W.G. Sebald ist ein Ausnahmeautor, auch weil er zeitlebens streitbarer Auslandsgermanist war und spät erst zum gefeierten Schriftsteller wurde. Die deutsche Germanistik hat ihn erst lange mit Misstrauen beäugt. Nun hat sie ihn in einem Handbuch verzerrend monumentalisiert, meint Sebalds Doktorand Uwe Schütte.

W. G. Sebald

Zähmung eines Widerspenstigen

Vorrede

Im Herbst 2016 erschien im Verlag C.H. Beck der aktualisierte zweite Band der „Geschichte der deutschen Literatur“ des dänischen Literaturwissenschaftlers Bengt Algot Sørensen. Wer Germanistik studiert hat, dürfte diese Gesamtdarstellung – eigentlich ein Kollektivprojekt der skandinavischen Auslandsgermanistik – als kompakten Überblick zur deutschen Literatur kennen. Und wissen, dass sie manchen Literaturgeschichten aus der Feder deutscher Professoren überlegen ist.

Das Cover zeigt vier Schriftstellerportraits, mit denen offenkundig vier paradigmatische Repräsentanten der deutschen Literatur „Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“, wie der Untertitel lautet, zu identifizieren sind. An erster Stelle steht, naturgemäß, Thomas Mann; ihm als nächstes zur Seite gestellt ist nun nicht etwa Brecht, sondern Ingeborg Bachmann, als deren weibliches Pendant (aus Quotengründen?) Herta Müller folgt.

Komplementiert nun wird das Literarische Quartett mit dem Foto eines Allgäuer Germanisten, der in den 1960er Jahren sein Heimatland als Student verließ, weil er die Nachkriegsgermanistik durch die Verstrickungen in die Naziherrschaft als moralisch kompromittiert betrachtete. Er landete in England, von wo aus er eine Art literaturkritischen Feldzug gegen die deutsche Germanistik führte.

Dies etwa durch kritische Rezensionen von Fachliteratur, eigenen Forschungsarbeiten zur unterrepräsentierten Literatur von deutsch-jüdischen Autoren, aber auch in Form empathischer Essays zu ignorierten Randfiguren, wie beispielsweise den schizophrenen Dichter Ernst Herbeck. Seine lebenslange Spezialität jedoch waren die Polemiken gegen (zeitweilige) heilige Kühe der Germanistik, also von deutsch-jüdischen Schriftstellern wie Carl Sternheim, Hermann Broch oder Alfred Döblin bis zur Nachkriegsliteratur insgesamt. In seinen furiosen Attacken schoss er nicht selten über das Ziel hinaus, benannte dabei aber neuralgische Punkte, die ansonsten geflissentlich übersehen oder erst gar nicht erkannt wurden.

Zunehmend frustriert von der Imbezillität des gnadenlos neoliberalisierten Hochschulwesens in Großbritannien, begann er gegen Ende der 1980er Jahre selber literarische Bücher zu veröffentlichen. Zugleich wollte er damit ein Gegenwort zur Nachkriegsliteratur einlegen, wollte zeigen, wie man es nach seiner Ansicht besser machen müsste. Seine Prosabände fanden in Deutschland zunächst nur begrenzte Beachtung; vom Insidertipp zum Starautor stieg er erst über die englischen Übersetzungen der Bücher auf. Sie machten ihn während der 1990er Jahre im angloamerikanischen Raum innerhalb kürzester Zeit zum anerkanntesten und gefeiertsten deutschen Gegenwartsschriftsteller.

In Deutschland hingegen erregte er eher Empörung und Ablehnung durch seine 1992 lancierte Generalattacke auf Alfred Andersch; ebenso kam es zu Protest und Widerspruch, nachdem er kurz vor der Jahrtausendwende seine Thesen zu Luftkrieg und Literatur lancierte, in denen er der Nachkriegsliteratur das weitgehende Versagen vorhielt, die Terrorangriffe der Alliierten angemessen ins literarische Gedächtnis eingebracht zu haben. Literarischen Erfolg in Deutschland, und dies nicht gering, hatte er jedoch mit dem im Februar 2001 veröffentlichten Roman „Austerlitz“. Sein vorzeitiger Tod im Dezember 2001, im Alter von nur 57 Jahren, schnitt seinen Lebensfaden brutal ab.

So lässt sie sich vielleicht zusammenfassen, verkürzt aber doch zutreffend: die Karriere des Auslandsgermanisten und zeitweiligen Schriftstellers W.G. Sebald.

Kanonisierung eines Widerspenstigen

Sebald – der laut Beck’scher „Geschichte der deutschen Literatur“ bedeutendste Autor deutscher Sprache im 20. Jahrhundert neben Thomas Mann also? Ein veritabler Ritterschlag jedenfalls seitens der Auslandsgermanistik. Und durchaus verdient, wie ich finde. Freilich wird man zugleich den Verdacht nicht los, dass genau so, wie das Auftauchen von Herta Müller weniger der literarischen Qualität ihrer Schriften als vielmehr der Nobelpreiswürde geschuldet ist, die Wahl Sebalds sich begründet durch den Wunsch der Auslandsgermanisten, einen der „ihren“ zu ehren. (Und vielleicht darf man es sogar als vielsagende Geste in Richtung der „Inlandsgermanistik“ interpretieren?)

