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Eine auf zahlreichen Interviews mit Betriebsräten und Gewerkschaftssekretären basierende Studie untersucht die Affinität von Industriearbeitern zur rechtspopulistischen Partei „Alternative für Deutschland“. Peter Kern empfiehlt die Lektüre der Studie nicht nur Gewerkschaftlern.

Rechtspopulismus und Gewerkschaften

Die Falschmünzer der neuen Rechten

Die auf mehr als 100 qualitativen Interviews mit Betriebsräten und Gewerkschaftssekretären basierende Studie legt zwei Schlussfolgerungen nahe. Die Unternehmen müssten ihre Personalpolitik der permanenten Bewährung, die Gewerkschaften ihre auf Co-Management angelegte Politik ändern. Beides sei vorausgesetzt, wolle man der von der Wahlforschung bestätigten Affinität von Industriearbeitern und AfD entgegenwirken.

Dem ersten Resümee ist uneingeschränkt zuzustimmen. Wer ständig in Angst um seinen von Outsourcing und Automatisierung bedrohten Job gehalten, wem eine Festanstellung als eine Karotte vorgehängt, wer von dem abverlangten Leistungspensum permanent überfordert wird, der entwickelt Wut und Resignation. Der AfD gelingt es, Existenzangst in Wut gegen Flüchtlinge, Muslime und die etablierten Parteien umzumünzen. Dieser Verhetzung gilt es durch den Abschied von einer angstbesetzten Arbeitswelt entgegenzuwirken.

Die zweite Schlussfolgerung der Studie leuchtet weniger ein. Richtig ist: Die Falschmünzer der neuen Rechten setzen erfolgreich auf ein ethnisch aufgeladenes ‚Wir‘ gegen die ‚Anderen‘, wo ein ‚Unten‘ gegen ein ‚Oben‘ der rationale Ausdruck von Interessenskonflikten ist. Die Gewerkschaften, ihre Betriebsräte sollten daher mehr den Konflikt suchen und weniger auf Kooperation setzen, so die von den Autoren Sauer u.a. gezogene Schlussfolgerung, die nicht überzeugt.

AfD-Ableger haben bei den Betriebsratswahlen im Frühjahr vergeblich versucht, Gewerkschaftskandidaten den „Funktionseliten“ und dem „Establishment“ – so die Formulierungen – zuzuschlagen. Warum ging diese Rechnung nicht auf? Weil die Beschäftigten mit ihrer beruflichen Existenz nicht Vabanque spielen und ein feines Gespür für die Notwendigkeit beider Strategien, der Konflikt- wie der Kooperationsstrategie, haben. Die Zustimmung zu dieser differenzierten Betriebspolitik ist groß (größer als die Bereitschaft, sie als Mitglied stark zu machen), Beschäftigtenbefragungen bewiesen dies. Von dieser Doppelstrategie Abschied zu nehmen, ist den Gewerkschaften nicht zu raten.

Eine bloße Konfrontationsstrategie ist auch deshalb falsch, weil auf die Unternehmen in der Front gegen die neue Rechte keinesfalls verzichtet werden kann. Deren Erfolge, zuletzt der Chemnitzer Mob, ruft die Arbeitgeber auf den Plan. Der Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer: „Die AfD im Deutschen Bundestag schadet unserem Land.“ Die in Sachsen engagierten Unternehmern der Uhrenindustrie – Nomos, Wempe, Swatch, A. Lange – klagen dem Handelsblatt, „wie gefährlich es werden kann, wenn ihre globalen Kunden plötzlich den Eindruck gewinnen, dass das „Made in Germany“ auf ihren kostbaren Uhren bedeutet: ‚von Nazis montiert‘“ (30. 09.18). Ähnliche Sorge haben die Herren Zetsche von Daimler und Joe Kaeser von der Siemens AG formuliert.

Die exportorientierten Unternehmen haben ein vitales Interesse, dass ein drohender Protektionismus von einem erstarkenden Nationalismus nicht noch getoppt wird. AfD und Pegida gefährden die Absatzmärkte und Arbeitsplätze, in Sachsen und im ganzen Exportweltmeisterland. Das ist die von Chemnitz ausgehende Botschaft. Die Gewerkschaften müssen sie sich mit den Arbeitgebern zu eigen machen. Dann gilt nicht mehr, was die schlauen Alternativen in einem internen Papier formulieren: „Die AfD lebt gut von ihrem Ruf als Tabubrecherin.“ (FAZ, 25.01.18). Mit dem Ruf, den gesellschaftlichen Reichtums zu gefährden, wird sie nicht gut leben können.

Nicht nur Gewerkschaftsleute sollten diese Studie aufmerksam lesen. Die im Buch Interviewten geben die Kantinengespräche, die auf den Betriebsversammlungen nicht gehaltenen Reden ungehaltener, verhetzter Belegschaftsmitglieder wieder. Will man AfD und Pegida gegenhalten, ist es geboten, deren Demagogie genau zu studieren, sich dem heilsamen Schock auszusetzen und ein kluges No pasarán zu entwickeln.

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erstellt am 07.9.2018

Dieter Sauer / Ursula Stöger / Joachim Bischoff / Richard Detje / Bernhard Müller
Rechtspopulismus und Gewerkschaften
Eine arbeitsweltliche Spurensuche
216 Seiten
ISBN 978-3-89965-830-9
VSA: Verlag, Hamburg 2018

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