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Kay Voges hat am Schauspiel Dortmund Thomas Bernhards Stück „Der Theatermacher“ als Punk-Operette, Travestie, Splatter-Movie, Nummernrevue und Selbst-Zitat des Produktionsteams inszeniert. Walter H. Krämer spürt der Motivation des Dortmunder Regisseurs und Schauspieldirektors nach, das Stück auf die Bühne zu bringen.

Theater

Geschichte einer Empörung

Was veranlasste Kay Voges, Regisseur und Schauspieldirektor in Dortmund, das Stück „Der Theatermacher“ von Thomas Bernhard auf die Bühne zu bringen? Ist es doch eher ein konventionelles Stück und dessen inhaltliche Aussage im Zeitalter von #MeToo mehr als gewöhnungsbedürftig, was patriarchalisches Verhalten im Allgemeinen und die Haltung gegenüber Frauen im Besonderen betrifft.

„Der Theatermacher“ – das Stück von Thomas Bernhard, das von all seinen Dramen die meisten Neuinszenierungen erfuhr, enthält als ein wesentliches Element deutliche Anspielungen auf den berühmten „Notlicht-Skandal“ im Zusammenhang mit der Salzburger Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ (1972), als wegen der Weigerung der Festspielleitung, den Theaterraum am Ende vollständig zu verdunkeln, nur eine einzige Vorstellung über die Bühne ging. Thomas Bernhard kommentierte den Skandal damals lapidar mit den Worten: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht erträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus!“ Zum Glück änderte er seine Meinung und zwölf Jahre später taucht der „Notlicht-Skandal“ im Stück „Der Theatermacher“ wieder auf: als Geschichte einer Empörung.

Hauptfigur des Stückes ist der Staatsschauspieler Bruscon, der mit seinen beiden Kindern und seiner Frau in einem Dorfgasthof in Utzbach seine Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ aufführen will. In langen Tiraden ereifert er sich über die Verkommenheit der Welt, die Talentlosigkeit seiner Kinder und die Geistfeindlichkeit des Weiblichen. Bernhard entwirft ein tragikomisches Spiel über die Tyrannei eines Kunstbesessenen, der seine Umgebung in den Dienst einer unbeirrbar verfolgten Idee stellt und seine Kunst in einer – seiner Meinung nach – kunstfeindlichen Welt verbreiten will. Wobei es sich im Stück konkret um die Kunstferne der Provinz handelt, die in Gestalt realer oberösterreichischer Ortsnamen wie Mattighofen oder Gaspoltshofen präsent ist.

Wieder auf Anfang

Bruscons Forderung an den dörflichen Feuerwehrhauptmann nach zwei Minuten Finsternis am Ende seines Menschheitsdramas taucht in der Inszenierung von Kay Voges als Running Gag immer wieder auf – unabhängig davon, dass dieser diese bei Thomas Bernhard anstandslos genehmigt. Zur erkennbaren Enttäuschung des Schauspielers, dessen Stück nicht einmal mehr auf diese Weise Aufsehen zu erregen vermag. Doch diese Wendung erzählt der Regisseur nicht. Er – und da ist Kay Voges wieder ganz bei sich und seiner Vorstellung von Theater im digitalen Zeitalter – springt, bevor die Familie ihre Frittatensuppe löffeln und der Feuerwehrhauptmann seine Zusage abgeben kann – mit seiner Inszenierung wieder auf Anfang.

Das Theaterstück als Versuchsanordnung mit insgesamt neun – die Ziffern werden als Leuchtreklame eingeblendet – Versuchen. Darunter auch eine Musicalversion, in der der Komponist von Finckenstein alle Klischees dieses Genres in Musik verwandelt und der Schauspieler Christian Freund dies kongenial über die Rampe bringt. Schauspielerin Xenia Snagowski gibt die Punk-Lady und heizt dem Publikum ordentlich ein. Frau übernimmt das Ruder und zeigt jetzt den Männern, wo es lang geht. Der Patriarch hat ausgedient. Und die Geister, die er rief, begegnen ihm in seinen Alpträumen wieder.

