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Das Schauspiel Frankfurt startete unlängst das auf drei Spielzeiten angelegte Projekt „Stimmen einer Stadt“. Jeweils drei Autoren bekommen den Auftrag, nach ausführlichen Gesprächen mit einem Einwohner Frankfurts ein Monodrama für je einen Schauspieler zu schreiben. Walter H. Krämer blickt auf den ersten Teil des Projekts zurück.

Theater

Ein vielstimmiger Chor

Mit Beginn der Spielzeit 2017/18 startete das Schauspiel Frankfurt auf Initiative von Chefdramaturgin Marion Tiedtke und in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus ein auf drei Spielzeiten angelegtes Projekt unter dem Titel „Stimmen einer Stadt“. Jeweils drei Autor*innen pro Spielzeit bekommen den Auftrag, nach ausführlichen Gesprächen mit einer Person der Stadt, ein Monodrama für je eine(n) Schauspieler*in zu schreiben. Es sind dabei wesentlich Autor*innen gefragt, die bisher noch nicht für das Theater geschrieben haben und damit auch an das Schreiben von Theatertexten herangeführt werden sollen. Jeweils eine® der drei Autor*innen wird dabei aus Frankfurt kommen. Nach drei Spielzeiten ergibt sich dann ein Kaleidoskop von neun verschiedenen Leben in der Stadt Frankfurt am Main.

Die ersten drei Monodramen sind geschrieben und waren bereits zu hören. Im einheitlichen Bühnenbild von Philip Bussmann hat sie Anselm Weber, Intendant von Schauspiel Frankfurt, mit je einem Schauspieler / einer Schauspielerin in Szene gesetzt. Der Frankfurter Autor der ersten Folge ist der Georg-Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino, der unter dem Titel „Im Dickicht der Einzelheiten“ sich selbst als Flaneur beschrieb: „Unsere Lebensgier –man kann auch sagen: das Dynamit unserer Subjektivität – macht aus jedem Einzelnen eine unverwechselbare Person, ein Ich. Steckt in diesem ein Autor, dann versucht dieser Autor, aus seiner Welterfahrung eine Kunsterfahrung zumachen“.

„Stimmen einer Stadt“: „Im Dickicht der Einzelheiten“ von Wilhelm Genazino, Foto: Felix Grünschloß

Mit seiner Methode des „gedehnten Blicks“ beschreibt Genazino Situationen und Personen, die ihm bei seinen Streifzügen durch die Stadt begegnen. Ergänzt werden diese Beobachtungen durch Kindheitserinnerungen und Reflexionen über Begriffe wie Heimat – „Es dauert oft ein halbes Leben, bis wir eines Tages merken, dass wir dort, wo wir nicht mehr loskommen, Wurzeln geschlagen haben, die wir dann Heimat nennen“ – und Nachbarschaft. Matthias Redlhammer eröffnete den stimmlichen Reigen mit „Im Dickicht der Einzelheiten“ und macht sich zu Beginn mit einem Trommelwirbel bemerkbar. Da das Monodrama mosaikartig zusammengesetzt ist, macht es Sinn, die einzelnen Teile immer wieder durch einen Lichtwechsel / Black zu unterbrechen. Der sehr poetische und gleichzeitig musikalische Text, in den sich ein Swing, gespielt auf der Mundharmonika, gut einfügen lässt, hallt lange nach und bleibt in Erinnerung.

Zwischendurch sind immer wieder Geräusche der Stadt – Straßenlärm, Durchsagen am Hauptbahnhof, Stimmengewirr, Tierlaute aus dem Zoo – zu hören. Der Bühnenraum, der sich zentralperspektivisch nach hinten verengt und niedriger wird endet in einem schwarzen Viereck. Im Verlauf der Inszenierung sieht man hier immer wieder Videoeinspielungen. Anfangs noch rätselhaft und kaum zu identifizieren, erkennt man am Ende von „Im Dickicht der Einzelheiten“ ein Nashorn.

