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Jack Bilbo wurde 1907 als Hugo Cyrill Kulp Baruch in eine großbürgerliche jüdische Familie in Berlin geboren. Mit wechselnden Identitäten schlug er sich durch das Zeitalter der Extreme. Bekannt wurde er als Schriftsteller, Maler, Galerist und Kneipier. Ludwig Lugmeier widmet Bilbo einen „Faktenroman“, den Dominik Irtenkauf gelesen hat.

Buchkritik

Das Leben, ein Abenteuerroman

Das Wort Para-Schicksal ist ein halb erfundenes, halb aufgefundenes Wort. Es beschreibt ziemlich gut den Inhalt des neuen Buchs von Ludwig Lugmeier. Lugmeier wird von seiner Vergangenheit immer wieder eingeholt. Und bei diesem Autor könnte jedes Wort zu viel sein, oder eigentlich ein falsches Wort könnte ein falsches Licht auf ihn werfen. Seine Autobiographie im Heyne Verlag fasst dieses Leben gut zusammen und lokalisiert seine Person in einem bestimmten Milieu, das ihm nun nicht mehr gut zupass kommt. Oder sagen wir es so: Beim Telefoninterview möchte er über den berühmten Fenstersprung, der ihn bei einem Gerichtsprozess die Freiheit schenkte, nicht reden. Weil alle darüber reden wollen. Dabei schreibt Lugmeier andere Bücher, die eben nicht mehr mit dem kriminellen Leben zu tun haben. Der gemeinsame Grund ist die Faszination, die Faszination an dem Unangepassten.

Para meint hier einmal „nicht ganz“ wie bei den Parawissenschaften, die durch das Präfix neben dem eigentlichen Begriff der Wissenschaft stehen. Para klingt zudem etwas wie Paria.

Nun sind diese Themen in der Literatur stark geprägt. Sobald die Sprache auf die Vergangenheit kommt, man Parallelen zwischen dem gelebten und erzählten Leben zieht, wird bewusst ausgewählt. Ein Faktenroman hält sich an die Fakten und in der Romanform bringt auch Fiktion ins Spiel. Wie ist das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion? In Lugmeiers Roman spielt gewiss auch die Problematik eine Rolle, die man bei einem Autor wie B. Traven antrifft. Davon abgesehen, wer alles hinter diesem Pseudonym vermutet wurde, vermischen sich Travens Romane und Reiseberichte mit seinem abenteuerlichen Leben. Bilbo verfolgt eine ähnliche Lebensweise.

Jack Bilbo und Henry Miller, Quelle: Merry Kerr Woodson
Jack Bilbo und Henry Miller

Jack Bilbo hieß eigentlich Hugo Cyrill Kulp Baruch und wurde in eine vermögende jüdische Familie in Berlin geboren. Sein Großvater betrieb einen Handel für Theaterrequisiten; Hugo wurde die Verbindung zum Theater und Film bereits in die Wiege gelegt. Doch Hugo sollte nur kurz seine Kindheit im Spiel genießen können. Mit 7 Jahren beginnt ein Leben auf der Flucht. Der nationalsozialistische Hass auf Juden vergrößert sich, Verschwörungstheorien in Form der „Protokolle der Weisen von Zion“ entstehen, den Juden wird niedere Kunst vorgeworfen. Jack Bilbo, der damals diesen Namen noch nicht führte, hatte bereits eine Schrift zu seiner Zeit in New York in einer Zeitschrift veröffentlicht – die NS-Gazette „Der Angriff“ spricht von ihm als „Jack Bilbo, jüdisch plutokratische[n] Gangster, der die arische Jugend mit seinen Büchern vergiftet“ (S. 112). Bilbo wird krankenhausreif geschlagen, 9 Wochen liegt er im Gips. Als er wieder so weit genesen war, dass er flüchten konnte, haut er nach Frankreich ab. Jahre der Flucht vor den Nazis schließen sich an. Zugleich findet Bilbo keine Heimat mehr, bis er in den letzten Lebensjahrzehnten wieder in Berlin landet. Zuvor wird er auf Mallorca und in Großbritannien und Frankreich landen. Als Staatenloser macht er aus der Not eine Tugend, eröffnet mehrere Bars, Galerien und Kneipen, wo sich die Crème de la Crème der damaligen Kulturbranche trifft: Kurt Schwitters, Hein Heckroth, Jankel Adler und Henry Miller.

