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Zum Abschluss von sieben Jahren erfolgreicher Arbeit an der Oper Stuttgart zeigen Jossi Wieler und Sergio Morabito anspruchsvolles Musiktheater. Mit Toshio Hosokawas Oper „Erdbeben. Träume“ setzen sie ein Zeichen für Menschlichkeit und eine offene Gesellschaft, meint Walter H. Krämer.

Uraufführung in Stuttgart

Der Schoß ist fruchtbar noch

Kleists Erzählung von 1806 bezieht sich auf das historische Erdbeben von 1647 in Santiago de Chile. Eine Standesgrenzen überschreitende Liebe verbindet Jeronimo und Josephe. Ins Kloster eingesperrt bringt Josephe bei einer Fronleichnamsprozession das gemeinsame Kind Philipp zur Welt und wird dafür zum Tode verurteilt. Darüber verzweifelt, will sich Jeronimo im Gefängnis gerade erhängen, als das verheerende Erdbeben einsetzt. Auf wunderbare Weise gerettet, begegnen sich die drei wieder und verbringen gemeinsam eine glückliche Nacht unter einem Granatapfelbaum.

Am nächsten Tag bittet Fernando, dessen schwer verletzte Ehefrau Elvire ihren Sohn nicht mehr säugen kann, Josephe ihre Brust auch dem kleinen Juan zu reichen. Gesagt, getan. Waren Jeronimo und Josephe gestern noch geächtet, so bringt man ihnen nach dem Beben allergrößte Achtung entgegen. Ein Hauch von Utopie scheint auf. Es ist, als ob das Erdbeben und seine fatalen Folgen das Beste im Menschen hervorgekehrt hätte. Man rückt näher zusammen. Hilft sich gegenseitig und übt sich in Toleranz. Die Frage steht im Raum, ob Naturkatastrophen Menschen wirklich zu bessern imstande sind. In der Lage sind, Mauern einzureißen – auch moralische und gesellschaftliche? Doch das ist nur die eine Seite und der Schein trügt. Bei einem Bitt- und Dankgottesdienst in der Dominikanerkirche wettert der Priester gegen die Sittenlosigkeit der Stadt und bezeichnet das Erdbeben als Strafgericht Gottes und überantwortet die angeblich Schuldigen Jeronimo und Josephe „allen Fürsten der Hölle“. Die beiden werden erkannt und von einer aufgebrachten Menschenmenge unter Anführung des Schusters Pedrillo gelyncht. Die Menge gibt erst Ruhe, als auch noch ein Kind erschlagen wird. Es ist Juan, der Sohn von Fernando und Elvire. Die beiden beschließen, anstelle des ermordeten eigenen das überlebende fremde Kind Philipp zu adoptieren.

Büchner- und Kleist-Preisträger Marcel Beyer und der japanische Komponist Toshio Hosokawa haben für ihre Oper „Erdbeben. Träume“ die zentrale Figurenkonstellation, wie sie in Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ angelegt ist, übernommen. Den Mittelpunkt der Oper bilden die beiden Elternpaare Jeronimo (Dominic Große) und Josephe (Esther Dierkes) sowie das Ehepaar Fernando (André Morsch) und Elvire (Sophie Marilley). Weiterhin noch Constanze (Josefin Feiler), Elvires jüngere Schwester, sowie Pedrillo (Torsten Hoffmann), der das Massaker anzettelt und in der Oper „vor dem Beben Wachmann, nach dem Beben Demagoge“ ist.

Eingestürzte Betonbauten: „Erdbeben. Träume“, Oper Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer

Zur neuen Hauptfigur wird Philipp, der stumme Sohn von Josephe und Jeronimo. Diese Rolle verkörpert die Schauspielerin Sachiko Hara mit eindrücklicher Mimik und Bewegungsabläufen, die auf das japanische No-Theater verweisen. Wobei alle heutigen Gebärden und Tanzbewegungen Ergebnis eines langen Prozesses der Stilisierung sind. Zu Beginn der Oper – der herangewachsene Philipp ist mittlerweile ungefähr acht Jahre alt – konfrontieren ihn Elvire und Fernando damit, dass sie nicht seine leiblichen Eltern sind. Als ob er es geahnt hätte, ist er jetzt mittendrin im Trauma vom Tod seiner Eltern und dass an seiner Stelle ein anderes Kind zu Tode kam. Seine wahre Geschichte und Identität wird im Verlauf der Oper in Rückblenden als Traumsequenz erzählt.

