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„We don’t need another hero“ lautet der Titel der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Er verweist auf Tina Turners gleichnamigen Song aus dem Jahr 1985. Die Berlin Biennale findet an fünf Ausstellungsorten statt. Ihr gelingt vieles, was der letzten Documenta an thematisierten Problematiken über den Kopf wuchs, meint Ellen Wagner.

Berlin Biennale

Wenn das Playback ausfällt, muss man lauter singen

Much Silence Has A Mighty Noise – wer lange geschwiegen hat und plötzlich die Stimme erhebt, kann eine mächtige Kraft entwickeln. Das große Schweigen, das in diesem afrikanischen Sprichwort als Potenzial nach vorn gebracht wird, zeigt sich als ein Lärm, aus dem sich Stimmen überhaupt erst erheben, in dem dieselben Stimmen aber auch übertönt werden können, wenn sie nicht erwidert und dadurch verstärkt und moduliert, weitergeführt und weiter gefüllt werden. Much Silence Has A Mighty Noise ist der Titel und das Motiv in Form eines Schriftzugs einer Papierarbeit von Lubaina Himid. Sie ist Teil der Serie On the Night of the Full Moon (2018), die aktuell auf der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst gezeigt wird. Kompositorisch angelehnt an Kangas, wie sie als Kleidungsstücke auf afrikanischen Märkten angeboten werden, und bezugnehmend auf die britische Textilindustrie, den Kolonialismus und die industrielle Revolution, schwanken die Kompositionen zwischen dekorativen Textilmustern und Plakatdesign, bemalt mit eng am Körper zu tragenden Slogans des Persönlich-Politischen.

Der 10. Berlin Biennale gelingt vieles, was der letzten Documenta an thematisierten Problematiken über den Kopf wuchs. Dies hat auch damit zu tun, dass die ihre Anliegen so offen und relevant für uns alle, gleich welcher Herkunft, formuliert, dass man sich in dieser Ausstellung gerade nicht permanent mit einer Betroffenheit angesichts der „Probleme anderer“ konfrontiert sieht, sondern mit einer Situation, die zugleich fremd und auch die eigene ist. Dennoch geht der post-koloniale Fokus nicht verloren. Die Biennale öffnet Fenster auf verschiedene kulturelle und historische Hintergründe, ohne die Tür so weit aufzustoßen, dass man das unangenehme Gefühl bekommt, sich Zutritt zu verschaffen, wo kulturelle Differenzen nicht so einfach zu überschreiten sind, sondern langsam abgegangen werden müssen.

In ihrem Titel We don’t need another hero bezieht sich die Biennale auf den Song Tina Turners und ruft auf, vergangenen und aktuellen Umbrüchen, die auf unseren Umgang mit den individuellen und kollektiven Identitäten unserer selbst und anderer zurückzuführen sind, mit Vielstimmigkeit zu begegnen: Keine solitäre Heldenfigur, die sich auf einer medialen Bühne präsentiert oder die wir am Ende des Horizonts zu erspähen erhoffen. Stattdessen: Zutrauen in die Fähigkeit der eigenen Stimme, in mehr als ausreichend vielen Sprachen zu sprechen, um das Unbekannte vielleicht nicht in Worte zu fassen, aber doch mit diesem zu kommunizieren – was Reden und schweigendes Zuhören gleichermaßen bedeutet.
Auf der Biennale geben immer wieder Farben und Klänge, häufig auch Gesänge den Ton an. Die Atmosphäre, die sie schaffen, ist wechselhaft. Niemals naiv euphorisch oder sich beklagend klingt in vielen Arbeiten, explizit oder implizit, das Thema der Stimmen an, die gegeben und genommen, gehört und zum Schweigen gebracht werden können, indem sie mit einem vorauseilenden Kommentar abgeschnitten oder aber überhaupt nicht aufgegriffen werden.

Sara Haq: „Things I did that nobody noticed (but that changed everything)“, 2018, Zeichnungen auf Papier

Unter dem humorvoll-poetischen Titel Things I did that nobody noticed (but that changed everything) (2018) scheint Sara Haq auf die zu Beginn angesprochene Kraft des zunächst noch Ungehörten, im Unbemerkten Existenten anzuspielen und lässt diesem genug Raum, dass wir selbst als Betrachtende uns erst einmal in die kleinformatigen Arbeiten hineinsehen müssen, um „etwas zu bemerken“. Farbige Linienschleifen biegen sich zu Nasen, Zungen, Nestern und Blasen, umklammern locker Flächen, die sich zu landschaftsartigen und verknäulten Gebilden formieren. Auch Lassos, Steigbügel, Blutgefäße, oder Pflanzenstängel lassen sich mit etwas Phantasie entdecken. Ausgehend von Haqs meditativer Zeichenpraxis, so der begleitende Text, bilden die Werke komplexe innere Zustände und äußere Situationen ab und verwandeln diese in „etwas Schönes“. Changierend zwischen beiden Welten bilden die Zeichnungen eine eigene Welt, die ihre losen Linienenden wie Fühler in die weiße Fläche des sie umgebenden Papiers strecken.

