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Die Kenner der klassisch-romantischen Musik, umso mehr die Kenner der Moderne, kennen nur einen kleinen Teil des Repertoires. Wenige kleine Festivals, wie die Klavierraritäten in Husum, versuchen, dieses Ungleichgewicht wenigstens erkennbar zu machen. Hans-Klaus Jungheinrich konnte dort Schätze entdecken.

»Raritäten der Klaviermusik« in Husum

Am Originalschauplatz des schön Unbekannten

Rittersaal im Schloss vor Husum, Foto: Stiftung Nordfriesland
Rittersaal, Foto: Stiftung Nordfriesland

Während das südlichere Deutschland noch unter der Sommerhitze ächzte, wurde das gut einwöchige kleine Festival „Raritäten der Klaviermusik“ im späten August bereits vom rauen Nordsee-Charme der grauen Stadt am Meer umfangen. Zum 32. Mal fand dieses Treffen außergewöhnlicher Pianisten mit außergewöhnlichen Programmen inmitten eines klavierbegeisterten internationalen Publikums statt – im Rittersaal des heute mitten in der Stadt liegenden „Schlosses vor Husum“, Ort einer stürmisch bewegten deutsch-dänischen Geschichte, von der noch viele alte Kleinherrscher-Konterfeis in den eher bescheiden luxurierenden Prunkräumen zeugen. Diese Stätte einer heimatverbunden regionalen Erinnerungskultur entdeckte vor mehr als drei Jahrzehnten der Berliner Klavierprofessor Peter Froundjian und erkor sie zu einem in seiner Art einzigartigen musikalischen Forum, dessen (auch bodenständig-vereinsmäßig abgesicherte) Ausstrahlung weit reicht – regelmäßige Gäste kommen sogar von anderen Kontinenten, bis hin nach Singapur. Froundjian pocht auf ein unbestechlich eigenwilliges Konzept – es geht um die reichen Schätze der Klavierliteratur, die im gewöhnlichen Veranstaltungsbetrieb unbeachtet bleiben. In Husum wird man also kaum den Komponistennamen Beethoven, Chopin oder Rachmaninow begegnen (allenfalls in Zugaben figurieren sie gelegentlich), dafür solche, die auch der musikalische Fachmann kaum kennt. Werke von 564 Komponisten wurden in der langen Husumer Festspielgeschichte aufgeführt. Froundjians Absicht, die Programme als „Stars“ leuchten zu lassen, bedeutet freilich keine Minderbeachtung des musikdarstellerischen Aspekts – die engagierten Interpreten agieren durchweg auf hohem und höchstem Niveau, und auch die Blutjungen unter ihnen haben schon mit den illustresten Orchestern in den bedeutendsten Konzertsälen (kaum je fehlt in den Biographien die Carnegie Hall) gespielt. Und der künstlerische Leiter – mehr als eine Marotte, nämlich: Indiz verantwortungsvoller Sorge um optimale Veranstaltungsbedingungen – besteht darauf, dass der für alle Abende vorgesehene Flügel aus Berlin und nicht etwa aus dem viel näheren Hamburg herbeigeschafft und von immer demselben Klavierstimmer aktuell betreut wird. Dieses Steinway-Instrument erweist sich dann immer wieder als ein Wundermedium – unter den sensiblen Fingern von Fabian Müller oder Lukas Geniusas klingt es weich und schmiegsam wie ein Waldstein, bei Sina Kloke schlicht wie ein Blüthner, bei der rasanten Muza Rubackyte und der stählernen Etsuko Hirose, nun ja, aufblitzend und geradezu, wie man sich eben einen richtigen Steinway vorstellt.

Moderne Metamorphosen

Neun Klavierrecitals in acht Tagen formierten sich zu einem Gesamteindruck, der ebenso konzentriert wie abwechslungsreich das gesamte Spektrum der Klaviermusik widerzuspiegeln schien. Vornehmlich aufs gehaltvoll Virtuose verlegte sich neben Muza Rubackyte, die in wilden Anläufen den Liszt-Übersteigerungen der b-moll-Sonate von Julius Reubke Gestalt gab, der Italiener Antonio Pompa-Baldi, dessen technisch anspruchsvolle Spielfolge in raffiniert idealisierende Neapel-Huldigungen von Roberto Piana (Klavierarrangements neapolitanischer Canzonen) und Poulenc (Suite Napoli) einmündete. Gleich mehrfach figurierten die Liszt-Überbietungen der „Études d’exécution transcendante“ aus dem Opus 11 des russischen Komponisten Sergej Ljapounow (1859-1924), die zu den interessantesten Entdeckungen dieses Husumer Sommers gehörten – bei Etsuko Hirose (im Rahmen eines recht bunten Programms, das neben der spröden Hispanität von Joaquin Turina auch die kapriziös-wunderlichen, abseits der spätromantischen Tradition stehenden klavieristischen Experimentierstücke mitten aus dem 19. Jahrhundert von Charles-Valentin Alkan enthielt) und bei Pompa-Baldi. Zu den stilistischen Universalisten sind Severin von Eckardstein (französisch-russische Akzente) und Fabian Müller zu zählen, dieser mit einem (locker-profund selbst moderierten) Programm, das ein wunderbar ausgearbeitetes Netz von Korrespondenzen präsentierte – die früh-atonalen Piècen „Révélation“ des Russen Nikolai Obuchow leiteten zu Debussys ungeläufiger „Ballade“, die „Splitter“(1975) von György Kurtág zu etlichen Stücken aus dem ziemlich im Schatten stehenden Opus 76 von Brahms, und Ferruccio Busonis luzid-mystische „Sonatina seconda“ wurde dem phänomenalen Liszt’schen Variationswerk über J.S.Bachs „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ vorangestellt. Müllers ebenso nuancenreiches wie im vehementen Zupacken souveränes Klavierspiel fesselte vom ersten bis zum letzten Ton, ähnlich wie das subtil entfachte des aus Moskau stammenden Lukas Geniusas, der den Schwebungen und Valeurs von Bizets „Bildern vom Rhein“ und den deutlich enigmatischer poetisierenden Ausschnitten aus dem Zyklus „Le rossignol éperdu“ von Reynaldo Hahn nachlauschte, dann aber in teils schroffer konturierten Miniaturen von Valery Arzoumanov und Leonid Desyatnikov die modernen Metamorphosen der hierzulande kaum recht zugänglich gemachten osteuropäischen Klaviermusik demonstrierte.