Bezeichnenderweise wird Sebald im Band – man beachte die Reihenfolge – als „Literaturwissenschaftler und Schriftsteller“ charakterisiert, wobei allerdings einzuschränken wäre, dass ersterer Begriff nicht recht auf einen Germanisten passt, der Fußnoten fälschte oder bei Bedarf frei erfand, wissenschaftliche Tagungen nur wenig und meist widerwillig besuchte, seine Artikel durchweg in Zeitschriften außerhalb Deutschlands publizierte, Mitgliedschaften in literarischen Vereinen und wissenschaftlichen Gesellschaften boykottierte und den viele solche Verweigerungshaltungen kennzeichneten.

Seine literaturkritischen Schriften, es handelt sich eigentlich durchweg um Essays, sind selten nur von literaturwissenschaftlicher Distanz oder gar Bemühen um Objektivität geprägt; vielmehr zerfallen sie, grob gesagt, in zwei Gruppen: den polemischen Attacken auf kanonisierte Schriftsteller einerseits, und den Vereinnahmungen randständiger Autoren als Geistesverwandten andererseits.

Insofern müsste man Sebald vielmehr als einen Germanisten bezeichnen, der zeitlebens gegen die Literaturwissenschaft operierte. Bereits der erste Satz seiner ersten Veröffentlichung, die im Oktober 1969 publizierte Magisterarbeit über Sternheim, war eine Kampfansage: „Es ist der Zweck der vorliegenden Arbeit, das von der germanistischen Forschung in Zirkulation gebrachte Sternheim-Bild zu revidieren“, so kündigt der frischgebackene Germanist an, um weiter zu erklären, dass „es sich bei dieser Revision vorwiegend um eine Destruktion handelt.“

Diesen non-konformen, querulantischen Widerspruchsgeist hat ihm seine Zunft lange Zeit nicht verziehen. Auch ein späterer Kollege (oder soll man Konkurrent sagen?) wie Günter Grass grummelte noch als Greis darüber, dass Sebald in seiner Doktorarbeit von 1973 dessen „Lehrer“ Döblin angegriffen hatte. Doch die Vereinnahmung des Außenseiters würde nicht ewig auf sich warten lassen, denn sie ist die perfideste Form der Neutralisierung. Eine gütige Germanistik will nun – rund anderthalb Jahrzehnte nach Sebalds Tod – gerne vergessen, um vergeben zu können.

Das will sagen: Die Disziplin muss zwangsweise seine vielen literaturkritischen ‚Verfehlungen‘ – darunter etwa auch die erbitterte Attacke gegen den Holocaust-Überlebenden Jurek Becker – verschweigen, ignorieren oder kleinreden. Nur so vermag sie Sebald ohne Selbstwiderspruch aufgrund solcher Werke wie „Die Ausgewanderten“ oder „Austerlitz“, in denen empathisch das Schicksal jüdischer Verfolgter des Nationalsozialismus nachgezeichnet wird, in den Kanon der offiziellen Literaturgeschichte aufzunehmen.

Einen Meilenstein in der deutschsprachigen Rezeptionsgeschichte markiert vor diesem Hintergrund das unlängst erschienene „W.G. Sebald-Handbuch“, herausgegeben vom Professorengespann Michael Niehaus und Claudia Öhlschläger, die schon 2006 den soliden Sammelband „W.G. Sebald. Politische Archäologie und melancholische Bastelei“ herausgegeben haben. Denn mit einigem Recht darf man die im Metzler-Verlag erscheinende Serie der Handbücher über Leben, Werk und Wirkung bedeutender Dichter und Denker als eine kulturbetriebliche Approbation sehen: Sebald steht nun in einer Reihe etwa mit Homer, Kant, Hölderlin, Büchner, Kafka, Adorno, Foucault und anderen.

Ebenso reflektiert der Nimbus der Paradeserie des mittlerweile von der Springer Nature Group aufgekauften Traditionsverlags natürlich auf die Herausgeber, denn nicht jede/r ist und wird dazu berufen. Eine dankbare Aufgabe ist es ohnehin nicht, denn es gilt die komplexe Aufgabe zu bewältigen, das Handbuch zunächst sinnvoll zu strukturieren, um dann die vielen Dutzende Beiträge einzuwerben und vor allem kompetent inhaltlich zu lektorieren. Mit Fug und Recht wird man im Fall der Metzler-Handbuchreihe erwarten können, dass Experten am Werke sind, deren Sachkunde für die Qualität jedes Bandes bürgt. Weshalb man das so auch im Fall von W.G. Sebald hätte erwarten dürfen. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Das rund 90 Euro teure Handbuch ist aber sein Geld nicht unbedingt wert. Allein schon die billige Herstellung und Verarbeitung durch einen holländischen Print-on-Demand-Service macht den Band ungeeignet, im Gegensatz zu früheren Titeln aus der Reihe, Leser und/oder Forscher als haltbares Vademekum jahrelang bei der Auseinandersetzung mit Sebald zu begleiten. Die minderwertige Klebebindung des Bandes bricht schon ohne große Krafteinwirkung beim ersten Versuch, das Buch flach aufzuschlagen. Bis dann die einzelnen Seiten sich lösen, ist es wohl nur eine Frage der Zeit. Dieses beschämende Sparen am falschen Platz seitens des Verlags erweist sich aber zugleich als ein böses Omen im Hinblick auf die inhaltliche Qualität des Handbuchs.

