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Mit Richard Wagners Oper „Lohengrin“ stellt sich der neue Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister vor. Orchester und Chor sorgen für musikalischen Genuss, während der ungarische Regisseur Árpád Schilling beim Schlussapplaus auch Buhs erntet. Thomas Rothschild hat die „Lohengrin“-Premiere an der Staatsoper Stuttgart besucht.

Oper

Rumpelstilzchen als Held

Das ist selten geworden: Der „eiserne Vorhang“ hebt sich, aber die Bühne bleibt schwarz, während die Ouvertüre erklingt. Nichts lenkt ab von der Musik (außer jenen Banausen im Zuschauerraum, die unbedingt noch zu ende erzählen müssen, was sie mittags gegessen haben), keine Aktion demonstriert das Misstrauen gegenüber einem Publikum, dem der Hörsinn abhanden gekommen ist. Und tatsächlich nimmt diese Ouvertüre ja die gesamte Oper in kondensierter Form vorweg, ohne ihre Details zu verraten. Eine Ouvertüre ist mehr als der Vorspann im Film, den man schon längst verabschiedet hat, obwohl er, in seinen besten Exemplaren, auch einmal eine Kunstform sui generis war.

Und diese Ouvertüre, mit der sich der neue Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister vorstellt, ist ein Abenteuer, für den sich der Abend bereits gelohnt hat. Pianissimo scheint sie aus dem Weltall zu entspringen, schält sie sich aus der Stille, gestaltet sie eine Klangdichte, die das Staatsorchester Stuttgart für jeden internationalen Wettbewerb geeignet erscheinen ließe. Meister beherrscht die Kunst der Steigerung, ohne dem Stereotyp des „lauten“ Richard Wagner zu verfallen. Er scheint bis zum Schluss beweisen zu wollen, dass der Komponist des „Lohengrin“ zumindest ebenso sehr Romantiker, Lyriker, Melodiker ist wie Monumentalist. Diesen Eindruck können auch die kraftmeierischen Passagen, die das Libretto aufdrängt, nicht ganz zerstören, selbst wenn die Trompeten, über den Saal und auf der Bühne verteilt, die Raumwirkung eindrucksvoll auskosten. Das Orchester hat mit der Ouvertüre den Grundgestus etabliert. Wenn sich dann der zum elften Mal als Opernchor des Jahres ausgezeichnete Staatsopernchor hinzu gesellt, ist der Genuss vollkommen. Jedenfalls der musikalische Genuss.

Ganz in düsterem Grau: Wagners „Lohengrin“ an der Staatsoper Stuttgart, Foto: Matthias Baus

Der Chor beherrscht auch visuell den ersten Akt. Ganz in düsterem Grau ähnelt er eher dem Personal von „Metropolis“ oder eines Gefangenenlagers als dem Volk von Brabant. Im Lauf des Abends wird er sich knallig bunt einkleiden: Lohengrin hat die Freiheit gebracht, oder jedenfalls, was die Propaganda der „grauen Masse“ entgegensetzt, die seit Klaus Mehnerts „Der Sowjetmensch“ als Klischee dient. Bei der Personenführung der Solisten hat sich der renommierte ungarische Regisseur Árpád Schilling nicht viel einfallen lassen. Er hat denn als einziger beim stürmischen Schlussapplaus auch Buhs geerntet. Freilich: anders als die Theaterstücke, die zurzeit die Bühnen bevölkern, legt „Lohengrin“ eine aktualisierte Deutung nicht gerade nahe. Wagners Heldenverehrung ist uns heute so fern wie der Zauberglaube. Zwar tut Schilling alles, um seine Figuren zu entheroisieren, Lohengrins Gegenspieler Telramund ist ein verbürgerlichter Spießer, Lohengrin dem Aussehen nach eher Falstaff als ein Gralsritter. Aber die Handlung will sich dieser Mutation nicht unterordnen, und wenn Lohengrin den Schwan aus dem Hosenbund zieht, statt von ihm an Land gezogen zu werden, ist das unfreiwillig komisch oder im besten Fall aufdringlich symbolisch. Der Mann, der unverrichteter Dinge gehen muss, wenn man seinen Namen erfährt – ein ins Positive gewandeltes Rumpelstilzchen der deutschen Mythologie –, hat im Grau-Bunt der Modernisierung, wie sehr sich das Programmbuch einmal mehr winden mag, keinen Platz. Und ein Satz wie der folgende, den der edle König Heinrich der Vogler spricht, ist in Deutschland – auch aus der Sicht eines ungarischen Gastes – heute eigentlich kaum erträglich, wenn man die historische Distanz zur Zeit der Handlung und zur Zeit der Entstehung nicht mitdenken will: „Für deutsches Land das deutsche Schwert! / So sei des Reiches Kraft bewährt!“

Immerhin erleichtert die statische Regie den Sängern ihre eigentliche Aufgabe, das Singen, und das tun sie grandios: Simone Schneider und Okka von der Damerau als die brave, aber neugierige Elsa und als die intrigante Ortrud, Michael König und Martin Gantner als Lohengrin (gut) und Telramund (böse), zwischen ihnen, mit vollem Bass, Goran Jurić als König Heinrich. Dazu, als Heerrufer im Gewand des Zeremonienmeisters, der Stuttgarter Liebling Shigeo Ishino.

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erstellt am 01.10.2018

„Lohengrin“ an der Staatsoper Stuttgart, Foto: Matthias Baus

Romantische Oper in drei Aufzügen

Lohengrin

von Richard Wagner

Musikalische Leitung Cornelius Meister
Regie Árpád Schilling
Bühne Raimund Orfeo Voigt
Kostüme Tina Kloempken

Besetzung: Heinrich der Vogler Goran Jurić, Lohengrin Michael König, Elsa von Brabant Simone Schneider, Friedrich von Telramund Martin Gantner et al.

Staatsoper Stuttgart