Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Seit 2014 leitet Karin Bergmann das Wiener Burgtheater. Der Tochter eines Bergarbeiters und einer gelernten Schneiderin aus dem Ruhrgebiet war eine Theaterdirektion nicht in die Wiege gelegt. Thomas Rothschild würdigt Bergmanns Werdegang und ihre erfolgreiche Arbeit.

Theater

Ein kleiner Sieg der Chancengleichheit

Es ist noch nicht gar so lange her, dass gerade eine einzige Frau, nämlich Andrea Breth, in einem Atem mit den großen Namen des deutschen Theaters genannt wurde. Man muss schon blind oder sehr borniert sein, wenn man leugnet, dass Frauen als Regisseurinnen oder gar als Theaterleiterinnen nach wie vor geringere Chancen haben als Männer. Das gilt auch für viele andere Berufe. In Orchestern, die vor wenigen Jahren allenfalls an der Harfe eine Frau geduldet haben, sind Musikerinnen immer noch und ohne ein auch nur ansatzweise vernünftiges Argument unterrepräsentiert, und nach wie vor scheint man der Ansicht zu sein, dass Frauen weniger geeignet seien, Brücken oder Flugzeuge zu konstruieren als Männer. Aber es hat sich doch eine Menge geändert, seit Andrea Breth allein auf weiter Flur – jedenfalls in Deutschland, wo es weder eine Ariane Mnouchkine, noch eine Ellen Stewart, noch eine Judith Malina (aber immerhin, wenn man genauer hinsah, eine Ruth Drexel oder eine Ilse Scheer) gab – das Banner der Emanzipation im Theater zu tragen schien. Wer das verschweigt, leistet der Gleichberechtigung einen Bärendienst.

Es gehört zu den eher tragischen Widersprüchen, dass jene, die die Unterrepräsentation von Frauen am Theater beklagen, die tatsächlichen Leistungen von Frauen kleinreden oder gar ignorieren, um ihrem Protest eine größere Eindringlichkeit zu verleihen. Es ist wie in der Musik-Literatur, in der zum Stichwort Komponistinnen fast immer nur der Name Clara Schumann auftaucht. Man kann ehrlicherweise nicht die These vertreten, dass Frauen in der Geschichte daran gehindert wurden, zu komponieren, und zugleich behaupten, dass die Geschichtsschreibung die Komponistinnen der Vergangenheit totgeschwiegen habe. Bedenklicher noch ist es, wenn man sich an dem Totschweigen beteiligt, um die erste These plausibler erscheinen zu lassen. Barbara Frey, Karin Beier, Anna Badora, Shermin Langhoff, Karin Bergmann sind nur die heute bekanntesten, weil an großen Häusern wirkenden Frauen, die als Intendantinnen hervorragende Arbeit leisten. Die Zahl der tüchtigen und beeindruckenden Regisseurinnen von Karin Henkel bis Barbara-David Brüesch, von Nora Schlocker bis Claudia Bauer, von Daniela Löffner bis Marie Bues, von Friederike Heller bis Susanne Kennedy, von Amélie Niermeyer bis Tina Lanik, von Johanna Wehner bis Jette Steckel, von Yael Ronen bis Konstanze Lauterbach und, und, und, in der Oper, nach der Gigantin Ruth Berghaus, von Vera Nemirova bis Andrea Moses, von Christine Mielitz bis Tatjana Gürbaca, ist kaum noch überschaubar, und sie wird täglich größer. Man muss sich also bezüglich des künstlerischen Niveaus in Karlsruhe, wo man künftig ausschließlich Frauen inszenieren lassen will, keine Sorgen machen. Glaubwürdiger allerdings wäre das Experiment am Badischen Staatstheater, wenn der Generalintendant Peter Spuhler seine eigene Position für eine Frau zur Verfügung stellte, statt nach bewährter Strategie auf Kosten anderer großzügig zu sein.