Allerdings: W.G. Sebald ist ein durchaus komplexer Fall, auch weil sein „Werk“ vordergründig nur aus drei mittleren Prosabänden und einem längeren Roman besteht. Die schwierige Aufgabe eines Gültigkeit beanspruchenden Handbuches wäre es gewesen, zentrale Aspekte wie die kontroverse Bewertung der Autorenpersönlichkeit, das zwischen literaturkritischer Essayistik und Literatur oszillierende Werk und die singuläre Wirkung der Texte von W.G. Sebald angemessen zu reflektieren und in einem wissenschaftlichen Sinne objektiv zu dokumentieren.

Das allerdings kann nur geleistet werden, wenn man sich mit dem ‚ganzen’ Sebald auseinandersetzt. Denn der ‚ganze’ Sebald ergibt sich nicht nur aus der dialektischen Zusammenschau beider organisch miteinander verwobenen Werkteile, sondern ebenso aus dem notwendigen, keineswegs leichten Versuch, den (zumeist) hochgelobten, kanonisierten Schriftsteller Sebald mit den problematischen, inkommensurablen Aspekten seines literarischen wie literaturkritischen Werks zusammenzudenken.

Eine solche Haltung jedenfalls allein würde dem wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden, in Form dieses Handbuchs ein autoritatives Referenzwerk zu all things Sebald zu liefern, wie dies schon seit 2011 in englischer Sprache mit dem von Jo Catling und Richard Hibbitt herausgegebenen „Saturn's Moons: W.G. Sebald – A Handbook“ der Fall ist.

Das Metzler-Handbuch jedoch zeichnet in seiner teilweise problematischen Konzeption ein einseitiges, unvollständiges Bild des Autors und seines Werks, das dadurch festgeschrieben wird. Die Probleme liegen aber noch tiefer, denn es mangelt dem Herausgeberteam offensichtlich auch an tieferer Sachkenntnis und fehlendem Sinn für Genauigkeiten, obgleich doch gerade dies eine vorzügliche Tugend des philologischen Gewerbes sein sollte.

Fehlerquellen

Irren ist menschlich. Und wie jedes akademische Werk ist auch dieses Handbuch nicht frei von Fehlern. Selbstverständlich mindern gelegentliche Tippfehler, eine falsche Sprachverwendung, Wortverdopplungen oder unvollständige Sätze in einem mehrhundertseitigen Werk nicht dessen intellektuellen Wert. Unschön sind sie aber dennoch. Zumal in ihrer Frequenz.

Neben solch überflüssigen Tippfehlern wie „Seblald“ verwundern insbesondere jene Fehlschreibungen, die sich aus einer offenkundiger Sorglosigkeit gegenüber Fremdsprachen ergeben: Beispielsweise, wenn die von Sebald in seinem Erzählband „Schwindel. Gefühle.“ in korrektem Italienisch wiedergegebene Reklameaufschrift „PROSSIMA COINCIDENZA“ in beiden Wörtern falsch als „Promissa Coinzindenza“ zitiert wird. Auch bei der Schreibweise ausländischer Namen herrscht Schlampigkeit; so taucht Richard Hibbitt – immerhin der Mitherausgeber des englischen Sebald-Handbuchs – neben korrekter Schreibweise mehrfach fälschlich sowohl als „Hibitt“ oder „Hibbit“ auf.

Doch es bleibt nicht bei solchen Schludereien. Bereits der zweite Beitrag des Handbuchs, er beschäftigt sich mit Sebalds „Autorbiographie“, enthält mehrere faktische Sachfehler. Die Autorin, eine einstmals enge Freundin Sebalds, behauptet darin, dessen Jugendroman „ist verschollen“, obwohl er im Deutschen Literaturarchiv lagert. Verfasserin wie die beiden Herausgeber scheinen dies jedoch nicht zu wissen, obgleich dieser Umstand innerhalb der Sebald-Forschung bereits seit vielen Jahren schon bekannt ist. Im englischen Sebald-Handbuch finden sich verschiedene Informationen zum Jugendroman, und mittlerweile existieren sogar eine Dissertation und ein Sammelbandkapitel dazu.

Das gerade ein von einer literaturwissenschaftlichen Laiin geschriebener Beitrag, deren Qualifikation zur Mitarbeit die Bekanntschaft mit Sebald war, gerade besonders genau durch die Herausgeber hätte geprüft werden müssen, scheint also keine Selbstverständlichkeit darzustellen. Kein Wunder also, dass noch einige weitere Schnitzer wie Verwechslungen, falsche Behauptungen und Datierungsfehler in dem vierseitigen Beitrag unkorrigiert erhalten blieben. Irrtümer, Fehler und Ungenauigkeiten sind entsprechend auch in weiteren Einträgen des Kompendiums zu finden. Wissenschaftliche Textredaktion sieht anders aus.

Plädoyer für Archivarbeit

Neben solchen aus Schlampigkeit, Sachunkenntnis oder vielleicht einfach Faulheit resultierenden Makeln ist ein weiteres Manko des Sebald-Handbuchs das Versäumnis der Herausgeber, den in Marbach lagernden Nachlass Sebalds fruchtbar zu machen. Dies nicht nur zur Verifizierung vermeintlicher Gewissheiten, sondern auch um diese teilweise noch weitgehend unbekannte Seite von Sebalds Werk aufzuschließen.

