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Nach Kriegsende kehrten einige Juden, die man vertrieben hatte, nach Österreich zurück, um sich am Aufbau eines demokratischen Staates zu beteiligen. Ruth Wodak und Ernst Berger haben Kinder von Rückkehrern und auch deren Kinder, also die dritte Generation der NS-Opfer, interviewt und daraus ein Buch gemacht. Thomas Rothschild stellt es vor.

Buchkritik

Nur bis zu einem gewissen Grad

Als der Zweite Weltkrieg zu ende und der Nationalsozialismus, wie es schien, besiegt war, kehrten einige Juden, die man ins Exil gejagt hatte, in ihre österreichische Heimat zurück, um sich am Aufbau eines demokratischen Staates zu beteiligen. Entgegen aller Evidenz glaubten auch sie an die kollektive Lüge, wonach Österreich das erste Opfer und nicht etwa Kollaborateur des Deutschen Reichs gewesen war. Und sie hegten die Hoffnung, dass die Erfahrungen der vergangenen sieben Jahre auch die wüstesten Antisemiten geläutert haben müsse. Sie hat sich, wie wir heute wissen, als Irrglaube erwiesen.

Nicht wenige von diesen Rückkehrern waren schon vor dem Anschluss Mitglieder oder Sympathisanten der Kommunistischen Partei, also Flüchtlinge sowohl aus politischen wie aus „rassischen“ Gründen, andere hatten sich im Exil den Kommunisten angenähert, nicht zuletzt, weil diese am konsequentesten den gemeinsamen Feind, den Nationalsozialismus bekämpft hatten.

Ruth Wodak und Ernst Berger, selbst Kinder von verfolgten Österreichern, haben Kinder von Rückkehrern und auch deren Kinder, also die dritte Generation der, wenn auch mittelbaren, NS-Opfer, interviewt und daraus ein Buch gemacht. Von den 29 Befragten der zweiten Generation, der sogenannten „Kinderjause-Gruppe“, sind 20 jüdisch. Sofern die Remigranten Kommunisten waren, wurden ihre Kinder größtenteils in Vorfeldorganisationen der KPÖ, in deren Kinder- und Jugendorganisationen sozialisiert. Von dort kennen sie sich untereinander. Zum Teil pflegen sie bis heute (freundschaftliche) Kontakte.

Die spezifische Sozialisation der „Kinderjausner“, die sie vom Rest der gleichaltrigen Österreicher unterschied, wird von Wodak und Berger detailfreudig beschrieben. Dabei schleichen sich auch Ungenauigkeiten ein. Aus England zurückgekehrte Eltern schickten ihre Kinder in das Gymnasium auf der Stubenbastei, wo als lebende Fremdsprache Russisch gelehrt wurde, nicht so sehr, weil sie Kommunisten waren, sondern weil diese Kinder zweisprachig aufgewachsen waren, also Englisch bereits beherrschten. Umgekehrt gab es dort Kinder von ehemaligen und unbelehrbaren Nazis, deren Eltern sie sprachlich für den nächsten Russland-Feldzug vorbereiten wollten.

Zentraler Begriff in Wodak und Bergers Untersuchung ist die „Marginalisierung“. Sie ist in der Tat für die Personengruppe, von der das Buch handelt, von zentraler Bedeutung. Was die Autoren jedoch verschweigen ist dies: Zwischen den Kindern aus dem KPÖ-Milieu, die ihrer Grundüberzeugung, wenn auch mit Modifikationen, treu geblieben sind, und jenen, die in die Sozialdemokratie abgewandert sind, gab es beträchtliche Unterschiede. In diesem Zusammenhang ist es von Relevanz, dass Ruth Wodak die Tochter eines einflussreichen sozialdemokratischen Diplomaten ist. Vergessen wir nicht: die SPÖ war immerhin lange Zeit Regierungspartei, wer als Kommunist galt, war im Zeichen des Kalten Kriegs fast noch verfemter als ein Rechtsradikaler. Eine Anstellung im öffentlichen Dienst war so gut wie ausgeschlossen. Die Studie würde jedenfalls anders aussehen, wenn man auch jene befragt hätte, die nicht nur marginalisiert, sondern um den Preis der Arbeitslosigkeit ins Ausland gezwungen wurden. Sehr viel einflussreicher, als es die Projektpartnerin Helene Maimann, in ihrer Jugend im kommunistischen Umfeld aktiv, später ehrgeizige Sozialdemokratin, im ORF war, kann man kaum sein. Von Marginalisierung keine Spur. Wer bei der Kinderjause etwas mehr begriffen hat als das Einheitsfrontlied, kann ja nicht aus lauter Enttäuschung über die Sowjetunion den Kapitalismus für eine segensreiche Einrichtung halten. Nichts deutet darauf hin, dass die SPÖ, die sich ja nicht ohne Grund sozialdemokratisch und nicht mehr sozialistisch nennt, gegen diesen ernsthaft etwas einzuwenden hat. Was im übrigen den Weg vieler Wähler von der SPÖ zur FPÖ geebnet hat.

Ernst Berger ist Psychotherapeut, Ruth Wodak Linguistin. Diese Voraussetzungen prägen den Charakter der Untersuchung. Es gehört zu ihren Stärken, dass sie ihre Methodik präzise, mit Hinweisen auf die Forschungsliteratur, beschreibt und – darin das Ungewöhnliche dieses Buchs – mit der persönlichen Involviertheit der Autoren in ihren Gegenstand in Einklang zu bringen vermag. Der mögliche Vorwurf der wissenschaftlichen Verzerrung durch teilnehmende Beobachtung wird überzeugend entkräftet. Ob man freilich der Schlussthese beipflichten soll, die Kinder der Kommunisten und Juden, die einst aus Österreich verjagt wurden, seien in der Mitte angekommen, bleibt eine Frage. Wo genau ist die Mitte in einer Gesellschaft, in der mehr als 57 Prozent der Wähler für ÖVP und FPÖ und knapp 27 Prozent für die SPÖ votieren? Die KPÖ übrigens bekam zuletzt 0,8 Prozent der Stimmen.

In den sechziger und siebziger Jahren, zumal nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, mussten sich nach Wodak und Berger „auch die KinderjausnerInnen neu orientieren“. Es ist aber nur „selten zu einer völligen Anpassung an die hegemonialen Werte“ gekommen. „Kompromisse wurden zweifellos – wie in jedem Berufsweg – gemacht; aber nur bis zu einem gewissen Grad.“ Es wäre aufschlussreich und von zeitgeschichtlichem Interesse, den Biographien der „Kinder der Rückkehr“, der Kinder der exilierten Kommunisten und Juden, jene der Kinder von Nazis gegenüberzustellen, die nach 1968 zu maoistischen, trotzkistischen und sonstigen K-Gruppen stießen und heute weit rechts stehen. Es gibt da ein Muster, das zu häufig auftritt, um als zufällig qualifiziert werden zu können.

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erstellt am 16.8.2018

Ernst Berger, Ruth Wodak
Kinder der Rückkehr
Geschichte einer marginalisierten Jugend
333 Seiten, 29 Abbildungen
ISBN 978-3-658-20849-3 (Softcover)
ISBN 978-3-658-20850-9 (eBook)
Springer VS, Wiesbaden 2018

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