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Neun internationale Komponisten bereichern das kreative Personal der „Groupe de Recherches Musicales“. Ihre akusmatische Arbeit wird nun mit der CD-Box „9 Trajectoires“ vorgestellt. Bernd Leukert berichtet, was da vor sich geht.

CD-Box »9 Trajectoires«

Die dunklen Objekte

Weil wir Augenmenschen sind, dominiert unsere visuelle Wahrnehmung alle anderen Sinne, zumindest den Hörsinn. Evident ist das, wenn wir Kinobesucher nach der eben gehörten Filmmusik fragen und erfahren, dass sie unter den bewegten und bewegenden Bildern gar nicht wahrgenommen wurde. Andererseits findet das Musikhören bei einer Vielzahl von Menschen nicht ohne visuellen Transfer statt: Die Klangbewegung heftet sich an Landschaften oder Szenen, und selbst im Konzert ist die Musik ein Produkt der sichtbar arbeitenden Musiker. Die Scheu, Musik zu hören, die nicht bekannt und vertraut ist, ist weit verbreitet. Das mag nicht nur mit einer grundsätzlich konservativen Hörhaltung zusammenhängen, sondern auch mit der Frühwarnfunktion des Ohrs in vorgeschichtlicher Zeit des Menschen. Das Ohr war (und ist) das Zentralorgan eines überlebenswichtigen Alarmsystems, das nahende Bedrohung registriert und deshalb – im Gegensatz zum Auge („Das Auge ist das einzige Raubtier, das seine Höhle selbst verschließt“, schrieb Jürgen von der Wense.) – nicht verschließbar ist. Die Fluchtbereitschaft ist wohl mit dem Hören genetisch verknüpft.

All das scheint der Möglichkeit, Musik selbst, also ohne wahrnehmbare oder auch nur vorgestellte Sichtbarkeit zu hören, entgegenzustehen. Und vielleicht braucht es auch Selbstüberwindung, um sich auditiven Artefakten angstfrei auszusetzen. Die hatten, der Überlieferung nach, die Philosophiestudenten des Pythagoras. Als sie merkten, dass sie die auratische Performance ihres Lehrers von den vorgetragenen Inhalten ablenkte, zogen die Hörer (griechisch: akousmatikoi), um dem abzuhelfen, einen Vorhang zwischen sich und den Meister. Die Konzentration auf die elektroakustische Kunst ist also der schlichte Kern der Akusmatik. Sie kommt ohne Performer aus. Selbst bei öffentlichen Konzerten gibt es keinen Musikerdarsteller. Das Publikum kann, ohne etwas zu verpassen, mit geschlossenen Augen verfolgen, was aus den Lautsprechern tönt. Akusmatik ermöglicht die Wahrnehmung der Klangverwandlungen und erfordert keine Vorbildung. Sie ist unmittelbar.

Da nach einer Definition des Komponisten François Bayle der Begriff ‚Akusmatik’ nicht einen Stil oder ein kompositorisches oder technisches Verfahren bezeichnet, sondern die reine Hörsituation, ist der künstlerischen Phantasie Tür und Tor geöffnet, die sich, soll es gut ausgehen, zusammen mit einer gestalterischen Disziplin, in unplanbare Klanggefilde begibt. Die akusmatische Musik kennt Entwicklungen, die auf theatralische Mischformen zulaufen. In Frankreich nennt man das „Cinéma pour l’oreille“, in Italien „Radiofilm“, in Deutschland manchmal „Kino für die Ohren“ oder „Ohrenkino“. Gemeint ist aber nicht musikbegleitetes Hörspiel oder Originalton-Dokumentation, sondern ein Kunstgebilde, das Instrumentalmusik, Geräusche, musique concrète, Originalton, elektronisch generierte Klänge, Sprache und vieles andere musikalisch miteinander verknüpft, in eine stereophone oder mehrkanalige Räumlichkeit hineinversetzt und dort – wie auf einer grenzenlos verwandelbaren Bühne – inszeniert. Das paradoxe Ziel ist das nichtnarrative Erzählen: Wir vernehmen also auf mancherlei Weise einen vertrauten Erzählgestus, müssen uns die Geschichte aber selbst dazu finden. Oder auch nicht.

Wer sich für die Geschichte und die Details der elektronischen Musik interessiert, wird gründlich informiert in dem Buch „Klang (ohne) Körper, Spuren und Potenziale des Körpers in der elektronischen Musik“, herausgegeben von Michael Harenberg und Daniel Weissberg; darüberhinaus bietet Michael Harenberg technische und kulturphilosophische Zusammenhänge in „Virtuelle Instrumente im akustischen Cyberspace. Zur musikalischen Ästhetik des digitalen Zeitalters“ an.

