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Was als Komödie beginnt, wandelt sich zu einer Schreckensvision: „Die Nashörner“, Eugène Ionescos Parabel über Konformismus, Opportunismus und Massenhysterie, wurde 1959 uraufgeführt. Nun eröffnet der Dreiakter die neue Spielzeit an der Württembergischen Landesbühne Esslingen. Thomas Rothschild hat einen großen Theaterabend erlebt.

Theater

Ionescos »Nashörner« trampeln durch Esslingen

„Ich kapituliere nicht!“ Das sind Behringers Schlussworte. Der „letzte Mensch“ wird nackt – Ecce homo – in einer Vitrine hochgezogen und von einer Partygesellschaft in Abendkleid und Smoking mit Sektgläsern in den Händen bestaunt. Die Württembergische Landesbühne zeigt „Die Nashörner“. Wüsste man es nicht besser, könnte man sie für ein Stück von heute halten. Es bedarf keiner Aktualisierung, und das Ensemble unter der Regie von Markus Bartl überbietet sich selbst: Ein großer Theaterabend als Saisonauftakt.

Die Unzufriedenheit mit den erstarrten Konventionen des Theaters ist keine Erfindung der Gegenwart. Einer der Erneuerungsversuche war vor mehr als einem halben Jahrhundert, was man mit einem Vorschlag von Martin Esslin „Theater des Absurden“ nannte. Als dessen prominenteste Vertreter galten Samuel Beckett und Eugène Ionesco. Der Dreiakter „Die Nashörner“ des aus Rumänien stammenden Franzosen ist eine Parabel und gerade so absurd wie der „Sommernachtstraum“, in dem sich Zettel in einen Esel verwandelt, oder wie eine Fabel, in der Tiere miteinander Gespräche führen. Jedes Element dieses Gleichnisses lässt sich in Alltagserfahrung „übersetzen“. Nichts daran ist absurd – wie etwa die Situation von Hamm und Clov in Samuel Becketts zur gleichen Zeit entstandenem „Endspiel“.

Das heißt freilich nicht, dass die Aussage der „Nashörner“ eindeutig sei. In welcher historisch verbürgten Gesellschaft diese Parabel über Konformismus, Opportunismus und Massenhysterie anzusiedeln sei, beschäftigt die Interpreten seit der Uraufführung im Jahr 1959, vierzehn Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur, sechs Jahre nach Stalins Tod, dreißig Jahre nach Ortega y Gassets „Aufstand der Massen“ und ein Jahr vor Veröffentlichung von Elias Canettis „Masse und Macht“, und die Antworten, die sie liefern, verdanken sich weniger dem Text als den Voreinstellungen der Deuter. Die angebliche Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

Anpassung an Normen: „Die Nashörner“, Württembergische Landesbühne, Foto: Partick Pfeiffer für WLB

Was als Komödie beginnt, wandelt sich in den knapp zwei Stunden der pausenlosen Inszenierung zu einer bedrohlichen Schreckensvision. Scharnier zwischen den Teilen ist die Verwandlung eines Mannes mit dem Allerweltsnamen Hans – im Original: Jean – in ein Nashorn. Diese Transformation findet – ein schauspielerisches Kabinettstück – ausschließlich mittels der Stimme statt. Nach und nach finden die Figuren Argumente und Ausreden für ihre allmähliche Anpassung an die Normen der Nashörner. „Der Logiker“, die Karikatur eines Intellektuellen, erklärt: „Man muss mit der Zeit gehen.“ Julien Benda und sein „Verrat der Intellektuellen“ gehören zu den Inspirationen für die „Nashörner“.

Reinhold Ohngemach verkörpert den Hans, zunächst misslaunig knurrend, dann zunehmend, aber ohne Forcierung, nashörnisch, Oliver Moumouris nimmt als sein Gegenspieler durch seine sich zum Widerstand steigernde Lauterkeit ein. Schon in der Exposition, in der das Spektrum der typisierten Figuren, an der Rampe vor einer breiten Treppe aufgereiht, ein Bild der bürgerlichen Gesellschaft entwirft, erzeugt die Regie durch Tempo und Sprachkomposition einen Sog, der bruchlos anhält, wenn die ersten Nashörner – von den Bühnenfiguren, nicht vom Publikum – gesichtet werden.

Die Zuschauer sehen von den Viechern nur den Staub, den sie aufwirbeln, und sie hören den Lärm ihrer Hufe. Behringer kapituliert nicht. Und wir?

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erstellt am 24.9.2018

„Die Nashörner“, Württembergische Landesbühne Esslingen, Foto: Partick Pfeiffer für WLB

Die Nashörner

Von Eugène Ionesco

Regie Markus Bartl
Bühne Philipp Kiefer
Kostüme Philipp Kiefer

Mit Ulf Deutscher, Barbara Dussler, Achim Hall, Gesine Hannemann et. al.

Württembergische Landesbühne Esslingen