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Mit Eugene O’Neills Stück „Der haarige Affe“, übersetzt und bearbeitet von Clemens Meyer, und Ewald Palmetshofers „Räuber. Schuldenreich“ startet das Schauspiel Frankfurt in die Spielzeit 2018/19. Beide Stücke kommentieren laut und deutlich die gegenwärtige politische Situation. Die zweite Spielzeit unter dem Intendanten Anselm Weber fängt gut an, findet Martin Lüdke.

Neue Spielzeit in Frankfurt

Wohin die Reise geht

Am Freitagabend (7. September) Premiere im Großen Haus: Eugene O’Neills frühes Stück „Der haarige Affe“ in einer neuen Übersetzung und kräftigen, aktualisierenden Bearbeitung von Clemens Meyer. Tags darauf (8. September) in den Kammerspielen Ewald Palmetshofer „Räuber. Schuldenreich“. Zwei Stücke, die, lautstark und deutlich, unsere Gegenwart kommentieren. Und: die trüben Aussichten sichtbar machen, die sich uns bieten. Zwei überzeugende und entsprechend gefeierte Inszenierungen. Dramatische Kommentare zur gegenwärtigen politischen Situation. Ein Theater, das seine Rolle wieder gefunden hat.
Palmetshofer geht von Schiller aus, den Räubern, unter der Regie von David Bösch. Meyer, der Leipziger Autor, der eben sein Amt als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim angetreten hat, schreibt O’Neill fort. Und wird von Thomas Dannemann buchstäblich unter Dampf gesetzt.
Die zweite Spielzeit unter dem Intendanten Anselm Weber fängt gut an.

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Ein Schiff. Ein „Ozeandampfer“, heißt es bei O’Neill. Da spielt sich der größte Teil der Handlung ab. Das Schiff hat den Hafen von New York verlassen, fährt jetzt, seit einer guten Stunde, so wird eingangs gesagt, an der Küste von Long Island entlang, hinaus aufs offene Meer. Es ist laut. Sehr laut. Die Maschinen dröhnen, donnern. Stimmen klingen hin und wieder durch, laute Stimmen, brüllende Menschen. Ein ohrenbetäubender Lärm, ein wahrer Höllenlärm, der ahnen lässt, was sich unter dem Oberdeck abspielt. (Das Programmheft nennt es Live-Musik; elektronisch und mit einer Perkussions-Gruppe. Vorsichtshalber konnten sich die Zuschauer an den Eingängen mit Ohropax eindecken.) Denn:
Das Schiff steht mitten im Frankfurter Schauspielhaus. Luv und Lee, sagen die Seeleute, also auf beiden Seiten des Schiffes erheben sich die Zuschauerränge. Ein ungewöhnliches, überraschendes, kühnes, überaus überzeugendes Bild. (Erstaunlich, was die angeblich so marode Bühnentechnik hier zustande gebracht hat.)

Zunächst ist nur das Oberdeck zu erkennen. Katharina Linder, die später auch „die Tante“ spielen wird, betritt, mit engen, schwarzen Hosen in hohen Stöckelschuhen als Conférencier die Bühne. Sie führt durch den Raum, führt durch die Handlung, zeigt uns die verschiedenen Decks, die das Schiff bietet, um der Einteilung der Welt eine entsprechende Struktur zu geben. O´Neills Regieanweisungen hat ihr Clemens Meyer, in einer glücklichen Entscheidung, die ihm ebenso Erklärungen wie Straffungen erlaubt, mit in den Mund gelegt.

Das Oberdeck ist reserviert für die herrschende Klasse. Unten wird gearbeitet. Und je nachdem, als wäre es bei starken Wellengang, hebt und senkt sich das Ganze, Unterdeck und Heizungsraum werden sichtbar. Die Darsteller gehen im Kollektiv auf.

Unten wird gearbeitet: „Der haarige Affe“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Arno Declair

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O’Neill, 1888 in New York geboren, hat „The Hairy Ape“ 1921 geschrieben. 1922 wurde das Stück in Provincetown uraufgeführt, so erfolgreich, dass man damit gleich an den Broadway umziehen konnte. Seitdem hat es, zumal in der alten deutschen Übersetzung von Frank Washburn und Else von Hollander aus dem Jahr 1924, mächtig Staub angesetzt.

Clemens Meyer, dem Programmheft zufolge mit einer Neuübersetzung beauftragt, hat eine kräftig bearbeitete „Überschreibung“ vorgelegt, die eben jetzt, mit großen Erfolg, am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde. Diese Bearbeitung macht den historischen Stoff durchlässig für unsere Gegenwart. Es sind eben nicht nur die beschissenen Arbeitsbedingungen, die engen Räume, die schlechte Luft, die harte Arbeit, es ist auch ein Kampf um Anerkennung, der sich an den Heizkesseln, unmittelbar, also handfest, mit Fäusten ausgetragen, wie vermittelt, in den Köpfen der Heizer abspielt.

