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Musikjournalisten benutzen gerne das Juwelierwort ‚hochkarätig’, wenn es um Bekanntes und Begehrtes geht: wenn Wolfgang Rihm und Dieter Ammann junge Komponisten unterrichten, Bronfman Liszt, Aimard und Stefanovich Stockhausen spielen, Petrenko Franz Schmidt, Nézet-Séguin Haydn und Tschaikowskij dirigieren. Hans-Klaus Jungheinrich hat auf dem Lucerne Festival den Meistern zugehört.

Notizen vom Lucerne Festival 2018

Der Sommer der Lehrmeister

Früher war es das Internationale Musikfest Luzern und auch schon berühmt als ein herausragendes Forum klassischer Musik. Seit einigen Jahren heißt es Lucerne Festival, und selbst ein so bodenständiger (badischer) Alemanne wie der Komponist Wolfgang Rihm spricht den Namen der Stadt am Vierwaldstättersee jetzt auch schon mal englisch aus, ein offenbar unumgänglicher Tribut an die Globalisierung, in der – mittendrin – aber auch die dialektselige innerschweizerische Vielsprachigkeit herrscht. Anglophone Orientierung im babylonischen Wirrwarr empfahl sich besonders für Rihms „Composer Seminar“, einen zweiwöchigen Kompaktkurs für junge Komponisten, wo sich neun von 250 vorstellig gewordenen Interessenten aus ganz verschiedenen Ländern trafen, um miteinander und mit den gestandenen tonsetzerischen Lehrmeistern Wolfgang Rihm und Dieter Ammann zu arbeiten. Rihm bezeichnete diese Adepten als „Individuen“ und hob dabei auf die Kriterien einer im Hinblick auf die vielen Anwärter prekär scheinenden Auswahl ab: Nicht um „beste“ oder stilistisch stramm formierte (gar an Rihms eigener Schreibweise orientierte) Frauen oder Männer sei es gegangen, sondern um solche, die, aus verschiedensten ethnischen und kulturellen Herkünften sich versammelnd, einander auf hohem Niveau gegenseitig „Fragen“ zu stellen vermochten. Das klingt nun gerade nicht nach quantifizierbaren Ranking-Gepflogenheiten, sondern, patriarchalisch-elastisch, im typisch intuitiven Rihm-Ton, und das Resultat konnte durchaus überzeugen, wenn man die in den Abschlusskonzerten präsentierten Werke zum Maßstab nahm. Es war nicht nur eine Freude, die Vielfalt dieser im Zentrum des Kurses stehenden Kompositionen zu hören, sondern auch die Hebammen-Zuwendung Rihms und Ammanns dabei zu erleben, die, eloquent im Dialog, ihrer Begeisterung am neu Entstandenen coram publico Ausdruck gaben. Wenn es einleuchtet, dass Schüler immer so gut sind wie ihre Lehrer, so lässt sich diese Beobachtung auch umdrehen: Welch gute Lehrmeister müssen Rihm und Ammann sein, wenn sie sich in so talentierten Schülern spiegeln dürfen!

Viele Festivals suchen nach griffiger thematischer Vereinheitlichung ihres gewöhnlich pluralistischen, durchaus auch von den Zufällen des Musikbusiness und den Tournéeplanungen der Spitzenkünstler reglementierten Angebots. Die Motto-Hüte, unter denen alles unterkommen soll, müssen groß und weich sein – „Liebe“, „Schicksal“, „Leidenschaft“ und ähnlich Umfänglich-Vages empfiehlt sich, und auch das diesmal von Luzern (vielmehr Lucerne) gewählte Generalmotiv „Kindheit“ eröffnet einen weiten Resonanz- und Assoziationsraum (einen ähnlichen übrigens wie der Begriff „Heimat“), und natürlich lässt sich das meiste dennoch nur schwer über den Kamm der Kinderstars oder der komponierenden Wunderkinder scheren. Für meine eigenen Notizen erlaube ich mir also, das Kindheitsthema beiseite zu lassen und als Leitmotiv den „Lehrmeister“ in den Fokus zu stellen.

Pierre-Laurent Aimard spielt Stockhausen, Foto: Peter Fischli / Lucerne Festival

Rihm war jetzt ein solcher, dicht und wuchtig in seiner Personalität. Und einem seiner Vaterfiguren war in diesem Luzerner Sommer ein Schwerpunkt vorbehalten: dem rheinischen Avantgarde-Guru Karlheinz Stockhausen, der in diesem Jahr 90 geworden wäre. Noch immer ist sein siebenteiliger Opernzyklus „Licht“ noch nirgendwo vollständig aufgeführt worden. Diese Aufgabe könnte wohl nur eine Art musikalischer NASA bewältigen; selbst die saturierte schweizerische Festspielkultur hat die dafür notwendigen Kapazitäten und Technologien nicht zur Verfügung. Wohl aber reicht es für gewichtige Stücke wie „Mantra“, „Inori“ oder die Klavierstücke I-XI“ (die der Pianist Pierre-Laurent Aimard für Luzern präpariert hat).

