Auf einer Musikgala in Würzburg präsentieren der Songschreiber Markus Rill und seine Gäste, wie der Rock’n’Roll-Urknall aus dem Gemisch von Blues und Country entstand, wie die Folkies und die Hippies gegen Vietnam protestierten und welche Lieder die Bürgerrechtsbewegung begleiteten. Faust-Kultur dokumentiert den lyrischen Essay von Martin Wimmer, der die Sozialgeschichte der US-Musik durchstreift.

»Stars, Stripes & Songs«

Hey-ya!

Hey-ya! Hey-ya!
Ich bin ein Indianer. Ich bin ein Sklave. Ich bin ein Farmer. Ich bin ein Soldat.
Ich bin ein Büroangestellter. Ich bin ein Astronaut. Ich bin ein Computer.
Ich bin ein Amerikaner.
Mein Amerika ist auf Musik gebaut, auf Rhythmen, auf Melodien.
Ich bin ein Song.

Um uns war Musik.
Unsere Gesichter bemalt, in ledernen Mokassins,
lauschten wir den Liedern der Rattlesnake,
den Liedern des Wasserfalls, den Liedern der Sterne.
Wir saßen zusammen um das Lagerfeuer
und einer holte die Trommel raus und,
Hey-ya! Hey-ya!, sangen wir,
wir schenkten dem Bison eine Hymne,
wir besänftigten den Braunbären mit einem Schlaflied
und wenn die Wölfe aufheulten,
trieben wir sie mit einem Kriegstanz zurück in den Wald.
Die Grashalme der Prairie wiegten sich hypnotisiert im Takt unserer Muschelketten.
Um uns war Geist, um uns war Musik.
Dieses Land war unser Land.

Ich kam mit dem Schiff aus Angola an,
die Überfahrt von Luanda nach New Orleans dauerte 45 Tage.
Fremde aus dem Senegal, dem Kongo, der Bucht von Benin, zusammengeschweißt durch unsere Hautfarbe
im stickigen Dunkel eines Schiffsbauchs.
Wir hatten ein paar Brocken Portugiesisch aufgeschnappt,
über die wir uns verständigen konnten.
Aneinander gekettet, in gerade mal einen Meter fünfzig hohe Zwischendecks, ohne Luft, ohne Licht, ohne frisches Wasser.
Die Wellen klatschen gegen den Bug,
auf und ab, ein Morgen wie der andere,
und wir erinnern uns
an das einsame Brüllen der Löwen in der sengenden Hitze der Savanne
und die trägen Seufzer der schlurfenden Kamele in der Wüste.
Schritt für Schritt, Hunger und Durst,
Fressen und Gefressenwerden, das große Sterben.
Wir nennen es den Blues, aber wo wir hingehen,
im Paradies, im Dixieland, da werden junge Frauen sein,
und wir werden mit ihnen Jazz tanzen, und Soul, und Funk, und HipHop.

Ich bin ein Ire. Rote Haare, gute Laune, ihr wisst schon.
In New York schnapp ich mir eine kleine Italienerin,
wir heiraten in einer katholischen Kirche,
und dann machen wir uns auf nach Westen,
mit der Railroad über den Mississippi rüber zur Baumwolle,
mit einem langen Planwagen-Treck
über die Great Plains rauf zu den Fichtenwäldern,
mit einem ersten Ford über die Rocky Mountains runter zum Gold.
Wir starten am Broadway und enden in Hollywood.
Ich fiddle Trinklieder aus Dublin,
sie klimpert von Amore, Operettenschlager aus Milano.
Noch ein Fass Öl, noch ein Fass Whiskey, und ich kann tanzen wie Fred Astaire.
Go west, young man, go west!

Ich war ein G.I.
Chuck Berry heißt jetzt Johnny Cash,
Big Mama Thornton heißt jetzt Marylin Monroe.
James Dean, Marlon Brando und Humphrey Bogart gründen eine Band
und stehen in Nashville auf der Bühne, in Memphis, Honolulu, Las Vegas.
Und die Mischung aus ihnen allen heißt ELVIS.
Ich gehe jeden Morgen um Neun ins Büro, am Abend schauen wir Fernsehen,
Bumburum Burumburum Bonanza
und Lassie, und Flipper, Flipper, wir lieben Flipper, Flipper.
Das Kino wird farbig, in unserer Vorstadt Tupperware und Eisdielen.
Musik aus Autoradios, Musik in Fahrstühlen, Musik in Supermärkten.
Ich bin eine Flasche Coca-Cola, eine Marlboro, ein 57er Chevy.
Ich erobere die Welt, Europa, Asien, den Mond,
ich bin der unbeschwerte Pop des Aufbruchs,
ich bin die heile Welt des Rock'n'Roll.

