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20 Jahre nach der Uraufführung von „Tri sestry“ in Lyon zeigt die Oper Frankfurt das zum modernen Klassiker avancierte Werk von Peter Eötvös erstmals wieder in der Urfassung. Regisseurin Dorothea Kirschbaum schlägt einen Katalog auf, der jeden der Protagonisten von seiner eigenen, neuen Lebens-Einrichtung träumen lässt. Alles andere als langweilig, meint Andrea Richter.

Tri sestry / Drei Schwestern

Unerfüllte Katalogträume

Das große Thema der Oper ist das Abschied nehmen. Abschied von Menschen, von Orten und von Träumen. Jedes Mal klingt der Abschied anders und sieht anders aus. Vor allem das Publikum muss sich von Gewohntem und damit verbundenen Erwartungen verabschieden. Doch nachdem alles auf den Kopf gestellt wurde, setzen sich die Einzelteile zu einem erstaunlich harmonischen Ganzen zusammen.

Der Abschied von gewohnten Strukturen

Es beginnt mit dem Orchester: Im Graben sitzt ein nur 18-köpfiges Ensemble, das den wesentlichen Instrumentalpart übernehmen wird. Die verschiedenen Instrumente sind den Sängern zugeordnet: Holzbläser für die Mitglieder der Familie respektive die Bratschen für die drei Schwestern, wenn sie zusammen auftreten, Blechbläser für die Außenstehenden. Das große Orchester befindet sich auf der erhöhten Bühne hinter den Sängern. Gewohnt ist der Zuschauer – falls es überhaupt eine Orchesterteilung gibt – die umgekehrte Verteilung auf Bühne und Graben.

Orchester hinter den Sängern: „Tri sestry“, Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Der Abschied von der Erzählstruktur der Tschechowschen Dramenvorlage Drei Schwestern. Denn Librettist Claus Henneberg hat gemeinsam mit Eötvös die lineare Handlung aufgebrochen und das Geschehen in drei Sequenzen aus drei Sichtweisen geschildert: der Irinas, der Andreis, dem Bruder, und der Maschas. Eine Überraschung insofern, als das Werk den Titel Tri sestry, also Drei Schwestern, trägt. Zu erwarten wäre also gewesen, dass ihr die dritte Sequenz zugeschrieben würde. Doch genau das wollte der Komponist: Erwartungen konterkarieren. Das Fehlen einer Olga-Sequenz begründet Eötvös mit dem Fehlen von Träumen bei Olga, der ältesten, sozialsten, mütterlichsten, der immer für andere da Seienden. In Kirschbaums (sie hatte bei bereits Eugen Onegin Regie geführt) Ikea-Land darf hingegen jeder von einer anderen Lebens-Möblierung träumen. Nach jeder Sequenz werden die werden die immer gleichen Katalog-Möbel anders angeordnet. So auch für Olga, die, wie in Tschechows Vorlage, durchaus Träume hat. Ihr wird in der Neuinszenierung der letzte Teil der Mascha-Sequenz zugeschrieben. Was insofern Sinn macht, als sie davon träumt, wie sie als Ehefrau wäre. Und natürlich, wie alle Geschwister, von Moskau, von wo aus sie, alle noch Kinder beziehungsweise Andrei Student, elf Jahre zuvor in die Provinz ziehen mussten, sich dort entsetzlich langweilen und frustriert sind. Moskau der Sehnsuchtsort, der Kindheit, der sie noch immer nachhängen und deshalb ihr ungeliebtes Schicksal nicht aktiv in die Hände nehmen können. Sehr sinnfällig durch altmodische Spielgeräte neben einer Glasfront des Hauptraums in Szene gesetzt. Dort beginnt das Stück mit Tschechows Epilog gesungen in ergreifendem Terzett der drei Schwestern, und dort endet es.

Der Abschied von Geschlechterzuschreibungen

Gewöhnt haben die Komponisten und Librettisten ihr Publikum von jeher an Hosenrollen, sprich an Frauenstimmen, Kastraten inklusive, die Männer darstellen. Vor allem kennen wir sie aus Barockopern (heute natürlich Countertenöre!) oder auch später von Mozart (Cherubino) oder Strauss (Octavian und der Komponist). Umgekehrt wurden Männer mit Frauenstimmen auch im Barock als Frauen eingesetzt, später nur in komischen oder irgendwie außerhalb der Norm liegenden Frauenrollen. Ganz „normalen“ Frauen wurden Frauenstimmen zugedacht. Irina (Ray Chenez), Mascha (David DQ Lee), Olga (Dimitry Egorov) und Natascha (Eric Jurenas) sind ganz normale Frauen, abgesehen von den für das Drama notwendigen Zuspitzungen von Seelen- oder Daseinszuständen, ohne die sich keine Spannung erzeugen lässt. Doch diese weichen im Fall der Tri sestry keineswegs drastisch vom Normalmaß (falls es das überhaupt gibt) ab. Die komische Rolle hat der ewig betrunkene Doktor, ein Tenor (Mark Milhofer). Die vier Counter fungieren also nicht als Abweichungen, sondern als Symbole für die Allgemeingültigkeit des Abschieds von unerfüllten Hoffnungen und Sehnsüchten, die es zeitlos bei Frauen und Männern gleichermaßen gibt. Die Regisseurin hat sich die Freiheit genommen, die Hausangestellte Anfisa, von einem Bass (Alfred Reiter) gesungen, in Männerkleidung zu belassen und damit das Umgekehrte nochmals umzukehren.

Ganz normale Frauen: „Tri sestry“, Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Was ist noch russisch?

Neben der Sprache, die Eötvös wegen ihrer ihr inne wohnenden Musikalität zurecht neben dem Italienischen für die geeignetste Opernsprache hält, das Akkordeon (Eva Zöllner), das sich wie ein Klangteppich elektronisch verfremdet als ein musikalischer Klangteppich über die gesamte Oper legt. Weiter natürlich die musikalischen Zitate aus Eugen Onegin von Tschaikowski. Die Saufereien und schließlich Ikea, das inzwischen längst zum russischen Alltag gehört.

Fazit: Unter dem Doppeldirigat von Dennis Russell-Davies (Ensemble) und Nikolai Petersen (Hauptorchester) entfalteten sich ungeheuer spannende und emotional aufgeladene Klangwelten. Einziger Kritikpunkt: Der in der Komposition angelegte Effekt der unterschiedlichen Stimmlagen der Countertenöre (2 Soprane, Mezzo und Alt) litt teilweise darunter, dass sie sich zu wenig voneinander absetzten. Dafür beeindruckte der erst 25-jährige Bariton Mikołaj Trąbka als Andrei umso mehr. Diesen Name muss man sich merken.

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erstellt am 13.9.2018

„Tri sestry“, Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Oper in drei Sequenzen

Tri sestry (Drei Schwestern)

Von Peter Eötvös
Text von Claus H. Henneberg und dem Komponisten nach dem gleichnamigen Drama (1901) von Anton P. Tschechow

Musikalische Leitung Dennis Russell Davies und Nikolai Petersen
Inszenierung Dorothea Kirschbaum
Bühnenbild Ashley Martin Davis
Kostüme Michaela Barth

Besetzung: Irina Ray Chenez, Mascha David DQ Lee, Olga Dmitry Egorov, Andrei Mikołaj Trąbka et al.

Oper Frankfurt