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Im Mittelpunkt von Ralf Rothmanns neuem Roman „Der Gott jenes Sommers“ steht ein zwölfjähriges Mädchen, das Anfang 1945 mit ihrer Mutter und der älteren Schwester aus Kiel aufs Land fliehen muss. Rothmann beschreibt einen Mikrokosmos des Schreckens. Otto A. Böhmer hat den Roman gelesen.

Buchkritik

Kein Mond über den Feldern

Der Schriftsteller Ralf Rothmann (Jg. 1953), der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und in Berlin lebt, wurde von manchen Kritikern als junger Wilder geführt, ehe er dann, wie die meisten von uns, in die Jahre kam, in denen man so wild nicht mehr ist, was aber auch für die Kritiker gilt, die ihn seinerzeit von ihrem maßstabgetreuen Literaturbetrieb aus beäugten. Rothmann, an den zwischenzeitlich manch wohlverdiente Ehrung ging, galt zudem als eine Art poetischer Selfmademan, der sich die Beschreibungskünste der Literatur, die heute, behauptet man gern, weniger gepflegt werden als früher, selbst erarbeitet hat und sie von Buch zu Buch verfeinerte. Dabei war er in keiner Weise bildungsbeflissen oder bestrebt, mit formalen Mätzchen zu punkten. Im Gegenteil: Rothmanns Romane tauchten ein ins sogenannte pralle Leben, machten sich aber die Mühe, genauer hinzusehen und der Sprache mehr abzuverlangen als üblich. Zudem waren sie spannend; sie kreisten nicht in sich selbst, berauschten sich nicht an raffiniert anmutenden Sprachspielchen, sondern erzählten fast immer eine mitreissende Geschichte. Am besten läßt sich das vielleicht in Rothmanns Roman „Feuer brennt nicht“ (2009) überprüfen, in dem es (u.a.) um eine mal leidenschaftliche, mal anrührende Liebe in der Hauptstadt Berlin geht, die noch immer mehr Ost-West-Gegensätze aufweist, als sie wahrhaben will. Rothmann ist detailfreudig, aber nicht geschwätzig; wer Abstand hält zu überdimensionierten Entwürfen, darf sich dem Beiläufigen widmen, das, fast schon am Rande der Zeitlosigkeit, schön anmutet und wiederaufrufbar bleibt: „Schräg fielen die ersten Strahlen der Sonne zwischen die hohen Bäume – diesige, sanft sich bewegende Lichtbahnen, in denen die Spinnfäden an den Farnen deutlicher wurden. Manche der schon braunen Stauden waren gänzlich überwebt; die feinen Netze, aus denen Insektenflügel ragten, blähten sich und sanken wieder zusammen in einem Hauch von Wind. Irgendwo gurrten Waldtauben, und der makellose Morgenhimmel spiegelte sich im Wasser und ließ ahnen, daß es auch an diesem Tag nicht kühler werden würde, im Gegenteil. Trotz der Frühe roch man bereits das Harz der Nadelbäume, ein warmer Duft, und an manchen Stämmen funkelten die gerade herausgetretenen Tropfen noch völlig klar, wie Kristall.“