Kurz gesagt: Anstatt die krasse Fehlbehauptung in die Welt zu setzen, der in zwei Fassungen im DLA lagernde Jugendroman sei verschollen, hätte man vielmehr einen Eintrag dazu ins Handbuch aufnehmen müssen. Indem dieser, wie auch andere Teile des Nachlasses fast keinerlei Berücksichtigung finden, hätte man ein wichtiges, ja überfälliges Signal für die Sebaldforschung setzen können.

Diese nämlich versteift sich kurzsichtig auf ein paar Themenbereiche wie etwa Melancholie, Gedächtnis, Trauma, Holocaust oder Intermedialität, die mittlerweile guten Gewissens als ‚überforscht’ bezeichnet werden können. Das gilt auch für den Roman „Austerlitz“, der unangefochten Gravitationspunkt des Forschungsinteresses der Sebald-Philologen aus aller Welt ist. Unzählige Studien und Artikel sind zu diesen hotspots erschienen, in denen im Grunde der jeweils Zweite vom Ersten abschreibt, anstatt einmal im Archiv nachzusehen, ob man nicht vielmehr zu neuen Erkenntnissen über Sebald gelangen könnte durch unbekannte Nachlassmaterialien.

Wie aufschlussreich die unattraktive Kärrnerarbeit der Datierung von Textgenesen und der Aufdeckung von in der Forschung vielfach unkritisch tradierten Scheinwahrheiten und biografischen Fehlannahmen sein kann, haben exemplarische Recherchen gezeigt, die jedoch bezeichnenderweise von unabhängigen Forschern stammen. Gerade im Fall Sebalds ist eine solche faktische Grundlegung unverzichtbar, hat er doch nicht nur in den literarischen Texten viele falsche Fährten ausgelegt, sondern ebenso in seinen Interviews und sonstigen öffentlichen Äußerungen.

Erschwerend hinzu kommt, dass eine im Vergleich zum Textbestand noch relativ bewältigbare Klärung bzw. Reflexion der Quellenlage des von Sebald in seine Prosatexte einmontierten Fotomaterials im Handbuch nicht erfolgt. Traurigerweise sind gerade im einschlägigen Eintrag ‚Fiktion – Dokument’, der vom Herausgeber verantwortet wird, eine ganze Reihe von Vagheiten, Ungenauigkeiten und Fehlbehauptungen aufzufinden.

So heißt es etwa bei der Diskussion der berüchtigten Fotografie aus „Die Ringe des Saturn“, die sich im Abschnitt über den britischen Major George Wyndham Le Strange befindet und eine Gruppe von Leichen in einem Waldstück zeigt: „Durch den Kontext wird nahegelegt, dass diese Photographie aus Bergen-Belsen stammt, und mehr noch, gewissermaßen den grauenerregenden Anblick wiedergibt, der sich Le Strange seinerzeit geboten hat.“

Soviel aber kann sich selbst der einfältigste Leser zusammenreimen. Was man hier vielmehr würde erwarten können, wäre die Sachinformation, dass der britische Fotograf George Rodger die Aufnahmen am 20. April 1945 für das US-Magazine Life gemacht hat, wie erstmals 2011 Lecia Rosenthal in ihrer Studie „Mourning Modernism“ herausfand.

Wiederholt werden in dem so zentralen Eintrag ‚Fiktion – Dokument’ freimütig Schlüsse über die von Sebald verwendeten visuellen Dokumente auf der Basis ungeklärter Annahmen bzw. der Übernahme nicht überprüfter Interviewaussagen gezogen. Diesem problematischen Vorgehen einher gehen unzutreffende Behauptungen; um nur ein Beispiel zu nennen, etwa die Behauptung, es gäbe im Erzählungsband „Die Ausgewanderten“, außer dem Foto der Bücherverbrennung, keine weitere von Sebald „gefälschte Aufnahme“ – obgleich darin noch mindestens drei andere Fälschungen aufzufinden sind.

Die Aufgabe eines Sebald-Handbuchs wäre es aber doch eigentlich, nicht die Schwächen der Forschung zu replizieren, sondern verlässliche Sachinformationen bereitzustellen, Fehlannahmen zu korrigieren, und wo nötig, die Forschung in einem so zentralen Thema wie Sebalds Umgang mit Dokumenten auf ein solides, kritisches Fundament zu stellen. Das aber leistet das Handbuch hier nicht im Geringsten.

Aufbau und Struktur

W.G. Sebald passt wegen des Hybridcharakters seines Werks aus literarischen wie literaturkritischen Schriften nicht ganz ins gängige Schema, das die Metzler’sche Handbuch-Reihe vorgibt, wie die Herausgeber im Vorwort erläutern.

Der erste Hauptteil, ‚Schriften‘ betitelt, behandelt sinnvollerweise literarische und literaturkritische Schriften, wobei die Entwicklung des Werkes insofern verzerrt wird, als in antichronologischer Anordnung der Erzählprosa der Vortritt gegenüber den literaturkritischen Essaybänden und den Qualifikationsarbeiten gegeben wird. Am Ende des Abschnitts stehen sinnvollerweise die Interviews. Sie können in der Tat zum fiktionalen Werk gerechnet werden angesichts der vielen Unwahrheiten und Selbststilisierungen, die Sebald vielfach gegenüber seinen Interviewern äußerte.