„Mantra“ für zwei Pianisten und ringmodulierte Klaviere stammt aus der Zeit der „Formelkompositionen“ (um 1970) und generiert aus einem einzigen Motiv (Stockhausen kokettierte gerne naturwissenschaftlich, deshalb „Formel“) einen 70-minütigen Gestaltzusammenhang. Marc Sattler, der programmatische Kopf dieser Konzerte, vergleicht das Werk mit den Leuchttürmen der Variationskunst – den Goldbergvariationen Bachs und den Diabellivariationen Beethovens – das Gemeinsame ist die allgegenwärtige Durchführungsarbeit, ein auch für den nachseriellen Stockhausen entscheidendes, traditionsfixiertes kompositorisches Element. Die Aufführung mit den Pianisten Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich ließ an Plastizität und Lebendigkeit keine Wünsche offen. Bemerkenswert die diskrete Rolle der elektronischen Verfärbungen durch den Ringmodulator (aktuell gehandhabt von Marco Stroppa) und die pfiffige Art, wie einige zusätzliche Geräuschinstrumente (wie bei Cage von den Pianisten bedient) in die musikalische Textur einbezogen sind. Ganz so viel Freude wie „Mantra“ machte die zehn Jahre jüngere Komposition „Inori“ nicht, weil sie etwas penetrant die Neigung des Autors zum „Esoterischen“ erkennen lässt. Erstaunlich, dass Stockhausen hier auf Elektronik verzichtet und ein (fast) konventionelles Riesenorchester heranzieht. Dessen Gruppen werden allerdings unterschiedlich gewichtet: vorherrschend Bässe einschließlich tiefer Blechbläser, die ein rituelles Brummen, Röhren und Dröhnen besorgen, zu dem die hohen Holzbläser und Streicher wenig beizutragen haben. Fast solistisch wirken skandierende „Klangschalen“ mit. Konfiguriert und überhöht wird der Orchesterpart durch zwei Tänzer, die Haltungen und Varianten fernöstlicher Gebetsübungen darstellen – das hat dann oft den etwas faden Effekt einer Bühnen-Demonstration illustrierter Yoga-Ratgeberliteratur. Immerhin war die Aufführung auch dank der klanggewaltigen Lucerne Festival Academy interpretatorisch auf höchstem Niveau gelungen.

Die zweite „Inori“-Seance war von Peter Eötvös dirigiert, einem Stockhausen-Schüler, der nun selbst, wie Rihm, zu den kompositorischen (und dirigentischen) Lehrmeistern der älteren Generation gehört. Die Festival Academy brachte unter der Leitung von Matthias Pintscher eine Eötvös-Uraufführung („Reading Malevich“), die nur wenig noch von dem innovativen Impetus eines Stockhausen enthält, dafür in schönster spätromantischer Orchestertradition vielfarbig flimmert und glitzert. Ein entsprechendes Vorbild könnte Alexander Zemlinskys Tonpoem „Die Seejungfrau“ gewesen sein, das Eötvös gerne und häufig dirigiert. Ganz weit entfernt scheint diese geschmackvoll an klanglichen Metamorphosen malerischer Anregungen orientierte Musik vom kämpferischen Elan und den gewittrigen Psychogrammen der „Dialoge“ von Bernd Alois Zimmermann im selben Konzert, mit denen an dessen 100. Geburtstag erinnert wurde.

Yannick Nézet-Séguin dirigiert die Rotterdamer Philharmoniker, Foto: Priska Ketterer / Lucerne Festival

Große Symphonik ist immer wieder auch Lebens-Lehre, und es ist kein Wunder, dass die Symphonien von Beethoven, Schumann, Brahms, Bruckner, Mahler, Schostakowitsch immer wieder in diesem Sinne gehört werden. In die Reihe der „großen“ Musik gehört zweifellos auch die 4. Symphonie von Franz Schmidt, ein Nachzügler der Spätromantik aus den 1930er Jahren und deshalb als „ungleichzeitig“ erachtet und noch wenig bekannt geworden. Das inhaltsreiche, mit einem Trompetensolo anhebende und endende dreiviertelstündige Stück ist gleichsam eine klingende Biographie, requiemartig die Höhen und Tiefen einer Lebenslaufbahn nachzeichnend und dabei in seiner monothematischen und einsätzigen Anlage auf Beethoven‘sche und Stockhausen’sche Muster verweisend. Kirill Petrenko nahm sich mit den Berliner Philharmonikern dieser Symphonie liebevoll und mit sachlicher Emphase an – auch die aufrauschenden Partien à la ungarese wurden nicht effekthascherisch ausgestellt. Eine ganz andere Art von Lehrmeisterschaft vermittelte der frankokanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin mit den Rotterdamer Philharmonikern. Ein Dirigent neuen Typs, ein wenig ähnlich dem kommunikativen Genie von Leonard Bernstein. Nézet-Séguin wirkt so, als würde er am liebsten neben der Musik auch alle Musiker und das Publikum umarmen. Die Verschmelzung-Affinität ist das genaue Gegenteil des autoritären, unnahbaren Maestro früherer Zeiten, wie er sehr klar in dem noch immer gebräuchlichen Titel „Generalmusikdirektor“ aufscheint. Seit etwa 50 Jahren hat sich der Dirigent jedoch zum primus inter pares, zum nützlich-unentbehrlichen Koordinator gewandelt. Wohl aber kann er auch pantomimische Qualitäten zeigen und damit die Musik für alle stärker erlebbar machen – und daran ist bei Nézet-Séguin kein Mangel, was den agogisch facettenreichen Wiedergaben der Haydn-Sinfonie f-moll („La passione“) und Tschaikowskys Vierter gut anstand. Am bezauberndsten wirkte sich der gleichsam erotische Aplomb dieser Musikalität dann aus im Zusammenwirken mit dem Pianisten Yefim Bronfman (bei Liszts A-Dur-Konzert) und der Zugabe am Klavier, einer Einmaligkeit, wie ich sie noch nie in einem Konzert erlebte – dem Vierhändigspielen des Solisten und des Dirigenten bei einem von Liszt bearbeiteten Venezianischen Gondellied aus den „Liedern ohne Worte“ von Mendelssohn. Zwei besondere Künstler als durch Musik sprechende Lehrmeister der Freundschaft.

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erstellt am 11.9.2018

Probe „Composer Seminar“, im Bild: Samir Amarouch und Edo Frenkel, Foto: Priska Ketterer / Lucerne Festival

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