Neun Jahre und ein paar Bücher später, von denen „Im Frühling sterben“ (2015) besonders erfolgreich war und in 25 Sprachen übersetzt wurde, wahrlich keine Selbstverständlichkeit für einen deutschsprachigen Autor, ist Rothmanns neuer Roman „Der Gott jenes Sommers“ erschienen, den man, auch als eingeschriebener Rothmann-Verehrer, für eher missglückt halten darf. Schon im Titel klingt an, dass der Autor nicht mehr allein ist: Gott kommt ins Spiel, der indes, egal wo er mitspielt, zum Spielverderber wird, wenn man ihm, den man am besten in seiner Unnahbarkeit belässt, ein Mitspracherecht einräumt, das er gar nicht bedienen will. Die Hauptperson des Buches ist jung, sogar sehr jung: Luisa Norff ist zwölf; mit ihrer Familie, zu der Vater und Mutter sowie eine vergleichsweise leichtlebige Schwester gehören, hat man sie Anfang 1945 auf einem Gutshof in der Nähe von Kiel untergebracht. Der Krieg ist vorbei, aber doch nicht so ganz: „Kein Mond über den Feldern, nur vereinzelt Sterne, und doch konnte man die Chausseebäume erkennen, ihr schwarzes Geäst, und im Osten ein Lodern hinter einem Schleier, von dem sich nicht sagen ließ, ob es Nebel war oder Rauch. Jedenfalls brannte dort hinten Kiel.“ Luisa, ein kluges, wie aus der Zeit gefallenes Mädchen, bezieht ihren persönlichen Unterstand in der Welt der Bücher; sie liest, was greifbar ist, auch und gerade Werke der Weltliteratur, die mit dazu beitragen, dass sie keine Gelegenheit mehr bekommt, Kind zu sein. Sie will es auch gar nicht; was, bitte, sollte denn da noch kommen. Rothmann beschreibt einen Mikrokosmos des Schreckens, der sich, knapp abseits der Trümmerwelt, zu der das ehemals Große und Ganze zerfallen ist, allenfalls episodisch erschließt, was auch damit zu tun hat, dass der Autor, in anderen Zeiten einsitzend und mit Deutungshoheit versehen, mehr weiß als sein Personal, so dass er sich einmischen kann, selbst wenn das gar nicht nottut. Hinzu kommt, dass sich Rothmann einen Kunstgriff gönnt, auf den er besser verzichtet hätte: Er beschäftigt, warum auch immer, einen zweiten Erzähler namens Bredelin Marxheim, Chronist im Dreißigjährigen Krieg, der von den damaligen Gräueln in altertümelnder, der Historie entlehnten, letztlich aber dann doch nur privat erdachter Rede berichtet, die weitgehend unergiebig ist, manchmal sogar nervt und die Gefahr birgt, dass man schon mal, unfreiwillig, ins Parodistische abrutschen kann: „Der Müller, dem ein Keulenhieb das Licht nahm, verzuckte vor seinem Weibe, ihre Kinder warf man in den Brand. Die Fremden machten tüchtig Blut, es dampfte im frostigen Grase, und in der Angst, in den Fesseln, starb sich mancher voraus. (…) Ein anderer Mann, so gewaltig wie ein Ochs, ergriff“ die „Tochter, die eine heilige Schwester und aus Husum gekommen, zu weihen die neue Kapelle am See. Er band sie fest auf dem Altar und tat ihr unter dem Kreuz gegen alle Gelübde, worauf der Zarten die Sinne schwanden. Für tot wurde sie befunden, doch lebte sie und kehrte zurück in den Stift, des Gesangs fürderhin nicht mehr fähig.“

Am Ende lässt sich dem „Gott jenes Sommers“ aber wohl doch noch ein wenig Hoffnung ablauschen, von der Luisa, die gefragt wird, was sie „denn noch erleben möchte“, allerdings nichts mehr wissen will. Für sie ist die Zeit zu einem Muster ohne Wert geworden: „Unter der blassen Haut an ihrem Handgelenk pulsierte eine Ader, der Rauch schwebte über ihnen in der stillen Sommerluft, der Hund gähnte. Wie gestrichelt von den zarten Birken am Ufer schoben Soldaten eine Karre voller Knochen zum Tor, wo ein Lastwagen stand. Wassergrau glänzte der Dachschiefer der Kapelle in der Sonne, im Joch hing eine neue Glocke, der Klöppel in Papier verpackt. 'Ich hab alles erlebt', antwortete Luisa.“

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erstellt am 03.8.2018

Ralf Rothmann
Der Gott jenes Sommers
Roman
Leinen, 254 Seiten
ISBN: 978-3-518-42793-4
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018

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