Er vertraut, zurecht, auf den Wortlaut. Im Stück selbst passiert nicht viel. Es kommen nach und nach Berichte, und nach und nach wird das Ausmaß der persischen Katastrophe klar. Auch Xerxes, der geschlagene Heerführer, kommt als einer der wenigen Überlebenden, am Ende noch zurück. Doch das dauert, geschlagene vier Stunden.

Lautstärke, Rhythmus, permanente Bewegung: „Die Perser“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Birgit Hupfeld

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Die Zeit wird aber nicht lang, obwohl Rasche sie enorm zerdehnt. Und dadurch aber auch, sogar schmerzhaft, den Wortlaut (akustisch) verständlich macht. Katharsis nannten die Griechen diesen Prozess der „Läuterung“ und „psychischen Reinigung“ durch ein fühlendes Mitleiden in die Gestalten der Tragödie. Hier setzt Rasches Inszenierung an. Die Zuschauer werden regelrecht überwältigt. Aber weniger durch Einfühlung, eher durch (körperlichen) Gewalt. Lautstärke, Rhythmus, permanente Bewegung, das erzeugt nicht nur eine suggestive Kraft, die uns psychisch bannt, sondern auch eine physische Wirkung, die uns regelrecht auf den Sitzen festhält.

Es wirkt, zumindest im ersten Teil, vor der Pause, nicht lang, schon gar nicht langweilig. Der Rhythmus treibt die Protagonisten, die drei Frauen im Vordergrund, die Krieger, den Chor auf der hinteren Scheibe. Die Schläge der Trommeln sind hart, ja brutal, und oft unerträglich laut. Wumm / wummwumm; Wumm / wummwumm; Wumm / wummwumm. Einmal, zweimal, hundertmal, tausendmal und immer weiter. Schritt für Schritt. Alle gehen stetig voran; aber weil sich der Boden unter ihren Füßen bewegt, treten sie ständig auf der Stelle. Die Kämpfer marschieren auf der großen, hinteren Scheibe zuweilen in zwei Gruppen, in gegenläufiger Bewegung. Ein eindringliches Bild. Sie brüllen ihr Leid heraus. Und gehen voran, stampfend, Schritt für Schritt. Sie gehen und gehen, aber kommen nicht vorwärts. Stillstand, in Bewegung, beherrscht die Szene. Die Musik ist laut, unerträglich laut. (Einige Zuschauer haben es nicht ausgehalten und sind vor dem Lärm geflohen.) Es ist kein Nachhall des Schlachtenlärms. Es ist der Gang der Geschichte, der hier hörbar und sichtbar wird. Diese Kette von Begebenheiten, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und das Leiden der Menschen, von der Frühzeit an bis heute perpetuiert.

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Von einer „Dialektik im Stillstand“ erzählte uns einmal die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Das heißt nicht nur von einer leeren Bewegung, sondern zugleich von einer destruktiven Gegenbewegung: „Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe“.

Es ist tatsächlich diese Dialektik der Aufklärung, die Ulrich Rasch uns hier an den „Persern“ vorführt. Was bei Aischylos als Unausweichlichkeit des Schicksals, als Fügung der Götter erscheinen konnte, und aufgrund des Perspektivwechsels, das Geschehen aus der Sicht der Perser zu betrachten, lässt zwei Möglichkeiten der Deutung zu.

Nämlich: Mitgefühl als Ausdruck wahrer Humanität. Die Sieger betrachten das Geschehen aus der Sicht der Verlierer.

Und: Absoluter Triumph. Vermeintlich verzichtet der Sieger auf den Triumph und zeigt Mitgefühl. Damit potenziert man freilich den Triumph. Demonstriert wahre Größe und doppelte Überlegenheit.

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„Die Perser“ wurden, wie gesagt 472 v. Chr., erstmals bei den Dionysos-Feiern in Athen aufgeführt. Aischylos gewann den ersten Preis. Das sagt, vermute ich, einiges über die alten Griechen aus.

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Die Begeisterung war mächtig. Die Erschöpfung deutlich. (In der Reihe vor mir sind einige, darunter auch jüngere Zuschauer immer wieder eingenickt. Trotz des Lärms.) Der Beifall war (darum nur) kräftig, nicht enthusiastisch. Doch der Eindruck war stark.

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erstellt am 02.10.2018

„Die Perser“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Birgit Hupfeld

Koproduktion mit den Salzburger Festspielen

Die Perser

Von Aischylos, Deutsch von Durs Grünbein

Regie und Bühne Ulrich Rasche
Komposition Ari Benjamin Meyers
Dramaturgie Marion Tiedtke

Besetzung: Katja Bürkle (Chor des persischen Ältestenrat), Valery Tscheplanowa (Chor des persischen Ältestenrat / Dareiros` Geist), Patrycia Ziolkowska (Atossa, Königsmutter), Max Bretschneider, Torsten Flassig (Boten / Armee des Xerxes / Xerxes), Samuel Simon (Bote / Armee des Xerxes) et al.

Schauspiel Frankfurt