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Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy unterzieht den Wahrheitsanspruch des Buches „Martin Heidegger: Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte“ von Friedrich-Wilhelm von Hermann und Francesco Alfieri einer genauen Prüfung und erläutert, warum der Mangel an Diskussionsbereitschaft der beiden Autoren und ihre sich selbst zerstörende These weder der Wahrheit noch Heidegger dient.

Essay zur Heidegger-Debatte

Eine Wahrheit über die Wahrheit

1

Friedrich-Wilhelm von Hermann und Francesco Alfieri haben ein Buch veröffentlicht, das den Titel Martin Heidegger und den Untertitel Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte trägt (italienisch 2016, deutsch 2017, französisch 2018, übers. von Pascal David). Dieser Titel ist einzigartig, denn er kündigt eine gemeinsame Studie über einen Autor oder einen Mann an, während der Untertitel einen sehr bestimmten Gegenstand anzeigt. Wir sind daher eingeladen zu verstehen, dass der Abschnitt hier das Ganze offenlegen muss, dass die Wahrheit über die Hefte auch diejenige des gesamten, mit diesem Namen bezeichneten Werkes, wenn nicht sogar die des Menschen offenlegen wird. (Ohne dass ich an dieser Stelle verweilen möchte, handelt es sich hier genaugenommen um einem Fall, bei dem der Mensch und der Denker offenkundig Beziehungen zu einander haben. Dies ist nicht außergewöhnlich, wenn man alle Inspiration des Werkes durch die Biographie beiseite lässt, um stattdessen zu betrachten, in welcher Weise ein Denken bestimmte Aspekte des Lebens ausbilden kann.)

Ich stelle ohne weiteres klar: dass ich weit davon entfernt bin, Teil der Gruppe zu sein, die unablässig „Nazi-Heidegger“ brüllt, ohne die Texte zu lesen, und dass ich ebenso weit davon entfernt bin, dem Kreis der frommen Heideggerianer anzugehören; ich bemühe mich zu zeigen, wie Heidegger über sein vorläufiges Engagement hinaus die nationalsozialistische Ideologie in ihr Elend verabschiedete, das im allgemeinen Elend untergegangen war; er jedoch, um dem Impuls selbst treu zu bleiben, glaubte, ihn als „Neubeginn“ vernommen zu haben, d. h. als Grund, zu dem die gesamte Epoche tendierte, die den „Untergang des Westens“ verspürte. Dass diese begehrte Erneuerung in ihm die Züge des Sur-Faschismus oder Archi-Faschismus – also der Neugründung und Wiederverwurzelung statt der Öffnung für das Unerhörte – annahm, verdammt ihn sicherlich nicht, selbst wenn dies eine innere Problematik anzeigt. Dass sein Denken der Destrukturierung der Metaphysik (déstructuration de la métaphysique) als „Beschränkung des Seins“ (wie es in seiner Einführung in die Metaphysik heißt) trotzdem eine Etappe und eine Erfordernis darstellt, die in ihrer Bedeutung unmöglich verkannt (méconnaître) werden kann, daran habe ich – genau wie viele andere und bedeutendere als ich – keinen Zweifel.

Kommen wir auf die Tatsachen zu sprechen.

Die Wahrheit, also. Die „wirkliche Wahrheit“ dieser Texte, wie die Autoren präzisieren. Das besagt für sie eine Wahrheit, mit der nur gerechnet werden kann, wenn man sie erneut in den Kontext eines Denkens setzt, von dem das gesamte Werk Heideggers zeugt – einschließlich dessen, was es noch zu veröffentlichen gilt und von dem man bereits weiß, dass niemals Judenfragen behandelt werden – was, nebenbei bemerkt, nicht wirklich überraschend ist: man kann verstehen, dass Heidegger nolens volens auf ein Kapitel verzichtet hat, in dem er darüber hinaus auch nicht die geringste kritische Skizze (von dem bekannten Satz über den „industriellen“ Charakter der KZs einmal abgesehen, der nicht von Juden spricht und im Lichte der Wahrheit – wieder eine … – unannehmbar bleibt) über die Vernichtung der europäischen Juden und einige anderen ethnischen, politischen oder sexuellen Kategorien hätte beitragen können.

