Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Am Staatstheater Darmstadt beginnt die neue Saison mit einer Inszenierung der Oper „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen. Es ist ein Kraftakt, den Orchestermusiker und Sänger, vor allem der Bariton Georg Festl in der Titelpartie zum grandiosen Erfolg verwandeln, meint Stefana Sabin.

»Saint François d’Assise«

Hochamt in der Oper

Auf der Bühne liegen oder sitzen weiß gekleidete, barfüßige Gestalten in einer entspannten, meditativen Pose. Dann, während das Orchester schon spielt, steht ein Mann auf und in langen, langsamen Tönen erklärt er den anderen und vor allem seinem zweifelnden Glaubensbruder Léon die „vollkommene Freude“ an Christi Liebe. Das ist Franziskus, der Lieblingsheiliger von Olivier Messiaen, der ihn zum Titelhelden seiner einzigen Oper gemacht hat.

1983 in Paris uraufgeführt, gilt diese Oper als Messiaens opus summum: alle Elemente seiner Tonsprache finden sich hier wieder (lärmende Schlagzeugkaskaden, indische Rhythmen, Hollywoodreife Süßlichkeit, die Verarbeitung von Vogelstimmen) und seine Vorstellung, Gnade durch Musik zu erreichen, gelingt hier zur musikalischen Gestaltung. Es geht darum, so Messiaen, die „fortschreitenden Stadien der Gnade in der Seele des heiligen Franziskus zu schildern“. Für die postreligiöse Zeit ist das eine schwierige Oper – um so mehr, als Text und Musik keine Ironie zulassen.

Es ist auch eine Oper von wagnerianischer Länge: Spieldauer viereinhalb Stunden. Und es ist eine enorm aufwendige Oper, weil ein ungewöhnlich großes Orchester und ein riesiger Chor vorgesehen sind, und weil der Bariton, der die Titelpartie singt, fast ununterbrochen agieren muss. Denn die Oper hat keine Handlung – es gibt keine Konflikte und entsprechend keine Entwicklung –, und die szenischen Bilder erhalten allein durch die Präsenz der Hauptfigur einen Sinnzusammenhang. Franziskus predigt und meditiert (erstes und zweites Bild), er heilt den Leprakranken (drittes Bild), er betet, während ein Engel den anderen Brüdern erscheint (viertes Bild), er meditiert wieder (fünftes Bild), er predigt den Vögeln (sechstes Bild), er empfängt die Stigmata (siebentes Bild), stirbt und steigt zum Paradies auf (achtes Bild). Dass dabei Franziskus’ Bahre in die Unterbühne absinkt, dass es also gewissermaßen in die falsche Richtung geht, ist nur eine kleine Merkwürdigkeit dieser sonst gelungenen Inszenierung.

Dunkle, schmucklose Bühne: „Saint François d’Assise“ am Staatstheater Darmstadt, Foto: Stephan Ernst

Karsten Wiegand und seine Mannschaft haben eine dunkle, schmucklose Bühne geschaffen, auf der in einigen Szenen große Tafeln als Projektionsfläche dienen; sie haben die Brüder und Franziskus ebenso wie den Chor der Gläubigen weiß gekleidet, so dass ihre Präsenz mit der Dunkelheit der Bühne immer kontrastiert; sie haben sich der Technik klug, also sparsam bedient (der Engel ist der einzige, der Schuhe trägt und diese Schuhe haben Neonsohlen; und während der Vogelpredigt werden Vogelschwärme an die Wände und die Decke des Zuschauerraums projiziert); und sie haben das Riesenorchester, das in den Orchestergraben nicht gepasst hätte, im hinteren Bühnenraum um den Baum, den der Komponist verlangt, platziert. Das erlaubt den Figuren nah am Publikum zu agieren, raubt aber manchmal der Musik die notwendige Wucht.

Dennoch gelingt es dem Orchester unter Johannes Harneit die Dringlichkeit der Messianischen Musik zu entfalten und zu vermitteln. Dazu tragen auch die Sänger bei, die den sperrigen Text, den Messiaen selbst geschrieben bzw. zusammengetragen hat, auf Französisch singen und den handlungsarmen Szenen dabei eine gewisse Lebhaftigkeit abgewinnen – so im fünften Bild, als Franziskus der musizierende Engel erscheint, während er wie besessen im Kreis läuft und auch im vierten Bild, als der wandernde Engel erscheint. Dieser Engel, wunderbar gesungen und gespielt von Katharina Persicke, nimmt schon mal die Haltung der Raffaelitischen Engel ein und verwandelt oder verwackelt mit einer flüchtigen Handbewegung die auf die Tafeln projizierten Fresken von Giotto. Es ist die einzige Szene, in der eine ironische, wohltuend verspielte Note erkennbar wird. Sonst nimmt die Inszenierung die Musik und ihre Intention ernst, so dass am Ende, als der Chor kreuzförmig im Zuschauerraum aufgestellt ist, ein Hochamt in der Oper stattfindet.

Die Inszenierung wird von dem Bariton Georg Festl, der seit der Spielzeit 2016/2017 zum Ensemble des Staatstheaters Darmstadt gehört und dort Figaro in Le Nozze di Figaro, Frank in Die Fledermaus und Pietro in Simone Boccanegra gesungen hat, getragen. Er gibt den Messiaenischen Franziskus mit einer überzeugenden schauspielerischen Zurückhaltung und einer stimmlich gleichbleibenden Kraft. Er trägt entscheidend zum großen Gelingen dieser besonderen Darmstädter Produktion.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 12.9.2018

Georg Festl als St. François am Staatstheater Darmstadt, Foto: Stephan Ernst

Oper in drei Akten

Saint François d'Assise

von Olivier Messiaen, Libretto vom Komponisten

Musikalische Leitung Johannes Harneit
Regie Karsten Wiegand
Co-Regie Luise Kautz
Bühne Bärbl Hohmann

Besetzung
St. François Georg Festl, Engel Katharina Persicke Der Aussätzige Mickael Spadaccini, Bruder Leon Julian Orlishausen et al.

Staatstheater Darmstadt