Das Rad der Volksbühne als Requisit: „Der Theatermacher“, Theater Dortmund, Foto: Birgit Hupfeld

Das Rad der Geschichte dreht sich auch im Theater. Nicht zufällig ist ein Requisit in der Wiederholungsschleife das allzu bekannte Rad der Volksbühne Berlin Ost: Symbol und Zeichen für das Theater von Frank Castorf – auch ein Theatertitan. In einer Szene taucht auch das Hakenkreuz des Nationalsozialismus, eine gedrehte Swastika, die in Asien das Rad des Lebens symbolisiert, auf und es treten Hitlerfiguren in Tutus auf. Es geht also nicht nur um #MeToo, sondern die Inszenierung thematisiert auch die Zunahme rechter Aktivitäten und die Frage, wie soll das Theater damit umgehen. Wie überhaupt dem sach- und fachkundigen Publikum dauernd Angebote für Assoziationen gemacht werden. Sei es die Erinnerung an Peter Zadek, Peter Stein, die Dekonstruktivisten im Theater oder diejenigen, denen der Text eines Autors nichts mehr bedeutet. Hinweise auf Theaterdespoten, die verbissen an die Kunst glauben und dabei Menschen quälen.

Einmal nett sein

In Dortmund ist Bernhards „Theatermacher“ u.a. Punk-Operette, Alptraum, Travestie, Splatter-Movie, todgeweihte Nummernrevue und reichlich Selbst-Zitat des Produktionsteams – Besucher aus Dortmund wissen das zu schätzen. Und ganz am Ende, bevor der Eiserne Vorhang das Ende des Theaters verkündet, der Satz: „Können wir nicht alle einmal etwas nett zueinander sein!“

Verdienter Beifall mit Standing Ovations für die Schauspieler und Schauspierinnen Andreas Beck, Christian Freund, Janine Kreß, Uwe Rohbeck und Xenia Snagowski als Bruscon, Frau Bruscon, Sohn Ferrucio, Tochter Sarah und Wirt. Allen voran Andreas Beck, der meist den Bruscon spielt und spricht – bei einem monologlastigen Stück wie dem „Theatermacher“ sind das immerhin fast 95 % des Textes. Genial auch Uwe Rohbeck – der meist den Wirt spielt – in seiner Version als Theatermacher. Er gibt den schwulen Impresario und flirtet auf Teufel komm raus mit Andreas Beck als Wirt.

Bleibt noch zu klären, was den Regisseur an dem Stück reizte. Zwei Jahre lang musste das Schauspiel ausweichen in eine Industriehalle – den Megastore. Dort machte Kay Voges ähnliche Erfahrungen mit technischen Widrigkeiten und Gängelung durch Brandschutzvorschriften wie der Theatermacher Bruscon, sodass er allmählich Verständnis für die Figur des Theatertyrannen und seinen Kampf gegen die Bürokratie entwickelte und ihn deshalb unbedingt auf die Bühne bringen wollte. Nach zwei Jahren Umbau Rückkehr in die alte Spielstätte. Einzig sichtbares Zeichen der Veränderung – ein um das Doppelte angewachsene Notlichtzeichen.

Geht der Theatervorhang auf, fällt der Blick nicht wie zu vermuten in eine Gaststube, sondern in eine graue Industriehalle (Bühnenbild von Daniel Roskamp) – nostalgische Erinnerung an die dann doch liebgewonnen Ausweichspielstätte Megastore. Der Theaterabend ist ein Lauf durch die Regiestile von 1985 bis heute und dekliniert Möglichkeiten einer Modernisierung von Theater durch. Gleichzeitig spiegelt der Abend die Suche des Regisseurs nach einem neuen Theater wider und seine Beschäftigung mit örtlichen Gegebenheiten und dem Genre Theater.

Kay Voges und sein Team sind fündig geworden, und so kann man sich vor Einfällen kaum retten. Für den Besucher ist diese Inszenierung vor allem ein Riesenspaß.

Nächste Aufführungen am 29. September und 14. Oktober 2018

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erstellt am 07.9.2018

„Der Theatermacher“, Theater Dortmund, Foto: Birgit Hupfeld

Eine Künstlerkomödie von Thomas Bernhard

Der Theatermacher

Regie: Kay Voges
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Mona Ulrich
Dramaturgie: Michael Eickhoff

Bruscon, Theatermacher: Andreas Beck, Frau Bruscon, Theatermacherin: Janine Kreß, Ferruccio, deren Sohn: Christian Freund, Sarah, deren Tochter: Alexandra Sinelnikova, Der Wirt: Uwe Rohbeck

Theater Dortmund