Nicht zu sprechen von Heideggers völligem Schweigen über die Lager – es ist bereits des Schweigens zu viel, wenn man bei ihm über die Judenfrage sprechen will. Es ist auch zu viel der Geringschätzung des „Ontischen“ zugunsten des „Ontologischen“, da gerade diese Unterscheidung diesen Herren wichtig ist. Es ist ihnen nämlich bei Heidegger wichtig, die „neue[] Betrachtung des Daseins und der ontischen Sphäre innerhalb des seinsgeschichtlichen Denkens“ (S. 51) zu unterstreichen. Diese Formel ist seltsam: zunächst scheint sie das Dasein* (1) in die sogenannte „ontische Sphäre“ zu versenken, die dem Gedanken des Daseins* selbst als einer Teilhabe am Sein widerspricht (Ich bemühe mich um Kürze und Einfachheit) und die an der gesamten wichtigen Frage nach der In-Differenz vorbeigeht, die im Herzen der ontisch-ontologischen Differenz steht: zu wissen, dass falls das Sein nichts Seiendes ist, es eigentlich nichts ist, was ist und was seine „Differenz“ ist, zumindest nicht eine solche, die die „Sphären“ trennt. Dies ist bei Heidegger von Anfang bis Ende klar – und darüber hinaus sind die philosophischen Arbeiten zu dieser In-Differenz in der Differenz unzählig …

Gewiss ist es notwendig, die Hefte Heideggers in die Gesamtperspektive von Heideggers Denken zu stellen. Gewiss umfasst diese Perspektive eine vehemente Ablehnung des rassistischen, technischen und berechnenden Nazismus, der sich auf das allgemeine Desaster der modernen Welt stüzt, anstatt auf eine Neugründung hinzudeuten, an die Heidegger für einen Moment glaubte. Dies muss allerdings in einer ausreichend wachsamen Weise geschehen – insbesondere im Hinblick auf das, was Heidegger selbst als komplexer und weniger reduzierbar zeigen könnte als es hier als ein „ontologisch-historischer“ Aufriss getan wurde, der in nichts vom Weg abgekommen wäre, „indem er sich auf den ontologischen Aspekt mancher konkret-wirklicher historischer Begebenheiten bezieht, worauf er persönlich re-agieren wollte“ (S. 51), eine Formel, die unnötig entworfen wurde, um zu sagen, dass er sich in gewissen Hinsichten, im Namen des allerhöchsten Denkens, sehr gewöhnlichen Positionen angepasst haben könnte. Aber genau darum geht es hier: Wie kann das Denken des Seins an dieser konkreten Stelle auf Abwege geraten oder sich selbst als vulgäre Meinung missverstehen.

2

Der philosophische Tonfall dieser Studie über „die Wahrheit“ der Hefte ist also nicht sehr sicher. Aber fahren wir fort. Ich möchte hier nur zum Wesentlichen gelangen, d. h. auf die Frage nach dem Antisemitismus zu sprechen kommen. Davon kann, wie uns erklärt wird, nicht die Rede sein, weil alles in der ontologisch-historischen Sphäre geschieht, in der nichts Ontisches von Wert ist. Der Antisemitismus jedoch ist ontisch – hören wir –, banal, alltäglich, uneigentlich. Auf der ontologisch-historischen Ebene gesteht Heidegger den Juden, die er in die Metaphysik verortet, keine besonderen Züge zu. Wenn er also vom rechnerischen Geschick der Juden spricht, wiederholt er lediglich ein „verbreitete[s] Stereotyp“ (was mindestens zweimal geschrieben wurde, S. 170 und S. 228). Aber es handelt sich für ihn um die „Berechenbarkeit“, die „die Neuzeit [betrifft]“ (S. 170), und diese Betrachtungsweise hat historischen Gehalt.

