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Marina Zwetajewa (1892-1941) gilt neben Anna Achmatowa als bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts. Dank einer neuen Übersetzung von Elke Erb, Ilma Rakusa, Margret Schubert und Marie-Luise Bott lässt sich jetzt ihre in den dreißiger Jahren entstandene Prosa entdecken. Gudrun Braunsperger empfiehlt den bei Suhrkamp erschienenen Band.

Buchbesprechung

»Die Wahrheit ist eine Überläuferin«

„Sie sagen, es gäbe kein Papier mehr“, schreibt Marina Zwetajewa in den Tagen der Oktoberrevolution 1917 in ihr Tagebuch. „Der eine sieht darin weiter nichts, der andere ein Zeichen.“

Die dichtende Seherin deutet richtig: Dieser scheinbar nebensächliche Begleitumstand der Revolutionswirren weist auf etwas voraus, markiert einen Wendepunkt im Lebensschicksal der Dichterin. Schreiben, ihre Wahrnehmung von Welt in Worte fassen und sich darin mitteilen, das macht ihr Wesen aus, das ist ihr Atem, ihre Musik, das ist die von ihr gewählte und die ihr bestimmte Form von Dasein. Fortan wird Marina Zwetajewa um ihre Existenz als Poetin ringen müssen: „Die Emigration hat mich zum Prosaisten gemacht“, schreibt sie 1933 an eine Freundin. „Es ist eine lyrische Prosa, dennoch kommt sie nach den Gedichten!“ Nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion zerbricht sie schließlich nicht zuletzt am Anspruch, ihre Freiheit als Mensch und als Dichterin zu bewahren.

„Es ist Zeit, dem Schöpfer die Eintrittskarte zurückzugeben“, heißt es in einem Gedicht, das zwei Jahre vor ihrem tragischen Freitod 1941 entstanden ist und ihre übergroße Verzweiflung ausdrückt. Der Spielraum der Rebellin ist in einer Welt der totalitären Herrschaft und grausamen Politik des Krieges zu eng geworden. Der Geist des Aufbegehrens war immer schon in ihr, und davon kann man sich gerade auch in ihren Prosatexten überzeugen. Der Widerspruchsgeist der Zwetajewa geht mit frühreifer Weisheit um eine mythische Ordnung der Welt einher, die sie als schicksalhaft begreift, mit Neugier betrachtet und bestaunt, als Sprachartistin reflektiert und kommentiert, mit der magischen Kraft des dichterischen Worts.

Lebensrettender Anker

In ihrer Prosa, die in den dreißiger Jahren entstanden ist, verarbeitet Zwetajewa autobiographisches Material. Die Lyrikerin, die in der Emigration in Prag und Paris mit ihren Gedichten kein Geld verdienen kann, wendet sich ihrer Vergangenheit zu und lässt eine Welt wieder lebendig werden, die es nicht mehr gibt. Sie schreibt über ihre Kindheit in Moskau und auf der Datscha in Tarussa, in „Mutter und Musik“ über ihre Beziehung zur frühverstorbenen Mutter, einer Pianistin, in „Das Museum Alexanders III.“ über den Vater, den Gründer des Moskauer „Puschkin-Museums“, in „Das Haus beim Alten Pimen“ über die Familie des Stiefgroßvaters und in „Erzählung von Sonetschka“ über ihre Liebe zur Schauspielerin Sonja Holliday. Und sie gestaltet lyrische Prosa aus den Tagebuchaufzeichnungen in ihren Notizbüchern, die sie immer bei sich trägt und die im Chaos des Bürgerkriegs lebensrettender Anker für sie gewesen sind. Das Projekt, das Material unter dem Titel „Irdische Zeiten“, Moskauer Aufzeichungen der Jahre 1917 bis Ende 1919, als Buch zu publizieren, zerschlägt sich allerdings, nur Auszüge daraus wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Die Tagebuchaufzeichnungen wurden allerdings mit dem Blick auf eine Leserschaft bearbeitet und sie geben Einblick in die poetische Schreib- und Denkwerkstatt einer Dichterin. Sie komponiert lyrische Bilder, zum Beispiel dieses: „Mir geradewegs ins Gesicht der Mond. Ich fange ihn wie in einem Spiegel im silbernen Schild meines Ringes ein“. Die Kreativität der Sprachkünstlerin ist auch in diesen Prosatexten enorm: Sie jongliert mit Wörtern und spielt mit Assonanzen und Alliterationen, Diminutiven und Neologismen, Redewendungen und Zitaten. Dass die Qualität der vielgestaltigen Wortspiele in der deutschen Übersetzung nicht verloren gegangen ist, das ist eine besondere Leistung des Übersetzerinnen-Kollektivs, bestehend aus Hilde Angarowa, Marie-Luise Bott, Elke Erb, Regine Kühn, Ilma Rakusa und Margarete Schubert. Gelegentlich hat die russische Lyrikerin auch die deutsche Sprache miteinbezogen, eine Sprache, mit der die Enkelin eines Baltendeutschen durch eine deutsche Kinderfrau und nach einer Internatszeit in Freiburg von früh auf vertraut war. So las sie die deutschen Dichter der Romantik im Original, Heine, Hölderlin und der späte Goethe zählten zu ihren Lieblingsdichtern. Ein ganzes Kapitel ihrer Tagebuchprosa ist ihrer Liebe zu Deutschland und zur deutschen Kultur gewidmet, eine Liebe, die nach dem Ersten Weltkrieg, ganz Zwetajewa, wider den Zeitgeist war.