Die Einträge zu dem Erzählwerken, die zu den meistkonsultierten Abschnitten gehören dürften, stammen von ausgewiesenen ExpertInnen und den Herausgebern. Die Analysen sind durchweg kompetent abgefasst und fassen den gegenwärtigen Erkenntnisstand fachkundig zusammen. Sie identifizieren herausragende Aspekte der Texte und äußern, wo nötig, auch Kritik an ihnen. Zudem bringen sie verdienstvollerweise teils neue Details; Neues mit Bezug zum Nachlass findet sich aber eigentlich leider nur im Eintrag zu „Austerlitz“.

Somit bietet dieser Kernteil des Handbuchs für Sebald-Novizen mustergültige Anlaufpunkte für eine erste Information, taugt aber zugleich für Experten als kompakte Zusammenfassung des gegenwärtigen Erkenntnisstands. Vereinzelte kleine Fehler oder Verwechslungen ändern nichts am Wert dieses zentralen Abschnitts. Die hohen Erwartungen, die man an ein Handbuch zu Sebald haben kann, werden in diesem Fall vollends eingelöst, und das ist ein großes Verdienst.

Leider bleibt es nicht bei diesem Niveau. Der nachfolgende Abschnitt, ‚Essays und Porträts‘ überschrieben, ist von eher schwankender Qualität. Sebalds zwei Essaybände zur österreichischen Literatur etwa werden lediglich per inhaltlichen Kurzreferaten resümiert. Die Herausgeber hätten hier etwa darauf drängen müssen, dass Schwerpunkte gesetzt werden, anhand derer exemplarisch der Scharnierstellencharakter zum literarischen Werk erkennbar würde.

In evidenter Fehlgewichtung wird dem Eintrag zu „Logis in einem Landhaus“, Sebalds Essayband über die alemannische Literatur, nicht der breite Raum gewährt, den dieses zentrale und singuläre Werk verdient. Indem es eine hybride Position zwischen literarischen und literaturkritischen Schreibmodi einnimmt und insofern beide Werkteile zur Synthese bringt, kann (und sollte) der Band als (potentielle) Eröffnung eines dritten Werkbereichs verstanden werden.

Durch den vorzeitigen Tod Sebalds hat sich dieser Strang nie ausbilden können; ein uneingelöstes Versprechen. Das aber können nur Kenner von Sebalds Werk wissen; im Handbuch wird der Band einfach, wie auch die anderen literaturkritischen Schriften, durch quantitative Zurückstufung, als ein sekundäres Nebenprodukt der Erzählprosa abgehandelt. Ganz wie es dem reduktiven Bild entspricht, das im Handbuch insgesamt von Sebald gezeichnet wird.

Dazu passt auch, dass den beiden Qualifikationsschriften Sebalds – die Masterarbeit über Sternheim und die Dissertation über Döblin – noch weniger Platz eingeräumt wird. Zugegeben: Beide Bücher bieten eine mühselige und in literaturwissenschaftlicher Hinsicht unergiebige Lektüre. Doch zumal die Döblin-Arbeit erweist sich – im Rückblick mit Kenntnis der literarischen Schriften – als fundamental für die Herausbildung der nachhin vielgerühmten Sebald’schen Poetik.

Das wird zwar im korrespondierenden Eintrag benannt, bei einem Umfang von jeweils (knapp) drei Seiten für die Sternheim- und Döblin-Arbeiten aber kann deren immense Bedeutung für ein angemessenes Verständnis von Sebalds Gesamtwerk kaum ausgeführt werden. So wird verdeckt, dass es sich bei Sebalds literarischem Werk um eine Ausfaltung von schon früh Angelegtem handelt, und eben nicht um jene voraussetzungsfreie creatio ex nihilo eines spätberufenen Schriftstellers, als die es gerne aufgefasst wird.

Geschöntes Bild

Unter der Überschrift ‚Parameter des Schreibens, Materialität und Medialität‘ werden dann zwölf Einträge zu Themen wie Reisen, Malerei, Poetik der Dinge, Architektur, Stil/Schreibweise, Intertextualität/Vernetzung und Bild-Text versammelt. Diese betreffen wesentliche Aspekte des Werks, stammen oft von etablierten ExpertInnen, aber auch NachwuchsforscherInnen kommen zu Wort. Die Qualität der Einträge (und die Fehlerfrequenz) schwankt etwas, ist aber durchweg auf gutem bis hohem Niveau.

Eine eklatante Fehlentscheidung ist jedenfalls, den in diesem Abschnitt ebenfalls enthaltenen Eintrag zum Stichwort ‚Polemik’ nur drei jämmerliche Seiten zuzuweisen. Dies räumt dem lebenslangen Polemiker Sebald, und damit einem großen Teil seines Werks, lediglich ein Prozent vom Umfang des Handbuchs ein. Der Eigensinn eines Querdenkers wird mehr entsorgt denn kritisch reflektiert. Auf derart wenig Platz kann nur eine kursorische Darstellung erfolgen, die der Beitrag angesichts des begrenzten Platzes zwar mit Bravour leistet, aber zwangsläufig primär auf die literaturkritischen Schriften blickt.

