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Friedrich Schillers Drama um Maria Stuart, Königin von Schottland, wurde 1800 in Weimar uraufgeführt. Es erzählt vom Duell zweier Frauen im Kampf um Männer und Macht. Das betagte Trauerspiel erlebte nun am Staatstheater Mainz eine grandiose Wiedergeburt. Martin Lüdke sah die Premiere.

Schillers »Maria Stuart« in Mainz

Machtspiele am Königshof

Schulfunk hatte ich befürchtet. Eine grandiose, packende Inszenierung habe ich gesehen. Die neue Spielzeit am Staatstheater Mainz begann mit einem veritablen Triumph. Zwei Stunden und fünf Minuten, spannend bis zum Ende, ohne dass wirklich viel passiert. Von der Dynamik abgesehen, die sich inszenatorische Mitteln verdankt. Und einem grandiosen Bühnenbild. Ein karger Raum, betongrau, hohe Wände, die sich zeitweise immer weiter öffnen, in die unendliche Tiefe eines Raumes hinein, in dem sich das Zusammenspiel von Macht und Ohnmacht spiegelt. Überzeugende, berührende Darsteller, vor allem der beiden Königinnen, die großartig auf der ganzen Klaviatur unserer Gefühle spielen. Wir werden hin- und hergerissen. Sparsamer, dafür effektiver Einsatz von Großbildvideos. Eine klug durchdachte, stark konzentrierte, kurz: eine grandiose Inszenierung von Dariusch Yazdkhasti. Langer, begeisterter Beifall.

Die Handlung ist beendet, wenn das Stück beginnt. Vier Protagonisten sprechen im Chor.

Die Individualität der Höflinge ist austauschbar, wie ihre Rollen. Sie partizipieren an der Macht, sie gieren nach Macht. Und zahlen dafür. Und am Ende steht Elisabeth, die alle Macht in ihren Händen hält, einsam und allein auf großer Bühne.

Alles Entscheidende geschieht hinter der Bühne. Der klare Aufbau des Schillerschen Trauerspiels bleibt erhalten. Die fünf Akte, stark, sogar sehr stark, aber triftig gekürzt, gehen fugenlos ineinander über. Die zentrale Episode, das direkte Aufeinandertreffen der schottischen Königin Maria Stuart mit der englischen Königin Elisabeth, ebenfalls mächtig eingedampft, gewinnt durch die Straffung weiter an Intensität. Allein die Hofschranzen, loyal nur gegen sich selbst, intrigieren so hemmungslos, dass man leicht die Übersicht verlieren könnte. Das Intrigenspiel nimmt mächtigen Raum ein. Elisabeth duldet, ja provoziert es sogar, weil sie sich nicht entscheiden kann.

Intrigenspiel: Schillers „Maria Stuart“ am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

Seit vielen Jahren sitzt die schottische Königin Maria Stuart, regelrecht verkörpert in Anmut, Würde und Verschlagenheit, von Anika Baumann, in englischer Haft. Sie floh nach der Ermordung ihres Mannes, an der sie offenbar beteiligt war, nach England, um dort, bei ihrer Halbschwester Elisabeth (Hannah von Peinen, überzeugend in ihrer Kälte, ihren Zweifeln und ihrer Zauderhaftigkeit)), in katholischer Sichtweise, einem Bastard, Schutz zu suchen. Sie wird aber unter dem Verdacht, einen Anschlag auf die englische Königin unterstützt zu haben, sofort gefangen genommen. Ein englisches Gericht spricht sie schuldig, sie wird zum Tode verurteilt. Elisabeth zögert jedoch immer wieder, das Urteil vollstrecken zu lassen, weniger aus Zweifel an der (ohnehin fraglichen) Schuld, eher aus der Angst heraus, mit der Hinrichtung Marias, Unruhen zu provozieren und eine Märtyrerin zu schaffen, auf die man auf dem Kontinent, wo die Gegenreformation auf dem Vormarsch ist, nur wartet. Andererseits fürchtet sie, dass Maria Stuart, durchaus mit triftigen Gründen ihr den englischen Thron streitig machen könnte, und will deshalb, ihre Rivalin unbedingt loswerden, wenn auch nur fast um jeden Preis. Die Verantwortung für den Tod Maria Stuarts will sie keinesfalls übernehmen. Aus dieser Spannung zieht Yazdkhastis Inszenierung Kraft und erstaunliche Spannung.