Bilbo hat neben journalistischen sowie einigen belletristischen Texten auch gemalt. Bilbos Leben lässt sich nicht in einer Disziplin verstehen, sondern fordert ein synästhetisches Denken bzw. eine Lust am Abenteuer. Was innerhalb einer Kritik naiv klingt, hat bei der Lektüre volle Berechtigung, und zwar weil Lugmeier das umfangreiche Leben Jack Bilbos auf das Wesentliche verkürzt. Die Kunst dabei ist, dass es der Leser nicht merkt.

Die Frage bleibt: Was hat es mit der Gattungsbezeichnung „Faktenroman“ auf sich?

Grundlage für den Roman ist Jack Bilbos Leben, wie es durch Bilbos eigene Texte, durch Gefährten, die Lugmeier befragt, vor allem auch durch Bilbos noch lebende Tochter Merry Kerr Woodson belegt ist.

In Bezug auf einen Faktenroman ist die Komponente Fiktion ab einem gewissen Grad problematisch – das müsste in diesem Kontext andere Effekte zeitigen. Dann wird ziemlich schnell klar, was es mit der Verbindung von Fakten und Belletristik auf sich hat. Aus der Fülle an Informationen werden Dokumente, Aussagen, Stationen eines bewegten Lebens herausgesucht, die dem großen Narrativ des Abenteuerromans entsprechen. Die Frage stellt sich: Werden gewisse Ereignisse aus der Narrationslinie gestrichen? Nein. Nicht Wesentliches. Zumal ein interessantes Leben verschiedene Perspektiven erlaubt.

Die Bezeichnung „Roman“ beruhigt in dieser Hinsicht, insofern eben ein Roman das Fiktionale einbringt, dadurch die bestehende Kluft überspringen kann. Wenn der Stil ein guter ist, dann strauchelt der Autor nicht. Lugmeier strauchelt zu keiner Sekunde. Wie sollte auch ein Mann, der aus dem Fenster springen kann, straucheln?

Lugmeier hat sein eigenes Leben in „Der Mann der aus dem Fenster sprang“ wie einen Abenteuerroman erzählt: die Kindheit, in der das Streben nach Freiheit noch in Form von Rittern, Piraten und Banditen gespielt wird, die beinahe mythisch anmutende Umgebung in den bayerischen Wäldern, die Bezugsperson Großmutter, die den jungen Ludwig unterstützt, dann die ersten kleinen Raubzüge, mehrere Jugendknastaufenthalte, schließlich eine spektakuläre Flucht, die Ludwig bis nach Sizilien führt. Das Abenteuer besteht darin, auf der Flucht zu sein, vorsichtig die fremde Umgebung zu beobachten, entsprechende Schlüsse zu ziehen, um letztlich in Freiheit zu bleiben. Zum Abenteuer gehören der Nervenkitzel und ein gewisser Verfolgungswahn, der hilft, sich dem Zugriff der Beamten zu entwinden.

Hugo Cyrill Kulp Baruch beweist den Sinn fürs Abenteuer, indem er sein unfreiwilliges Leben auf der Flucht vor dem Faschismus in ein Leben mit Stories, Mythen, erfundenen Biographien transformiert. Die Geschichte dieser Transformation ist der eigentliche Abenteuerroman, den Lugmeier in „Die Leben des Käpt’n Bilbo“ erzählt. Deutlich tritt als Vorbild Jack London hervor. Baruch hatte in der Tat seinen pseudonymen Vornamen nach dem amerikanischen Schriftsteller benannt.

An dieser Schnittstelle konkretisiert sich der einzig zu kritisierende Aspekt des Faktenromans: die Romantisierung eines Lebens, das vielleicht tatsächlich gebrochener war, weniger kohärent, als dass dies ein Roman darstellen kann. Da beißt sich aber die Katze in den Schwanz, denn hinter das Erzählte kommen wir nur, wenn wir selbst die genannten Leute aufsuchten (von denen einige mittlerweile gestorben sind) und die Zeit nachzeichneten. Die Zäsuren findet man in Lugmeiers Faktenroman: Wie Jack Bilbo manches aufgebaute Leben wieder abbrechen musste, weil sein Aufenthaltsstatus unsicher wurde, bis er schließlich in Berlin und in seiner Hafenspelunke wieder einen sicheren Anker fand. Jack Bilbos Leben liest sich wie ein Roman, und dass dem so ist, kann man durchaus als Verdienst Lugmeiers anerkennen.

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erstellt am 03.9.2018

Ludwig Lugmeier
Die Leben des Käpt’n Bilbo
Faktenroman
Hardcover, 256 Seiten, mit Abbildungen
ISBN 978-3-95732-279-1
Verbrecher Verlag, Berlin 2017

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