Na schön! Woher kommt es dann, dass die Juden außergewöhnlich kalkulatorisch? und/oder für das Rechnen begabt sind? Eine grob ontische Frage? Beharren wir auf ihr. Warum soll zur Figuration „der Rationalität und der Metaphysik“ ein „Stereotyp“ hinzukommen? Auf diese Frage gibt es zwei Antwortmöglichkeiten. Die erste muss beim „Verbreiteten“ der zitierten Formel ihren Anfang nehmen: dieses Wort ist hier erstaunlich, da das Stereotyp des berechnenden Juden mindestens so alt ist wie das Christentum (Jesus gegen die Tempelhändler). Die Berufung auf Stereotype ist nicht unbedeutend: sie ist im Gegenteil in eine sehr lange Tradition eingeschrieben und zieht damit die gesamte Stereotypie des Judentums innerhalb Europas selbst berechnend und anzettelnd (calculante et machinante) mit sich. Die zweite Antwort zielt auf Höheres: sie besagt, dass das Stereotyp letztendlich eine Interpretation des Judentums selbst als Theologie eines berechnenden Gottes voraussetzt. Didier Franck hat dies durch eine sorgfältige Analyse in Der Name und die Sache (Le Nom et la chose) überzeugend festgehalten, die von der Sorge getragen wird, Heideggers Denken zu respektieren und es sogar über sich hinauszutragen. Heidegger „missversteht“ das Judentum, so lautet die Formulierung Francks, die genauer besagt, dass dieses Missverständnis von einer paulinischen Interpretation des Judentums herrührt.

Diesen Punkt kann ich hier nicht weiter vertiefen. Man muss jedoch zugeben, dass er von Bedeutung ist: denn er verpflichtet dazu, festzuhalten, dass Heidegger gleichzeitig den banalsten Antisemitismus (ohne seine einstigen erschreckenden Auswirkungen zu überblicken) und die wesentliche Verfasstheit (ontologisch-geschichtlich) dieses selben Antisemitismus oder Antijudaismus mobilisiert.

Die zentrale These des Buches – also die Wahrheit, die es lehrt – erweist sich infolgedessen als angreifbar. Diese These besagt, dass Heidegger vom „Jüdischen“ „im metaphysischen Sinne“ spricht, so wie er es (cf. S. 222) tut, weil genaugenommen in diesem Sinne das „Jüdische“ nichts mit empirischer und rassischer Bestimmung zu tun hat. Es wird daher nachdrücklich versichert (dies ist der rote Faden des Buches), dass „in den Notizbüchern […] nirgendwo die geringste Spur davon zu finden [ist], daß Heidegger dem Juden ein metaphysisches Wesen zugeschrieben hätte.“ (S. 172). Diese Behauptung stützt sich insbesondere auf diesen nunmehr recht bekannten Satz: „Die Frage nach der Rolle des Weltjudentums ist keine rassische, sondern die metaphysische Frage nach der Art von Menschentümlichkeit, die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als weltgeschichtliche „Aufgabe“ übernehmen kann.“ [Im frz. Original zitiert Nancy hier seine eigene Übersetzung, wobei er darauf aufmerksam macht, dass im Buch von „le monde juif planétarisé“, also von „planetarisierter jüdischer Welt“ die Rede ist, um dadurch – wie er weiter ausführt – zu vermeiden, dass dem Judentum* wieder der Wert eines „jüdischen“ Stereotyps (als Archetyp der antisemitischen Stereotype) zu kommt; außerdem bevorzugt es das Buch ebenfalls vom „Typus der Menschlichkeit“ (type d'humanité) zu sprechen, anstatt, wie es Nancy für seinen Teil getan hat, festzustellen, dass Menschentümlichkeit* ein Begriff ist, der hier von Heidegger geschaffen wurde, und es scheint, dass er nie anderswo wieder aufgegriffen wurde bis Nancy es wagte, ihn als „menschliche Modalität“ (modalité humaine) wiederzugeben: Doch dieser Punkt ist nicht unbedeutend, falls Heidegger in der Tat von der Bezeichnung eines einfachen Typs – tendenziell rassisch – abrücken möchte, um eine ganz bestimmte Art von Menschlichkeit vorzuschlagen, die an die historische Aufgabe (tâche) der vollständigen Entwurzelung angepasst ist. Tâche, Aufgabe*, steht in Anführungszeichen: alles ist singulär an diesem Vorschlag, die Modalität des Agenten, die der Aufgabe, der Mission oder die der in der Tat sehr singulären Funktion, um die Seinsvergessenheit vollständig erfüllt zu haben.] (2)

3

Diese Singularität kann in der Tat als frei von metaphysischer Essenz (ohne substanzielle Präsenz) verstanden werden, denn sie bringt die Metaphysik im Wesentlichen zu ihrem Ende. Das Ende gehört immer auf singuläre Weise dort hin, wo es das Höchste ist. Aber läuft es wirklich darauf hinaus, das Jüdische von der Metaphysik loszulösen? Gewiss nicht, wenn es das Höchste erreicht …

Das Erstaunliche mag hier sein, dass die „Entwurzelung aus dem Sein“ (déracinement hors de l'être) das Sein als Boden, Erde, Konsistenz impliziert und daher verlangt, die Konsistenz dessen in Frage zu stellen, was nicht Seiendes ist. Aber dieses Thema weiter zu vertiefen, heißt unvermeidlich zu erkennen, dass das Judentum hier in die paradoxe, aber ganz wesentliche und schicksalhafte Essentialität der Selbst-vernichtung der Metaphysik mitgerissen wird.