Schneller jetzt, immer schneller, Daddy, Daddy,
Tim und ich ziehen um, Tim und ich sind ein Paar, er ist schwarz und schwul, damit musst du jetzt leben, wir gehen nach San Francisco,
vergiss deine Orden vom 2. Weltkrieg,
wir gehen nicht nach Vietnam,
ich hasse den Sound von Hubschraubern,
den Beat der Maschinengewehrsalven,
das psychedelische Gelb des Napalm.
Ich dröhne mich mit LSD zu,
bis ich nur noch das Blut in meinen Ohren rauschen höre.
Daddy, du hast Kennedy erschossen, und Martin Luther King,
Daddy, du hast Amerika erschossen,
hörst du deine Nationalhymne, sie weht von Woodstock herüber,
zerrissen und zerbombt wie deine Stars und Stripes,
wir schlafen in einem Zelt, wir schlafen in einer Kommune,
wir halten uns an den Händen,
mit Blumen in den Haaren und Kräutern in den Zigaretten und
träumen zum Klang einer akustischen Gitarre vom Frieden und der Liebe.

Hinterm Bahnhof ist New York schwarz,
ein samtiger Untergrund hüllt uns ein,
da sind Pferde, Pferde, sprechende Köpfe.
Einige Tropfen gelbes Blut quellen aus dem Unterarm,
das Heroin war mit HIV gestreckt, ich sterbe, aber wir werden alle sterben,
und ich hatte wenigstens No Fun.
Ich zerreiße Plastik, ich knirsche Leder, ich peitsche Ketten,
ich klappere Spritzen, wir können aus allem Musik machen.
Die U-Bahn rattert, Sirenengeheul,
ein Eimer kracht scheppernd eine Feuerleiter herunter,
eine Yuppie-Dogge bellt.
Wir programmieren vegane Techno-Beats,
wir sampeln Yoga-Files aus Rio, Tokio, Soweto.
Ich spiele Graffitis auf meinem Globalisierungs-Synthesizer nach,
ich jage die Schreie der Verrücktgewordenen
durch den Gentrifizierungs-Vocoder,
der sengend heiße Asphalt wirft Blasen,
sie zerplatzen zu öligem Drum and Bass,
und über die kleinen Regenbögen fliegt ein Hüttensänger.

Ich öffne den Mund und spreche, aber es ist kein Laut zu hören.
Nur wo Luft die Schallwellen auf ihren Armen trägt, gibt es Musik.
Wo ich jetzt bin, ist alles ruhig. Die Sterne, eine gewaltige Stille.
Ich sitze auf einer Felsklippe im Mare Tranquillitatis.
Hier im Meer der Ruhe landete Apollo 11,
setzte der erste Mensch den Fuß auf den Mond.
Ich schaue in den Himmel und spitze die Ohren.
Und ganz sacht, ganz leise beginnt der Äther zu schwingen,
die Erde geht auf,
und von weit hinten am Horizont tanzt er im Entengang auf mich zu,
der amerikanische Traum.
Johnny, flüstert er, Johnny B. Goode,
you never ever learned to read or write so well,
but you could play a guitar just like a-ringin' a bell.

Hey-ya! Hey-ya!
Ich arbeite
in einem Truck, in einem McDonald's, an der Wall Street, im Silicon Valley.
Ich bin ein Sklave. Ich bin ein Indianer.
Mein Amerika ist auf Musik gebaut, auf Rhythmen, auf Melodien.
Ich bin ein Song.
Ich bin ein Amerikaner.

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erstellt am 29.7.2018

Musikgala

Mit Markus Rill, Dr. Roland Flade und Martin Wimmer

3. August 2018, 20 Uhr

Landesgartenschau, Würzburg

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