Nicht ohne Einstein

Das Institut national de l’ audiovisuel (INA) und die ihm zugeordnete Groupe de Recherches Musicales (GRM), die 1958 von dem Toningenieur Pierre Schaeffer gegründet wurde, hat seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die Arbeiten dieser Gruppe, zunächst auf Langspielplatten, später auf CDs, gut dokumentiert, also Stücke der Mitglieder, die die Methoden und die Ästhetik des GRM-Studios prägten: neben Pierre Schaeffer Guy Reibel, Pierre Henry, Jean Schwarz, Bernard Parmegiani, François Bayle, Luc Ferrari, Alain Savouret, Jean-Claude Risset, – um nur einige zu nennen, die die musique concrète zur Grundlage ihres Schaffens machten. In späteren Jahren kamen noch andere, etwa aus Canada, hinzu. Im Jahr 2001 erschien auf einer Doppel-CD die kleinteilige, aber repräsentative Anthologie „50 ans de musique électroacoustique au Groupe de Recherches Musicales. Paris 1948-1998“. (Die Vorverlegung der GRM-Gründung um eine Dekade verdankt sich dem Zeitpunkt, an dem Schaeffer den Begriff ‚musique concrète’ etablierte.)

Nach einer längeren Pause in der Reihe der GRM-Dokumentationen sind nun die „9 Trajectoires“ erschienen, eine Box mit neun CDs. Neun Komponisten sind mit ihren Stücken – jeder auf je einer CD – repräsentiert, Stücke, die sie, in der Regel, in den Studios der GRM realisierten. Überraschenderweise sind drei der Komponisten gebürtige Argentinier, zwei Deutsche, ein Schwede, eine Polin, ein Niederländer – wobei nicht verschwiegen werden soll, dass einige von ihnen lange Zeit in Frankreich verbrachten – und (nur) ein Franzose: Die Stücke von Philippe Leroux, der 1959 in Boulogne sur Seine geboren wurde, lassen sich, wie jede gute Musik, ohne Vorinformation hören. Ihre Verläufe sind fasslich und unkompliziert. Und doch schreibt der Komponistenkollege Dominique Druhen von einer „gleichsam heraklitischen Musik“, und Leroux selbst bezieht sich des öfteren auf die kosmologischen Theorien Albert Einsteins. Der Anspruch ist also enorm und lässt eine urknallige, unerhörte Musik erwarten. Doch die Theorien relativieren sich über die Bindungen an die junge Tradition der elektroakustischen Musik, in die sich Leroux eingebettet sieht. Hinweise auf Pierre Schaeffer und François Bayle bestätigen das, aber auch hörbare Zitate wie im letzten Teil von „La Guerre du Faire“, wo er Reverse-Effekte aufgreift, die Jean Schwarz 1981 für die „Moulins à vent“ seiner Don Quichotte Suite verwendet hatte.

Verneigung vor den Gründervätern

Bei aller Klangverfeinerung, die diese Sammlung auszeichnet, ist solche zugewandte Rückbindung in der Musik aller beteiligten Komponisten aufzufinden. Sie machen nicht den großen Schritt aus der ästhetischen Heimat der ersten GRM-Generation hinaus – wobei auch gleich zu fragen ist, inwieweit das unter den gegebenen technischen Bedingungen überhaupt möglich ist. Åke Parmerud, der bekannteste unter den lebenden schwedischen Elektronikern, ist unter anderem mit einem viersätzigen Stück vertreten, das seit seinem Entstehungsjahr 1991 schon mehrfach auf CDs veröffentlicht worden ist. Es trägt den Titel „Les Objects Obscurs“ und ist eine Hommage an Pierre Schaeffer, dessen didaktische Fakturen ihre Spuren in den dunklen Objekten hinterlassen haben. Selbstverständlich gibt es auf allen CDs auch neuere Stücke, wie Parmeruds „Electric Birds“ (2012), eine geschickt arrangierte Sammlung natürlicher wie synthetischer Vogelstimmen, die sich in einem großen Steigerungsbogen verdichten, ohne zu verklumpen.

Es finden sich auch immer wieder Stücke, die, wie die ersten Veröffentlichungen der musique concrète, ihr instrumentales Quellmaterial mit sich führen. In den beeindruckenden Kompositionen Ludger Brümmers etwa sind unschwer Chorpartikel und Schlagzeuginstrumente zu erkennen, deren Impulse weiterverarbeitet und ins übrige Klanggeschehen eingeflochten sind. Luis Naon verwendet Tamtams, Diego Losa Zungeninstrumente und Orgel (in „Horizons“), setzt aber auch in „Historias de dos mundos“ Violine und Cello ‚solistisch’ und zusammen mit den synthetischen Klängen ein. Hans Tutschku nutzt in „Monochord“ die Klangobjekte des Schweizer Kollegen Oscar Wiggli. Auch Elzbieta Sikora montiert, mit Referenz auf Pierre Schaeffer, einen Streicherklang in ihr Stück „Flashback“. So mag zur auch ästhetisch wahrnehmbaren technischen Disposition noch eine ideelle und persönliche Verbundenheit treten, die den konservativen Eindruck dieser Veröffentlichung erklärt. Dennoch ist in den „9 Trajectoires“ der Reichtum der elektroakustischen Kunst gespeichert, der seinen Nährboden in den Studios der GRM hat.