Exemplarisch zeigt sich hier das konzeptuelle Versagen des Handbuchs, die eigensinnige Statur und das singuläre Profil des Schriftstellers W.G. Sebald zu erfassen. Die konstitutive Rolle des polemischen Modus als Generalbass auch des literarischen Schreibens wird in diesem Band nicht kenntlich gemacht, obgleich er das Gesamtoeuvre umfasst, von den frühen akademischen Rezensionen als Doktorand bis zur bewusst lancierten Kontroverse über seine zugespitzten Thesen in „Luftkrieg und Literatur“ reichend.

Zum unwillkommenen Komplex der Polemik bei Sebald gehören eben auch heikle Punkte im literarischen Werkteil wie die provokante Analogisierung, die Sebald beispielsweise zwischen toten Heringsbergen und KZ-Opfern in „Die Ringe des Saturn“ herstellt. Oder die ebenda ausgebreitete absurde These, dass die Kolonialverbrechen der Belgier bei nachfolgenden Generationen zur Erhöhung der Rate an körperlichen und geistigen Behinderungen geführt habe. Oder die unstatthafte Analogisierung von Amérys Foltererfahrungen unter den Faschisten mit den kindlichen Körperreinigungsritualen des (autobiografischen) Erzählers in „Austerlitz“.

Der vielgelobte, den internationalen Durchbruch auslösende Erzählungsband „Die Ausgewanderten“ und die Polemik über den zum Entstehungszeitpunkt noch lebenden Holocaustüberlebenden Jurek Becker gehören nicht nur werkchronologisch zusammen; sie sind bei Sebald zwei Seiten einer Medaille. Was Sebald als gravierende literarische Fehler bei Becker verdammte, suchte er in seinem Erzählungsband, aber auch im Roman „Austerlitz“ besser zu machen, wie man detailliert zeigen kann. Doch solche ursächlichen Verbindungen zwischen den ‚schlechten‘ und dem ‚guten‘ Sebald-Texten will dieses Handbuch, ganz im Mainstream der deutschen Germanistik stehend, nicht wahrhaben.

Dasselbe Junktim gilt für das polemische Luftkriegsbuch und den danach geschriebenen Roman: Sebald führt in „Luftkrieg und Literatur“ seine Pauschalkritik an der Nachkriegsliteratur in großem Rahmen fort, gibt aber zugleich innerhalb des Buchs eine Kostprobe davon, wie eine literarisch gültige Beschreibung des Phänomens Feuersturm aussehen könnte. Anhand von „Austerlitz“ demonstriert er dann in einem gleichsam zweiten Schritt, wie aus seiner Sicht ein literarisch gültiger Roman über die Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts aussehen müsste.

In der zwangsläufig schubladisierenden Natur eines Handbuchs aber werden solche unbequemen Zusammenhänge durchschnitten und problematische Punkte nicht in der Gesamtschau erkennbar, sondern in jeweils in unterschiedlichen Abschnitten isoliert betrachtet als absonderliche Ausnahmen. Die Beispiele für ein eigensinniges Denken, das linksliberale Vorstellungen und den Zensurdiskurs der politischen Korrektheit herausfordert, werden dabei allenfalls (teilweise) konstatiert, jedoch nicht wirklich kritisch bedacht. Diese Verfahrensweise sorgt dafür, dass das präsentierte Bild von W.G. Sebald nur ein geschöntes, bereinigtes und letztlich einseitiges Portrait ist.

Paradigmatisch für die Probleme, die Sebald seinen kurzsichtigen Exegeten und vereinnahmenden Apologeten auferlegt, ist die bis in die 1990er Jahre reichende, konsistente Verwendung des Begriffs ‚Neger‘ (in unterschiedlichen Fügungen) in den literaturkritischen wie literarischen Schriften. Der Eintrag zu ‚Stil/Schreibweise‘ wagt es zwar, sich mit diesem, von der Sebald-Philologie wie ein schmutziges Familiengeheimnis bisher resolut verschwiegenen Umstand zu beschäftigen, doch kann darin auch nur hilflos festgestellt werden, dass solch „politisch inkorrekte Lexik“ angesichts „der strikten moralischen Ansprüche, die Sebald ans Schreiben stellt, allerdings heraus[sticht].“

Entschärft werden soll der brisante Widerspruch, indem der Eintrag zum einen, wissenschaftlich gerechtfertigt, von der „Erzählstimme“ (und mithin nicht dem Autor Sebald) als Aussageinstanz spricht und zum anderen (unzutreffenderweise) behauptet, die problematischen Stellen seien allesamt nur „zitierend“ verwendet. Solche Hilflosigkeit im Umgang mit dem ‚N-Wort‘ dokumentiert keineswegs eine fehlende fachliche Kompetenz zur Textdeutung. Sie zeigt vielmehr symptomatisch eine konstitutive Unfähigkeit der Sebald-Philologie auf, diesen inkommensurablen Aspekt in das vorherrschende einseitige (und nunmehr kanonisierte) Bild einzuordnen, das vom Autor gezeichnet wird. Komplexitätsreduktion, nicht Differenzierung, ist das von diesem Handbuch betriebene Geschäft.

Obstkorb der Früchte der Sebald-Forschung

Im Abschnitt ‚Themen und Diskurse‘ sind dann die Einträge zu finden, die sich zum Ziel setzen, jenen markanten Teil der überbordenden Forschung zu Sebald zusammenzufassen, der sich in fast schon tautologischer Weise auf einige vielbeackerte Themenfelder konzentriert. Wie schon angeschnitten, gehören insbesondere die Motive Melancholie, Gedächtnis, Trauma, Holocaust und Judentum zu den unermüdlichen Obsessionen der Sebald-Philologie, obgleich man dabei mittlerweile kaum noch etwas tatsächlich Neues an den Tag zu fördern vermag.

