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In einer Trilogie erzählt die deutsch-rumänische Schriftstellerin Carmen-Francesca Banciu von der ideologischen und geographischen Emanzipation einer Tochter von ihren Eltern. Der dritte Band ist in diesem Frühjahr erschienen und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Stefana Sabin hat „Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!“ gelesen.

Buchkritik

Tod eines Kommunisten

„Für Vater waren drei Dinge wichtig / In der festgefügten Reihenfolge / Das Vaterland
 / Die Partei / Die Ehre der Familie / So hat Vater mir das erklärt“– und so beginnt der neue Roman von Carmen-Francesca Banciu. Dieser Vater, der namenlos bleibt, war als überzeugter Kommunist mehr um das Allgemeinwohl besorgt als um das Wohl seiner Tochter. Diese hat gegen das System und gegen die väterliche Autorität rebelliert und ist schliesslich in den Westen gegangen. Einander entfremdet sehen sie sich wieder, als der Vater einen Unfall hat und die Tochter zu seinem Sterbebett gerufen wird.

„Vater ging aus dem Haus Kartoffeln kaufen / Und ist nie wieder zurückgekehrt in sein Zuhause.“ Das Kartoffelnkaufen ist ein unterschwelliger Hinweis auf die prekäre Versorgungslage im postkommunistischen Alltag und also auf das Versagen der Idee von einer neuen, besseren Welt. Und dass der alte Kommunist dabei tödlich verunglückt, verleiht dem Geschehen eine ironische Note, die immer wieder durchschimmert.

Denn das Geschehen ist durchaus dramatisch. Der Vater liegt im Sterben und am Krankenbett streiten sich seine beiden langjährigen Geliebten. Die Tochter muss sich also nicht nur mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen, sondern auch noch zwischen den beiden Frauen, Daria und Rebeca, vermitteln. „Daria will Vater alleine retten / Rebeca will, dass ich allein Vater rette / Weil sie ihn nicht retten darf / Daria und Rebeca und Vater / Alle erwarten etwas von mir“. Zwar versucht die Tochter, sich mit dem Vater zu versöhnen und sich auch mit den beiden Geliebten zu arrangieren, aber schliesslich gibt sie auf und flieht wieder in den Westen, um einen Arbeitsauftrag zu erfüllen, wohlwissend: „Heute Nacht wird er sterben.“ Tatsächlich erreicht sie die Todesnachricht in Venedig, wo auch Schuldgefühle leichter zu ertragen sind. „Jeder ist dem Leben seinen Tod schuldig.“

Es ist eine Vatergeschichte, die Banciu in ihrem Roman aufrollt, genauer: die Geschichte einer gestörten Vater-Tochter-Beziehung, die als Lebensrückblick und als Selbstgespräch der Icherzählerin inszeniert wird. Es ist auch ein Spiel mit den Gattungen, denn was als Roman bezeichnet wird, ist ein langes Gedicht in freien Versen – ein langer Erzählfluss, der durch Kommata rhythmisiert und nur ganz selten durch Punkte unterbrochen wird. Die über Seiten und Kapitel hinweg fortlaufende Erzählung ist regelrecht atemlos, und dadurch wird die emotionale Dringlichkeit hinter der Aufarbeitung der Vater-Tochter-Geschichte spürbar. Dass diese Geschichte auch eine implizite Abrechnung mit einer veralteten Ideologie ist, verleiht dem Romangedicht eine weitere Dimension.

Denn Banciu, die im rumänischen Lipova 1955 geboren wurde und seit 1990 in Berlin lebt, ist eine Chamisso-Enkelin, die den Sprachwechsel von ihrer Muttersprache, dem Rumänischen, ins Deutsche vollzogen hat. Zuerst schrieb sie sowohl Rumänisch als auch Deutsch, aber inzwischen gilt sie als deutschsprachige Schriftstellerin – und als solche wurde sie schon mehrfach ausgezeichnet.

Der erste auf Deutsch geschriebene Roman „Vaterflucht“ (1998) war der Beginn einer autobiographisch verdichteten Auseinandersetzung mit den Eltern und ihren ideologischen Überzeugungen – es ging in „Das Lied der traurigen Mutter“ (2007) weiter und findet nun im neuen Roman „Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!“ eine Ergänzung und Vollendung. Es ist jenseits der dramatischen Handlung ein witziger Roman: psychologisch realistisch und sprachlich subtil.

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erstellt am 24.8.2018

Carmen-Francesca Banciu
Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!
Hardcover, 376 Seiten
ISBN: 978-3-96258-003-2
PalmArtPress, Berlin 2018

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