Zur Zeit der Handlung, 1587, waren die historischen Figuren, Elisabeth dreiundfünfzig und Maria Stuart vierundvierzig Jahre alt. Schiller wünschte sich aber für sie deutlich jüngere Schauspielerrinnen. Denn, so notierte er, Elisabeth, sollte „eine junge Frau“ sein, die noch „Ansprüche machen darf“. Das gilt naturgemäss um so mehr für die ohnehin jüngere Maria. Überhaupt ist Schiller durchaus frei mit seinem Stoff umgegangen, hat mit Mortimer, einem katholischen Schwärmer, sogar noch eine fiktive Gestalt eingefügt, um durch sie die religiöse Problematik noch emotional aufzuladen. Doch im Ränkespiel der Macht spielen erotische Motive zwar immer eine, doch nur untergeordnete Rolle.

„Maria Stuart“ gilt als das am strengsten gebaute Stück Schillers. Jede Bewegung wird durch eine Gegenbewegung konterkariert. Die Gewichte sind penibel austariert. Fast alle spielen ein doppeltes Spiel. Mortimer, Graf Leicester, wie sie alle heißen. Keinem ist letztendlich zu trauen. Das spürt Elisabeth und sie zeigt es, mit fast unbeweglichem Mienenspiel, in einer Brokat-Robe, die fast ebenso wenig Bewegungen zulässt.

Wenn die beiden Königinnen im Zentrum des Stücks, bei Schiller im Dritten Akt, persönlich aufeinandertreffen, zeigt sich in dieser double-bind-Situation, wie unmöglich es ist, die Beziehungsfalle zu sprengen. Das Drama zwischen Menschlichkeit und Macht wird hier endgültig zum Trauerspiel. Maria fragt sich: „Womit soll ich den Anfang machen, wie / Die Worte klüglich stellen, dass sie Euch / Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen!“

Majestätisch: Schillers „Maria Stuart“ am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

Nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint es, für einen Moment, als könne die Versöhnung gelingen. Maria Stuart hat sich erniedrigt, in den Staub geworfen, und ergreift dann die Hand Elisabeths. Die sie, zögernd, gewähren lässt. Hier steht, für diesen einen Augenblick, das Drama auf der Kippe. Dann wirft Elisabeth der schottischen Königin ihre Morde vor und Maria, wie Schiller anmerkt: „Vor Zorn glühend, doch mit einer edeln Würde“, sagt darauf: „Das ist zu viel!“

Elisabeth (höhnisch lachend): „Jetzt zeigt Ihr Euer wahres Gesicht, bis jetzt war’s nur die Larve.“

Und dann misslingt, was nicht gelingen konnte. Denn nicht nur die persönlichen Gegensätze, Psychologisches, steht dem entgegen. In dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen steht auch das papsttreue Europa gegen ein anglikanisch reformiertes England. Schiller lässt seine Figuren in einem politischen Raum agieren. Sie sind Akteure in einem Machtspiel. Sie glauben zu handeln, während sie, wie Hegel es später nennen wird, allenfalls als „Geschäftsführer des Weltgeistes“ tätig sind.

Elisabeth unterschreibt das Todesurteil, wenn auch ohne Anweisung, es zu exekutieren. Die übernimmt der verschlagene, machtbewusste Burleigh. Graf von Leicester, einst verliebt in Maria Stuart, später um die englische Königin buhlend, wird, konsequenterweise, auch wenn sich bei Schiller nichts dergleichen findet, von Elisabeth gezwungen, seinen Opportunismus zu büßen und Maria persönlich hinzurichten.

Am Ende sind, bis auf die einsame Königin, alle Protagonisten auf die eine oder andere Weise vom Hof verschwunden. Majestätisch, aber allein steht Elisabeth auf der Bühne. Hinter ihr der weite Raum, in dem sich die trostlose Unendlichkeit einer auf die Macht gegründeten Herrschaft zeigt.

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erstellt am 30.8.2018

„Maria Stuart“ am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

Theater

Maria Stuart

Trauerspiel von Friedrich Schiller (1800)
Inszenierung Dariusch Yazdkhasti
Bühne Anna Bergemann
Kostüme Josephin Thomas

Besetzung: Elisabeth, Königin von England Hannah von Peinen; Maria Stuart, Königin von Schottland, Gefangene in England Anika Baumann et al.

Staatstheater Mainz