Zeichen gegen Männerdominanz

Bei Karin Bergmann freilich, um die es hier gehen soll, kommt ein Aspekt hinzu, der noch weniger beachtet wird als die Tatsache, dass sie eine erfolgreiche Frau ist, weil sich in einer Welt, die bei Antagonismen nur noch in Kategorien des Gender zu denken scheint, niemand mehr dafür interessiert. Der Tochter eines Bergarbeiters und einer gelernten Schneiderin aus dem Ruhrgebiet war eine Burgtheaterdirektion nicht in die Wiege gelegt. Ihre Berufung war ein viel zu wenig gewürdigter demokratischer Akt, ein Zeichen nicht nur gegen die Dominanz von Männern im Theater, sondern mehr noch: gegen das anhaltende Bildungsprivileg, dem keine Quoten und keine affirmativen Aktionen Einhalt gebieten. 2014 hat eine Bertelsmann-Studie Österreich attestiert, dass der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg von jungen Menschen zu hoch und keine wirkliche Chancengerechtigkeit gegeben sei. EU-weit kommt Österreich diesbezüglich nur auf Rang 23. Das Burgtheater liegt in Österreich. Grundsätzlich unterscheidet sich Deutschland in dieser Hinsicht kaum. Man muss schon längere Zeit nachdenken, ehe einem eine Intendantin oder ein Intendant einfällt, die nicht aus einer bürgerlichen Familie stammen. Gerard Mortier, der einige Jahre die Salzburger Festspiele und die Ruhrtriennale geleitet hat, war Sohn eines Bäckers. Und weiter? Wie sehr die Sozialisation bei der Wahl eines Theaterberufs, für Frauen wie für Männer, entscheidend ist, erkennt man an der überdurchschnittlich hohen Zahl von Schauspieler- und Regisseurskindern, die in die Fußstapfen ihrer Eltern treten.

Das Abitur legte Karin Bergmann auf dem zweiten Bildungsweg ab. Als Claus Peymann in Bochum die Stelle einer Direktions- und Dramaturgieassistentin ausschrieb, bewarb sie sich: mit Erfolg. Es wurde der Beginn einer wunderbaren Karriere. Nach einer kurzen Zeit in Hamburg ging Bergmann als Pressereferentin mit Peymann nach Wien. Nach einer Zwischenstation bei den Vereinigten Bühnen Wien, die damals auf Musicals spezialisiert waren, wechselte sie zu Klaus Bachler, zunächst an die Volksoper, dann an das Burgtheater, wo sie Bachlers Stellvertreterin und im letzten Jahr vor Bachlers Weggang an die Bayerische Staatsoper De-facto-Direktorin an der Burg wurde. Den Amtsantritt von Matthias Hartmann hat sie noch mitgemacht, ein Jahr danach ging sie in den vorzeitigen Ruhestand. Überraschend wurde ihr im Trubel der Hartmann-Krise zunächst die interimistische Leitung des Burgtheaters anvertraut. Nicht ein Studium, nicht das bürgerliche Bildungsgehabe, sondern jahrelange Erfahrung in der Praxis und die intime Kenntnis der Burgtheaterverhältnisse qualifizierten die nach Wien verschlagene Deutsche für diesen Job.

Das ist, aus einer unkonventionelleren Perspektive betrachtet, das Erfreulichste an dem Vorgang: dass sich jemand, der wie Bergmann oder Mortier von „unten“ kommt, in einem Milieu, das eher durch Größenwahn, Profilierungszwang, Dünkel und Allüren gekennzeichnet ist als durch Demokratieverständnis, durchsetzen konnte, dass die uneigennützige Liebe zum Theater Früchte zu tragen vermag. Wenn Karin Bergmann berichtet, was ihr in ihrer Jugend Bücher bedeutet haben, wie sie im Wartezimmer des Arztes geblieben sei, um Zeitschriften zu lesen, weil es daheim keine Bücher gab, dann kann man eigentlich nur Wut empfinden gegen jene, die das Vorrecht der Bildung geringachten und schmähen. Die Koketterie mit der Unbildung ist ein Luxus der Privilegierten. Was Bildung für jene bedeutet, denen sie vorenthalten wird, kann man zum Beispiel in „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz oder in Franz Michael Felders Autobiographie „Aus meinem Leben“ nachlesen. Wer ohne Bücher aufwächst, wer nicht schon als Kind zum Theater, zur Musik, zur bildenden Kunst hingeführt wird, bleibt normalerweise zeitlebens im Nachteil, hat zeitlebens eine geringere Chance, einen befriedigenden Beruf, interessante Freizeittätigkeiten auszuüben. Karin Bergmann hat diesen Mechanismus aus eigener Kraft überwunden. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Großes Beharrungsvermögen