Dass die Mutation von Klangfarben eine ähnliche Funktion haben kann wie die Akkord-Chromatik und durchaus kompositorische Qualitäten erreichen kann, ist Musikern bewusst. Für Komponisten elektroakustischer Musik aber sind sie mit ihrer digitalen Ausweitung und Fremdheit von besonderer Attraktivität. Die Faszination eines sich permanent verändernden Klangspektrums teilt sich fast in allen „Trajectoires“ mit, vor allem in den Kompositionen Mario Marys, aber auch in „Chroma 1“ von Kees Tazelaar oder in Diego Losas „Sortie d’un rêve dans une nuit étrange très loin d’ici…“ Da hebt im Strudel der Obertöne und der timbrierten Geräusche ein Singen an, das manchmal gar nicht enden will. Und zuweilen hört man das Staunen der Komponisten über die gefundenen Klänge mitkomponiert.

Das akusmatische Theater

In seinem Booklet-Vorwort stellt der Direktor der GRM, Daniel Teruggi, die akusmatische Arbeit in den Mittelpunkt der „9 Trajectoires“. Kompositionen, die sich bei den klanglich heterogenen Möglichkeiten der Akusmatik bedienen, sind indessen dabei in der Minderzahl. Ein schönes Beispiel ist dafür Parmeruds ereignisreiches „Dreaming in Darkness“, in dem er die Träume eines Blinden mit all ihren surrealistischen Effekten nachempfinden lässt, ein anderes Sikoras „Axe Rouge V“, in dem die denaturierten Klänge selbst wie Personen auf einer Bühne inszeniert sind, und in ihrem Stück „Chicago al Fresco“ tanzen die elektronischen Sequenzen durch die Originaltöne des Chicagoer Stadtklangs und umgekehrt. Das gelingt ihr ganz ohne Redundanz, aber auch ohne Botschaft.

Mehr noch als Kees Tazelaar, der ein gesprochenes Trakl-Gedicht (De profundis II) zur musikalischen Gesamtanlage seiner „Sérénade“ macht, geht Elzbieta Sikora auch über die engen Bezüge zur musique concrète hinaus und schöpft das akusmatische Klangarsenal in ihrem 25minütigem Stück „Derrière Son Double“ aus. Da wird geflüstert, gelacht, (vom Librettisten Jean-Pierre Duprey) feierlich rezitiert, ein Streichquartett interveniert, eine Flöte mischt sich ein, die Instrumentalklänge werden elektronisch verwandelt, es wird aufgeregt argumentiert, eine Sopranistin und ein Bariton umsingen sich, eine junge Frau erzählt etwas in die Musik hinein, man hört den artifiziellen Lärm fallender Klötze und andere synthetischen Klangeinwürfe, ein Auto fährt vorbei, ein schwebender Klang nimmt das Geräusch auf, ein jäher Wechsel zu Staccato-Geigen wird von einer kleinen Trommel unterstützt und von einem artifiziellen Klang abgelöscht, Schritte auf einer Treppe, die Instrumentalmusik wird spatialisiert und mit den Geigen synthetisiert – kurz, das ist ein Hörspiel, ein Drama und eine Oper in einem.

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erstellt am 27.8.2018

9 Trajectoires
Ludger Brümmer, Philippe Leroux, Diego Losa, Mario Mary, Luis Naon, Åke Parmerud, Elzbieta Sikora, Kees Tazelaar, Hans Tutschku
9 CDs
Institut national de l’ audiovisuel, Ina GRM
INA G6050/59, 2017

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Michael Harenberg, Daniel Weissberg (Hrsg.)
Klang (ohne) Körper
Spuren und Potenziale des Körpers in der elektronischen Musik
Softcover, 256 Seiten
ISBN 978-3-8376-1166-3
transcript Verlag, Bielefeld 2010

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Michael Harenberg
Virtuelle Instrumente im akustischen Cyberspace
Zur musikalischen Ästhetik des digitalen Zeitalters
Softcover, 260 Seiten
ISBN 978-3-8376-2175-4
transcript Verlag, Bielefeld 2012

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2001 erschienen:

50 ans de musique électroacoustique au Groupe de Recherches Musicales
Paris 1948-1998
2 CD
INA GRM, Fondazione Teatro Massimo
F.T.M. 002 A-B