Achterbahn der Gefühle

Die zweite Stimme, geschrieben von Olga Grjasnowa, gehört der Mitarbeiterin einer Fluggesellschaft. Der Titel „Absturz“ weist schon darauf hin, worum es geht. Aufgefordert, Angehörige von Passagieren einer abgestürzten Maschine zu informieren und längerfristig zu betreuen, wirkt die Flugbegleiterin zunehmend überfordert und gerät an Grenzen. Zumal sie lange Zeit die Geliebte des Piloten war, der bei dem Absturz ebenfalls ums Leben kam. Mit dem hätte sie gern das Kind gehabt, das jetzt seine Ehefrau mit zu den Gesprächen bringt. Gerade die Begegnung mit der Frau ihres ehemaligen Geliebten weckt schmerzvolle Erinnerungen an ihre eigenen Sehnsüchte und ihren Verlust. So vermischen sich berufliches und privates zu einer Achterbahn der Gefühle. Umgeben von Aktenordnern – für jedes Opfer ein Ordner! – verstrickt sie sich immer mehr auch in ihre eigene Geschichte. Private Gegenstände aus einer Umzugskiste legt sie ordentlich nebeneinander und eine zunächst eingerollte Matratze dient ihr als Schlafmöglichkeit. Zeichen dafür, dass ihr Leben aus den Fugen geraten ist und sie eine äußere Ordnung braucht.

„Stimmen einer Stadt“: „Absturz“ von Olga Grjasnowa, Foto: Felix Grünschloß

Das Spiel von Friederike Becht geht unter die Haut. Man spürt ihre Zerrissenheit, ihren Schmerz und letztlich auch die Überforderung, mit all diesen Menschen und deren Schicksal und der ihr gestellten Aufgabe zu Recht zu kommen: „Und plötzlich höre ich auf zu funktionieren. Ein halbes Jahr nach dem Unglück gehe ich nicht zur Arbeit, bleibe liegen und auch am Morgen danach. Ich habe keine Kraft mehr, bin müde und matt. Ich weine. Ich stehe nicht auf. Mein Arzt schreibt mich krank.“ Die letzte Videoeinspielung zeigt sie groß auf dem Bühnenvorhang – unterwegs im fahrenden Zug oder Auto. Auf der Flucht vor der Verantwortung oder auf dem Weg zu neuen Aufgaben. Ein Text, der bewegt, weil einen die Geschichte in Bann zieht und man Anteil nimmt am Schicksal der Figuren. Eine psychologisch anmutende Studie mit einem Hang zur Trivialität.

Vom Habenichts zum Spekulanten

„Ein Hund namens Dollar“, von der Autorin Teresa Präauer geschrieben, ist die letzte Stimme an diesem dreiteiligen Abend. Vorgetragen von Felix Rech, setzt sie einen trashigen Schlussakkord, bei dem das Besteigen des Eurozeichens mit Hund Dollar und einem hilfsbereiten Banker den inhaltlichen Rahmen vorgibt. Als Vorbild und Gesprächspartner stand ein erfolgreicher Immobilienmakler zur Verfügung. Der dabei entstandene Text setzt auf Satire und Comedy und stellt das Eurozeichen vor der ehemaligen EZB in den Mittelpunkt. Dollar will es unbedingt erklimmen. Davor aber pinkelt er noch an dessen Standbein. Der Makler hat es ganz nach oben geschafft: „Vom Habenichts, vom Pleitekaufmann, vom Sozialhilfeempfänger – zum Geschäftemacher, zum Seiltänzer, zum Glücksritter! Zum Tagträumer, zum Sammler, zum Protzer. Zum Hochstapler, zum Dressman, zum Spekulanten! Einer von den oberen Zehntausend sein!“

Felix Rech bringt das glaubwürdig über die Rampe. Einen Hauch von Western- und Saloon-Atmosphäre umgibt die Szene, und Felix Rech spielt die Figur als Raubein. Trotz des immensen Reichtums, den er mittlerweile angehäuft hat, ahnt er, dass der ganze Luxus, den er sich mittlerweile leisten kann, seinem Leben nicht den Sinn gibt, „aber doch die Süße. Die Süße einer unbeschwerten Existenz!“ Im Text von Teresa Präauer wird Frankfurt als Ort am deutlichsten erkennbar. Denn wer kennt es nicht: das Eurozeichen zu Füßen der ehemaligen EZB.

Ein gelungener Auftakt der Reihe also. Den Schauspieler*innen gebührt dabei allerhöchster Respekt für die Gestaltung dieser Monodramen. Ist es doch einer der größten Herausforderungen in ihrem Beruf, einen Text alleine, ohne ein Gegenüber in Szene zu setzen. Am Ende, wenn alle neun Monodramen geschrieben und auf der Bühne zu sehen sind, wird ein vielstimmiger Chor Frankfurter Stimmen entstanden sein. Auch eine Möglichkeit, sich mit der Stadt, ihren Menschen und deren Themen auseinanderzusetzen.

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erstellt am 03.8.2018

„Stimmen einer Stadt“: „Ein Hund namens Dollar“ von Teresa Präauer, Foto: Felix Grünschloß

Theater

Stimmen einer Stadt

Spielzeit 2017/18

Vorschau: Spielzeit 2018/19