Inzwischen hat sich Karin Bergmann als Burgtheaterdirektorin bestens bewährt. Demnächst geht sie wieder, diesmal wohl endgültig, in den Ruhestand. Ein Anlass also, zu überprüfen, welche Auswirkungen die Herkunft aus einem „bildungsfernen Milieu“ gehabt haben. Und da erweist es sich, dass das Theater eine so starre, so unveränderbare Institution ist, dass auch die Bergarbeitertochter, wie Thomas Bernhard sagen würde, „in eine Falle gegangen“ ist, die bürgerlichen Prämissen akzeptieren musste. Das Beharrungsvermögen der Tempel der Bourgeoisie ist einfach zu groß, als dass man sie zu wirklich demokratischen Einrichtungen umwandeln könnte. Der Spielplan des Burgtheaters unter Karin Bergmann unterscheidet sich nicht grundsätzlich von den Spielplänen anderer deutschsprachiger Theater dieser Größenordnung. Wer mutmaßt, Karin Bergmanns Biographie hätte sie dafür prädestiniert, die Literatur nach nicht-bürgerlichen Stoffen zu durchforsten, sieht sich getäuscht. Ein Friedrich Wolf etwa, der immerhin ein Stück geschrieben hat, das im Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf spielt, blieb für das Burgtheater ein Fremder. Nichts, was der Programmatik in den Anfangsjahren von Peter Steins Schaubühne am Halleschen Ufer mit Brechts „Die Mutter“, Kellings „Die Auseinandersetzung“, Wischnewskis „Optimistischer Tagödie“ nahe käme. Es gab ja auch in jüngerer Zeit Bestrebungen, das proletarische anstelle des mittelständischen und großbürgerlichen Milieus auf die Bühne zu bringen, bei Franz Xaver Kroetz (der steht immerhin in einem Nebenraum auf dem aktuellen Spielplan der Burg), bei Peter Turrini, bei Heinrich Henkel, aber dafür scheint heute am Theater kaum mehr Interesse zu bestehen. Die Bourgeoisie hat sich einmal mehr durchgesetzt. Die Ansätze zu einem proletarischen Theater sind ebenso in einer kaum wahrgenommenen Nische verschollen wie die Romane von Upton Sinclair, Fedor Gladkov oder Willi Bredel, wie die Erinnerung an den Bitterfelder Weg oder den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, wie die Kenntnis solcher genialer Filme wie „Mutter Krausen's Fahrt ins Glück“ oder „Kuhle Wampe“. Vergleichbares findet man allenfalls in den Filmen von Ken Loach, aber ein Pendant zu ihm kann man auf deutschsprachigen Bühnen nicht entdecken. Warum eigentlich?

Die ehrenwerten nicht-bürgerlichen Modelle des Theaters sind, so sehr man das bedauern mag, über kurz oder lang verschwunden oder im aufnahmefähigen Bauch der bürgerlichen Kultur oder einer nichts weniger als proletarischen Trivialkultur aufgegangen: die Piscator-Bühne, die englische Worker‘s Theatre Movement, Planchons Theater in Villeurbanne, das Wiener Volkstheater in den Außenbezirken, Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil in der Cartoucherie am Rande von Paris, Kampnagel und seine zahlreichen Nachahmungen. Und die Demokratisierung von Bildung, die sich die Arbeiterbewegung unter anderem mit den Volkshochschulen und den Theaterbesucherorganisationen auf die Fahnen geschrieben hatte, gilt als obsolet. Daran konnte auch Karin Bergmann nichts ändern. Dass die Bergmannstochter aus dem Ruhrgebiet, die bei den Ruhrfestspielen – auch so ein Versuch, den bürgerlichen Rahmen zu sprengen – ihre frühen Theatererlebnisse hatte (eins ihrer ersten Stücke war „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“), dass das Arbeitermädel immerhin einige Jahre lang Intendantin der bekanntesten deutschsprachigen Bühne sein konnte, dass sie diese Aufgabe mit Bravour bewältigt hat, ist trotzdem ein Sieg. Künstlerisch wie sozial.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 30.8.2018

Karin Bergmann präsentierte am 27. April 2018 im Burgtheater die Pläne für die Spielzeit 2018/19, Foto: Reinhard Werner/Burgtheater