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Yank spielt die Hauptrolle. Überzeugend. Ein eher schlichter, allerdings kräftiger Kerl, der aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit den Ton angibt, von André Meyer glaubhaft verkörpert. Er bezieht sein Selbstbewusstsein aus seiner Kraft. Die da oben, an Bord und ebenso an Land, die sind ihm wahrhaft wurscht. Er weiß, wie Hegels Knecht (aus der „Phänomenologie“), wer er ist. Bis Mildred kommt. Die Tochter eines Stahl-Magnaten, nebenbei auch Eigner der Schifffahrtsgesellschaft, dem der Dampfer gehört, auf dem sich das Drama abspielt, dieses junge, verwöhnte und gelangweilte Mädchen, mit ihrer (Anstands-) Tante unterwegs, ist neugierig auf die Menschen, die im Dunklen, unter Deck für sie schuften.

Mit einem Offizier steigt sie in den Heizungskeller hinab. Wie gesagt: ein Höllenlärm, Hitze, Qualm, schlechte Luft und schlechte Sicht. Der Offizier pfeift. Die anderen Heizer blicken auf. Nur Yank, der sich provoziert fühlt, schaufelt weiter. Mildred, in feinem weißen Kleid steht hinter ihm. Yank spürt etwas. Er wendet sich plötzlich um, nackter, behaarter Oberkörper, schweißtriefend, ein vor Anstrengung verzerrtes Gesicht. Das Mädchen erstarrt –
und glotzt regungslos Yank an, wobei es später heißt, sie habe ihn einen „behaarten Affen“ genannt. Sein Selbstbewusstsein zerbricht.

Yank scheitert: „Der haarige Affe“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Arno Declair

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Am Ende wird er, in einem Zoo, abweichend von Meyers Vorlage, wieder gestützt auf die Originalfassung von O’Neill, tatsächlich von dem behaarten Affen, den Yank aus seinem Käfig befreit hat, in die Arme genommen und zerbrochen.

Dieser, der zweite, deutlich kürzere Teil der Inszenierung, ist viel schwächer. Nicht nur durch die Pause wird eine Spannung abgebaut, auch durch die Rückkehr zum Original wird eine Natur ins Spiel gebracht, die Meyer, O’Neill konsequent weiter gedacht, ins Sozialpsychologische übersetzt und in den Kampf um Anerkennung transformiert hatte.

Zunächst sucht Yank auf der 5. Avenue nach dieser Mildred, vermutlich um sich für seine Kränkung zu rächen. Danach geht’s ab – in den Zoo.

Yank scheitert in diesem Kampf, weil kein Gegner mehr da ist. Meyer hat den Kampf auf Leben und Tod ins Bewusstsein Yanks zurücksetzen wollen. Das wäre konsequent gewesen.

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Wie auch immer. Nach der Pause geht alles schnell. Und das ist gut so. Denn auf diese Weise bleiben die starken Bilder des ersten Teils haften. Der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno hatte einmal darauf hingewiesen, dass die einst so wirkungsmächtige Hegelsche Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft spätestens seit „Endspiel“ von Beckett eher „verlacht“ als ernst genommen werden könne. Das lässt sich, trotz allem, an diesem Abend lernen.

Schiller als Absprungbrett: „Räuber. Schuldenreich“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Robert Schittko

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Die Konsequenz aus dieser Einsicht wird am darauf folgenden Abend in den Kammerspielen gezogen. Schiller dient da nur als Absprungbrett. Zwei Mooren-Kinder, Karl und Franz, noch jung genug, um an ihren enttäuschten Erwartungen zu zerbrechen, kehren überraschend für ihre im Ruhestand zufrieden lebenden, ihre Triebe noch lustvoll auslebenden Eltern nach Hause zurück, um das zu holen, worum sie sich betrogen sehen – eine materiell gesicherte Zukunft. Petra, die Tochter der Nachbarin, ein hübscher Haufen Unglück, ausgebeutet von ihrer Mutter, um ihr Leben betrogen, schließt sich den Brüdern an. Der restliche Personal bleibt tot auf der Strecke. Die Aussichtslosigkeit, die sich einer heutigen Jugend bietet, ist überzeugend auf die Bühne gebracht. Ob die Gründe dafür in ihren Altvorderen zu suchen sind, darf man bezweifeln. Weil aber Peter Schröder, Heidi Ecks, und auch Sarah Grunert aus dieser Vorlage ein brillantes Spektakel machen, satirisch angereichert , aber nicht überzogen, wird aus dem Stück ein aufschlussreicher Kommentar zu O’Neill/Meyer. Und aus der Eröffnung der neuen Spielzeit ein kleiner Triumph. Mächtiger Beifall an beiden Orten.

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Es war zu sehen: Das Schauspiel Frankfurt steht mitten in dieser Stadt. Und da gehört es auch hin.

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erstellt am 10.9.2018

Auf dem Oberdeck: „Der haarige Affe“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Arno Declair

Premieren in Frankfurt

Der haarige Affe

Von Eugene O’Neill
Für die Bühne bearbeitet und übersetzt von Clemens Meyer

Regie Thomas Dannemann
Bühne Stéphane Laimé
Kostüme Jelena Miletić

Besetzung
Andreas Giesser, Stefan Graf, Nils Kreutinger, Katharina Linder, André Meyer, Michael Schütz, Luana Velis

Räuber.Schuldenreich

Von Ewald Palmetshofer

Regie David Bösch
Bühne Falko Herold
Kostüme Moana Stemberger

Besetzung
Peter Schröder, Heidi Ecks, Anke Sevenich, Matthias Redlhammer, Isaak Dentler et. al.

Schauspiel Frankfurt