Nur so lässt sich erklären, dass die Juden per Schicksal im Rechnen begabt sind (sont calculateurs par destin) so wie sie auch Meister in der Machenschaft* (machination) sind, die Heidegger seit langer Zeit als Merkmal der Metaphysik charakterisiert hat (nicht in einem pejorativen Sinne, wie er in der Einführung in die Metaphysik präzisiert hat, sondern im Sinne der Vorherrschaft der Technik). Und deswegen kann man durch die christliche (um nicht zu sagen überchristliche …) Interpretation des Judentums (die ganz mit der Abscheu des Christentums selbst vereinbar ist) die historische Ontologie des Jüdischen im metaphysischen Sinne mit dem ontisch-ontischen Stereotyp der allergewöhnlichsten Karikatur komplettieren. Die zentrale These des Buches zerstört sich selbst völlig (s'autodétruit tout), so wie die Metaphyik und das Judentum sich säkular der eigenen Eliminierung verschrieben haben.

In kaum anderer Weise habe ich dies 2015 in einem Buch mit dem Titel Heideggers Banalität (Banalité de Heidegger) zu analysieren versucht. Didier Francks Buch erschien 2017. In beiden Fällen könnten diese Bücher den Herren [von Hermann und Alfieri – I.E. ] und ihren französischen Übersetzern bekannt sein, doch weit davon entfernt, sie zu erwähnen, haben sie sich dazu entschlossen, die Bücher von Peter Trawny und Donatella di Cesare ausführlich zu kritisieren, wodurch sie ihren bereits ohnehin beträchtlichen Band mit diversen Beiträgen, langen Übersetzungen und vor allem einer Rede (discours) aufblähen, die sich damit begnügt, die zentrale und sich selbst auflösende These zu wiederholen. Falls es möglich ist, ohne Narzissmus von demjenigen zu sprechen, was man selbst geschrieben hat (was Didier Franck betrifft, gestatte ich mir, ihn hier ohne sein Wissen und obwohl unsere Perspektiven sehr verschieden sind, ebenfalls anzuführen), dann schulde ich es der einfachen Wahrheit – ja, ihr … – zu sagen, dass die Nichtberücksichtigung zweier Werke, die im Diskussionsfeld sehr wohl präsent sind, eine Befangenheit bezeugt. Man bevorzugt, nicht anzusprechen, was mit dem Risiko einherginge, eine zu einfache – um nicht zu sagen vereinfachende – These zu destabilisieren. Den zu einfachen Anschuldigungen eines „Nazi-Heideggers“ stellt man lieber eine andere Vereinfachung entgegen. Dies dient weder der Wahrheit noch Heidegger.

(1) Alle mit einem * markierten Wörter sind im Original deutsch. [A.d.Ü.]

(2) Ich habe mir erlaubt, die Ausführungen Nancys zu seiner eigenen Übersetzung der Begriffe Heideggers in leicht begleitender Form wiederzugeben, ohne jedoch seinen Kommentar durch einen eigenen zu überdecken. [A.d.Ü.]

Aus dem Französischen von Ingo Ebener

Der Essay ist zuerst unter dem Titel „Une verité sur la verité“ auf strassdelaphilosophie.blogspot.com erschienen.

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erstellt am 27.8.2018

Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Francesco Alfieri
Martin Heidegger
Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte
336 Seiten
ISBN-13: 9783428151240
Duncker & Humblot, Berlin 2017

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Französische Ausgabe

Zum Autor
Jean-Luc Nancy, Foto: Corinna Hackel
Foto: Corinna Hackel

Jean-Luc Nancy zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung Philosophie an der Université Marc Bloch in Straßburg und hatte Gastprofessuren in Berkeley, Irvine, San Diego und Berlin inne.

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Jean-Luc Nancy
Banalität Heideggers
Übersetzt von Martine Hénissart und Thomas Laugstien
Broschur, 112 Seiten
diaphanes Verlag, Zürich

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