Es geht Marina Zwetajewa dabei um nichts weniger als um die Wahrheit. Feinfühlig für den politischen Puls der Zeit begreift sie sich doch nicht als Chronistin im strengen Sinn. Sie unternimmt eine eigenwillige, persönliche und subjektive Deutung der Fakten: „Die Wahrheit ist eine Überläuferin“ schreibt sie einmal. In ihrer dichterischen Prosa werden Episoden plastisch, indem sie mit Worten Bilder malt, ihre Dialoge haben musikalischen Rhythmus, sie verzichtet beim Erzählen auf einen stringenten Handlungsverlauf, hält immer wieder inne, um Atmosphäre in poetischer Betrachtung zu schaffen. Nichts desto weniger vermag sie erzähltechnische Spannung zu erzeugen, sodass man einen Prosatext wie „Das Haus beim Alten Pimen“ atemlos verfolgt.

Sittenbild einer Epoche

Gerade dieser Text ist ein gutes Beispiel für höchste literarische Könnerschaft: Zwetajewa sichert sich die Empathie des Lesers für ihre Figuren, wenngleich sie die feine Beobachterin bleibt, die von einem Werturteil immer wieder inneren Abstand nimmt. Das Thema ist die Macht eines Familiensystems, vorgestellt an der Familie des Stiefgroßvaters, des durch seine Lehrbücher landesweit bekannten Historikers Dmitrij Ilowajskij. Er erlebt als Neunzigjähriger den Untergang seiner Lebenswelt, während die Revolution seine Millionen erbt. Sie stilisiert den unnahbaren, hartherzigen, gleichwohl beeindruckenden Patriarchen zu Hades, den Gott der Unterwelt, hat er doch nicht nur seine erste Frau überlebt, sondern bis auf eine Tochter alle seine Kinder. „Menschen wie ihn kann man nicht richten. Es wird sie auch nicht mehr geben. Gewesen sind sie.“ Am Beispiel dieser Familie, deren systemische Gesetzmäßigkeiten Zwetajewa zu ergründen sucht, ersteht vor den Augen der Leser das Sittenbild einer ganzen Epoche: die erdrückende psychische Gewalt bürgerlicher Vernunftherrschaft im 19. Jahrhundert. Das Ilowajskijsche „Haus beim Alten Pimen“, das, Zitat: „bedrückte, durch all jene, die in ihm früher gelebt hatten“, ist das Symbol einer geschlossenen Ordnung.

Marina Zwetajewa hat nicht Handlung im Blick, sondern das Geschehen, nicht Tun, sondern das Sein. Sie erfasst Menschen mit ihren Worten im Kern ihres Wesens. Der früh verstorbenen Freundin Sonja Holliday hat sie in einem ihrer bedeutendsten Prosatexte „Erzählung von Sonetschka“ ein dichterisches Denkmal gesetzt:

„Vor mir ein lebendes Feuer. Alles an ihr brennt. Brennende Wangen, brennende Lippen, brennende Augen, unversehrt die brennenden weißen Zähne im Scheiterhaufen des Mundes. Die Zöpfe brennen, als ob sie sich aus den Flammen winden! Die Zöpfe brennen, als ob sie sich aus den Flammen winden! – zwei schwarze Zöpfe, der eine auf dem Rücken, der andere auf der Brust, als hätte es ihn vom Scheiterhaufen weggeschleudert. Und der Blick aus diesem Feuer – solches Entzücken, solche Verzweiflung, solches: Ich fürchte mich! Solches: Ich liebe!“

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erstellt am 30.9.2018

Marina Zwetajewa
„Ich schicke meinen Schatten voraus“
Prosa. Gesammelte Werke Band 1
Aus dem Russischen von Elke Erb, Ilma Rakusa, Margret Schubert und Marie-Luise Bott
Gebunden, 729 Seiten
ISBN: 978-3-518-42806-1
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018

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Signatur von Marina Zwetajewa
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