Unabhängigkeit und Werbefreiheit, Nachhaltigkeit und Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Rolf Tiedemann hat die Schriften, Nachlässe und Briefwechsel von Walter Benjamin und Theodor W. Adorno erschlossen und herausgegeben. Nun ist er im Alter von 85 Jahren gestorben. Volker Breidecker erinnert an das Werk des Philologen, Philosophen und Herausgebers.

Zum Tod von Rolf Tiedemann

Aus Persilkartons gezaubert

Schlecht wäre es um den Intellekt in diesem Land bestellt, arm und ausgezehrt stünden die Geisteswissenschaften da, wenig zu bestellen hätte auch der übrige Kulturbetrieb – ohne das Lebenswerk eines beinahe Unsichtbaren: Seine „Autobibliographie“ und die Urkunde, mit der die Universität Hannover Rolf Tiedemann im Jahr 2004 die Ehrendoktorwürde verlieh – die einzige Ehrung, die diesem letzten großen Vertreter des nicht verbeamteten Gelehrtenstandes jemals zuteil wurde –, beglaubigen die Sache, der jener sich seit seinen Studienjahren verschrieben hat: „Dr. Tiedemann“, heißt es, „hat die Schriften, Nachlässe und Briefwechsel zweier der bedeutendsten Theoretiker der Moderne, Walter Benjamins und Theodor W. Adornos, erschlossen und herausgegeben. Damit hat er – teilweise zum allerersten Mal – Texte lesbar gemacht, die die öffentliche Diskussion der deutschen Nachkriegsgesellschaft maßgeblich geprägt haben.“

Und nicht nur der deutschen Diskussion – gemessen an der weltweiten Verbreitung der Werke Benjamins und Adornos in Übersetzungen und an dem Ruf unverfälschten, auch nicht von der Geschichte korrumpierten Denkens, der beiden Theoretikern nachgeht. Wenn auch nicht immer zur Freude des kommentierenden Editors, eines kühlen Hanseaten, der 1965 als Dissertation an derselben Fakultät, die Walter Benjamins Habilitationsgesuch einst brüsk abgelehnt hatte, die erste und noch heute verbindliche Monographie über Benjamins Denken vorlegt und den Mut besessen hatte, Benjamins erkenntniskritische Abrechnung mit den akademischen Mandarinen da wiederaufzunehmen, wo sie vormals abgerissen war. Kein Wunder, dass Tiedemann für das wissenschaftsindustrielle und verpoppte „Benjamin-Business“ nur Hohn und Ablehnung übrig hatte, wie er auch niemals müde wurde, die Austreibung des Adornoschen Denkens – und eines Denkstils, der sich an den Phänomenen zumal sprachlich abzuarbeiten hatte – aus der nachgewachsenen „zweiten“ Frankfurter Schule anzufechten.

Begonnen hatte alles mit zwei Persilkartons in Gretel Adornos Büro. Sie enthielten die auf abenteuerlichen Wegen überlieferte Hinterlassenschaft Walter Benjamins, und Tiedemann sollte das Chaos darin ordnen. Als einziger unter Adornos Lieblingsschülern verband er nämlich die Philosophie mit der Philologie aus strengster Schule – der große Altphilologe Rudolf Snell war sein Lehrer. Als bei Adornos Tod 1969 bestellter Hüter beider Nachlässe, die unter seiner Leitung seit 1985 im Frankfurter „Theodor W. Adorno Archiv“ verwahrt wurden, agierte Tiedemann als strenger Wächter. Da er überdies ein begnadeter Polemiker und ein Stilist von umfassender klassischer Bildung ist, machte er sich im verbeamteten akademischen Betrieb wenig Freunde. Und wenn es sein musste, dann gab er auch seinem Verleger Siegfried Unseld Paroli: Mit ihm rechnete er 1989 durch eine Streitschrift und daneben auch vor Gericht ab, indem er ihm den eigenen Wahlspruch, wonach ein Verlagshaus „durch die Art seines Umgangs mit den Autoren“ definiert werde, um die Ohren haute.

Die grauen Eminenzen, darunter solche, die er selbst heranzogen hatte, haben Tiedemann auch nichts verziehen. Am Ende – nachdem man ihn aus seiner langjährigen Wirkungsstätte hinausgedrängt hatte – rächten sie sich mit jener Strafe, die der Wissenschaftsbetrieb für in Ungnade Gefallene kennt, der „damnatio memoriae“. Nicht nur soll die neueste Gesamtausgabe der Schriften Walter Benjamins die längst nicht veraltete, zwischen 1968 und 1989 entstandene Kritische Edition ersetzen, ihr Schöpfer und Spiritus rector wird darin bloß noch ob strittiger Setzungen von Kommata abgefertigt. Nun ist Rolf Tiedemann, der zwar mit dem kritischen Edieren, nicht aber mit dem Schreiben und Polemisieren aufgehört hatte, im Alter von 85 Jahren gestorben.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 31.7.2018

Buchempfehlungen

Rolf Tiedemann
Adorno und Benjamin noch einmal
Erinnerungen, Begleitworte, Polemiken
Gebunden, 395 Seiten
ISBN: 9783869161419
edition text + kritik, 2011

Buch bestellen

Rolf Tiedemann
Niemandsland
Studien mit und über Theodor W. Adorno
Gebunden, 306 Seiten
ISBN: 9783883778723
edition text + kritik, 2007

Buch bestellen