Seichter Sound

Unbekannte Klaviermusik ist in der Gefahr, zwischen zweierlei Untiefen zu schiffen – leerer Virtuosität und seichtem Salon-Sound. Letzteren berührt vor allem einiges im französischen und russischen Repertoire, ersteres kam etwa in der Soirée der Grazerin Ingrid Marsoner in den Blick – so bei den Kostproben aus den „21 Geisterszenen“ (1850) von Anton Hüttenbrenner, ziemlich ledern-kleinmeisterlichen Elaboraten ohne wirklich spukhaften oder gar „visionären“ Aplomb. Als gehaltvollere Schubert-Nachlese konnte man die Sonate in der aparten Tonart Ges-Dur (sechs „Bs“!) von Robert Fuchs (ebenfalls von Marsoner intoniert) einschätzen, zu der der nicht immer zartfühlende Freund Brahms wohl nicht (wie zu Fuchsens Symphonie) hätte sagen können: „Fuchs, die hast du ganz gestohlen“. Zu den Pianisten mit „wissenschaftlichen“ Ambitionen – diese liegen im Zusammenhang mit Klavierraritäten ja nah – gehört Simon Callaghan, der mit zwei völlig konträren Trouvaillen aufwartete. Zum einen mit „Le jardin parfumé“ von Kaikhosru Shapurij Sorabji (1892-1988), einem esoterisch-geheimnisvollen Künstler (parsisch-englischer Herkunft), der sich in kein Raster der Neuen Musik einordnen lässt. Der Intention nach ist das nahezu halbstündige Poem „Le jardin parfumé“ impressionistisch, wenn nicht mit salonhaftem Flair; das Tonmaterial aus akkordischen Modi erinnert an den späten Skrjabin, ebenso der schwelende, in der Zeit fast stillstehende und dynamisch auf Piano-Schattierungen beschränkte Duktus, der, in der höhepunktlosen Ausbildung additiv gereihter melodischer Zellen, durchaus auch Assoziationen an die Diktion von Morton Feldman wecken kann. Eine faszinierende, für „normale“ Klavierfans aber auch nicht leicht fassbare Musik! Auf völlig andere Art aufregend waren die Sechs Fantasiestücke von Jean Louis Nicodé, dessen Obsession es offenbar war, sich zu einem Wiedergänger von Robert Schumann zu entwickeln und nicht nur möglichst genau dessen Tonfall zu kopieren, sondern auch Schumanns Werke und Werktypen gewissermaßen noch einmal zu komponieren (so das Oratorium „Das Paradies und die Peri“). Derart entstanden, anderthalb Generationen nach Schumann, neuerlich quasi-schumanneske Stücke, die mit imposantem Eifer jedes eigene Persönlichkeitsmerkmal negierten. Nikodés „Fantasiestücke“ entsprechen im Charakter genau den „Fantasiestücken“ Schumanns, in ihren mittleren Satzlängen und der zyklischen Anlage mehr noch den „Novelletten“. Aber auch ein perfektes „Kinderszenen“-Äquivalent hat Nicodé zu bieten, wie sich im Zugabenteil des Callaghan-Konzertes zeigte.

Für junge Pianistinnen und Pianisten ist Husum mittlerweile ein wichtiges, karriereförderliches Forum. Es gibt immer wieder neue Namen, aber hier erfolgreiche Podiumskünstler- darunter diesmal Callaghan und von Eckardstein – treten auch zum wiederholten Mal auf. Eine Institution sind in Husum auch die „Young Explorer“-Kurzkonzerte – neben Fabian Müller firmierte darunter die deutsche Pianistin Sina Kloke, gelungen auch mit Musik von Georges Enescu. Qualitativ gibt es kaum einen Abstand zu den Abenden des Hauptprogramms.

Junge Künstler einerseits – vorwiegend bemooste Köpfe im Publikum andererseits. Diese für die „klassische“ Musikkultur bedenkenswerte Tatsache zeigt sich auch in Husum auffällig. Immerhin saßen in den Zuhörerreihen erstmals auch fünf Stipendiaten aus deutschen Musikhochschulen (ließe sich ihre Zahl nicht erhöhen?), die zu eigenem Umgang mit Klavierraritäten dadurch nicht nur inspiriert, sondern sogar verpflichtet werden sollen. Man kann sich’s ja auch nicht anders wünschen: Die Idee, den gesamten Riesenkontinent der Klaviermusik zu erschließen, müsste sich weithin ausbreiten und die Originalität und Einmaligkeit des Husum-Festes in einer allgemeinen Euphorie fürs schöne Unbekannte aufgehen.

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erstellt am 31.8.2018

Schloss vor Husum, Foto: Stiftung Nordfriesland

Festival

Raritäten der Klaviermusik

piano-festival-husum.com

Eine Entdeckung dieses Husumer Sommers: Der russische Komponist Sergej Ljapounow (1859-1924), via Wikimedia Commons
Eine Entdeckung dieses Husumer Sommers: Der russische Komponist Sergej Ljapounow (1859-1924)