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Johan Simons hat Kleists „Penthesilea“ in Salzburg als archaisch-modernes Beziehungsdrama inszeniert. Sandra Hüller spielt Penthesilea, während Jens Harzer die Rolle des Achilles übernommen hat. Trotz mancher Einwände ist es eine außerordentliche und fesselnde Produktion, meint Elvira M. Gross.

Kleists »Penthesilea« als Pas de deux

Love is not a game, but I’m winning

In einem beinah nackten Bühnenraum beinah nackte Körper, rein aus Hell und Dunkel, most of you was naked, but some of you was light (Leonard Cohen), es ist eine beinah getanzte Version des Kleist’schen Dramas, die Johan Simons in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum am Landestheater in Salzburg neuinszeniert hat. Penthesilea (Sandra Hüller) und Achill (Jens Harzer) am Schlachtfeld der Liebe, das hier abstrakt bleibt, ins Körpersprachliche übersetzt, doch ohne ein sichtbares Außen, auch ohne Wundmal. Sie allein, die beiden Schauspieler Hüller und Harzer, Helden, tragen das Geschehen, die Geschichte, den Krieg als Zusammenprall der Geschlechter: Keine Heerscharen, weder der Amazonen noch der Griechen, nur Frau-Mann, Mann-Frau, tragen die Sprache der Liebe, zugleich Sprache der Gewalt, der Macht und Unterwerfung, der Extreme: Die Liebe, sie kennt kein Maß.

Doch ist, was hier zu sehen, mehr als bloße Beschwörung, als ein ästhetischer Entwurf?

Wer bist du?, stellt Achill mehrmals die Leitfrage und Leibfrage, noch erkennt er sie nicht, die unergründliche Königin der Amazonen, die sich am Ende selbst nicht wiedererkennt: Dass sie es ist, die in äußerster Rage sich den Geliebt-Gehassten einverleibt, zerstückelt, zerrissen hat, will sie nicht wahrhaben.
Zu einem letzten Kampf „auf Tod und Leben“ hatte er sie ins Feld gerufen, Achill, nachdem sie sich zuvor bereits als Siegreiche im Feld gewähnt, getäuscht hatte er sie, um sich nun endlich ihr in Liebe zu unterwerfen. In blinder Liebe.
Eine Amazone aber darf nur lieben, den sie auch besiegt – so will es das Gesetz. Aussichtslos war ihr der Erfolg erschienen, aussichtslos die Erfüllung des ihr von der Mutter Otrere verkündeten Schicksals.
So ist es nicht das „Rosenfest“, das sie ihm ausrichtet: In Anrufung aller Götter und Bestien bereitet Penthesilea Achill ein blutrauschendes Fest des Grauens, der maßlosen Rache, die auch ihr eigenes Schicksal besiegelt: Ihre Vermählung beschließt der Tod, sie sind „zwei Sterne, die aufeinander einschmettern“, zu nichts werden, eins werden?

Das Kleist’sche Trauerspiel auf zwei Hauptdarsteller zusammenzgezogen: „Penthesilea“, Foto: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Der Gedanke, das Kleist’sche Trauerspiel auf die zwei Hauptdarsteller zusammenzuziehen, zu (kon)zentrieren, verheißt eine unerhörte Intensität – die sich einstellen will, im nächsten Augenblick aber wieder aufhebt. Zu eingespielt sind die beiden Darsteller, die bereits mit Simons gearbeitet haben, von der ersten Begegnung an. Andererseits scheint ihr (Geschlechter-)Rollenspiel wie auf unterschiedliche Raum-Zeit-Bühnen ausgerichtet, die im jeweils anderen kein Echo finden – so sehr sie sich einander anzunähern suchen. Auch die Tonalitäten wollen nicht recht zusammengehen. Die Gesten, so ästhetisch sie scheinen, wirken hilflos, Bisse bleiben Bisse.
Trotz körperlicher Gespanntheit fehlt die Spannung zwischen den Liebenden, die eine gewisse Fremdheit voraussetzt. Es ist, als deklamiere jede/r in erster Linie sich selbst. Während Sandra Hüller der Amazonenkönigin eine betonte Lässigkeit gibt, die manchmal etwas überspannt Gehetztes hat, lässt Jens Harzer den Peliden Achill besonders altväterlich wirken, als läge jede Heldenhaftigkeit uneinholbar weit zurück.

In der Textfassung von Vasco Boenisch blicken die Helden auf ihre eigene Geschichte zurück, die sie gleichzeitig erleben – was nur bedingt funktioniert. Es entsteht eine Gespaltenheit, die durch Erzählen Identität behauptet, eine Wissenheit, die nicht sein kann, bruchstückhaft hergeleitet. Dass gerade nicht en detail referiert werden kann, wovon man in höchster Emotionalität betroffen ist, ist ein blinder Fleck der Inszenierung. 
Will man Textänderungen einsehen, die hier doch bedeutsam sind, so findet man im Programmheft dazu bedauerlicherweise nichts.

Trotz mancher Einwände ist die Produktion eine außerordentliche, in vieler Hinsicht fesselnde. Es braucht Mut, das von Kleist angelegte überwältigende Scheitern des Subjekts angesichts der Liebe und gesellschaftlichen Bedingtheit als archaisch-modernes Beziehungsdrama anzulegen. Das Scheitern reicht in unsere Zeit hinein und bleibt doch ein Rätsel – wie der Graben bleibt zwischen den Schlächtern und Geschlechtern.

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erstellt am 09.8.2018

Jens Harzer als Achilles und Sandra Hüller als Penthesilea, Foto: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele 2018

Penthesilea

Ein Trauerspiel von Heinrich von Kleist (1808)
In einer Textfassung von Vasco Boenisch

Sandra Hüller, Penthesilea; Jens Harzer, Achilles

Regie: Johan Simons, Dramaturgie: Vasco Boenisch, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Nina von Mechow, Licht: Bernd Felder

Salzburger Landestheater