Der Librettist Marcel Beyer hat das Geschehen aus seinen historischen Zusammenhängen gelöst und verwendet eine lyrisch verdichtete zeitgenössische Sprache. Diese erscheint nicht immer gelungen und wirkt manchmal wie ein Fremdkörper. So wird beispielsweise die Niederkunft von Josephe mit folgenden Worten beschrieben: „Ein Bierbike mit acht singenden Strohwitwen rollt durch die Fußgängerzone (…) Vermutlich eine Abgestürzte noch von letzter Nacht (…) Zwei Glatzköpfe in Kriegsfilm-Uniformen räumen die Halbbetäubte wie eine lästige Zivilistin aus dem Feld (…) Ohne Pfefferspray geht keine Strohwitwe mehr vor die Tür. Kein Junggesellen-Abschied endet ohne Kabelbinder (…).“

Den solistischen Rollen stellt Beyer das Kollektiv der Bevölkerung als Chor gegenüber und ergänzt das Personal um den Anführer (Benjamin Williamson) einer Bande „sadistischer Knaben“ die vom Kinderchor der Oper Stuttgart dargestellt werden. Diese Knaben spionieren dem jungen Paar hinterher und üben sich in Denunziation. Beim ersten gemeinsamen Auftreten erinnern sie aufgrund ihrer Kostümierung und Gesten an die Braunhemden der Hitlerjugend. Bei den Lynchmorden an Jeronimo, Constanze, Josephe und Juan jubeln und klatschen sie zunächst begeistert. Beim dritten Mord jedoch wollen sie wegschauen, werden aber von ihrem Anführer gezwungen, weiterhin genau hinzuschauen. Einübung in Verrohung. Diese Szenen und Bilder gehen unter die Haut.

Einübung in Verrohung: „Erdbeben. Träume“, Oper Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer

Bei einer Exkursion vor Ort begab sich das Leitungsteam an die Stellen der Katastrophe. Sammelte Eindrücke, die sich in der Inszenierung niederschlagen. So ist das Bühnenbild von Anna Viebrock ein Kaleidoskop verschiedener Erfahrungen und Bilder von dieser Reise: nach der Katastrophe zerstörte Häuser, eingestürzte Betonbauten. Alles Grau in Grau. Japanische Modetrends fließen ein und ein Steg führt quer über die gesamte Bühnenbreite. In der Tradition des No-Theaters steht die Brücke für den Übergang von Traum und Wirklichkeit. So zeigen sich in der Oper Einflüsse sowohl der japanischen als auch der europäischen Kultur und ein virtuoser Zugriff auf beide.

Das spiegelt sich auch in der Musik wieder, wo neben den klassischen Instrumenten auch japanische Musikinstrumente zum Einsatz kommen. Hörbar sind auch sprachliche Methapern, die Menschen als Ungeziefer bezeichnen und die es gilt, zwischen Daumen und Zeigefinger zu zerquetschen. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch (…).

In die Biografie des Komponisten Toshia Hosokawa sind Katastrophen förmlich eingeschrieben. 1955 in Hiroshima geboren, lernte er die Spätfolgen des Atombombenabwurfs kennen und erlebte mit dem Erdbeben und sich daran anschließenden Tsunami 2011 gleich zwei Katastrophen nacheinander hautnah mit. Kein Wunder also, dass viele seiner Kompositionen sich damit auseinandersetzen. So auch „Erdbeben. Träume.“

Hier schafft er einen Klangraum in Dolby-Surround: Wasser tropft von der Decke, der Wind spielt um das Haus, Grashalme bewegen sich fast lautlos. Manchmal entsteht eine Atmosphäre am Rande der Hörbarkeit. Sehr besonders. In die Oper sind die drei Orchestermonologe Erdbeben. Tsunami, Leben und Sterben integriert. Brücken zwischen den Klängen. Dramatische Momente werden musikalisch umgesetzt. Der Komponist greift auf die Musik, auf Klänge zurück, wenn die Sprache versagt. Es nichts mehr zu sagen gibt, etwas Unsagbar geworden ist.

Die musikalische Leitung hatte Sylvan Cambreling, der das Staatsorchester Stuttgart in gewohnter Weise zu Präzision und musikalischer Höchstleitung dirigierte. Insgesamt ein ambitionierter Opernabend, der zeigt, dass auch Oper zu aktuellen Themen Stellung beziehen kann und sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Verrohung der Sprache positionieren kann. Allen Beteiligten gebührt dafür Dank und Anerkennung.

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erstellt am 20.8.2018

„Erdbeben. Träume“, Oper Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer

Uraufführung am 1. Juli 2018

Erdbeben. Träume

von Toshio Hosokawa, Libretto von Marcel Beyer

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling, Regie und Dramaturgie Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme Anna Viebrock

Besetzung: Josephe Asteron Esther Dierkes, Jeronimo Dominic Große, Elvire Sophie Marilley, Fernando Ormez André Morsch, Constanze Josefin Feiler, Pedrillo Torsten Hofmann, Anführer der sadistischen Knaben Benjamin Williamson, Philipp Sachiko Hara, et al.

Oper Stuttgart