Einen orange glühenden Klangraum schafft in den KunstWerken Dineo Seshee Bopape, deren Arbeit sich Verflechtungen psychischen Wahns und der Kolonialisierung widmet, wie sie etwa bei Frantz Fanon thematisiert werden. Die Installation Untitled (Of Occult Instability) [Feelings] (2016-18) ist zusammengestellt aus mehreren „geliehenen“ Komponenten. Befreundete Künstler_innen wurden eingeladen, eigene Arbeiten in die Anordnung zu integrieren, eine gigantische Discokugel auf Pappe verströmt den Charme einer Abrissbirne (Jabu Arnell: Discoball X, 2018). Ein Bildschirm zeigt Nina Simones Feelings, dargeboten auf dem Montreux Jazz Festival 1976. Eine Playlist, die in mehreren Sprachen eine brüchige Stimmung widerspiegelt, wurde, auf Serviette notiert, hinter Glas gerahmt. Als Auseinandersetzung mit mentalen Zuständen, die von Schmerz und Verlust, aber weniger von Schwäche als von emotionaler Energie sprechen, ist die Installation gezeichnet von träumerischer Instabilität. Zwischen Backsteinansammlungen in unterschiedliche Stadien des Verfalls wirkt die Arbeit wie eine Baustelle. Dennoch hat man das Gefühl, dass hier nicht nur abgerissen, sondern auch aufgebaut wird – wenn auch offen bleibt, welche neuen Mauern und Häuser aus den Schutthaufen entstehen werden.

Dineo Seshee Bopape: „Untitled (Of Occult Instability) [Feelings]“, 2016-18, Ziegelsteine, Licht, Geräusche, Videos, Wasser, gerahmte Serviette. Mit Arbeiten von Jabu Arnell, Lachell Workman und Robert Rhee

Ebenfalls mit einer Spannung zwischen gesprochenen und geschriebenen Texten, farblichen Eindrücken und musikalischen Elementen arbeitet Tony Cokes. Im Z K/U präsentiert der Künstler zahlreiche Videos in einem fast schon labyrinthischen Parcours aus Monitoren und Kopfhörern. Zu sehen, zu hören und zu lesen sind etwa gesammelte Aussagen Donald Trumps über den angebliche Durchtriebenheit der Frau oder ein Film über die Wurzeln der House- und Techno-Music. Die Arbeit Evil.16: Torture Music geht dem Phänomen der Folter von Häftlingen mittels Beschallung durch amerikanische und britische Popsongs in unerträglicher Lautstärke und endloser Dauer nach. Die westliche Kulturindustrie als Folterinstrument durch den Lautsprecher gejagt. Und nochmal. Und nochmal. Und wieder. Auch als Betrachter_in ist man den Popsongs nur wenige Minuten ausgeliefert.
Tatsächlich bleibt offen, welche Rolle Cokes der Musik in den Videos zuspricht. In jeder Arbeit scheint die Klangspur eine andere Funktion zu erfüllen – eine Illustration oder Kontrastfolie, eine Ablenkung oder Verstärkung. Beim sukzessiven Betrachten aller Videos hintereinander in dem dunklen Kellerraum kann dadurch eine gewisse Desorientierung entstehen, in der die Arbeit spürbar nachhallt.

Mit Informationen zu den Hintergründen der Werke und Künstler_innen an den Orten der Ausstellung selbst geht die Biennale zunächst sparsam um. Die meisten Schilder verzeichnen lediglich Titel und Urheber_innen der Arbeiten. Dies verhindert den Reflex, den man manchmal in Ausstellungen verspürt: zuerst die Information zu lesen, um anschließend „das Werk zu erfahren“. Fehlende Rahmeninformationen fordern uns heraus, unseren Sinnen zu trauen, selbst zu denken, vielleicht auch Abwegiges zu denken. Dennoch zeigt sich die Biennale als eine Schau, die eben nicht an der Oberfläche der Phänomene stehen bleibt, sondern auf Kontext besteht, indem sie Neugier weckt. Ein wenig mehr hätte man sich gewünscht, dass diese Neugier auch vor Ort gestillt würde, durch weitere Erläuterungen, die nicht entzaubern, aber Einstiege geben. Das für fünf Euro erhältliche Begleitbuch mit Kurztexten zu den Werken bietet einen Ausgangspunkt für diese Annäherung – der entscheidende Punkt der Biennale aber liegt wohl dort, wo sie ausgehend von den sinnlichen Erfahrungen, die sie bietet, tatsächlich Anstoß gibt, über die Dauer ihres Besuches hinweg einen Drang zu wecken, ihre Themen weiterzuverfolgen.

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erstellt am 14.8.2018

Lubaina Himid: „Much silence has a mighty noise“, aus der Serie „On the Night of the Full Moon“, 2018, Acryl und Bleistift auf Papier

Alle Fotos: Ellen Wagner

10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

»We don’t need another hero«

9. Juni – 9. September 2018

Kuratiert von Gabi Ngcobo, mit Nomaduma Rosa Masilela, Serubiri Moses, Thiago de Paula Souza und Yvette Mutumba

Ausstellungsorte: KunstWerke, Akademie der Künste (Hanseatenweg), Zentrum für Kunst und Urbanistik Z K/U, HAU Hebbel am Ufer, Volksbühne-Pavillon

berlinbiennale.de

Oscar Murillo: „Collective Conscience“, 2018, verschiedene Materialen, Installationsansicht Akademie der Künste, Hanseatenweg