Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Es brauchte seine Zeit, bis der Bass Günther Groissböck sich in seine erkältete Stimme eingefunden hatte. Doch dann feuerte er beim Liederabend in der Frankfurter Oper zusammen mit seinem Klavierpartner Malcom Martineau ein Feuerwerk russischer Lieder ab, das es in sich hatte. Andrea Richter hat zugehört.

Liederabend in Frankfurt

Wotan und Taschentücher

Einen Liederabend mit einem Bass serviert zu bekommen, ist per se etwas Besonderes. Für diese Stimmlage existiert vergleichsweise wenig Literatur. Wohl, weil der Bass seinen vollen Klang in kraftvollen Linien entwickelt und nicht in der für das Lied typischen Emotionsflexibilität.

Johannes Brahms' (1833-1897) Vier ernste Gesänge (op. 121) bilden eine seltene Ausnahme. Sie wurden nach Texten aus der Bibel ausdrücklich für eine Bassstimme komponiert und zeugen von tiefer Traurigkeit, die Brahms wegen des Verlustes mehrerer ihm wichtiger Menschen damals empfand. Martineau überzeugte sofort mit der mühelosen Beherrschung des teilweise sehr anspruchsvollen Klavierparts. Groissböck hingegen sang tiefer als vorgesehen, Piani waren brüchig, und er rang buchstäblich um Luft, insbesondere bei den langen Linien in O Tod, wie bitter bist du. Spätestens da war klar: der Mann war angeschlagen, denn ganz andere Klänge kennen die Frankfurter von ihm von seiner wunderbaren Winterreise vor ziemlich genau einem Jahr. Er befreite dann sich und das Publikum, das fürchtete, Glaube und Hoffnung an einen besonderen Abend mit einem Weltstar zu verlieren, von seinem Leid buchstäblich mit einem Wort in der vorletzten Zeile des vierten Liedes: Liebe.

Robert Schumanns Liederkreis nach 12 Gedichten von Joseph Eichendorff (op. 39) schuf der Komponist „für Singstimme“ ohne nähere Bestimmung. Also darf auch ein Bass ran. Die erste Hälfte des Zyklus beinhaltet eher positive, die zweite eher dunkle Inhalte. Die Lieder seien kongenial und „bringen ein Potenzial der Gedichte heraus, jene Transzendenz zum Gesang, die entspringt in der Bewegung über alles bildhaft und begrifflich Bestimmte hinweg, im Rauschen des Wortgefälles“, so Theodor W. Adorno über den Zyklus. Die Feingliedrigkeit der Komposition in Aufbau und Klang muss ein Sänger mit seiner Interpretation nachvollziehen. Präzisionsarbeit und große stimmliche Flexibilität sind angesagt. Angesichts seines Doppelhandicaps Bass plus Erkältung (Unmengen von Taschentüchern hatte er im offenen Flügel bereitgelegt und brauchte sie auch) meisterte Groissböck die Aufgabe erstaunlich gut. Ungebremste Romantik im wohl bekanntesten Lied des Zyklus Mondnacht, für seine Stimmlage überraschende Leichtigkeit in Die Stille bis hin zum jubelnden „Sie ist deine, sie ist dein“ der Frühlingsnacht.

Malcolm Martineau (Klavier) und Günther Groissböck (Bass) in der Frankfurter Oper, Foto: Barbara Aumüller

Nach der Pause wurden zwei Dinge bewiesen: Erstens, dass Russisch neben Italienisch die schönste Singsprache ist. Diese Ls (mit nach oben an den Gaumen gerollter Zunge zu artikulieren, was der Stimme schon innerhalb des Mundraums eigene Entfaltungsmöglichkeit gibt), diese weichen Jas, Schas, diese ganz dem Klang untergeordnete Aneinanderreihung von Worten sind schon gesprochen pure Musik. Erst recht, wenn sie in Töne verwandelt aus der Kehle eines Weltklasse-Bassisten kommen. Und welche Stimme ist für die Vermittlung der russischen Seele geeigneter als der Bass?

Weit weg vom ziselierten Feingesang eines Robert Schumann spricht aus Peter I. Tschaikowskijs fünf Liedern (op. 6 Nr.6 und Nr.4, op. 25 Nr.1 und 38 Nr. 1 und 3 nach Goethe und Tolstoi-Gedichten) großzügige Emotion, kompositorisch formuliert mit längeren Themen und Bögen, mit an die Volksmusik angelehnten tänzerischen Rhythmen. Da war Groissböck in seinem Element. Von hinreißender Romantik Inmitten des lärmenden Balles bis hin zur nachdrücklichen Aufforderung an Nissetta, nun endlich auf den Balkon zu kommen am Ende von Ständchen des Don Juan stellte er seine überragenden Fähigkeiten als Opernsänger unter Beweis. Was in diesem Fall passte, obwohl es sich um Lieder handelte. Genauso passend wie für die sechs kurzen Lieder von Sergei Rachmaninow (op. 4 Nr. 1, 3 und 4, op. 8 Nr.5, op. 21 Nr. 6 und op. 26 Nr. 2). Einfach herrlich dazu die opulente Klavierbegleitung Martineaus .

Einmal sozusagen bei der Oper gelandet, griff Groissböck bei der Zugabe dann ganz tief in die Kiste des Fachs: Wagner, Wotans Abschied aus der Walküre. Eine Art Klavierprobe vor Publikum. Ein bisschen muss er noch an der Partie feilen. Schön war´s trotzdem.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 12.9.2018

Günther Groissböck (Bass) und Malcolm Martineau (Klavier) in der Frankfurter Oper, Foto: Barbara Aumüller