Die wesentlichen Ergebnisse der Massen an Publikationen in diesem Abschnitt konzise zugänglich zu machen, war keine leichte Arbeit; sie gelingt jedoch fast durchweg bravourös, was ausdrückliche Würdigung verdient. Es ist eine veritable Dienstleistung und Handreichung, nun in der Lage zu sein, das Wesentliche zu den Kernthemen, aber auch verwandten, vergleichsweise eher weniger beachteten Aspekten wie Naturgeschichte, Krieg und Gewalt oder Kritische Theorie kompetent nachlesen zu können.

Besonders herauszuheben sind dabei die gelungenen Einträge zu Holocaust und Judentum, besteht doch hier die größte Gefahr, Sebald misszuverstehen bzw. zu vereinnahmen in Form simplifizierender Wahrnehmungen. Gerade in der ersten Phase der anglophonen Rezeption war dies immer wieder der Fall; man stempelte ihn unkritisch zum Philosemiten oder promovierte ihn zum Autor von Holocaust-Literatur, etwa indem man ihn an die Seite von Primo Levi stellte. Sebalds eklatante Unkenntnisse des Judentums etwa musste erst Jakob Hessing benennen.

Als problematisch wiederum darf man den Eintrag zu ‚Familie/Familiengeschichten‘ bezeichnen, da er meist über Banalitäten nicht hinausreicht und es verabsäumt, den Großvater Sebalds als biografischen Zentralpunkt angemessen zu identifizieren und diskutieren. Mit diesem Versäumnis stehen Eintrag wie Handbuch aber paradigmatisch dafür, die Rolle von Josef Egelhofer für die Entwicklung und das Weltbild von Sebald nicht gebührend zu würdigen. Das betrifft insbesondere auch das traumatisierende Erlebnis seines Todes für die melancholische Disposition des Autors. Es ist der Verlust des Großvaters, aus dem Sebalds „Trauerlast“ erwachsen ist, die aus der Perspektive banalisierender Exegeten allein seiner Konfrontation mit der Shoah zugeschlagen wird.

Der fünfte Abschnitt ist ‚Referenzen‘ überschrieben und behandelt den Kanon jener Geistesverwandten, denen sich Sebald über Zeit und Raum hinweg zugehörig fühlte, weshalb ihre Schriften sowie ihre Biografien bedeutungsvolle Spuren in seinem Werk hinterließen. Wie aber schon ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, ist die Liste der relevanten Namen unvollständig. Zwar finden sich darin die usual suspects Kafka, Robert Walser, Nabokov, Benjamin, Améry und der Malerfreund Jan Peter Tripp. Sofort ins Age stechen jedoch die offensichtliche Absenzen, darunter etwa der unabdingbare Ludwig Wittgenstein, der wegweisende Peter Handke sowie der für Sebald sehr wichtige Peter Weiss.

Bezeichnend ist vor allem aber die Ausgrenzung von Ernst Herbeck und Herbert Achternbusch. Als Vertreter einer ‚minderen Literatur’ besaßen beide eine ganz wesentliche Bedeutung für Sebald, beispielsweise da er sich anhand ihrer Werke das Verfahren der Bricolage aneignete, worauf aber im fünfseitigen Eintrag im Handbuch nur einmal kursorisch eingegangen wird. Diese und andere wichtige Stichwortgeber ‚minderen’ Status (darunter solche Außenseiter, Esoteriker und Amateure wie Rupert Sheldrake, Pierre Bertaux oder Alois Irlmaier) fallen unter den Tisch, wiewohl sie wesentliche Anreger für das Denken und Schreiben von Sebald waren.

Es liegt auf der Hand, dass die professorale Germanistik nicht nur ihre Probleme mit den genannten Autoren hat, die außerhalb des Kanons situiert sind, sondern eben auch mit geächteten Wissenschaftlern oder gar Wünschelrutengängern wie den Vorgenannten. Offenkundig scheint den universitären Literaturwissenschaften gar nicht vorstellbar, dass solche Einzelgänger und Randfiguren ganz wesentliche Einflussfiguren für Sebald sein könnten. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ihr auffälliger Ausschluss aus dem Handbuch ist erneut ein klares Indiz für das begradigende Bild, das hier von Sebald entworfen wird.

Unrunde Abrundung

Abgeschlossen wird das Sebald-Handbuch durch einen ‚Rezeption‘ überschriebenen Abschnitt, der eben dieser zunächst im deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum nachgeht; die Rezeption in Frankreich wird nachgezeichnet, der Abschnitt kümmert sich aber nicht um weitere frankophone Länder wie etwa Belgien. Dort wiederum hat man von flämischer Seite Sebalds wenig schmeichelhafte Schilderungen von Gegenwart wie Vergangenheit des Königreiches kritisiert, was somit ebenso unberücksichtigt bleibt wie die interessante Rezeption, auf die Sebald schon sehr früh in den Niederlanden gestoßen ist.

Angesichts der emphatischen Rezeption, die Sebald wiederum in Spanien fand, für die exemplarisch die 2015 in Barcelona abgehaltene Ausstellung „Las variaciones Sebald“ genannt sei, erstaunt ein wenig, dass auch dieser Kulturraum, ebenso wie der Rest der Welt, ausgeklammert bleiben. Erneut ein Manko, hätten doch Beiträge ‚einheimischer’ Experten sicher faszinierende Einsichten in die Art und Weise ermöglicht, wie das längst als ‚Weltliteratur’ etablierte Werk Sebalds eine Resonanz in unterschiedlichen Kulturen findet. Denn just zu diesem Status, nämlich ein Autor der Weltliteratur zu sein, ist Sebald ja, im Gegensatz zu den in Deutschland derzeit hoch im Kurs stehenden Schriftstellern und Schriftstellerinnen, aufgestiegen. Wieder einmal also Reduktion statt Perspektiverweiterung.

Fazit

Zusammenfassend müssen bei der Abwägung der Stärken des Handbuchs gegenüber den evidenten Schwächen erneut die ärgerlichen handwerklichen Mängel angesprochen werden: Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist die mutmaßlich bewusste Verfälschung eines Buchtitels von Sebald, nämlich „Schwindel. Gefühle.“, der um seinen poetischen zweiten Satzpunkt beraubt und somit verstümmelt wird. Diese durchgehende, wenngleich auch nicht restlos erfolgte Unterschlagung bedeutet einen philologisch schlichtweg nicht rechtfertigbaren Eingriff in eine gezielte, künstlerisch motivierte Autorenentscheidung.

Vergleichbar wäre sie mit einer Abänderung der ‚Fehlschreibung’ von Uwe Johnsons Roman „Mutmassungen über Jakob“, die kein Johnson-Philologe eigenmächtig ‚korrigieren’ würde. Auch wenn dieser Fehler wohl aus mangelnder Sorgfalt resultiert, werden dadurch die Leserinnen und Leser des Handbuchs bei jeder der über 150 Erwähnungen des verstümmelten Titels sinnig daran erinnert, dass die Idiosynkrasie von Sebald in diesem vermeintlichen Referenzwerk nicht erkannt oder ernstgenommen, sondern vielmehr zensiert, begradigt oder unterschlagen wird.

Und so wie dieses Handbuch bereits im ersten Satz, gleichsam programmatisch, mit einem Tippfehler beginnt, annonciert es in seinem letzten Satz ein Buch, das (noch) gar nicht existiert, nämlich die auf 2012 (fehl)datierte englische Übersetzung der beiden Essaybände zur österreichischen Literatur durch Sebalds frühere Kollegin Jo Catling. Deren (Arbeits-)Titel lautet zwar in der Tat „Silent Catastrophes“, doch ist das Buch noch gar nicht erschienen. Wie im Fall des als verschollen behaupteten Jugendromans zu Beginn des Bandes, hofft man auch hier vergebens auf eine Korrektur der entstellten Faktenlage durch die Herausgeber.

Indem das von ihnen verantwortete Handbuch ein geschöntes, von Ungereimtheiten bereinigtes Bild des der Inlandsgermanistik entlaufenen Schriftstellers Sebald zeichnet, legt es – dialektisch gedacht – jedoch zugleich das Fundament für die wirklich produktive Phase in der Sebald-Forschung: Es gilt – und diese Rezension versteht sich als ein Startsignal dazu – die sachlichen Fehler in diesem Kanonisierungswerk zu berichtigen, bevor sie als vermeintlich wissenschaftlich gesicherte Fakten weitertradiert werden.

Vor allem aber gilt es, die bestehenden Lücken unseres Wissensstands über Sebald zu schließen, indem endlich verstärkt die textgenetische Entwicklung, übergangene Werkteile und ignorierte Fragestellungen in den Fokus gerückt werden. Die zu vermeintlichen Wahrheiten geronnenen Vereinfachungen der Schriften wie auch der Persönlichkeit von W.G. Sebald sind unbedingt zu revidieren, um sowohl neue als auch tiefere Perspektiven auf diesen so faszinierenden wie widerspenstigen Autor zu eröffnen.

Diese Rezension wurde ursprünglich in einer extensiveren Version samt Fußnotenapparat für die wissenschaftliche Rezensionsplattform IASL Online verfasst, konnte dort aber nicht erscheinen.

Von Uwe Schütte erschien zuletzt als Herausgeber der Band Über W.G. Sebald. Beiträge zu einem anderen Bild des Autors (Berlin 2017). Eine englischsprachige Einführung zu Sebald erschien im Juli 2018 in der Reihe Writers And Their Work bei Liverpool University Press.

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erstellt am 27.7.2018

Bengt Algot Sørensen
Geschichte der deutschen Literatur
Band 2: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Broschiert, 512 Seiten
ISBN: 978-3-406-69733-3
Verlag C.H.Beck, München 2016

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Claudia Öhlschläger, Michael Niehaus (Hrsg.)
W.G. Sebald-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
Gebunden, 335 Seiten
ISBN 978-3-476-02562-3
J.B. Metzler, Stuttgart 2017

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Hinweis: Uwe Schütte hat selbst am vorliegenden Handbuch als Beiträger mitgearbeitet und die Beiträge „Wissenschaftliche Biographie“, „Robert Walser“, „Carl Sternheim“ und „Rezeption in angloamerikanischen Raum“ beigesteuert.